Bekleidungsindustrie in NRW: Deutsche Mode lebt!
Cinque, Bugatti, Gerry Weber - sie alle sitzen und entwerfen in NRW. Die Unternehmen haben sich nur fremd klingende Namen gegeben und sind erfolgreich. Mit Beginn der Düsseldorfer Modemesse am Samstag (28.07.2012) lohnt sich ein Blick auf den Modestandort NRW.

-
Bild 1 vergrößern
+
Modestandort NRW: Klicken Sie auf das Lupensymbol, um die Karte mit allen Details sehen zu können
Wer die deutsche Mode sucht, muss in kleine Städte fahren oder in Gewerbegebiete am Ortsrand: zu Gerry Weber nach Halle in Westfalen zum Beispiel, zum geschwungen-gläsernen Bugatti-Neubau in Herford oder in ein Gewerbegebiet im Nordosten Mönchengladbachs. Hier hat Cinque Moda seinen Hauptsitz, in der Nachbarschaft entwickeln andere Unternehmen Fadenspannungsmesser und elektronisch gesteuerte Sonnenschutzsysteme. Die kastenförmige Kurzjacke mit Anleihen bei Chanel, die kantig geschnittenen Kleider mit großflächigen Prints - viele Kleidungsstücke, die im Frühjahr und Sommer 2013 auf den Markt kommen, wurden in NRW entworfen.
Deutsche Modehersteller kennen ihr Produkt gut

-
Bild 2 vergrößern
+
Hier entsteht deutsche Mode: Die Firmenzentrale von Bugatti in Herford
Im Etikett steht freilich 'Made in Turkey' oder 'Made in Bangladesh'. "Es ist deutsche Produktion – nur eben an ausländischen Standorten", betont Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands GermanFashion in Köln. Design, Schnittkonstruktion, Marketing, Logistik – all diese Arbeitsschritte finden in den Firmenzentralen in Halle, Herford oder Mönchengladbach statt. "Zur Zeit steht im Etikett, wo eine Bluse genäht wurde. Aber das ist nicht richtig, denn das Nähen ist nur ein kleiner Teil des gesamten Produktionswegs. Die EU findet seit Jahren keine Lösung für dieses Problem", erklärt Kirsten Rahmann vom Gesamtverband Textil + Mode. Cinque, Bugatti und Gerry Weber lassen hauptsächlich in Osteuropa, der Türkei und Fernost fertigen. Die importierten Kleidungsstücke stammen hauptsächlich aus China, der Türkei und Bangladesh, auch all die in NRW entworfenen Blazer und Blusen. Die in den Musternähereien von NRW hergestellten Prototypen werden in den ausländischen Fabriken haargenau nachgefertigt; deutsche Techniker überwachen jeden Schritt. Thomas Rasch von GermanFashion sagt: "Die deutschen Bekleidungshersteller kennen ihr Produkt noch sehr gut."
René Lezard und St. Emile in Franken
NRW ist ein starkes Anbieterland: Rund 30 Prozent der deutschen Modeunternehmen sitzen hier. Der Gesamtumsatz der deutschen Bekleidungsindustrie lag 2011 bei 12 Milliarden Euro. An den Firmennamen ist die deutsche Herkunft oft nicht zu erkennen, sie verschleiern sie mit italienisch, französisch oder englisch klingenden Namen. René Lezard, St. Emile und s.Oliver sitzen in den kleinen fränkischen Städtchen Schwarzach am Main, Kleinwallstadt und Rottendorf. Im baden-württembergischen Nußloch und Bodelshausen sind Betty Barclay und Marc Cain ansässig.
