Deutsche Post testet Elektromobilität Von der Postkutsche zum Elektroauto

Von Sebastian Tittelbach

Die Deutsche Post erklärt Bonn zur Musterstadt und spricht von einem weltweit einzigartigen Pilotversuch: Ab 2016 sollen alle Zustellfahrzeuge dort mit Elektromotor laufen. Große Stücke setzt der Logistikkonzern dabei auf einen kleinen Fahrzeugbauer aus Aachen.


Frontansicht des Street-Scooters
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Alles grün unter der Haube: Die neuen Elektroautos sollen ausschließlich mit Strom aus regenerativen Energien betankt werden

Die vier Elektroautos, die die Post vor ihrer Konzernzentrale auffährt sind außen nach wie vor post-gelb, unter der Haube aber ist alles grün. Sie sind mit fast geräuschlosen Elektromotoren ausgestattet, haben Strom aus regenerativen Energien getankt und mit ihnen werden die Bonner Postboten demnächst Briefe und Päckchen ausliefern. Ab Sommer diesen Jahres sollen die ersten 79 Elektroautos in Betrieb genommen werden, 2016 können es bis zu 160 sein. Die Deutsche Post will so 500 Tonnen CO2 jährlich einsparen.

Ideale Testbedingungen in Bonn und im Siebengebirge

Post-Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes betont, dass es sich erstmal nur um ein Pilotprojekt handelt, denn der Konzern habe zwar jahrhundertelange Erfahrung mit der Postkutsche gesammelt, Elektroautos seien aber erst seit einem Jahr ein akutes Thema. Die Autos müssten jetzt den Alltagstest bestehen. Dafür seien Bonn und das angrenzende Siebengebirge ideal. Die 200 Starts und Stops, die ein Zustellfahrzeug jede Schicht mitmachen müsse, seien für Verbrennungsmotoren eine Qual, so Gerdes: "Und wahrscheinlich macht es sogar mehr Freude mit einem drehmomentstarken Batterieauto anzufahren, als mit einem Verbrennungsfahrzeug, so dass auch der Spaß bei unseren Mitarbeitern nicht zu kurz kommt."

50 Fahrzeuge aus Aachen


Aachim Kampker im Street-Scooter
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Prof. Achim Kampker am Steuer seines Street-Scooters

Die neuen Fahrzeuge stammen nicht nur von etablierten Herstellern wie Renault, Mercedes und Iveco, sondern auch vom jungen Unternehmen Street-Scooter. Dahinter steht ein Unternehmen, das als Forschungsprojekt bei der RWTH Aachen begonnen hat. Prof. Achim Kampker von Street-Scooter hat mit Partnerunternehmen bereits ein flexibles Elektroauto entwickelt. Jetzt wurde es in zwölf Monaten an die Bedürfnisse der Post angepasst. Es ist ausgelegt für ständiges Anfahren und Anhalten, hat besonders verstärkte Türscharniere, eine Reichweite von 80 Kilometern und schafft Tempo 85, was in Bonn und Umgebung ausreichen sollte. 50 Fahrzeuge hat die Post bei Kampker bestellt. Für ihn ist der Beweis längst erbracht, dass sich Elektroautos heute rechnen: "Das Elektroauto ist noch leicht teurer in der Anschaffung, aber wenn ich die laufenden Kosten für Energie und Service einrechne, ist das wesentlich günstiger. Und so kann ich es schaffen, in der Summe wirtschaftlicher sein."

Altmaier sieht Ansporn für Automobilindustrie


Peter Altmaier und Frank Appel posieren vor den Street-Scootern
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Bundesumweltminister Peter Altmaier und Postchef Frank Appel geben den Startschuss für das Pilotprojekt

14 Millionen Euro kostet das Projekt, vom Bundesumweltministerium kommen sechs Millionen Euro. Für Umweltminister Peter Altmaier eine willkommene Gelegenheit, für das Elektroauto zu werben: "Wir geben ein Aufbruchssignal. Es ist wichtig, dass Preise gesenkt und Reichweiten erhöht werden. Das Elektromobil ist längst aus der Experimentierphase raus. Es geht jetzt um die Umsetzung und die geht mächtig voran."

E-Zukunft der Post noch offen

Für die Post könnte das elektrische Zustellfahrzeug ein Geschäft werden. Zum einen macht sich der Konzern von steigenden Spritpreisen unabhängig und zum anderen haben die Zusteller keine Probleme mehr mit Umweltzonen in Innenstädten. Dort können schon jetzt erste Diesel-Fahrzeuge nicht mehr eingesetzt werden, weil sie die strengen Abgasnormen nicht erfüllen.

Doch wie es nach dem Pilotversuch weiter geht hält sich die Post noch offen. Der entscheidende Test wird das Weihnachtsgeschäft sein, wenn die Straßenverhältnisse schlecht, die Temperaturen batterieunfreundlich und die Paketautos rappelvoll sind.


