Sozialbericht: Schere geht auseinander Die Armen werden ärmer

Von Jenna Günnewig

Trotz Wirtschaftswachstum leben immer mehr Menschen in NRW in Armut. Zu diesem Ergebnis kam am Mittwoch in Düsseldorf (03.09.2012) vorgestellte Sozialbericht 2012. Demnach gelten knapp drei Millionen Menschen als einkommensarm.


Guntram Schneider mit Sozialbericht NRW 2012
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"Die soziale Schere in NRW geht immer weiter auseinander", erklärt Schneider

"Es trifft die Gruppen, die es eh schon schwer haben in der Gesellschaft", so Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) bei der Vorstellung des dritten Landessozialberichts am Mittwoch (03.09.2012). Alleinerziehende, Jugendliche, Kinder, Geringqualifizierte und Migranten sind besonders betroffen.

"Die Gesellschaft driftet auseinander"

Laut Bericht waren im vergangenen Jahr 2,8 Millionen Menschen einkommensarm, davon 643.000 Jugendliche. Zur Einordnung: Als einkommensarm gelten Personen, die monatlich weniger als 60 Prozent dieses Mittelwerts, also 833 Euro netto, zur Verfügung haben. Personen in Haushalten mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Alter von unter 14 Jahren gelten als einkommensarm, wenn das Haushaltsnettoeinkommen unter 1.711 Euro im Monat liegt.

Armut und Ausgrenzung würden sich ausbreiten und verfestigen, erklärte Schneider. "Die Gesellschaft driftet auseinander." Während die ärmsten zehn Prozent der Haushalte von 2003 bis 2008 Einkommensverluste von fünf Prozent verzeichneten, konnten sich die oberen zehn Prozent über ein Plus von knapp 13 Prozent freuen. Diese wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft führt laut Schneider zu weniger Wachstum und wirtschaftlicher Instabilität.

Besonders betroffen: Junge Erwachsene


Ein Jugendlicher an der Drehbank
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Normale Arbeitsverhältnisse sind laut Schneider immer seltener

Besonderen Fokus legte Arbeitsminister Schneider auf die Gruppe der jungen Erwachsenen. Denn bei den 18 bis 35-Jährigen herrsche ein überdurchschnittliches Armutsrisiko. Immer mehr junge Menschen seien prekär beschäftigt. "Da wird die Familiengründung verschoben oder ad acta gelegt. Es muss ein Minimum an sozialer Sicherheit geben. Wie soll man sonst sein Leben planen?" Bei den Löhnen, bei Ausbildung und Arbeitsbedingungen der jungen Menschen fange auch die Verhinderung von Altersarmut an, so Schneider in Anspielung auf die aktuelle Debatte um Altersarmut.

FDP: "Umverteilung zu fordern, ist nicht zielführend"

Soweit die Problembeschreibung. Lösungen sieht der Arbeitsminister in einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes, einem gesetzlichen Mindestlohn und deutlicheren Einschränkungen bei Leiharbeit und Werkverträgen. Es müsse umverteilt werden. Doch als Landesminister seien ihm dabei Grenzen gesetzt, Berlin müsse handeln.

Der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Ulrich Alda hält dagegen. Mehr Umverteilung zu fordern, sei nicht zielführend, "schon gar nicht, um damit die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhöhen". Es sei zwingend erforderlich, die Ursachen effektiver als bisher zu bekämpfen. Eine gute Sozialpolitik sorge dafür, dass die Menschen echte Teilhabechancen erhielten.

"Wir können uns die Armut nicht leisten"

Die Wohlfahrtsverbände nahmen den Sozialbericht als Anlass vor weiteren Einschnitten im Sozial- und Bildungshaushalt zu warnen. "Es geht um Menschenwürde, es geht um den Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft und es geht um die Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft", betonte Hermann Zaum, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Wenn ganze Stadtteile abgehängt würden, gefährde das die Demokratie.

"Wir ernten, was wir sähen", meinte Armutsexperte Frank Hensel, Caritasdirektor im Erzbistum Köln. Ursache der beunruhigenden Entwicklung seien die Abnahme von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, prekäre Löhne, Kürzungen oder fehlende Investitionen im Sozialbereich und Bildungssektor. Hensel forderte mehr politischen Willen zur Armutsbekämpfung. Wenn die Landesregierung ihre Ankündigungen erst meine, dann dürfe es keine strukturellen Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich geben. Hensel forderte beispielsweise ein kostenloses Mittagsessen in Kitas und Schulen.

