Der Wechsel an der Opel-Spitze Keine Chance für den Standort Bochum?

Der Rücktritt des Opel-Chefs wirft viele Fragen auf. Was bedeutet der Wechsel an der Spitze des angeschlagenen Autobauers für das Werk Bochum? Wird der Sanierungskurs beibehalten oder noch verschärft? Karl Lohrengel, WDR-Wirtschaftsexperte, mit ersten Einschätzungen im WDR.de-Interview.

WDR.de: Kam der heutige Rücktritt des Opel-Chefs auch für Kenner der Opel-Thematik überraschend?


Karl Lohrengel in einem Interview in der Aktuellen Stunde

Karl Lohrengel

Karl Lohrengel: Ziemlich überraschend. Ich habe eben mit einem Autoprofessor über den Rücktritt gesprochen. Der sagte mir, er hätte noch vor zwei Wochen ein Gespräch mit Karl-Friedrich Stracke geführt. Und sein Gefühl sei gewesen, Stracke verfüge noch über das Vertrauen von General Motors (GM). Doch dieses Vertrauen scheint jetzt aufgebraucht zu sein. Denn das, was die oberste Spitze des Konzerns jetzt, anlässlich des Rücktritts, über Stracke mitteilen ließ, hört sich an wie das verklausulierte "Er hat sich allzeit bemüht". Was ja ergänzt werden kann mit " - aber nicht geschafft". In der Tat ist der Wechsel an der Opel-Spitze eine Überraschung.

WDR.de: Welche Gründe können zu diesem Wechsel geführt haben?


Lohrengel: Dass Stracke auf eine nicht näher bezeichnete Sonderposition innerhalb des Konzerns wechselt, scheint zu bedeuten, dass sein relativ sanfter Sanierungskurs in Detroit bei der Konzernmutter nicht sonderlich gut angekommen ist. GM-Vize Stephen Girsky, der jetzt kommissarisch übernehmen soll, steht eher für härtere Maßnahmen. Obwohl er ja den bisherigen Kurs als Opel-Aufsichtsratschef auch mit verantwortet hat.

WDR.de: Was bedeutet dieser Wechsel für den eh schon gefährdeten Standort Bochum?

Lohrengel: Eine Antwort darauf kann zum jetzigen Zeitpunkt nur hochspekulativ sein. Es gab ja Überlegungen, dass der Standort Bochum zumindest bis zum Jahr 2016 gesichert sei. Wobei "gesichert" nach Opel-Maßstäben immer eine problematische Geschichte ist. Opel Bochum hat mal 20.000 Beschäftigte gehabt, aktuell sind es noch knapp über 3.000. Und die werden, so ist die bisherige Planung auch aus meiner Sicht zu sehen, bis 2016 abgewickelt. Es gibt auch noch Kündigungsschutzverträge, die bis Ende 2014 gelten.

Ich kann mir aufgrund der neuen Entwicklung vorstellen, dass dieser Termin vorgezogen werden könnte, wenn aus Detroit ein härterer Wind wehen sollte. Es ist ja auch im Gespräch, dass der bisher in Bochum gebaute Opel Zafira möglicherweise vom Konzern Peugeot-Citroen neu entwickelt und dann auch von diesem gebaut wird. GM ist bei diesem Konzern ja vor einigen Monaten mit 8 Prozent Beteiligung eingestiegen. Auch wenn das derzeit alles nur Spekulationen sind, deuten sie darauf hin, dass es für das Bochumer Werk noch schwerer werden wird als bislang angenommen.

WDR.de: Hat der Chefwechsel bei Opel denn Auswirkungen auf bereits geschlossene Vereinbarungen? Zum Beispiel was den Verzicht der Bochumer Opelaner auf die eigentlich seit Mai fällige Tariferhöhung angeht?

Lohrengel: Das denke ich nicht. Denn es gilt der lateinische Grundsatz "Pacta sunt servanda", zu deutsch "Verträge müssen eingehalten werden". Und das gilt auch für Opel. Bis 2014.

Dass man in Deutschland Verträge mit der zuständigen Gewerkschaft schließt und die dann auch wirksam werden und eingehalten werden müssen – auf diesem Ohr hört das GM-Management in Detroit nicht richtig gut. Wenn man es ihnen aber laut genug sagt, verstehen sie es am Ende dann doch.

