Schweizer Botschafter im Landtag Duell im Plenarsaal

Von Rainer Kellers

Norbert Walter-Borjans, Finanzminister und Steuerdaten-Käufer, dürfte in der Schweiz wenige Freunde haben. Tim Guldiman, der Schweizer Botschafter in Deutschland, gehört wohl auch nicht dazu. Am Dienstagabend (25.09.2012) haben sich die beiden im Düsseldorfer Landtag getroffen. Ein Annäherungsversuch?


Friedrich Merz, Norbert Walter-Borjans und Tim Guldimann, Schweizer Botschafter, stehen  im Landtag in Düsseldorf nebeneinander
Bild 1 vergrößern +

Auf einem Podest: Friedrich Merz, Norbert Walter-Borjans und Tom Guldiman (v.l.)

Der große Plenarsaal des Düsseldorfer Landtags sieht aus wie immer. Fast. Denn einerseits ist gleich vor dem Rednerpult eine mäßig gemütliche Sofaecke in edlem Schwarz aufgebaut. Und zum anderen steht - nicht zu übersehen in ihrer markanten Schwarz-rot-Optik - eine Stellwand neben dem Platz des Präsidiums. Darauf: das Wappenkreuz der Schweiz. Ein dicker Punkt prangt neben dem Wort Schweiz. Selbstbewusst sieht das aus. Und mit diesem Attribut lässt sich auch der Auftritt des Schweizer Botschafters im Landtag beschreiben.

Begegnung mit dem "Robin Hood der Steuerzahler"


Tim Guldiman ist nicht nach Düsseldorf gekommen, um Eingeständnisse beim Steuerabkommen zu machen. Genau genommen ist er ursprünglich überhaupt nicht deswegen in die politische Heimat des "Robin Hoods der Steuerzahler" gereist. Als die Veranstaltung im Landtag geplant wurde, war der Streit um das Steuerabkommen längst noch nicht auf der Tagesordnung. Es sollte um die Finanzkrise gehen, um Staatsschulden und Wege aus der gefährlichen Schieflage im Bankensektor. Aber natürlich können Walter-Borjans und der Schweizer Botschafter dieser Tage nicht mehr gemeinsam auf einem Podium sitzen, ohne über das Steuer-Abkommen zu reden. Und eigentlich haben die meisten der gut 100 Zuschauer auch genau darauf gewartet.

Wer allerdings ein hartes Aufeinandertreffen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Die Debatte bleibt zahm. Botschafter Guldiman zeichnet ein Bild des Finanzplatzes Schweiz, der sich grundlegend neu orientiert habe. Die Schweiz sei kein sicherer Hafen mehr für Schwarzgeld aus aller Welt. Es würden dort nur noch versteuerte Vermögen verwaltet werden, versicherte Guldiman. Und wer dem distinguierten Herrn mit der runden Brille und dem sympathischen Akzent zuhört, mag kaum daran zweifeln. Walter-Borjans allerdings tut genau das, daran zweifeln.

Geld verdienen mit dem Schaden anderer


Norbert Walter-Borjans und Friedrich Merz, ehemaliger Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag im Landtag in Düsseldorf
Bild 2 vergrößern +

Kontrahenten im Geiste: Walter-Borjans und Merz

"Die schweizerische Finanzwirtschaft hat lange Zeit viel Geld mit dem Schaden anderer verdient", sagt der NRW-Minister. Warum solle man jetzt glauben, alles sei anders? Walter-Borjans stört unter anderem, dass das Steuer-Abkommen den deutschen Behörden nur sehr begrenzte Möglichkeiten biete, Konten von Deutschen in der Schweiz zu kontrollieren. Auch Steuer-CDs sollen nicht mehr ausgewertet werden dürfen. Diese Waffe gegen Steuerflüchtlinge will der Sozialdemokrat aus dem Rheinland aber nicht aus der Hand geben.

Der Minister in der Defensive

Wofür wiederum der Schweizer Botschafter wenig Verständnis hat. Er rechnet vor, dass dem deutschen Fiskus durch die nachträgliche Besteuerung von Altfällen Milliardensummen zuflössen. Außerdem hätten Studien ergeben, dass Walter-Borjans' Behauptung, Steuersünder würden durch das Abkommen besser gestellt als ehrliche Steuerzahler, falsch sei. Im Abkommen vorgesehen ist eine nachträgliche Besteuerung deutscher Vermögen in der Schweiz mit einem Satz von 21 bis 41 Prozent. In 90 Prozent aller Fälle sei diese Steuerschuld höher, als das, was die Hinterzieher zahlen müssten, wenn sie sich selbst anzeigen.

Walter-Borjans kennt diese Studien, und er hat einen schweren Stand, sich zu behaupten. Das liegt allerdings nicht nur an Guldiman, sondern auch daran, dass es noch zwei weitere Redner auf dem Podium gibt: Thomas Held, ein Schweizer Publizist, und Friedrich Merz, ehemaliger Hoffnungsträger der CDU. Beide sind für das Abkommen, und Walter-Borjans gerät erkennbar in die Defensive.

Der Gegner hieß Friedrich Merz

Gerade Merz zeigt an diesem Abend, wie geschickt er zu argumentieren versteht. Das gilt für das Steuerabkommen, zu dem er kategorisch sagt, besser dieses Abkommen als gar keines. Das gilt aber insbesondere für seine Ausführungen zur Schuldenkrise. Merz fordert den Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Und er hält ein flammendes Plädoyer für mehr Ausgaben-Disziplin, insbesondere auch in Deutschland. Dass das beim NRW-Finanzminister nicht gut ankommt, ist wenig überraschend. Schließlich wird Walter-Borjans seit Monaten wegen seiner Schuldenpolitik kritisiert. Er windet sich auf seinem Platz, verdreht die Augen, widerspricht vehement. Und so beherrscht den Abend am Ende weniger das Duell zwischen Finanzminister und Schweizer Botschafter. Der Gegner hieß Friedrich Merz.

