Porträt einer schuldenfreien Stadt: Langenfeld: Nichts zu verschenken
Weit und breit kein Schlagloch in Sicht: Auch sichtlich heruntergekommene Straßenzüge oder ramponierte Spielplätze sucht man in Langenfeld vergeblich. Die 60.000-Einwohner-Stadt bei Leverkusen ist nach Jahren des Sparens schuldenfrei - und will es auch bleiben.
Nein, reich sei Langenfeld nicht, winkt Bürgermeister Frank Schneider (CDU) ab. Im Vergleich zu den meisten anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen sei die Stadt allerdings "gut aufgestellt", räumt er ein. Während andernorts Schwimmbäder und Schulen geschlossen werden, baut Langenfeld neue Kindergärten, hält seine Sportstätten in Schuss und senkt die ohnehin schon niedrigen städtischen Gebühren. In den zwei neuen Einkaufszentren rund um das Rathaus läuft das Weihnachtsgeschäft auf vollen Touren. Die Kunden aus dem Umland schätzten die zahlreichen Parkhäuser, in denen die erste Stunde nichts kostet. Und schließlich hätten sich rund 1.800 mittelständische Unternehmen hier niedergelassen, angelockt von niedrigen Gewerbesteuersätzen und guter Infrastruktur. "Das ist ein guter Branchenmix", sagt Schneider, "auch in Krisenzeiten bleibt der stabil."
Stadt war einst selbst hoch verschuldet
Noch vor 30 Jahren hatte Langenfeld selbst tief in der Krise gesteckt. Mannesmann und die Textilindustrie zogen sich aus der Stadt zurück, Tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Als der neue Stadtkämmerer Winfried Graw 1986 sein Amt antrat, waren die Schulden auf umgerechnet 38 Millionen Euro angewachsen. In seiner ersten Haushaltsrede mahnte Graw die Politiker zur Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen – und zum Sparen. "Es war eine ständige Auseinandersetzung mit der Politik", erinnert sich Graw, "aber zum Schluss haben alle mitgemacht." Bis 2004 arbeitete Graw als Kämmerer an seinem Projekt, der Entschuldung der Stadt. Stellen wurden gestrichen, die Verwaltung verschlankt, alle nicht unbedingt nötigen Projekte vertagt. "Ich habe beim Haushalt immer zuerst kalkuliert, welche Einnahmen wir haben. Und dann erst über Investitionen geredet. Nicht umgekehrt", fasst Graw sein simples Erfolgsrezept zusammen. Jedes Jahr konnte so ein Überschuss erwirtschaftet werden, der zur Schuldentilgung eingesetzt wurde. Am 3. Oktober 2008 hatte die Stadt es geschafft, Langenfeld war schuldenfrei.
Hilfen für arme Kommunen ohne Wirkung
"Manche sagen, wir hätten einfach von unserer günstigen Lage im Speckgürtel zwischen Köln und Düsseldorf profitiert", sagt Bürgermeister Schneider. "Das ist Unsinn. Sonst müsste es unseren Nachbargemeinden allen gut gehen." Tatsächlich sei die gute finanzielle Lage der Stadt ein Gemeinschaftserfolg der Bürger, die über 20 Jahre lang auf jedes Extra verzichtet hätten. Von dem neuen Konzept der Landesregierung zur Sanierung der Kommunalfinanzen hält Schneider nichts. "Die Gelder, die jetzt an arme Kommunen fließen sollen, sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein." Das wahre Problem liege darin, dass immer neue Aufgaben von Bund und Land auf die Kommunen abgewälzt würden, die aber alle nicht durchfinanziert seien. Hinzu kämen Missmanagement in den Kommunen und das Fehlen einer Kommunalaufsicht, die diesen Namen auch verdiene. "Das Land verbrennt Geld. Jede Kommune muss sich selbst auf ihre Stärken besinnen, um aus der Verschuldung herauszukommen."
Drei schlechte Jahre in Folge
Auch Kämmerer Detlev Müller glaubt nicht, dass es ein "Langenfelder Modell" gibt, das auf andere Kommunen übertragbar wäre. "Höchstens: Gib nicht mehr aus, als Du einnimmst. Aber das weiß doch jede Hausfrau von alleine." Zurzeit kann er diese eherne Regel seines Vorgängers Graw nicht einhalten: Zum dritten Mal in Folge wird er einen Haushalt in den Rat einbringen, der nicht ausgeglichen ist. "Für Langenfeld ist das schon sehr ungewöhnlich", sagt Müller. "Aber es gibt noch genug Rücklagen aus besseren Zeiten. Wir sollten damit die Durststrecke überstehen." Allerdings werde die Stadt von der Gemeinschaft auch stark in Anspruch genommen, zum Beispiel durch den kommunalen Finanzausgleich. Um die Einnahmen einer Kommune einzuschätzen, werde ein fiktiver Gewerbesteuerhebesatz zugrunde gelegt. Sind die realen Gewerbesteuern wie in Langenfeld niedriger, werden die Einnahmen der Kommune höher bewertet als sie in Wirklichkeit sind. "Das heißt, wir zahlen Abgaben für Steuern, die wir gar nicht einnehmen."