Stand: 21.05.2013, 14.30 Uhr


Kommentare zum Thema (21)

letzter Kommentar: 23.05.2013, 15.38 Uhr

Anonym schrieb am 23.05.2013, 15.38 Uhr:
Die Post erhält 6 Millione Euro für eine "Versuch". Tatsache aber ist, dass ein Unternehmen wie die Post mit festen Routen und Übernachtladung schon längst viel Geld mit Elektroantrieb sparen kann, also Geld damit verdienen! Man stelle sich nur die Auftragsbestände von Post oder anderen Dienstleistern(wie mobile Altenpflege, Taxis und Kuriere) in Städten vor und berechne dann den schnellen Amortisationsgrad von eingerichteten E-Bändern in Autoindustrie also die purzelnden Preise der Emobile. Der wahre Hemmschuh ist die Investitionssumme in die alte Verbrennungstechnologie, in der BRD-Konzerne führend sein dürften, da müsste man dann gewaltige Abschreibungen vornehmen, die man scheut. Hier ist also nur die Glühkerze in den Vorstandsköpfen auszuwechseln, denn es geht beides parallel, E in Stadt und vielleicht Gasverbrennungsmotoren dann über lange Strecken?
Joschi schrieb am 23.05.2013, 15.20 Uhr:
Weshalb hier in Deutschland uruguayanische Linienbusse die Post ausfahren sollen, erschließt sich mir nicht. Ebenso wie das restliche Gestammel vom Wetter oder Londoner Taxis. Die Post machts schon richtig, wenn sie jetzt auch mit solchen Elektroprojekten anfängt. Es gibt halt immer irgendwelche Meckerfritzen, die vorher alles besser wissen und hinterher ganz genau erklären können, wieso dann doch alles ganz anders gekommen ist.
Hoch auf dem gelben Wagen schrieb am 23.05.2013, 14.39 Uhr:
Joschi schrieb heute, 12:02 Uhr: Joschi, BYD und Daimler sind schon über Versuchsstadium hinaus, weshalb ihr Geschrei nur idiotisch ist wie Diffamierung berechtigter Einwände. Merke , man kann Versuchsbedingungen schaffen die zum Scheitern verurteilt sind und ein Winter braucht nun mal Reserven an Energiequanti-wie -qualität(also Energiedichte,deren Abrufbar-und Haltbarkeit)) Der Winter samt Temperatursturz und Gegenwind ist der Prüfstein, nicht Sommer Sonne und Rückenwind! Und Elektroautos gab es 1900 schon wie wohl auch in 50ern bei der Post, In London werden in kurzer Zeit 50 Taxis fahren und Shenzen hat schon mehr seit Jahren auf den Straßen. In Uruguay wird heute der erste von 500 E-Bussen dem Verkehr übergeben und in Bulgarien ist Grundstein für E-Bus-Werk gelegt worden, aber die Post versucht noch? lol da geht die Post aber ab? (der "Versuch wird mit 6 Millionen Euro gefördert, bitte nicht vergessen?)
Joschi schrieb am 23.05.2013, 12.02 Uhr:
Ganz genau! Wenn mit einer Akkuladung nicht wenigstens 10.000 Kilometer zu schaffen sind, diese dann nur 16 Cent kostet und die Akkus nach Ende ihrer Nutzungsdauer ganz einfach aufgegessen werden können, weil sie aus in Deutschland endemischen Blumen mit Vanillegeschmack hergestellt wurden, braucht man gar nicht erst anfangen, nach Alternativen zu den jetzigen wohlriechenden und geräuschlosen Dieselfahrzeugen zu suchen. Vermutlich wurde vor Jahrtausenden der erste Primat, der versucht hat, aufrecht zu gehen, von seinen Artgenossen gesteinigt. Scheint also kein technisches, sondern eher ein intellektuelles Problem zu sein. Es scheint auch mit der Dachlatte nicht in den Köpfen zu verankern zu sein, daß es sich hier um ein Versuch handelt, nach dem die Post weitere Entscheidungen treffen wird. "Versuch" bedeutet, das man vorher nicht weiß, was hinterher rauskommt. Deswegen heißt es ja so. Mannomann......
Wenn schon denn schon? schrieb am 23.05.2013, 10.18 Uhr:
Es fragt sich, wie ernsthaft Post das Projekt vorantreibt, denn 80 Km Reichweite deuten auf beschränkten Radius ohne irgendwelche Reserven für Spitzenbelastungen im Winter hin? Wie sieht es mit Ladung der Akkus aus, wie lange dauert die Aufladung? Wenn ich von BYD Reichweiten garantiert über 250Km für Busse und Aufladezeit von 5 Stunden bei einem als sicher geltendem System ohne große Entflammbarkeitsprobleme lese, dann kommen mir Zweifel ob Post die beste Lösung erprobt und somit eine bundesweite Machbarkeit vielleicht jetzt noch gar nicht wünscht? Wenn Probe aufs Exempel, dann bitte richtig, ansonsten erweist die Post der Emobilität einen Bärendienst?

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