Ein Gast in einer Suppenküche erhält eine Linsensuppe Video Sozialbericht: Schere geht auseinander (01:52 Min.) WDR aktuell vom 05.09.2012

Sozialbericht: Schere geht auseinander


Stand: 05.09.2012, 13.19 Uhr


Kommentare zum Thema (88)

letzter Kommentar: 06.09.2012, 20:25 Uhr

norbert schrieb am 06.09.2012, 20:25 Uhr:
Wo bleiben die Waschlappen aus Deutschland die Heute Deutschland beerdigt haben,wo bleibt der Aufschrei der scheinheiligen Politiker aus Berlin.Angela Merkel sollte schleunigst ihren Hut nehmen und nicht vergessen auch die FDP die uns an Europa verraten haben.Die Roten und Grünen sollten sich fragen,warum sie diese Regierung unter CDU und FDP nicht gestürzt haben.Europa unter dieser Führung der EZB ist eine Katastrophe.
@ Jan schrieb am 06.09.2012, 16:48 Uhr:
Genauso ist es. Deswegen haben wir eine Endwicklung das eine kleine Minderheit immer reicher wird. Und die große Mehrheit wird immer ärmer und die Armen werden noch ärmer. Außerdem sind die Chancen sich durch harte Arbeit aus der Armut zu kämpfen drastisch gesunken.
Jan schrieb am 06.09.2012, 16:22 Uhr:
Seiner Zeit kam von der Wirtschaft immer das Argument " Das ganze System ist zu starr. So können keine neuen Arbeitsplätze endstehen. Nur wenn das System flexibler wird entstehen neue Arbeitsplätze." Das System ist flexibler geworden, die soziale Marktwirtschaft ist faktisch abgeschafft und wo sind die neuen Arbeitsplätze? Viele gut bezahlte Arbeitsstellen sind in 400 € Jobs umgewandelt worden. Das Arbeitsplatz-Wunder, daß die Wirtschaft uns damals versprochen hat gab es nie. Dafür Lohnabbau, Versicherungsschutz-Abbau und den Zwang wirklich jede total unterbezahlte Tätigkeit anzunehmen.
bm schrieb am 06.09.2012, 15:37 Uhr:
"Die Armen werden ärmer"? Ist die Aussage so vollständig? Nichts geschied ohne Grund. Es gibt heute schon zuviel Umverteilung und dabei sollte es die Ausnahme sein. - Nicht die Löhne sind zu gering, sondern der Bildung ist zu gering. Es ist kein Geheimnis, daß einfache Arbeiten besser von Maschinen/Computern/Robotern erledigt werden können. Genau deswegen sind Kreativität, Know How und persönliches Engagement so wichtig. Es reicht eben nicht mehr nur eine Ausbildung für's Leben zu machen. Jeder tut gut daran sich bei Zeiten bereits nach alternativen Berufsbildern umzusehen. Die Zweit- und Drittausbildung neben dem Beruf muß selbstverständlich werden. Es gibt keine Röhrenfernseher, analog Kameras mehr. Egal was für ein Experte man vor 20 Jahren war, die Technik ist ausgestorben. Elektrotechnik, Maschinenbau, Medizin und Forschung&Entwicklung sind die standard Jobs von Morgen. Einfache arbeit wird es immer weniger geben, daß ist nichts neues. Umdenken und nicht umverteilen ist angesagt.
Dieter schrieb am 06.09.2012, 15:34 Uhr:
Es kann in der heutigen Zeit fast jeden abhängig Beschäftigten,der gekündigt wird,und dann keine gutbezahlte Stelle mehr findet,es sei denn,er nimmt eine Arbeit an,die zwar bezahlt wird,aber nur"für'n Appel und nen Ei",ganz schnell in "Armut fallen",nämlich in Hartz 4,und dann heisst es:"Und plötzlich bist du arm".Ganz besonders Menschen,schon ab 35-40 Jahre,"muß man leider sagen",gehören dann auf dem Arbeitsmarkt"zum alten Eisen". Ich kann daher auch die Aussage:"Die Armen werden ärmer",zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehen. Diese"unerträgliche Weisheit"ist doch seit Einführung der Hartz-Gesetze schon vorhersehbar gewesen. Die Politiker,die dafür verantwortlich sind,"sonnen"sich noch immer,und glauben,Hartz war, und ist gut für die BRD. Ja,die"Oberschicht",steht glänzend da,es geht ihnen auch am"A....h vorbei",was mit der"Unterschicht"geschieht.Und das die CSU/CDU- FDP als Nachfolger,auch noch wegen der"guten Konjunktur" profitiert,dank Hartz,das ist unbegreiflich ...

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