Wohnungsmarkt nach Privatisierungswelle Zur Miete bei "Heuschrecken"

Schimmel an der Wand, Schrottimmobilien mitten in der Stadt: Fast zehn Jahre nach der großen Privatisierungswelle auf dem NRW-Wohnungsmarkt häufen sich die Klagen von Kommunen und Mietern. Eine Enquetekommission des Landtags sucht von Dienstag (01.02.11) an nach Auswegen.


Wohnhochhaus mit Balkonen
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"Wer will hier noch wohnen?"

Johanna Raudisch steht in ihrem leeren Keller und regt sich auf. "Hier passiert nichts!", schimpft sie und dreht sich um sich selbst. Gut acht Monate ist es her, dass ein Rohr in einer Souterrainwohnung im Haus geplatz ist und sich das eklige Wasser in ihren Keller nebenan ergoss.  Winterjacken und Weihnachtsschmuck waren hin, schlimm genug. Aber dass die Gartenmöbel immer noch auf dem Balkon und die Kartoffeln im Schlafzimmer gelagert werden müssen, ärgert die 66-Jährige. Die Gagfah, der die Siedlung "Im Rehsiepen" und zwei weitere in Wuppertal gehören, hat den Keller inzwischen zwar desinfizieren lassen. Benutzbar ist er aber immer noch nicht. "Sie haben gesagt, vielleicht im November", seufzt Raudisch. Jetzt will sie Klage einreichen.

Wenn Wohnraum zur Ware wird


Nein, wegziehen will sie hier nicht, nicht nach 30 Jahren. "Die Nachbarn sind nett, es gibt viel Grün", sagt sie, "und die Wohnung ist warm und trocken." Trotzdem: "Früher war alles piccobello hier", und damit meint sie nicht nur den Keller. "Früher": Da gab es einen Hausmeister, der im Notfall helfen konnte und der für Ordnung drinnen und draußen sorgte. "Früher", das war, ehe ein amerikanischer Investor bei der Gagfah die Mehrheit übernahm. Das war zu Beginn des Jahrtausends, als die große Privatisierungswelle durch das Land schwappte. Ausländische Investoren hatten den deutschen Immobilienmarkt entdeckt und kauften auch in NRW Wohnungen aus öffentlicher, kommunaler und privater Hand zu Tausenden auf, auch wenn die oft in schlechtem Zustand waren und die Mieterschaft schwierig war.

Die Gagfah (früher Bundesversicherungsanstalt für Arbeitnehmer) etwa ging mit 82.000 Wohnungen an Fortress. Die Deutsche Annington (DA), eine Tochter der britischen "Terra Firma Capital Group", übernahm 138.000 Wohnungen von Eon, und die landeseigene Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) wurde 2008 mit 100.000 Einheiten an die amerikanische Whitehall verkauft - gegen den Widerstand vor allem der rot-grünen Opposition und der Mieterschützer. Die befürchteten, die ausgehandelte Sozialcharta sei nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurde. "Die Heuschrecken sind fein raus", kritisierte Mieterverbandsvorsitzender Bernhard von Grünberg danach - und hatte damit die Unternehmen im Visier, die sich sattfressen und dann weiterziehen, sprich: möglichst schnell möglichst viel Rendite machen und dann verkaufen.

Es werden immer dieselben Namen genannt


Experten vermuten, wegen der Finanzkrise hätten sich die Unternehmen von dieser Strategie verabschiedet: Wohnungen sind jetzt nur schwer an den Mann zu bringen. Wie auch immer: Die meisten Unternehmen betonen, sie  seien "Bestandshalter" und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Gagfah, LEG und Deutsche Annington sind auch bemüht, ihr soziales Engagement zu betonen, verweisen auf Schutzregeln für die Mieter, auf Stiftungen und auf Serviceleistungen. Und nicht überall gibt es Grund zur Unzufriedenheit: Die beiden anderen Gagfah-Siedlungen in Wuppertal sind nach Auskunft der Stadt gut vermietet und in einem guten Zustand. Trotzdem: Meistens fällt der Name dieser drei Unternehmen, wenn über zurückgehende Investitionen für Instandhaltung und Modernisierung, über Mieterhöhungen und den Verfall ganzer Quartiere geklagt wird. Und weil die Klagen sich häufen, hielten es die Grünen für an der Zeit, sich intensiver mit dem Geschäftsgebaren der Investoren beschäftigen: Am Dienstag (01.02.2011) wird im Landtag auf ihren Antrag hin eine Enquetekommission eingesetzt, Titel: "Wohnungswirtschaftlicher Wandel und neue Finanzinvestoren auf den Wohnungsmärkten in NRW".

"Ständig muss man Druck machen"

Wie sich der Wandel auswirkt, erlebt Bruno Wortmann fast jeden Tag. Wortmann ist im Vorstand des Wuppertaler Mieterbundes, die Siedlung "Im Rehsiepen" seit fünf Jahren sein Quartier: "Hier verbessert sich ja nichts." Frau Raudischs Keller, den er gerade noch mal in Augenschein genommen hat, ist nicht das einzige Problem. Überhöhte Nebenkostenabrechnungen zum Beispiel sind ein Dauerthma, "die sind grundsätzlich falsch", dazu kommt der schlechte Zustand der Siedlung. Draußen, vor Frau Raudischs Haustür, zeigt er auf notdürftig befestigte Schieferplatten, auf bröckelnde Stufen und Gerüste mit zerfetzten Planen, hinter denen schon lange nicht mehr gearbeitet wird. Eine Straße weiter wird ein Stück Gehweg gepflastert. "Aha, immerhin." Aber eigentlich dauere es immer "unendlich lang", bis etwas instandgesetzt werde, sagt er, und "ständig muss man Druck machen."

