Fünf Jahre nach der IKB-Krise: "Damals wurde viel Schindluder getrieben"
Die Düsseldorfer IKB geriet 2007 als erste Bank wegen der US-Hypothekenkrise in Schieflage. Professor Thomas Hartmann-Wendels von der Universität Köln erklärt, warum sich seitdem an der Einstellung vieler Banker nichts geändert hat.
WDR.de: Die IKB schockte 2007 die Öffentlichkeit, weil sie am 20. Juli noch einen Gewinn prognostizierte, am 30. Juli aber plötzlich eingestehen musste, dass sie beinahe zahlungsunfähig war. Wie konnte das passieren?

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Professor Thomas Hartmann-Wendels lehrt an der Uni Köln Bankbetriebslehre
Professor Thomas Hartmann-Wendels: Die IKB war damals im Markt mit Verbriefungen eingestiegen und wurde von der sogenannten "Subprime-Krise" in den USA erfasst. Das lief so ab: Amerikanische Hauskredite wurden damals zu Paketen zusammengefasst, bekamen je nach Risikobewertung ein Rating, also eine Bonitätsnote – häufig eine sehr gute, also AAA - und wurden dann als verbriefte Kredite auf den Kapitalmärkten gehandelt und an Investoren, beispielsweise Banken in aller Welt, verkauft. Dieser Verbriefungsmarkt boomte damals. Als dann die ersten Gerüchte aufkamen, dass einige dieser mit guten Bonitätsnoten versehenen Kredite doch ausfallen würden, weil sie eben "Subprime" waren - also Kredite an schlechte, an zahlungsunfähige Schuldner - da brach dieser Markt innerhalb kurzer Zeit regelrecht zusammen. Dieser Ausfall fauler Hypothekenkredite in den USA war der Beginn der weltweiten Finanzkrise.
WDR.de: Wie konnte es sein, dass die IKB zehn Tage vor ihrer drohenden Zahlungsunfähigkeit ihr Risiko aus diesem amerikanischen Subprime-Markt nur mit einer einstelligen Millionenzahl bezifferte?
Hartmann-Wendels: Die IKB hatte dieses Geschäft quasi aus ihrer Bilanz ausgelagert. Dafür waren zwei Zweckgesellschaften in Irland gegründet worden, die diesen Ankauf von Verbriefungen für die IKB betrieben. Der Grund war einfach: Die Bankenaufsicht in Irland war weniger streng als in Deutschland. Ihren Zweckgesellschaften musste die IKB allerdings Liquiditätszusagen von rund 17 Milliarden Euro machen. Für eine Bank mit rund 50 Milliarden Euro Bilanzsumme war das schon viel. Diese Liquiditätszusagen konnte man aus der Bilanz raus lesen, aber die Zweckgesellschaften selbst standen nicht drin - so ist auch die Aussage der IKB zehn Tage vor der drohenden Pleite zu erklären. Als eine der Zweckgesellschaften dann infolge der Krise auf dem US-Hypothekenmarkt diese zugesagte Liquidität brauchte, war die IKB überfordert.
WDR.de: Die IKB war doch in ihrem eigentlichem Geschäft, dem Kreditgeschäft mit mittelständischen Unternehmen, noch in gesundem Fahrwasser. Wieso konnte es so schnell zur Pleite kommen?

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Der erste deutsche Bankenrettungsfall: Die Düsseldorfer IKB
Hartmann-Wendels: Die Rating-Agenturen haben den Banken damals vorgeschlagen: Um in den Markt mit Verbriefungen einzusteigen, verkauft doch eure Kredite, die ihr beispielsweise an den Mittelstand vergeben habt. Mit dem frei werdenden Geld steigt ihr in das Verbriefungsgeschäft ein. Das hatte die IKB getan. In den Verbriefungen, die die Zweckgesellschaften gekauft hatten, war das Geld aber langfristig investiert. Um ihr Geschäft am Laufen zu halten, gaben die Zweckgesellschaften kurzfristige eigene Papiere heraus, das bedeutet sie liehen sich immer wieder für einige Monate frisches Geld von Investoren, beispielsweise anderen Banken. Als die anderen Banken plötzlich kein Geld mehr leihen wollten, weil durch den Ausfall der ersten Verbriefungen der Markt ins Wanken geriet, drohte die Pleite.
