Interview mit NRW-Finanzminister: "Das Bankgeheimnis ist nicht haltbar"
Das Steuerabkommen mit der Schweiz steht am Freitag (23.11.2012) im Bundesrat vor dem Aus. NRW-Finanzminister Walter-Borjans fordert nun im Interview mit WDR.de Änderungen in der Finanzpolitik: Das Bankgeheimnis solle ebenso abgeschafft werden wie die Verjährung von Steuerhinterziehung.

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Für manche der "Robin Hood der Steuerzahler": NRW-Finanzminister Walter-Borjans
Der Bundestag hat dem Steuerabkommen mit der Schweiz bereits zugestimmt. Am Freitag (23.11.2012) entscheidet der Bundesrat. Eine Mehrheit in der Länderkammer ist aber nicht in Sicht. Die Länder, in denen die SPD mitregiert, lehnen das Abkommen als unzureichend ab. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) ist der lautstärkste Gegner der Vereinbarung. Er hat in der Vergangenheit immer wieder mit dem spektakulären Ankauf von Daten-CDs mit Informationen über deutsche Steuersünder auf sich aufmerksam gemacht.
WDR.de: Herr Walter-Borjans, die Länder mit SPD-Regierungsbeteiligung wollen das Steuerabkommen im Bundesrat platzen lassen. Wie sicher sind Sie, dass die Ablehnungsfront hält?
Norbert Walter-Borjans: Sehr sicher. Ich weiß von vielen Gesprächen, dass die Länder mit SPD-Regierungsbeteiligung das Abkommen genau wie wir in NRW ablehnen.
WDR.de: Herr Schäuble hat aber kurz vor der Abstimmung Köder für die Länder ausgeworfen. Der Bund lockt mit mehr Geld aus dem Abkommen.
Walter-Borjans: Wir lassen uns den Einsatz für ein gerechtes Abkommen nicht abkaufen. Außerdem ist der Vorschlag mit Zahlen unterlegt, die mit der Realität nichts zu tun haben. Im Abkommen steht, dass die Schweizer Banken eine Nachzahlungsgarantie von 1,7 Milliarden Euro bieten. Und jetzt wird darüber geredet, zehn Milliarden Euro zu verteilen. Wo soll das Geld herkommen? Alles, was über die garantierten 1,7 Milliarden Euro hinausgeht, ist ein abenteuerlich errechneter Hoffnungswert.
WDR.de: Wenn das Abkommen im Bundesrat scheitert, kann immer noch der Vermittlungsausschuss angerufen werden. Und da geht das Geschacher von vorne los.
Walter-Borjans: Wissen Sie, man geht ja in den Vermittlungsausschuss, wenn man am Inhalt eines Gesetzes noch etwas ändern will. Gegenstand eines Vermittlungsverfahrens wäre aber nicht der Inhalt des Steuerabkommens, das von Deutschland und der Schweiz schon unterzeichnet worden ist, sondern nur die Ratifizierung. Es geht also lediglich um die Frage: Unter welchen Umständen könnt ihr zustimmen? Wir werden nicht zustimmen. Und wir haben auch sehr deutlich gemacht, dass das Abkommen nichts in irgendeinem Paket oder Deal mit anderen Themen zu suchen hat.
WDR.de: Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssen: Was stört sie am Abkommen?
Walter-Borjans: Erstens: Es ist ein Schlag ins Gesicht der ehrlichen Steuerzahler. Die, die seit vielen Jahren Schwarzgeld in der Schweiz haben, können für einen pauschalen Sonderrabatt anonym straffrei gestellt werden. Zweitens: Bevor die Konteninhaber zur Zahlung herangezogen werden, haben sie bis zum Ende des Jahres Zeit, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Drittens: Für die Zukunft ist es eine Einladung, wieder Schwarzgeld in die Schweiz zu bringen. Das Abkommen sieht vor, künftige Erträge auf deutsches Kapital in der Schweiz anonym zu besteuern - also nur die Zinsen. Die viel höhere Einkommensteuerhinterziehung verschwindet im Dunkel der Anonymität, weil Steuerbehörden die deutschen Bankkunden in der Schweiz nicht überprüfen und keine Steuer-CDs mehr kaufen könnten. Das ist so, als wenn Sie in die Straßenbahn ein Schild hängen, dass Fahrkarten künftig nicht mehr kontrolliert werden. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Leute keine Fahrkarten mehr lösen.
