Der Kampf gegen Leerstand: Ladenvielfalt in Nettersheim
Auf dem Land gibt es meist ein Problem: die Landflucht und der damit entstehende Leerstand. Eine Gemeinde macht sich stark für die sinnvolle Neunutzung ihrer Häuser.
Grün, soweit das Auge reicht. Schon die Autobahnfahrt durch die Eifel nach Nettersheim ist wie Urlaub. In Nettersheim angekommen fühlt man sich fast zurück ins vergangene Jahrhundert versetzt: Fachwerkhäuser reihen sich aneinander. Die Menschen grüßen einander auf der Straße. Kinder verschwinden lachend hinter den Häusern. Ein Ort, in dem die Welt noch in Ordnung ist – möchte man meinen.
Doch Nettersheim hat mit der Landflucht zu kämpfen: Junge Generationen ziehen in die Städte oder an den Rand des Dorfes. Die Folge ist Leerstand von hundert Jahre alten Häusern im Ortskern. Viele Häuser verwahrlosen.

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In Nettersheim ist die Eisdiele seit zwölf Jahren der Treffpunkt des Ortes

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Ali Alnajar ist Betreiber des "Eis Stüffje"
So war es auch mit dem alten Bauernhof im Dorfkern. Marode und schäbig stand er einige Jahre da. Heute ist davon nicht mehr viel zu erkennen. In oder vor der Eisdiele "Stüffje" trifft sich das ganze Dorf zu Festen oder Märkten. Besitzer Ali Alnajar hat sich vor zwölf Jahren hier seinen Traum erfüllt: eine eigene Eisdiele. Wenn man ihn fragt, wie es läuft, heißt es: "Alles super hier!"
Bürger und Verwaltung ziehen an einem Strang
Ohne Gemeinderat hätte er es wohl nicht geschafft. Bürgermeister Wilhelm Pracht nennt als Ziel, das Dorf als Dorf mit den alten Fassaden zu erhalten. Sein Motto: "Elf Orte, ein Ganzes". Damit gemeint sind die elf Ortschaften, die zu Nettersheim gehören. Seit über 20 Jahren versucht der Gemeinderat, einheitliche Dorfkerne zu schaffen, die als Touristenmagnete fungieren.
"Bei vielen Objekten hier wäre ohne öffentliche Hand nichts passiert, weil so viel Sanierungsbedarf war." meint Pracht und wirkt dabei sichtlich zufrieden. Er möchte Anreize schaffen für Anwohner und das, was schon besteht, erhalten. Und es gelingt. Seit 1989 sind 100 neue Arbeitsplätze in Nettersheim entstanden. Größtenteils durch renovierte Immobilien, die marode waren und jetzt neu genutzt werden.
Nachfrage von außen ist groß

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Viele mögen die kleine, behütete Gemeinde
Erstes Projekt war das Naturzentrum Eifel, das 1989 aus einem alten Bauernhof entstand. Viele weitere Projekte folgten. So verwandelte man eine alte Kläranlage in einen Jugendzeltplatz, einen Steinbruch in den heutigen Wohnmobilhafen oder eine ehemalige Volksschule zu einem Jugendgästehaus.
Die Ausrichtung ist klar: Die Gemeinde Nettersheim setzt auf Tourismus, wirbt zugleich für Neuzuzüge und damit für Käufer von außen. Die Gelder sind dafür nicht einzig aus der Gemeindekasse geflossen. Durch Denkmalfördermittel hat auch das Land NRW und die EU ihren Teil zum Erhalt Nettersheim beigetragen. "Das hat gefruchtet; wenn Sie heute durch unsere Dörfer fahren, dann sehen Sie intakte dörfliche Strukturen." sagt Wilhelm Pracht.
Für die Zukunft werden weitere Ideen nötig
Zwar wird bei der Renovierung auch auf energetische und nachhaltige Gesichtspunkte Wert gelegt, aber der Bürgermeister ist sich auch bewusst: "Ob die Lösungen, an die wir heute denken auch in zehn Jahren reichen, wage ich zu bezweifeln. Es wird mehr an Leerstand geben und deshalb brauchen wir auch neue Ideen."