WDR.de: Welche Rolle spielte die Bankenaufsicht damals - hätte sie das nicht verhindern sollen oder können?
Hartmann-Wendels: Die Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) war sehr beunruhigt wegen dieser Zweckgesellschaften in Irland. Aber sie hatte darauf ja keinen direkten Zugriff. Man darf nicht vergessen, dass dieses Verbriefungsgeschäft damals politisch gefördert und regulatorisch begünstigt wurde. Politisch war der Zeitgeist damals so, dass man glaubte, der Finanzmarkt in Deutschland sei unterentwickelt im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien und man müsste diese Geschäfte deshalb gezielt fördern. Damals hat man die große Zukunft in diesem Verbriefungsgeschäft gesehen. Die Bafin konnte kaum dagegen schießen. Für die Banken ging es um Rendite: Solange der Verbriefungsmarkt noch funktionierte, erreichten sie Renditen von 15 bis 20 Prozent. Mit dem normalen Mittelstandsgeschäft der IKB wären solche Renditen nicht erreichbar gewesen. Die IKB musste sich fragen lassen: Wenn Verbriefungen doch so prima laufen, warum schafft ihr das nicht? Das hatte natürlich auch mit dem persönlichen Ehrgeiz des einen oder anderen zu tun, vielleicht auch mit Unfähigkeit, aber auch mit Druck vom Markt.
WDR.de: Was war das eigentliche Problem an den Verbriefungen?

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Verbriefungen als Gelddruckmaschine für Banken
Hartmann-Wendels: Die waren sehr intransparent, irgendwann wusste niemand mehr, welche Risiken eigentlich dahinter steckten - trotz der Bonitätsnote, die sie von den Ratingagenturen bekommen hatten. Verbriefung ist durchaus ein sinnvolles Instrument, aber damals hat man Schindluder damit getrieben. Das ganze hatte sich für die Banken zu einer Art Gelddruckmaschine entwickelt - das ging so lange gut, bis die Hypothekenblase in den USA platzte, die ersten verbrieften Kredite ausfielen und der Markt dafür in der Folge quasi zusammenbrach.
WDR.de: Was wurde aus dieser Krise gelernt, was ist bis heute an Verbesserungen im Finanzsystem erreicht worden?
Hartmann-Wendels: Man hat die internationalen Bilanzierungsvorschriften geändert, solche Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanzen der Banken gibt es jetzt kaum noch. Die internationale Bankenaufsicht wurde gestärkt, und die Eigenkapitalanforderungen sind jetzt höher, das heißt die Banken müssen einen höheren Puffer haben, um solche Verluste selbst abfangen zu können. Man hat eine Fülle von regulatorischen Aktivitäten ergriffen, um die Schlupflöcher zu stopfen, die sich damals geboten haben. Aber wenn Regularien von den Banken als Last und als Bürde verstanden werden, und man möglichst wieder versucht, das zu umgehen, dann wird das dennoch zu kurz greifen und am Ende verpuffen. Und dass sich diesbezüglich an der Einstellung in den Banken etwas geändert hat, daran darf man Zweifel haben.
Man sollte sich bei den Regeln für das internationale Finanzsystem auch nicht zu sehr darauf fixieren, was damals in der Subprime-Krise war. Damals waren nur einige große Banken in dem Markt mit toxischen Wertpapieren engagiert. Wir haben aber 2.000 Banken in Deutschland, davon sind der Großteil Sparkassen und Kreditgenossenschaften, die damals nicht beteiligt waren. Bei der Staatsschuldenkrise ist das anders: Auch Sparkassen beispielsweise halten Staatsanleihen aus Südeuropa. Die nächste Krise kommt aus einer anderen Richtung - und die Folgen könnten noch viel weitreichender sein.
Das Interview führte Petra Blum.