Klage gegen Soli-Beitrag angekündigt
Auch deshalb will sich Langenfeld gegen eine mögliche weitere Solidaritätsumlage wehren, mit dem finanzstarke Städte nach dem Willen der rot-grünen Landesregierung ab 2014 den armen Kommunen helfen sollen. "Warum sollen wir dafür bezahlen, dass andere ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben?", fragt Bürgermeister Schneider. Im Extremfall müsste Langenfeld dann zehn Millionen Euro zahlen, sieben Jahre lang. "Das ist mehr, als wir jemals selbst an Schulden hatten." Die Stadt werde gegen eine solche Entscheidung klagen. "Oder sollen wir vielleicht dafür neue Kredite aufnehmen?"
Stand: 07.12.2011, 06.00 Uhr
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Kommentare zum Thema (10)
letzter Kommentar: 08.12.2011, 20:10 Uhr
- Friesemann schrieb am 08.12.2011, 20:10 Uhr:
- Wie gut, dass es noch Kommunen wie Langenfeld gibt, die die alten preußischen Tugenden beherrschen, nämlich nicht mehr auszugeben, als man einnimmt. Hieran könnten sich andere Kommunen ein Beispiel nehmen. Nicht nur Kommunen, sondern auch das Land NRW. Es werden von diversen Politikern gerne Wohltaten verteilt auf Pump und das führt zu einer horrenden Verschuldung.
- Viel Licht aber auch viel Schatten schrieb am 07.12.2011, 20:09 Uhr:
- Irgendwie haben beide Seiten recht. Jedoch schauen wir uns die Haushaltsführung an. Das Prinzip der neuen kommunalen Finanzen wurde aus der ehemaligen und zu Recht diktatorisch bezeichneten DDR übernommen. Also nichts Neues! Dazu kommt, das die Kommunen in NRW die einzigen in der Republik sind, die alte Gebäude, Plätze oder Strassen zum heutigen Erstellungswert und nicht zum realen (abgeschriebenen Wert) in Ihre Bilanzen eingestellt haben. Mit diesen Bilanztrick erhöht jede Kommune seine Eigenkapitaldecke, ich nehme mal an, so auch Langenfeld. Auf diese Art kann man natürlich prima eine Schuldenfreiheit deklarieren. Diese Infos habe ich von einem hochrangigen Bediensteten des Innenministeriums. Kommentar "Bei solch einer Vorgehensweise würde im Privaten Bereich wegen Bilanzfälschung ein Strafverfahren eingeleitet", wobei ich davon ausgehe, dass der Kämmerer durch den Mantel des Gesetzes hierzu die Genehmigung hat. Also Bitte nicht soviel angeben mit der Schuldenfreiheit
- Typisch schrieb am 07.12.2011, 13:21 Uhr:
- Ich finde es erschreckend wie hier wieder rumgemosert wird. Die Stadt hat es geschafft schuldenfrei zu sein. Das ist in der heutigen Zeit eine herausragende Leistung. Natürlich muss man weiter am Ball bleiben um nicht wieder abzurutschen. Wenn man keine hohen Zinsrückzahlungen mehr tätigen muss, kann man sich auch langsam wieder sozialen Projekten zuwenden. Aber wo nichts ist, sollte man auch nichts ausgeben. Sonst enden wir wie die Griechen!
- Die kritische Langenfelderin schrieb am 07.12.2011, 12:33 Uhr:
- Schön, wenn man sich in einem Artikel so wiederspricht. Der Gewerbesteuerhebesatz wurde ohne jede Not gesenkt. Wie war das mit der Hausfrau und den Ausgaben die man ohne entsprechende Einnahmen nicht tätigen darf. 3x negativ Haushalt? Wie wäre es mit einer Erhöhung des Gewerbesteuerhebesatzes, damit man einer fiktiven Berechnung entgeht und real eingestuft wird? Oder kann man sich nicht dafür entscheiden, weil die Kreisumlage dann erhöht würde? Langenfelds "schuldenfrei" ist ein schönes Gemälde, dass aber einer Überprüfung auf Echtheit nicht standhielte. Schön, dass viele Langenfelder in den letzten 20 Jahren auf nichts verzichten mussten. Aber was ist mit den Langenfelder/innen, die sozial nicht so gut gestellt sind? Die werden gerade in Langenfeld vergessen: Sozialticket? Sozialer Wohnungsbau? Nein Danke!! CDUfeld wie man es auch nennen kann sollte daran denken christlich gilt auch, wenn es um andere Gehaltsklassen und die Würde der Ärmeren geht!!!
- Langenfeld hat begriffen schrieb am 07.12.2011, 12:23 Uhr:
- Wer im ÖD einen blitzblanken Schreibtisch vorweist, seine täglichen Aufgaben innerhalb weniger Stunden gutsortiert und korrekt erledigt, wird schon nach kurzer Zeit von Beförderungen und lohnsteigernden Fortbildungen ausgegrenzt, erhält bald schon von den "vollen" Schreibtischen zusätzliche Arbeit und wenn er es dann noch nicht kapiert haben sollte ins Bürgerbüro( oder jedenfalls weit ab von den Töpfeaufteilern) versetzt , damit er den stöhnenden Aktenanhäufern nicht mehr in die Quere kommen kann. Egal ob beamtet oder ver.di-dienstverpflichtet stören diese "Ausnahmen" den Verwaltungsablauf gewaltig, müssten doch nur allzu viele Hochbezahlte erklären, weshalb die Aktenlaufbänder bei ihnen stocken, ja in Zeitlupe laufen und somit die ganze Behörde "laggt". So ist es wohl in Langenfeld auch angekommen und man beginnt wieder (NRW-Parteienbürokratie wirds erleichtert zur Kenntnis nehmen) defizitäre Haushalte anzulegen!
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