Ein Jahr nach der Schlecker-Pleite "Traurige Bilanz"

Von Katja Goebel und Vera Kettenbach

Im Januar 2012 wurde mit der Insolvenzeröffnung die Pleite der Drogerie-Kette Schlecker besiegelt. Allein in NRW verloren rund 5.000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Was wurde aus den ehemaligen Beschäftigten?


Seit Insolvenzeröffnung am 23. Januar 2012 hatten sich in NRW 4.769 Schleckermitarbeiter arbeitslos gemeldet. "Bis heute haben 41 Prozent von ihnen wieder eine neue Beschäftigung", so Aneta Schikora, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen. Wie genau diese Jobs gestaltet sind, vermag auch sie nicht zu sagen. Es können Vollzeit- oder Teilzeitjobs sein, befristete oder unbefristete Stellen. "Minijobs gehören allerdings nicht dazu", so Aneta Schikora. Die meisten der bereits Vermittelten seien wieder im Verkauf untergekommen. 

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Kurzpraktikum und Kassentraining


Fast die Hälfte der Betroffenen habe außerdem eine Qualifizierung gemacht. Dazu gehören Kurzpraktika bei neuen Arbeitgebern oder Weiterbildungsmaßnahmen zum Beispiel in den Bereichen EDV oder Warenlogistik. Auch ein Kassentraining hätten viele Frauen absolviert, weil bei Schlecker mit veralteter Technik kassiert worden sei.

Auch Umschulungen seien den ehemaligen Schleckermitarbeiter angeboten worden. "Die meisten wollten aber in den Verkaufsbereich zurück", so Schikora. Einige hätten aber auch einen völlig neuen Beruf erlernt. Und so werden nun aus manchen Schleckerverkäufern Mechatroniker, Altenpfleger oder Industriekaufleute. Schikora spricht von einer "vorsichtig positiven Bilanz", wenn sie auf die Zahlen blickt. "Das war eine harte Krisensituation und eine Herausforderung." Allein 40 Prozent der Betroffenen hätten keine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen, viele der arbeitslos gewordenen Frauen waren über 50.

Wie ein Sechser im Lotto

Nachdem Gaby Wittig ihre Beschäftigung bei Schlecker verloren hatte, war sie "zunächst mal zwei Monate zuhause", bevor sie gezielt Bewerbungen auf den Weg brachte. Gerne wäre sie zurück in den Handel gegangen, aber dort bekam sie nur Absagen. Im Nachhinein denkt sie, dass dabei vielleicht auch ihre Aktivität als Betriebsrätin bei Schlecker eine Rolle spielte. "Möglicherweise ist man Arbeitgebern als ehemalige Betriebsrätin ja verdächtig." Schließlich aber zog sie ihren "persönlichen Sechser im Lotto", und bekam eine Anstellung in der Verwaltung des Verdi Landesbezirks NRW. Wittig weiß auch von Kolleginnen, die wieder Arbeit haben. "Aber es ist nicht das Gros." Bei der Arbeitsagentur fühlte sie sich nicht besonders gut aufgehoben. "Eine Kurzumschulung und PC-Schulung wurden als nicht notwendig abgelehnt. Man muss selbst aktiv werden."

Eigeninitiative zeigte auch Manuela Stutzer, die nach zwölfjähriger Tätigkeit bei Schlecker in einer ausgedienten Filiale des Unternehmens ihren eigenen Dorgeriemarkt eröffnete. "Es läuft gut", bilanziert sie nach gut drei Monaten. Und ihr Geschäftspartner Addi Mahlberg ergänzt: "Wir bereuen nichts."

"Traurige Bilanz"


Ein Schild "Kasse geschlossen" steht vor der Kasse in einer Filiale der Drogeriemarkt-Kette Schlecker
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Viele wollen in den Verkauf zurück

Trotz erfolgreicher Beispiele mag Günter Isemeyer kein positives Fazit ziehen. Für den Verdi-Sprecher des Landesbezirks NRW sind die 41 Prozent Vermittlungsquote eher eine "traurige Bilanz". "Auch gemessen an dem, was vorher versprochen wurde." Schließlich habe es im Vorfeld immer geheißen, dass es unproblematisch sei, diese Leute zu vermitteln. "Das hat die Bundesagentur falsch eingeschätzt." Auch hätte sich die Gewerkschaft eine größere gesellschaftliche Initiative gewünscht. Und da sei natürlich auch die Politik gefragt. "Wenn das bei einem Autohersteller passiert wäre, wäre es wahrscheinlich anders ausgegangen. Mit einer Transfergesellschaft hätte man Zeit gewinnen können und die Leute wären nicht alle auf einmal auf den Markt geschmissen worden."

Die Gewerkschaft mahnt nun den Gesetzgeber, Konsequenzen aus der Schlecker-Pleite zu ziehen. Vor allem das Insolvenz- und Unternehmensrecht müsste auf den Prüfstand. Darüber hinaus sei es unverantwortlich, ein Unternehmen von der Größe Schleckers in der Rechtsform eines "eingetragenen Kaufmanns" zu führen, das lediglich eingeschränkten Bilanzierungs- und Transparenzvorschriften unterliege. "Bei einem kleinen Kaufmann an der Ecke ist das unproblematisch. Aber bei einem Konzern wird das kriminell", so Isemeyer.

Ein Wiener übernimmt und Rossmann gewinnt


Innenansicht ehemalige Schleckerfiliale
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Neustart für alte Geschäftsräume?