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Mit EU- und Landesgeldern restauriert die Gemeinde das Literaturhaus
Der jüngste Plan ist der Umbau einer alten Scheune zum Literaturhaus. Nettersheim möchte nicht nur Touristenmagnet sein, sondern auch Kultur fördern. Kerstin Juchem leitet bereits seit sieben Jahren die Gemeindebücherei. Sie plant und entwirft das neue Literaturhaus: "Unser Bürgermeister meinte zu mir, stellen Sie sich vor, da wäre nichts und sie können alles selbst entscheiden – und ich habe mir 450m² gewünscht und bekomme 380m²." Sie sagt das mit strahlenden Augen.
Knapp 50.000 Besucher hat die Gemeinde pro Jahr – Tendenz steigend. Auch wenn die Zeiten wohl nicht so rosig bleiben, die Gemeinde macht aus der Not eine Tugend und bleibt weiter kreativ.
Stand: 18.09.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (5)
letzter Kommentar: 18.09.2012, 12:34 Uhr
- Fein schrieb am 18.09.2012, 12:34 Uhr:
- Kein Interessenkonflikt sondern ein Interessenkomplott - unbedingt weitermachen!!!
- Anonym schrieb am 18.09.2012, 11:38 Uhr:
- Dann muss man in den Großstädten auch von "Viertelflucht"reden, denn dort sind Leerstände ein gewaltiges Problem
- ThomWeb schrieb am 18.09.2012, 11:22 Uhr:
- Das Naturzentrum mit den römischen Funden ist schon klasse. Ich habe dort in den vergangenen 12 Jahren einige schöne Stunden verbracht. Es ist ein Ziel, das man im Kopf abgespeichert hat und immer wieder besucht. Als ich vor genau 2 Jahren Besuch aus Georgien hatte, habe ich ihnen genau diese Stätte gezeigt. Also: Es lohnt sich nicht nur, auf Touristen zu setzen, die einmal kommen. Wiederkehrende Besucher verbreiten positive Erfahrungen auch im Internet und von Mund zu Mund. Und es ist schön zu hören, dass es ein Dorf gibt, bei dem die Menschen an einem Strang ziehen und nicht nur die Blumentopffraktion das Sagen hat, die alles nur schön haben will, wo aber kein Menschen mehr arbeiten kann.
- Idylle schrieb am 18.09.2012, 10:10 Uhr:
- DAS klingt wirklich richtig gut!!! Statt alles verrotten zu lassen oder einzuebnen für Objekte die die Welt nicht braucht einfach das zu pflegen was man hat. Bin gespannt wie sich die Infrastruktur weiterentwickelt und wünsche den Dorfbewohnern eine richtig tolle Zeit; vergessen sie nie was da geschaffen wurde :-)
- Jan schrieb am 18.09.2012, 09:27 Uhr:
- Es ist schön, daß sich um diese Orte gekümmert wird. Ich kenne sie noch von meinen ersten Motorradtouren vor vierzig Jahren. Da saßen die Leute abends noch auf der Bank vor dem Haus mit den Nachbarn zusammen und jedes Dorf hatte noch eine eigene Post, einen eigenen Bäcker, Metzger und oft auch Friseur. Einen Lebensmittelladen sowieso. Alles war etwas marode und nicht besonders gepflegt. Bröckelnde und schiefe Fassaden; der Mist an der Straße und auch schon mal ein Huhn vor den Rädern. Aber gerade das fehlt mir heute ein wenig, wenn ich durch die teilweise überrestaurierten Orte fahre, wo zwischen den frisch geweißten Fronten keine Bauern, Bäcker und Metzger ihr Geld verdienen, sondern Versicherungs- oder Reisebüros einquartiert sind. Natürlich können die Leute dort ihr Geld nicht wie früher verdienen, aber man sollte schon aufpassen, daß der Charakter nicht verloren geht und eine Art Disneyland entsteht. So wie das, was man aus Monschau gemacht hat.
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