Von Italien nach Mönchengladbach

-
Bild 3 vergrößern
+
Cinque-Kollektion 2013: Sorbetfarben für Männer
"In den 70er-Jahren war ein italienischer Name Pflicht", sagt Tanja Bobel von Bugatti. Der Marketingleiter des Unternehmens, damals noch Lord-Bekleidungswerke, ließ sich das Mailänder Telefonbuch kommen und wählte zufällig den Namen Bugatti aus. Der Gründervater von Cinque Moda reiste mit Freunden durchs italienische Ligurien, kam dabei durch den Cinque Terre-Nationalpark und gründete 1984 das Bekleidungsunternehmen in Mönchengladbach. "Damals war die deutsche Mode steif, man sagte auch: alles wie festgenagelt. Die italienische Mode dagegen war leicht konfektioniert und stilsicher. Dieses Gefühl wollte er nach Deutschland bringen", erklärt Thomas Becks, Mitglied der Geschäftsführung von Cinque Moda. Label wie Blutsgeschwister, gegründet 2001 in Stuttgart, beweisen, dass sich die Zeiten geändert haben.
Dramatisches Überangebot an Kleidung in Deutschland
![Bildrechte: dpa/Vennenbernd [m] bk Auf einem Schaufenster in Köln steht der Schriftzug Sale](/themen/nrwbild446_v-ARDAustauschformat.jpg)
-
Bild 4 vergrößern
+
Deutschlands Modehandel ist ein Ort brutaler Rabattschlachten
Heute arbeiten noch 31.600 Menschen bei den deutschen Bekleidungsherstellern, von ehemals rund 500.000 in den 60er-Jahren. Nur indem die Unternehmen die Produktion ins Ausland verlagerten, konnten sie überhaupt überleben. Weil das Herstellen von Kleidern sehr personalintensiv ist, hat die Modebranche als eine der ersten die Globalisierung zu spüren bekommen. Die Hälfte der deutschen Bekleidungshersteller ging in den 60er- und 70er-Jahren pleite. Heute ist der deutsche Markt einer der am härtesten umkämpften in der Welt: Es gibt ein dramatisches Überangebot an Bekleidungsartikeln und heftige Rabattschlachten. "Wir haben in Deutschland 80 Millionen Quadratmeter an textiler Verkaufsfläche. Das bedeutet einen Quadratmeter zum Unterstellen für jeden Einwohner, vom Säugling bis zum Greis", beschreibt Thomas Rasch.
Export ist im ersten Quartal 2012 zurückgegangen
Weil der deutsche Markt gesättigt ist, sagt Thomas Becks von Cinque: "Unsere Zukunft liegt stark im Export. Wenn man auf dem deutschen Markt eine gewisse Exklusivität behalten möchte, bleibt einem nichts anderes übrig." Doch die Exportzahlen sind erstmals seit zwei Jahren im ersten Quartal 2012 um 3,2 Prozent gesunken, wie GermanFashion am Freitag (27.07.2012) bekannt gab. "Das ist schmerzlich", sagt Thomas Rasch, "denn der Export – durchschnittlich rund 40 Prozent der Waren – ist der einzige Wachstumsmotor." Viele deutsche Bekleidungshersteller setzen auch auf vertikale Geschäftsmodelle: Sie eröffnen eigene Läden – Gerry Weber macht es vor – und kontrollieren so den Warenstrom von der Herstellung bis zum Verkauf. Das macht sie weniger abhängig von Großkunden wie Kaufhäusern.
Ständig neue Kaufanreize
"Ein wichtiger Erfolgsfaktor für uns ist die Fähigkeit des permanenten Wandels. In einem Modeunternehmen muss man sich jeden Tag aufs Neue damit auseinandersetzen, wie man Kollektionen und Abläufe im Unternehmen verbessern kann", erklärt Gerhard Weber, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Gerry Weber. Die Firmenzentrale in Halle ist mit allen Läden und Verkaufsflächen elektronisch verbunden. So wissen Designer und Geschäftsführung jeden Tag genau, was sich verkauft und was nicht. Gerry Weber setzt außerdem auf Vielfalt und produziert sieben Kollektionen mit je drei Themen im Jahr, das ergibt 21 unterschiedliche Teilkollektionen: Alle zwei Wochen ist ein Abschnitt des Ladens neu gestaltet und gibt den Kunden neue Kaufanreize.
