Wirtschaftliche Lage kommunaler Kliniken Woran Krankenhäuser kranken

2,9 Prozent mehr Gehalt sollen die Ärzte an kommunalen Kliniken in NRW bekommen. Das klingt moderat, dennoch befürchten viele Klinikbetreiber wirtschaftliche Schieflagen. Gesundheitsexperte Boris Augurzky rät im Interview zur Spezialisierung.


Krankenzimmer
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Betten müssen sich rechnen.

Boris Augurzky leitet den Bereich "Gesundheit" beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Er ist Verfasser des jährlichen "Krankenhaus Rating Reports", der über tausend Jahresabschlüsse deutscher Kliniken auswertet.

WDR.de: Ärzte an kommunalen Kliniken sollen nach der Einigung im Tarifstreik 2,9 Prozent mehr Gehalt bekommen. Wie sehr verschärft sich dadurch die Lage an den Kliniken?

Boris Augurzky: Die Lage wird sich allein deshalb verschlechtern, weil der Gesetzgeber vorgeschrieben hat, dass die Preise für die Leistungen der Kliniken nur um etwas über ein Prozent steigen dürfen. Wenn jetzt die Kosten für Löhne und Gehälter um knapp drei Prozent steigen, entsteht natürlich eine Lücke.

WDR.de: Wie ist es generell um die wirtschaftliche Lage der kommunalen Kliniken in NRW bestellt?

Augurzky: Seit Jahren lässt sich beobachten, dass die kommunalen Kliniken schlechter dastehen als die nicht-kommunalen, sprich die privaten und frei-gemeinnützigen, die im Wesentlichen von den Kirchen betrieben werden. Insofern wird es dort auch schneller schmerzhafte Folgen haben, wenn die Kosten weiter steigen.

WDR.de: Woran liegt das?


Boris Augurzky
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Wirtschaftsforscher Boris Augurzky

Augurzky: Oft liegt es daran, dass die Aufsichtsgremien der kommunalen Kliniken, also die Stadt oder der Landkreis, zu stark in die Betriebsführung eingreifen. Das Problem ist, dass dann oft keine wirtschaftlichen Kriterien entscheidend sind, sondern politische Faktoren eine Rolle spielen. So besteht dann etwa der Bürgermeister auf einer Geburtsstation im Krankenhaus, obwohl diese klar defizitär wirtschaftet und es in der Nachbarschaft Kliniken gäbe, die das übernehmen könnten. Durch solche Entscheidungen binden sich viele kommunale Kliniken einen Klotz ans Bein und sind wirtschaftlich schwächer aufgestellt. Dazu kommt: Für Landräte und Bürgermeister sind die nächsten fünf Jahre entscheidend, was nach der nächsten Wahl ist, interessiert meist nicht. Dadurch fehlt oft der Sinn für strategische Maßnahmen: Wo soll investiert werden, wo soll das Krankenhaus in zehn Jahren stehen? Diesen Fragen stellen sich kirchliche und private Kliniken viel eher.

WDR.de: Was raten Sie den Kliniken?

Augurzky: Sie sollten versuchen, sich mit ihren Nachbarn abzusprechen und entsprechend stärker spezialisieren. Denn alle Analysen zeigen: Kleinen spezialisierten Kliniken geht es wirtschaftlich besser als den kleinen Gemischtwarenläden, die alles anbieten, aber in keinem Bereich richtig gute Qualität liefern.

WDR.de: Beim Kommunalen Arbeitgeberverband, der in NRW für 85 Kliniken und circa 6.000 Ärzte zuständig ist, wird die schlechte wirtschaftliche Lage anders begründet. Dort heißt es: Wir sorgen in ländlichen Gebieten für eine Versorgung, die die privaten Kliniken gar nicht leisten wollen, weil es sich für sie nicht rentiert.

Augurzky: Das ist eine These, die man so nicht halten kann. Es gibt auch einige private Krankenhäuser im ländlichen Bereich, die eine Grundversorgung gewährleisten und dennoch wirtschaftlich profitabel sind. Auch auf dem Land zeigt sich: Im Durchschnitt stehen die kommunalen Kliniken deutlich schlechter da.