WDR.de: Nehmen wir an, das Abkommen scheitert im Bundesrat. Wie geht es weiter? Bislang besteht Ihre einzige Alternative darin, gemeinsame Sache zu machen mit Kriminellen, die Ihnen illegal beschaffte Steuer-CDs verkaufen.

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"Hehlerei ist eher bei den Banken zu verordnen"
Walter-Borjans: Die beste Lösung wäre ein faires Abkommen, das sicherstellt, dass Steuerpflichtige ihrer Steuerpflicht auch nachkommen. Es geht mir nicht darum, einen ungeregelten Zustand zu erhalten. Nur, ein Abkommen zu machen, das schlechter ist als der ungeregelte Zustand, kann keine Lösung sein. Jetzt müssen Steuerhinterzieher dank der CDs immerhin damit rechnen, ertappt zu werden. Träte das Abkommen in Kraft, könnten sie ruhig schlafen.
WDR.de: Mit den CD-Käufen handeln Sie sich aber den Vorwurf der Hehlerei ein.
Walter-Borjans: Die Rechtmäßigkeit unseres Handelns wird von allen Gerichten bestätigt und auch nicht vom Bundesfinanzministerium bezweifelt. Die Zahlung von Belohnungen für Hinweise zur Aufklärung von Straftaten ist ein traditionelles Mittel der Strafverfolgung. Wenn Ermittlungsbehörden für Hinweise über Drogendelikte Geld bezahlen, wird auch nicht über die Rechtmäßigkeit diskutiert. Von Hehlerei kann keine Rede sein. Hehlerei würde bedeuten, Sie setzen die Kette der Kriminalität fort. Das gilt eher für die Banken. Die sichern sich hinterzogene Steuern zu günstigen Zinsen, um damit ein Geschäft zu machen.
WDR.de: Die Banken sind aber auch nicht untätig und beginnen, ihre Daten gegen den Diebstahl zu sichern. Möglicherweise haben Sie bald gar nichts mehr in der Hand.
Walter-Borjans: Immer noch besser, als die Garantie zu geben, Steuersündern nicht mehr nachzustellen. Außerdem ist es im Internetzeitalter illusorisch zu glauben, man bekäme Daten vollkommen abgedichtet.
WDR.de: Für wie groß halten Sie denn die Chance, dass die Schweiz bereit ist, über ein neues Abkommen zu verhandeln?
Walter-Borjans: Die halte ich für ziemlich groß. Den Banken drohen Verluste durch die momentane Unruhe. Die Anleger aus Deutschland sind nervös. Das sind meist ältere, gut situierte Leute, die ungern am Pranger stehen. Die entscheiden sich dann zur Selbstanzeige oder schaffen ihr Geld aus der Schweiz. Wir reden also von einer für den Schweizer Finanzsektor ziemlich ungemütlichen Situation. Die Banken haben ein Interesse daran, etwas zu ändern.
WDR.de: Dann sind Sie in einer guten Verhandlungsposition. Wie sollte ein Abkommen denn aussehen? Fordern Sie die Abschaffung des Bankgeheimnisses?
Walter-Borjans: Das Bankgeheimnis ist ein Schutz für Steuerhinterzieher. Ich glaube, es ist auf Dauer nicht haltbar.
WDR.de: Sie waren vergangene Woche in den USA. Das Land hat gegenüber der Schweiz ein Abkommen durchgesetzt, bei dem es faktisch kein Bankgeheimnis mehr gibt. Haben Sie sich dort Tipps geholt, wie man Schweizer Banken in die Knie zwingt?