Auf dem Weg zur Winterkollektion 2013
In den meisten Ateliers ruht derzeit die Arbeit, die Sommerkollektion 2013 ist abgeschlossen. Während der Düsseldorfer Modemesse "The Gallery" öffnen Bugatti und Cinque ihre Düsseldorfer Showrooms in der Rheinmetall-Allee und Speditionsstraße und zeigen ihre neuesten Kreationen. Die Chefdesigner und Geschäftsführer werden ab August wieder ausschwärmen und sich inspirieren lassen, auf italienischen Stoffmessen und den Fashionweeks von New York, Mailand, London und Paris. Je nach Haus muss die neue Winterkollektion 2013 zwischen Oktober und Dezember diesen Jahres fertig sein.
Stand: 28.07.2012, 06.00 Uhr
- Wie geht es der deutschen Modeindustrie? Zahlen zu Export und wirtschaftlicher Lage beim Branchenverband GermanFashion
- Konjukturberichte auf der Homepage des Gesamtverbands Textil + Mode
- Homepage der Modemesse "The Gallery" in Düsseldorf: Trends für Frühjahr/Sommer 2013
- Düsseldorfer Streestyle im Blog von Maximilian Hug
- Streetstyles und Trends für 2013 im Berliner Modeblog LesMads
Kommentare zum Thema (3)
letzter Kommentar: 31.07.2012, 09:39 Uhr
- Hoher Standard schrieb am 31.07.2012, 09:39 Uhr:
- Mode ist Werbung, Werbung und nochmals werbung, was kann da noch an Substanz in den Kleidung stecken? So haben wir i.d.R. luftige Produkte aber immerhin noch etwas in der Hand, was man von Finanzprodukten nicht behaupten kann. Bedenklich ist dabei nur, wie in den Produktionsländern für die "Kostenersparnis" von paar Cent, die Chemie die traditionelle Bearbeitung ersetzt und z.B Chromate bei der Ledergerbung die Umwelt nachhaltig zerstört und die Menschen dort schneller als je zuvor altern lässt. Die paar Cent sparen sich auch die teuersten Modelabels? Man sollte die teure Mode auf jeden Fall mit einem geprüften Umweltstandard nobeln! Ich kaufe meine Hosen übrigens oft in der Sonderaktion von A... weil diese Kette wie andere unter Argusaugen der Öffentlichkeit in Bezug zu Umwelt und Kinderarbeit steht und deshalb es sich nicht leisten kann da zu oft aufzufallen. Somit ist dieser Discounter ein Garant für mich und einen (Umwelt)Standard.
- steuerzahler schrieb am 29.07.2012, 17:33 Uhr:
- Die die Mode tragen können werden weniger. Sehe immer mehr Frauen die aussehen wie ein Eishockeytorwart in Arbeitskleidung. Burgerdesigner das ist der Job.
- Der Affe,die Gewinne, die Umwelt, die Verdummung schrieb am 28.07.2012, 10:20 Uhr:
- Na ja Oscar Wilde soll gesagt haben:"„Die Mode ist so häßlich, daß man sie alle sechs Monate ändern muß." Wenig nachhaltig und dem angeblichen CO2-Klimarettungsrat zuwiderlaufend, dürfte es sich um "die älteste Vergnügungssteuer der Welt." (Hans Kasper , deutscher Schriftsteller) handeln. Bedenkt man, wie sang und klanglos die Textilindustrie im Münsterland unterging und Menschen um Lohn und Brot brachte, so muss man sagen: Die Obsoleszenz wurde nicht erst in USA und mit Glühbirnen erfunden, sondern war schon in Bekleidungsbranche seit jeher bekannt, der Frau sozusagen auf den Leib ...? Was in BRD geblieben ist, sind die überdimensionierten Werbebüros, Banken gleich ihre Produkte an Mann und Frau bringend, erzeugen sie eine Blase nach der anderen, generieren unheimliche Gewinnspannen auf dem Weg vom Erzeuger zum Konsumenten.Der Schein verdient, oder handelt ein Geldruckgewerbe? Bei den Spannen werden Apotheker blass. Für BRD wäre weniger mehr, nämlich mehr Produktionsarbeit in BRD
Seite teilen
Über Soziale Medien