WDR.de: In einer Ihrer Studien ist die Rede von regionaler Marktbereinigung. Auch Barmer-GEK-Chef Christoph Straub glaubt, es gebe in Deutschland zu viele Krankenhäuser. Wenn man rein wirtschaftlich denkt, müssten also eher Kliniken auf dem Land schließen. Aber kann man kranken Menschen einen Weg von 80 Kilometern zur nächsten Klinik zumuten?

Augurzky: NRW ist so dicht besiedelt, dass selbst in ländlichen Regionen die nächste Klinik meist nur 20 Kilometer entfernt ist. Die Grundversorgung für Notfälle könnte man weiterhin problemlos aufrechterhalten. Wenn man hier nach dem Zufallsprinzip zehn Prozent der Kliniken schließen würde, entstünde für die Patientenversorgung kein Nachteil. Dazu kommt: Es ist ja heute schon so, dass viele Patienten nicht automatisch in das nächstgelegene Krankenhaus gehen. Viele informieren sich und suchen einen Spezialisten auf, auch wenn der 50 Kilometer oder noch weiter entfernt ist.

Das Interview führte Ingo Neumayer.


Stand: 19.01.2012, 14.30 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 23.01.2012, 22:25 Uhr

dope schrieb am 23.01.2012, 22:25 Uhr:
Wieder mal darf sich ein Lobbyist der Unternehmen vertritt die an der Privatisierung öffentlicher Einrichtungen Geld verdienen (Admed, HPS Research) sich beim WDR als "Experte" aufspielen. Immerhin schafft es dieser Lobbyist sich innerhalb von nur zwei Antworten so deutlich selbst zu widersprechen dass er sich als "Experte" recht offensichtlich selbst disqualifiziert. Erst "Kleinen spezialisierten Kliniken geht es wirtschaftlich besser als den kleinen Gemischtwarenläden, die alles anbieten, aber in keinem Bereich richtig gute Qualität liefern. " Und dann "Es gibt auch einige private Krankenhäuser im ländlichen Bereich, die eine Grundversorgung gewährleisten und dennoch wirtschaftlich profitabel sind." Was denn nun, sind die kleinen Krankenhäuser die trotzdem eine Grunversorgung anbieten nun rentabel oder nicht??? Aber Hauptsache mal wieder die Privatisierung als Allheilmittel gefeiert. Die Investoren wird's sicher freuen. Wer zahlt wohl für deren Rendite drauf? Richtig, die P ...
norbert schrieb am 23.01.2012, 19:46 Uhr:
An der eigenen Gier
Piratenschelm schrieb am 20.01.2012, 10:24 Uhr:
Krankenhäuser sollten regelmäßig und unangemeldet kontrolliert werden wie der med. Dienst in Pflegeeinrichtungen (da allerdings wohl auch nicht immer unangemeldet?) es vormacht. Wenn die Angestellten in Privatkrankenhäusern so streiken würden wie in den staatlichen Einrichtungen, dann wären wohl die Gewinne auch dahin? Liegt also ein Teil der Probleme bei ver.di und Marburger Bund? Ein Schelm, wer .....
Patient schrieb am 20.01.2012, 09:13 Uhr:
@Ubertino da Casale: Sie waren wohl noch nie im Krankenhaus! Das schließe ich aus Ihrer Aussage:"Es gibt einfach zu viele Krankenhäuser." Ich bin leider recht häufig dort. Die sind überfüllt und das Personal überlastet!!!!!
Ubertino da Casale schrieb am 19.01.2012, 23:37 Uhr:
@Wolle Vieles was Sie schreiben ist richtig, allerdings wird die Lobby die Umsetzung der Vorschläge verhindern oder so verwässern, dass keine Wirkung mehr möglich ist. Die Bemerkung, dass im Gesundheitssystem kein Geld verdient werden dürfe, ist zwar ehrenvoll, aber weltfremd. Allerdings sollten die horrenden Gewinne, die in die Taschen der Pharmafirmen fließen, sinnvollerweise vom Staat entsprechend abgeschöpft werden. Mit diesem Geld könnte man das System sanieren.

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