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Von den USA lernen, mit Schweizer Banken umzugehen
Walter-Borjans: Nein, das war ja kein konspiratives Treffen. Aber ich habe einige sehr interessante Hinweise bekommen. Zum Beispiel bei der Frage der Verjährung. Da will ich nun aktiv werden. Die Frage ist: Wann fängt die Verjährung an? Bei uns ist das zehn Jahre vom Zeitpunkt des Delikts. Wer - wie im Fall des Düsseldorfer Modeunternehmers Eickhoff nach eigenem Bekenntnis - vor vielen Jahren Geld hinterzogen hat, kann sich unter Umständen heute teilweise auf Verjährung berufen. Die hinterzogenen Steuern sind dann futsch. In den USA gilt: Wer zu einem Einkommen keine Steuererklärung abgegeben hat – wer also das Einkommen verheimlicht –, für den gibt es keine Verjährung. Die kann erst anfangen, wenn eine Steuererklärung vorliegt. Die Steuerschuld Eickhoffs wäre also auch nach 35 Jahren nicht verjährt. Ob eine solche Regelung im deutschen Steuerrecht umsetzbar ist, will ich nun prüfen lassen.
WDR.de: Noch eine Initiative des "Robin Hoods der Steuerzahler". Die Rolle scheint Ihnen zu gefallen.
Walter-Borjans: Manchmal gibt es in der Politik den Fall, dass Ihnen jemand etwas Böses will, das sich dann als Bumerang herausstellt. Im Sommer hat mich Herr Laumann von der CDU als Robin Hood bezeichnet. Ich glaube, das tut ihm heute Leid. Denn damit ist auf einen kurzen Nenner gebracht, worum es geht: um Gerechtigkeit. Das versteht jeder.
WDR.de: Überhaupt müssten Sie dankbar für das Thema sein. Denn vorher haben Sie vor allem mit Schuldenhaushalten Schlagzeilen gemacht.
Walter-Borjans: Das ist schon ein verengtes Bild gewesen. Davon abgesehen: Würden die rund 30 Milliarden Euro, die in Deutschland hinterzogen werden, versteuert, hätte der Bund und auch NRW das Defizit weitgehend abgebaut. Das zeigt die Dimension des Schadens. Ohne die hinterzogene Steuer würde der Staat ausgeglichen funktionieren.
WDR.de: Jedenfalls sind Sie mit dem Thema Steuergerechtigkeit bundesweit bekannt geworden. Wenn Peer Steinbrück einen Finanzminister bräuchte, stünden Sie zur Verfügung?
Walter-Borjans: Den Job hier mache ich gerne – gerade auch mit dem gewachsenen Gewicht, das Nordrhein-Westfalen wieder hat.
WDR.de: Das heißt Nein?
Walter-Borjans: Das heißt, was ich gesagt habe.
Das Interview führte Rainer Kellers.
Stichworte
- Das geplante Steuerabkommen mit der Schweiz
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Nach Schätzungen von Experten liegen bis zu 200 Milliarden Euro an Schwarzgeldern aus Deutschland auf Schweizer Konten. Mit einem Abkommen soll das Schwarzgeld künftig in der Schweiz besteuert werden. Aktuell droht das Abkommen Deutschlands mit der Schweiz aber nach jahrelangen Verhandlungen zu scheitern. Die von SPD und Grünen geführten Länder lehnen es auch nach Zugeständnissen der Schweiz im Bundesrat weiter ab. Umstritten sind unter anderem die geplante Besteuerung des vor Jahren beiseitegeschafften Altvermögens deutscher Kunden bei Schweizer Banken sowie deren Anonymität. Die Schweiz ist nicht bereit, weitere Änderungen zu akzeptieren. Wenn der Bundesrat im November nicht zustimmt, tritt das Abkommen nicht in Kraft.
- Bankdaten-CD
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Bankdaten-CDs (auch Steuersünder-CDs) enthalten Datensätze von Bankkunden, die meist illegal Geld zu ausländischen Banken transferiert haben. Diese Daten werden von den Ermittlungsbehörden in Hinblick auf mögliche Steuerhinterziehungen ausgewertet. Die CDs werden in der Regel von Bank-Insidern zum Kauf angeboten.
2006 kauften deutsche Behörden zum ersten Mal eine solche CD. Ein früherer Mitarbeiter der Liechtensteicher LTG-Bank bot dem Bundesnachrichtendienst Daten von 800 Bankkunden an und kassierte dafür angeblich zwischen vier und fünf Millionen Euro. Auf der CD fanden sich auch Hinweise auf den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG, Klaus Zumwinkel. Zumwinkel wurde 2009 wegen Steuerhinterziehung verurteilt.
