Jobsuche nach Pleite Mehrheit der Schlecker-Mitarbeiterinnen arbeitslos

Von Martin Teigeler

Rund 100 Tage sind seit der Schlecker-Insolvenz Ende März vergangen. Bei der Arbeitsplatzsuche der entlassenen Mitarbeiterinnen zeichnet sich kein Jobwunder ab. Sie machen teils unbezahlte Praktika oder versuchen es in fremden Berufen, etwa als Friseurin.


"Die Jobsuche ist kompliziert", sagt Lieselotte Hinz, Fachbereichsleiterin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Zwar gebe es auf dem Arbeitsmarkt Angebote, aber die seien "oft nicht tarifgebunden, sondern prekär". Mit "prekär" meint sie Minijobs und befristete Beschäftigungsverhältnisse. Einige Frauen, die bei Schlecker einen Bruttolohn von 2.200 Euro erhalten hätten, kassierten nun bei anderen Einzelhändlern teilweise nur 1.200 Euro im Monat für eine Vollzeitstelle. "Viele Schlecker-Kolleginnen sind so um die 50. In dem Alter ist es dann sowieso schwierig auf dem Jobmarkt", sagt Hinz.

Bis zu 5.000 arbeitslose Ex-Schlecker-Mitarbeiterinnen in NRW

Wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mitteilt, haben bis Anfang Juli 530 der früheren Schlecker-Mitarbeiterinnen in Nordrhein-Westfalen einen neuen Job gefunden. 894 Frauen begannen eine Umschulung oder ein anderes Qualifizierungsprojekt. Weitere 1.690 sind derzeit arbeitslos.


Das Insolvenzverfahren über die Drogeriekette Schlecker war Ende März gestartet. Als Ursache der Pleite gelten nicht zuletzt veraltete Sortimente und Konzepte des Unternehmens. Die letzten Schlecker-Filialen wurden Ende Juni endgültig geschlossen. Rund 2.500 Schlecker-Mitarbeiterinnen wurde bereits im März gekündigt, den anderen Beschäftigten zumeist Ende Juni. Noch haben sich nicht alle arbeitslos gemeldet. Somit dürften es laut Verdi insgesamt etwa 5.000 Erwerbslose in NRW werden. Die Zahl der offenen Stellen im Einzelhandel liegt derzeit landesweit ebenfalls bei knapp 5.000. Ob diese Jobofferten allerdings passen, ist fraglich. Hinzu kommen unsichere Konjunkturaussichten.

Friseurin statt Verkäuferin

Die Gewerkschafterin Hinz berichtet, die Schlecker-Frauen seien teils in völlig neue Berufe gewechselt: "Das Spektrum reicht von Friseurin über Apothekenhelferin bis zur Bürokraft." Nach Angaben von Verdi machen ehemalige Beschäftigte teilweise auch unbezahlte Praktika.

Angesichts der Pleite hatten Politiker den Schlecker-Beschäftigten geraten, künftig doch in Kitas oder Altenheimen zu arbeiten. "Ich will den Frauen Mut zusprechen, einen Neuanfang zu wagen", sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Pflege- und Bildungsexperten warnten indes, die Schlecker-Frauen seien für die Betreuung von Kleinkindern oder alten Menschen nicht mal eben so zu qualifizieren. Beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) ist bisher keine einzige Anfrage zur Umschulung auf Altenpflege von früheren Schlecker-Mitarbeiterinnen eingegangen. Das sagte Bernd Meurer, Präsident des bpa. Der Verband vertritt bundesweit mehr als jede vierte Pflegeeinrichtung.

Frauen sollen "flexibel und mobil" sein

Die Ex-Mitarbeiterinnen müssten "flexibel und mobil" sein, sagt der Hauptgeschäftsführer des NRW-Handelsverbandes, Peter Achten. In Ballungsgebieten sieht er gute Chancen zur Vermittlung. "Schwieriger ist es eher in strukturschwachen Gegenden."


Angesichts der geringen Löhne im Einzelhandel dürfte es Beschäftigten schwer fallen, "flexibel" zu sein und lange Strecken zur Arbeit zu pendeln. In der Branche werden teilweise Tarifstundenlöhne von nur 8,53 Euro gezahlt. Dazu kommt eine Grauzone mit Dumpinglöhnen.

Neue Jobs bei Schlecker Spanien?

Unterdessen bestätigte Schlecker Medienberichte, wonach die Firmentochter in Spanien trotz Insolvenz in der Bundesrepublik expandieren will. Schlecker Spain sei von der Konzernzentrale in Deutschland immer relativ unabhängig gewesen. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters sagte, auch deutsche Mitarbeiterinnen könnten unter Umständen einen Job in Spanien bekommen, "falls sie Spanisch sprechen".

Die NRW-Agentur für Arbeit präsentiert per Pressemitteilung positive Beispiele von trotzig kämpfenden Ex-Schlecker-Frauen. "Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas zu machen", wurde etwa die 26-jährige Jennifer Seibt zitiert. "Man darf halt nur nicht verzweifeln, wenn mal eine Absage kommt. Man muss immer optimistisch bleiben." Die junge Frau aus dem westfälischen Drensteinfurt ist mittlerweile bei einer anderen Drogeriekette untergekommen.


Stand: 09.07.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (33)

letzter Kommentar: 11.07.2012, 04:41 Uhr

Steuerzahler schrieb am 11.07.2012, 04:41 Uhr:
Schon etwas ungewohnt zu lesen das Schlecker in Spanien neue Geschäfte eröffnet. Aber interessant ist es schon wegen etwa 3200 Opelarbeitern in Bochum reist die Politikprominenz an. Über angeblich 12.000 Beschäftigte sind still entlassen worden ohne großartig zu jammern, sie wußten ja sie sind nicht Systemrelevant. Hoffe die Betroffenen werden nun nicht noch von der ARGE vorgeführt. In NRW wurde soeben nochmal 1 MRD Euro aus dem Handgelenk für die Abwicklung der West LB geschüttelt, ja wir leben in modernen Zeiten.
Gran Torino schrieb am 10.07.2012, 16:28 Uhr:
wie jetzt Schlecker Pleite? Erst heute wurde ich im Internet von einer Schlecker Werbung überrascht? Drauf geklickt, kam ich auch gleich auf die Schlecker-Webseite mit einer Fülle an Angeboten. Ausserdem macht Schlecker gerade in Spanien einen Laden nach dem anderen auf? Irgend wie kann Frau sich da Ver...... fühlen. aber wenn es um den Profit geht sind deutsche Unternehmer ja sehr erfinderisch und wir schauen nachdem wir Steuerzahler die Subventionen bereitgestellt haben in die Röhre.
WDR.de schrieb am 10.07.2012, 15:59 Uhr:
Kommentar gesperrt. Bitte diskutieren Sie sachlich.
Ghost schrieb am 10.07.2012, 12:47 Uhr:
@DL: Das wäre Sache der Spanier etwas dagegen zu unternehmen. Die spanischen Beschäftigten bei Schlecker interessieren noch viel weniger als die "Schleckerfrauen" bei uns in Deutschland. Und die interessieren hier auch nur am Rande. Wirklich interessant ist das der Schlecker Konzern zerschlagen und am Ende ist! Danke all den Verbrauchern die einen großen Bogen um die Läden von Schlecker gemacht haben. Mission completed!
DL schrieb am 09.07.2012, 17:39 Uhr:
Und wegen fehlender Gesetze macht Schlecher nun munter in Spanien weiter! Beutet auch hier Mitarbeiterinnen aus und, und, und.., keiner unternimmt deswegen was...

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