Und was wird nun aus den Tausenden leer stehenden Filialen im Land? Da will bald der Wiener Investor Rudolf Haberleitner ganz dick ins Geschäft kommen. Laut Medienberichten plant er den Neustart hunderter ehemaliger Geschäftsräume in Deutschland. Haberleitner übernahm bereits 1.400 Schlecker-Filialen in anderen Staaten und gab ihnen neue Namen - unter anderem in Österreich, Belgien und Italien. Der Verkauf von Drogeriewaren soll Kern der Geschäfte bleiben. Neu hinzu kommen sollen aber auch Postdienstleistungen oder etwa Fertiggerichte.

Profitiert vom Untergang Schleckers hat die Drogeriekette "Rossmann". Der Konkurrent konnte nach der Pleite ein kräftiges Umsatzwachstum einfahren. So entstanden im vergangenen Jahr nach Firmenangaben 3.500 neue Stellen. 2.000 neue Mitarbeiter kamen von Schlecker. Rossmann hatte mehr als 100 Filialen der Schlecker-Tochter "Ihr Platz" übernommen.


Stand: 23.01.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (27)

letzter Kommentar: 25.01.2013, 10.31 Uhr

Chantal schrieb am 25.01.2013, 10.31 Uhr:
@Kevin: Was hat denn die Landesregierung damit zu tun ob und wie die sog. "Schleckerfrauen" einen neuen Job gefunden haben oder nicht? Das ist in erster Linie Sache dieser Frauen und erfordert genau von diesen Frauen Engagement bei der Jobsuche. Die Landesregierung hat damit nichts zu tun! Als steuerzahlender Bürger erwarte ich das sich die Politik aus solchen Geschichten heraushält. Das gilt auch ganz aktuell für Opel in Bochum, auch hier hat sich die Landesregierung herauszuhalten!
Kevin schrieb am 24.01.2013, 17.36 Uhr:
Während in den süddeutschen Bundesländern die meisten Schleckerfrauen ohne Probleme neue Anstellungen fanden, sieht es in NRW bitter aus. Hier hat man den Eindruck, dass sich die Landesregierung in einen tiefen ROT/GRÜNEN Winterschlaf befindet. Wenn ich mir dann noch das anschaue, was der feiste Genosse Minister Schneider bisher zustande gebracht hat, dann verwundert es mich überhaupt nicht, dass in NRW das ehem. Schleckerpersonal bei der Findung neuer Arbeitsplätze große Probleme hat.
Kleiner Mann schrieb am 24.01.2013, 11.21 Uhr:
Das mit dem Umschulen ist ein eigen Ding. Ich halte nicht viel davon, Entlassene, ob Frauen oder Männer, einerlei, gruppenweise in Räume zu pressen, um ihnen von irgendwelchen schlüsselgewaltigen Schlaubergern Drangsal zu erweisen. Unter den ,,ich freue mich auf Sie'' Sagenden sind zu viele pädagogische ,,Pfeifen'', welche mit großer Einbildungskraft und wenig Herzen bei der Sache sind. An Bildung fehlt vielen, nicht nur unter den Umzuschulenden oftmals die eigene Kraft. Ich beschäftige mich als ,,guter'' Nachbar mit jungen Menschen, die zwar einen guten Beruf ausüben, die aber mit elektronischen Tasten nichts zu tun haben; aber einmal neugierig geworden, möchten Menschen ganz von selbst mehr wissen. Und ich, das kann ich sagen, bin erstaunt über Fähigkeiten meiner Nachbarn, die sie selbst nicht für möglich gehalten hatten. Das kommt daher, weil ich Zeit und Liebe für andere Menscehn übrig habe, bis die verstehen. Das Mitleben, Herrschaften, ist der Schlüssel zu erhofften Erfolgen.
Salbe schrieb am 24.01.2013, 11.03 Uhr:
Wir waren von der westlichen ,,Verkaufskultur'' derart beeindruckt und wie von Sinnen gewesen, als wir die schönen Frauen in westlichen Kaufhäusern sahen. Heute wissen wir besser, dass das nur die schönen Fassaden des Kapitalismus sind. Frauen sind wie überall auf der Welt, wenn Sie geachtet und geehrt werden, schön oder interessant. Die brauchen gar keine Schmincke im Gesicht, weder morgens noch abends. Nur glücklich sollten sie sein. Und das sind viele nicht. Das können die mir auch nicht aus allen Poren heraus vortäuschen. Ich zahlte für 10 Schrippen (Brötchen) 50 Pfennige. Die wurden im Laufe der Jahrzehnte zwar auch immer kleiner so wie die Westbrötchen, aber vordem war ein ganzes Einkaufsnetz voll mit zehn Schrippen. Und letztlich, kleiner geworden, brauchten die dennoch mindestens 100 Tropfen Wasser, um restlos in sich zusammenzubrechen. Ein Tropfen reichte jedenfalls nicht.
Arbeiterin in einer Wäscherei schrieb am 24.01.2013, 10.38 Uhr:
Was hier für Wirrköpfe schreiben. Das wirkt wie aus einem Hoffnungslos-Grübelheim in die Öffentlichkeit geraten. Wenn ich zum Beispiel lese, dass Unternehmen evtl. verarmen (wir wissen um die Milliarden, die deren Unternehmen einbrachten), wenn Wasser und trocken Weichbrot zu Preisen eingekauft werden, die kostendeckend sind, aber nicht gesehen werden will, welche Unsummen an den Kassen abgezockt werden für alles, was ein Mensch eigentlich noch zum Leben braucht, außer Wasser und trocken Brot, der hat vermutlich nicht alle Tassen im Spind, dann ist das Hofnungslos. Das mit der Klugheit wird in Deutschland nicht besser, sondern nimmt im Gegenteil mit Dummheit eine rasante Talfahrt auf.

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