Im März 2010 kauften die Finanzbehörden in NRW eine CD mit Daten von Kunden der Schweizer Bank Credit Suisse. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft leitete über 1.000 Ermittlungsverfahren ein, die Zahl der Selbstanzeigen stieg rapide an.
Im Oktober 2010 kaufen NRW-Behörden eine CD mit Daten der Schweizer Bank Julius Bär, es folgen zahlreiche Ermittlungen und Anzeigen. Im April 2011 zahlt die Bank den deutschen Behörden 50 Millionen Euro, im Gegenzug wurden die Ermittlungen gegen die Bank und ihre Mitarbeiter eingestellt.
Im Oktober 2011 erwerben die Ermittler Daten deutscher Kunden einer Tochter der britischen HSBC-Bank mit Sitz in Luxemburg.
Insgesamt sollen die deutschen Finanzbehörden durch den Ankauf von Bankdaten-CDs über eine Milliarde Euro an Straf- und Nachzahlungen eingenommen haben.
Stand: 21.11.2012, 17.07 Uhr
Kommentare zum Thema (137)
letzter Kommentar: 26.11.2012, 02:27 Uhr
- Maxmaran schrieb am 26.11.2012, 02:27 Uhr:
- Es gibt einen gewissen Kodex unter den Parteien.Als Beispiel der FDP Wähler findet es gut diese Steuerhinterziehung.Der CDU oder auch CSU-Wähler ist gespalten und profitiert von der Negation der SPD bzw.auch der Grünen.Absolut für eine echte Bestrafung wären die Linken und die Piraten sind vom Kodex der FDP bis zur Linken einfach zerstritten
- @Karina schrieb am 25.11.2012, 11:44 Uhr:
- Sorry-aber Steuerhinterzieher finde ich bisher nur bei Schwarz\Geld Politikern."Gutes\Schlechtes"Bsp.u.a. Kohl,Schaeuble,Lambsdorf,Moellemann usw.
- Die Steuergesetzgebung schrieb am 25.11.2012, 11:36 Uhr:
- ist weltweit ein schlechter Witz!Man sehe sich nur einmal an wie die Grossen Konzerne in "Steuerkreiseln"ihre Gewinne verschieben koennen-und niemand unternimmt etwas dagegen!Dagegen sind die 200Milliarden Deutsches Schwarzgeld in der Schweiz glatt"Peanuts".Ebenso-warum werden Ausschuettungen auf Anlagen,die ueber einen bestimmten Satz hinausgehen,der durch aus das 5fache des jetzigen Satzes sein darf,nicht mit dem Persoehnlichem Steuersatz besteuert-sondern lediglich mit 25%?"Geschenke"fuer Millionaere?Wozu?Warum?
- Maxmaran schrieb am 24.11.2012, 21:35 Uhr:
- Fakt ist das die jetzige Regierung nichts oder auch rein garnichts unter- nimmt um die Steuerhinterzieher zu bestrafen.Man kann diese Leute auch Widerholungstäter nennen ohne selbst einen Schaden zu haben. Sie meinen es ist ihr Geld und sie können damit machen was sie wollen aber die Struktur oder auch die Vorraussetzungen werden von der Gesellschaft und dem Staat gemacht um reich zu werden. Die FDP schützt diese Leute weil sie hofft mit Hilfe aller Apotheker, Dumpinglohnunternehmer (gegen den Mindestlohn) und Steuerhin- terzieher könnte es reichen um über die magische 5 zu kommen. Es gibt nur noch das kleinere und das größere Übel in der Politik und das Kleinere wäre jetzt rot/grün,jedenfalls bei der Bekämpfung der Altersarmut,Mindestlohn und der Steuerhinterziehung.
- Johan schrieb am 24.11.2012, 21:02 Uhr:
- Erna mal langsam mit den jungen Pferden erst ein Mal hat die Steuerverahndung noch viel Arbeit mit den bereits angekauften CDs. Es fehlen ja jede Menge Steuerverander.
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