Stichworte
- IKB Deutsche Industriebank
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Die IKB Deutsche Industriebank AG mit Sitz in Düsseldorf war die erste Bank in Deutschland, die mit Beginn der Finanzkrise 2007 in Schieflage geriet und gerettet werden musste. Am 30. Juli 2007 gab die börsennotierte Bank bekannt, dass ihr die Zahlungsunfähigkeit drohte. Die Bank hatte sich am Markt für amerikanische Hauskredite verspekuliert. Nach einer Reihe von Rettungsmaßnahmen übernahm am Ende die staatseigene KfW Bankengruppe einen Anteil von fast 91 Prozent an der IKB, der 2008 wieder verkauft wurde. Die auf Mittelstandsfinanzierung spezialisierte IKB gehört jetzt dem Finanzinvestor Lone Star. Insgesamt musste die IKB vom Steuerzahler mit mehr als zehn Milliarden Euro gerettet werden. Gegen den damaligen Vorstandvorsitzenden Stefan Ortseifen wurde wegen Verstoßes gegen das Wertpapierhandelsgesetz und Untreue Anklage erhoben, 2010 wurde er vom Landgericht Düsseldorf wegen Börsenmanipulation zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten Haft und einer Geldauflage in Höhe von 100.000 Euro verurteilt.
- Verbriefung
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Eine Verbriefung macht aus einem Kredit, der von einem Gläubiger - etwa einer Bank - an einen Schuldner vergeben wurde, ein handelbares Wertpapier, das am Kapitalmarkt platziert werden kann. Verbrieft werden kann alles, was einen kontinuierlichen Zahlungsstrom in Form von Kreditzinsen und Tilgung verspricht, von Hauskrediten über Studentenkredite bis hin zur Autofinanzierung. Ein Großteil der Verbriefungen, die die Finanzkrise auslösten, waren private amerikanische Hypothekenkredite der minderen Qualität, die von amerikanischen Banken an finanzschwache Eigenheimbesitzer vergeben worden waren. Durch die Verbriefung konnten die Gläubigerbanken diese Hauskredite an andere Investoren weiterverkaufen. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Rating: Häufig wurden faule Kredite mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit mit guten Krediten zusammengefasst, bekamen eine sehr gute Bonitätsnote (AAA) und wurden als Bündel weiter verkauft. Die Käufer - Banken und Finanzinvestoren aus aller Welt - wussten oft nicht, welche Risiken wirklich dahinter steckten. Als 2007 die ersten amerikanischen Hauskredite ausfielen, brach der Markt für Verbriefungen, die bald als "toxische Wertpapiere" bezeichnet wurden, zusammen und löste die Finanzkrise aus.
- Subprime-Krise
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"Subprime"-Markt heißt der Markt für zweitklassige Hypothekenkredite, die vor der Krise 2007 an amerikanische Hauskäufer vergeben wurden. Zweitklassig waren diese Kredite deshalb, weil sie an Eigenheimbesitzer vergeben wurden, die mit Zinsen und Tilgung eigentlich überfordert waren. Oft waren es Schuldner, die bereits ein Haus und eine Hypothek hatten. Weil die Häuserpreise rasant stiegen, beliehen die Eigenheimbesitzer diesen gestiegenen Buchwert ihres Hauses und nahmen einen zweiten Kredit auf, um zum Beispiel ein zweites Haus zu zu kaufen, ein Auto zu finanzieren oder die Kinder auf eine bessere Schule zu schicken. Das ganze entwickelte sich zu einer Blase, die Kaufpreise der Häuser kletterten immer weiter in die Höhe und machten die Eigenheimbesitzer zumindest auf dem Papier "reicher". Die Banken vertrauten darauf, dass die Häuserpreise weiter stiegen oder dass sie den Kredit zumindest rechtzeitig auf dem Kapitalmarkt an andere weiterreichen konnten und vergaben weiterhin Kredite an zweitklassige Schuldner. 2007 platzte diese Blase, die ersten Hauskredite fielen aus und lösten die so genannte Subprime-Krise aus, die zuerst den amerikanischen Häusermarkt und die dazugehören Gläubigerbanken betraf und dann schnell den Finanzmarkt infizierte, weil bereits große Mengen dieser zweitklassigen Kredite an Investoren aus aller Welt weiterverkauft worden waren.