WDR.de: Das Einzige, was dem Standort Bochum auf lange Sicht also noch helfen könnte, wäre ein konjunktureller Aufschwung?

Lohrengel: Ich sehe ehrlich gesagt gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich GM in Europa mit Peugeot/Citroen verbündet hat, keine Chancen für Bochum. Auch dann nicht, wenn es einen Aufschwung gäbe.

Das Interview führte Stefan Domke.


Stand: 12.07.2012, 18.35 Uhr


Kommentare zum Thema (30)

letzter Kommentar: 16.07.2012, 11:26 Uhr

Roger schrieb am 16.07.2012, 11:26 Uhr:
Die Opelaner sind jetzt gut beraten sich um ihre Zukunft nach Opel zu kümmern. Es wird Zeit das auch die Opelaner begreifen das die Zeit von "Lebensarbeitsplätzen" vorbei ist. Heute haben schon viele Arbeitnehmer auf dem Weg zur Rente umgeschult und mehrer Berufe an verschiedenen Standorten ausgeübt. Das ist auch den Opelanern zuzumuten. Es braucht Flexibilität. Es soll jetzt bloß keiner von diesen verwöhnten Opelaner mit solchen Scheinargumenten kommen wie " Ich kann doch nicht aus Bochum weg, meine ganze Familie ist doch hier" Oder "Ich habe hier doch ein Haus gebaut da geht man doch nicht weg" usw. Wer heute nicht in der Lage ist der Arbeit hinterherzuziehen hat verloren und ist dies selber Schuld! Wilkommen im modernen Arbeitsleben.
R.Hast schrieb am 16.07.2012, 10:08 Uhr:
jetzt hat auch Opel-Manager Volker Hoff das sinkende Schiff verlassen ! Damit ist der Untergang von Opel sicher beschlossene Sache.
Das Zentralorgan schrieb am 15.07.2012, 21:28 Uhr:
Wer sich das Rauchen beim Feierabendbier in der Kneipe verbieten laesst, wird auch kein grosses Theater machen wenn ihm die Wirtschaft unter dem Arsch weggezogen wird, so das Kalkuel. Ein bisschen heulen und Zaehneknirschen, Vorschlaege "unserer" Politiker, sich als brD-Soeldner umschulen zu lassen - das war`s. Naechstes Jahr kraeht kein Hahn mehr danach und wir sind noch ein bisschen naeher dran am "Morgenthau-Deutschland" der "Gruen_Innen". In Polen ist der Strom sowieso billiger und "international verlaesslicher" sind Die auch, wie die Geschichte gezeigt hat. Sowat kommt von so wat.
Düdchen schrieb am 15.07.2012, 14:26 Uhr:
@GermanRobinHood: Richtig, die Solidarität der Bevölkerung haben die Opelaner sich selbst verscherzt. Ich denke das GM den Laden endlich dicht machen sollte. Am besten noch vor 1016. Mit Ablauf der Kündigunsschutzverträge 2014 wäre der Weg frei die Tore endlich zu schließen!
Das Leihschwein schrieb am 15.07.2012, 09:57 Uhr:
Immer dieses Gejammere der Gewerkschaften und Opelmitarbeiter,haben die allen einen Beamtenstatus oder was soll das. Mein Vorschlag um Arbeitsplätze zu sichern: IGM/Opel Mitarbeiter kaufen GM ihre überflüssigen Werke in Bochum/Eisenach ab und schrauben im Lohnauftrag jedes x beliebige Modell eines Autokonzerns zusammen. BMW, Audi, Mercedes, VW und andere Autokonzerne lassen ihre Komponenten alle bei den gleichen Lieferanten Entwickeln und Fertigen, bauen also die gleiche Technik ein. Ob dort ein BMW, Mercedes, Audi, VW oder Porsche zusammengeschraubt wird ist grundsätzlich von der Tätigkeit egal. VW hat das Karman Werk in Osnabrück gekauft und produziert dort auch ihre PKW. Alternativ können IGM/Opel Mitarbeiter bei Hyundai/Kia nachfragen ob die noch Produktionskapazitäten in Europa benötigen. Beide Autokonzerne werden in Zukunft bei den Verkäufen in Europa und weltweit ordentlich zulegen.

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