Stichworte

Das geplante Steuerabkommen mit der Schweiz

Nach Schätzungen von Experten liegen bis zu 200 Milliarden Euro an Schwarzgeldern aus Deutschland auf Schweizer Konten. Mit einem Abkommen soll das Schwarzgeld künftig in der Schweiz besteuert werden. Aktuell droht das Abkommen Deutschlands mit der Schweiz aber nach jahrelangen Verhandlungen zu scheitern. Die von SPD und Grünen geführten Länder lehnen es auch nach Zugeständnissen der Schweiz im Bundesrat weiter ab. Umstritten sind unter anderem die geplante Besteuerung des vor Jahren beiseitegeschafften Altvermögens deutscher Kunden bei Schweizer Banken sowie deren Anonymität. Die Schweiz ist nicht bereit, weitere Änderungen zu akzeptieren. Wenn der Bundesrat im November nicht zustimmt, tritt das Abkommen nicht in Kraft.

Bankdaten-CD

Bankdaten-CDs (auch Steuersünder-CDs) enthalten Datensätze von Bankkunden, die meist illegal Geld zu ausländischen Banken transferiert haben. Diese Daten werden von den Ermittlungsbehörden in Hinblick auf mögliche Steuerhinterziehungen ausgewertet. Die CDs werden in der Regel von Bank-Insidern zum Kauf angeboten.

2006 kauften deutsche Behörden zum ersten Mal eine solche CD. Ein früherer Mitarbeiter der Liechtensteicher LTG-Bank bot dem Bundesnachrichtendienst Daten von 800 Bankkunden an und kassierte dafür angeblich zwischen vier und fünf Millionen Euro. Auf der CD fanden sich auch Hinweise auf den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG, Klaus Zumwinkel. Zumwinkel wurde 2009 wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Im März 2010 kauften die Finanzbehörden in NRW eine CD mit Daten von Kunden der Schweizer Bank Credit Suisse. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft leitete über 1.000 Ermittlungsverfahren ein, die Zahl der Selbstanzeigen stieg rapide an.

Im Oktober 2010 kaufen NRW-Behörden eine CD mit Daten der Schweizer Bank Julius Bär, es folgen zahlreiche Ermittlungen und Anzeigen. Im April 2011 zahlt die Bank den deutschen Behörden 50 Millionen Euro, im Gegenzug wurden die Ermittlungen gegen die Bank und ihre Mitarbeiter eingestellt.

Im Oktober 2011 erwerben die Ermittler Daten deutscher Kunden einer Tochter der britischen HSBC-Bank mit Sitz in Luxemburg.

Insgesamt sollen die deutschen Finanzbehörden durch den Ankauf von Bankdaten-CDs über eine Milliarde Euro an Straf- und Nachzahlungen eingenommen haben.


Stand: 25.09.2012, 22.40 Uhr


Kommentare zum Thema (45)

letzter Kommentar: 29.09.2012, 16:24 Uhr

der Eulenspiegel schrieb am 29.09.2012, 16:24 Uhr:
Ich denke dieses Problem mit der Schweiz wird in ein paar Monaten geklärt sein und dann wird der Bundes-Finanzminister ganz schön alt aussehen.
Anonym schrieb am 28.09.2012, 17:52 Uhr:
Wenn das was dieser Schweizer Botschafter sagt nur halbwegs stimmt dann ist die Nachbesserung dieses Steuerabkommens nur eine Frage der Zeit. Wenn der Bundesrat erst eine eindeutige Endscheidung gegen das jetzige Steuerabkommen getroffen hat wird die Schweiz wohl ziemlich schnell kompromissbereit werden.
Stärke zeigen! schrieb am 28.09.2012, 10:07 Uhr:
Unter dem Erfolg der USA sollten wir uns auf nichts einlassen. Was ist schon die Schweiz? Die Schweiz ist viel mehr von guten Beziehungen zu Deutschland und der EU abhängig wie Deutschland von guten Beziehungen zur Schweiz. Wir sollten uns unserer Position in Europa bewußt werden und unsere Stärke auspielen. Es gibt hier keinen Grund zur Zurückhaltung! Die Schweiz hat mit deutschen Behörden vollumfänglich und ohne wenn und aber zusammen zu arbeiten wenn es um deutsche Steuerhinterzieher geht! Alles andere ist nicht akzeptabel. Ein Abkommen das Steuerverbrecher schützt ist völlig inakzeptabel auch wenn es Geld in die deutsche Kasse spült. Statt dem Schutz dieser Schmarotzer sollen wir sowieso auch mehr auf Strafverfolgung, härter Sanktionen und vor allem schneller längere Haftstrafen für Steuerverbrecher setzen denn diese Vögel schadem dem deutschen Volk erheblich!
Elena -1908 schrieb am 28.09.2012, 09:11 Uhr:
auch ich gehöre zu den ewig Gestrigen der älteren Generation.Daher haben Sie auch meine volle Zustimmung !
@sozenhasser schrieb am 27.09.2012, 21:37 Uhr:
"Wer allerdings ein hartes Aufeinandertreffen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Die Debatte bleibt zahm. " Da ist nichts von einem dicken Streit zu spüren. Man hat in einigen Dingen verschiedene Ansichten. Das ist aber das Brot der Politiker mit verschiedenen Ansichten umzugehen. Hier wird es eine Lösung geben genauso wie es da zwischen USA und der Schweiz eine Lösung gab.

Alle Kommentare anzeigen