Stand: 30.07.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (9)
letzter Kommentar: 31.07.2012, 11:53 Uhr
- Michel schrieb am 31.07.2012, 11:53 Uhr:
- Deutschland hat schon längst keine Möglichkeit mehr stabilisierend einzugreifen. Die weltweiten Schulden, und was noch viel schlimmer ist, eine völlig aus dem Ruder gelaufene Vermögensverteilung (2% der Weltbevölkerung besitzen 60% aller Vermögen und die lassen sich den Schuldendienst reichlich gut bezahlen) lassen eine geordnete Krisenlösung überhaupt nicht zu. Das System ist das Problem. Anscheinend will niemand wahrhaben, das in solch einem Zinseszinssystem irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem die Schuldner nicht mehr zahlungsfähig sind und nicht mal die Zinsen für ihre Darlehen bezahlen können. Heute sind in allen Preisen zwischen 25-35% Zinsen einkalkuliert, die letztendlich der Verbraucher am Ende der Kette zahlen muss. Eine zeitlang kann der Konsum über Kreditfinanzierung am laufen gehalten werden, aber jetzt ist das Schneeballsystem am Ende. Hinzu kommen unverantwortliche Spekulationswetten die nur den Spekulanten nutzen und das reale Wirtschaftssystem massiv gefährden.
- Mit dem Problem löst man doch keine Probleme? schrieb am 31.07.2012, 11:07 Uhr:
- Draghi war zum Zeitpunkt des Griechenbeitritts zur Eurozone Verantwortlicher für Europa bei Goldman Sachs, der Investmentbank die zugegebenermaßen den Griechen bei ihrer Euroeinstiegsbuchführung half. Draghi bestreitet von diesem Prozess bei Goldman Sach überhaupt Kenntnis besessen zu haben. Wem das bekannt vorkommen sollte, weiß auch ungefähr, wo es letztendlich hinführt. Es wäre jetzt nur für den Euroerhalt segensreich, wenn Draghi jetzt wenigstens Kenntnis hätte, wie man das Problem löst, nämlich indem er zur Kenntnis nimmt, dass reformunwillige (heute beschließen die Griechen statt 2 doch besser auf 4 Jahre zu strecken und dann das Murmeltier erneut zu befragen) Griechen zum Austritt geführt werden?
- Bazooka-Banker und ... schrieb am 30.07.2012, 21:02 Uhr:
- Allmählich kommt auch für die EZB die Frage nach wo war Draghi vorher beschäftigt, warum ist er bei den G30 der Bankenmanager geführt, warum redet der Verantwortliche Juncker von Notwendigkeiten, wo keine sind. Von Schicksal und keiner hats kommen sehen, können unsere Politiker nicht mehr reden, sie wissen wen sie zum Gärtner in Europa und der EZB gemacht haben. Die Märkte waren und sind kein Kriterium für politische Entscheidungen, sondern die Menschen. Der Euro hat Europa in einen Grabenkrieg getragen? Spalten statt vielbeschworenes Vereinen ist zurzeit nur noch zu sehen, aber mit Ansage und dem ausgewählten Personal?
- Henry 78 schrieb am 30.07.2012, 11:52 Uhr:
- @ schwarzer Martin ,schon Demenz? Ihre geliebte CDU-Regierung klopft den Bankern nicht auf die Finger! Die Anderen Parteien auch nicht,also geht die fröhliche Zockkerei un- gebremst weiter.Aber was kann man schon von einer Kanzlerin im Presswurst Loock und mit Nylonsöckchen in Schlappschuhen erwarten? Wie sagte meine Grossmutter(Gott habe sie selig)."So wie man kommt gegangen,so wird man auch empfangen"! Schönen Tag noch!
- schwarzer Martin schrieb am 30.07.2012, 10:05 Uhr:
- @Heinz Faßbender, solange unsere geliebte CDU-regiert ,bestimmt nicht. Grüße aus dem schwarzen Münsterland.
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