Hartz IV als Geschäftsmodell?

Solche Klagen sind auch in Bonn zu hören, in Aachen und in Solingen. Besonders laut sind sie aber im Ruhrgebiet, das schon wegen des demographischen Wandels schwer gebeutelt ist. Menschen ziehen weg, Wohnungen stehen leer, Quartiere drohen zu verfallen. Zurück bleiben Schrottimmobilien und die, die sich nichts anderes leisten können; "Hartz IV als Geschäftsmodell", wird das im rot-grünen Koalitionsvertrag genannt. Dass die Unternehmen helfen, die Situation vor Ort zu verbessern, glauben die Grünen nicht: "Grundsätzlich besteht bei renditeorientierten Immoblienfonds keine Bereitschaft, an der sozialverträglichen Aufwertung von Wohnquartieren mitzuwirken", schreiben sie. In Wulfen-Barkenberg, einem Stadtteil von Dorsten, scheint der Fall schon eingetreten: Dort lässt die LEG entgegen der ursprünglichen Planung mehrere Hochhäuser doch nicht abreißen, weil sie "günstigen Wohnraum" für "weniger gut verdienende Menschen" bereithalten wolle. Damit bleibt das Stadtumbau-West-Projekt unvollendet, die Sanierung des Viertels Stückwerk. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst: "Der LEG glaube ich gar nichts."

Ringeltaube und Horrorhochhaus


Ähnliches ist in Dortmund-Wickede passiert; dort will die LEG abwarten, "wie der Markt auf die erhöhten Mieten in den modernisierten Bereichen reagiert", so Sprecherin Carolin Gauglitz. In Dortmund sind 45.000 Wohnungen in der Hand ausländischer Investoren, darunter auch solcher, die der Stadt eine Ruine beschert haben, die als "Horrorhochhaus" in die Geschichte einging. "Das sind Investoren, die auf den Jersey-Inseln oder den Bahamas sitzen", sagt Klaus-Peter Neuhaus, Leiter des Wohnungsamtes. "Da haben wir gar keine Ansprechpartner." Bei der LEG oder der Deutschen Annington sei das zwar anders, aber auch für die gelte: "Die Investitionen sind deutlich zurückgegangen." Die DA etwa habe nur wenige ihrer 18.000 Wohnungen modernisiert. Neuhaus: "Das machen die nur, wo die Rendite stimmt. Eine Wohnung, in die investiert wird, ist schon fast so selten wie  eine Ringeltaube." Das kommunale Wohnungsunternehmen DoGeWo dagegen investiere 30 Euro in jeden Quadratmeter ihrer 16.000 Wohnungen.

Am Rhein wird mehr investiert, an der Ruhr weniger

Die Deutsche Annington wehrt sich gegen solche Vorwürfe: "Natürlich könnten manche Wohnungen schöner aussehen, aber weniger schöne Wohnungen sind eben auch günstiger", so Kommunikationsbeauftragter Dirk Schmitt. "Viele Menschen sind auf günstige Wohnungen angewiesen." Die DA investiert eigenen Angaben zufolge 10 bis 12 Euro pro Quadratmeter; Gagfah-Sprecherin Bettina Benner nennt 7 bis 8 Euro und schreibt, das "Geschäftsmodell ist sicher, vorhersehbar und verschafft uns stetige Einnahmen". Die LEG, nach eigenem Bekenntnis "den Grundprinzipien jedes wirtschaftlichen Unternehmens" verpflichtet, steckt 12,50 Euro in ihrem Bestand, was dem in der Sozialcharta festgelegten Wert entspricht. Aber das sind allesamt NRW-Durchschnittswerte, wie Experten des Deutschen Städtetages inzwischen feststellten, entsprechende Vereinbarungen nur ein "ein sehr stumpfes Schwert".

Auf dem Weg zur "Schrottimmobilie"?


"7 bis 8 Euro, das ist bitter wenig", sagt Bruno Wortmann, während er durch die Gagfah-Siedlung auf ein paar Hochhäuser zuläuft. "Davon kann man kein Haus in gutem Zustand halten." Das Haus, vor dem er jetzt stehen bleibt, sieht aus, als wäre nie etwas hineingesteckt worden: Die Balkone sind mit einer dicken Moosschicht überzogen, die Haustür lässt sich nicht abschließen, und das kaputte Fenster, durch das es seit Jahren ins Treppenhaus regnet, ist immer noch undicht. Und die Stadt ist machtlos: Selber reparieren geht nicht, dafür fehlt ihr das Geld, heißt es aus dem Bauordnungsamt. Eine gründliche Sanierung erzwingen kann sie auch nicht: Das ist Privatsache. Und wie wäre es, die Häuser zu kaufen? Dortmund zum Beispiel hat sich ein Vorkaufsrecht vorbehalten, und die Landesregierung denkt darüber nach, Mittel für solche Fälle bereit zu stellen. Baudezernent Frank Meyer ist mehr als skeptisch: "Die Botschaft höre ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Wir warten ja noch auf das Geld aus der Soforthilfe für die Kommunen."

Auch Bruno Wortmann hat Bedenken. Er steht wieder draußen, inmitten von Sektflaschen und Silvesterböllern, und zeigt auf die gardinenlosen Fenster. "Kein Wunder, dass hier niemand wohnen will. Aber wir haben eh zuviele leere Wohnungen - vielleicht sollte man alles einfach abreißen."


Stand: 01.02.2011, 06.00 Uhr