Vor 20 Jahren: Krupp schluckt Hoesch: Die Mutter vieler Wirtschaftskrimis
Am 1. Januar 1993 begann die Krupp Hoesch Stahl AG ihre Geschäftstätigkeit. Vorausgegangen war die erste feindliche Übernahme in der deutschen Industriegeschichte.

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Westfalenhütte Dortmund (1981)
Ein kilometerlanger Fackelzug schlängelt sich am Abend des 17. Februar 1993 über die B 1 durch Dortmund. 40.000 Menschen sind auf den Beinen, um dem Mann heimzuleuchten, der Krupp-Hoesch, den zweitgrößten deutschen Stahlkonzern nach Thyssen, geschmiedet hat: Gerhard Cromme. Der Manager ist das Feindbild Nummer eins bei den Stahlkochern im Ruhrgebiet. Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz, weil feststeht, dass eine der Hütten in Dortmund, Rheinhausen, Siegen oder Hagen dichtgemacht wird. Am Ende trifft es den Krupp-Standort Rheinhausen, die "Nacht der 1.000 Feuer" hat daran nichts geändert.
Seit am 1. Januar 1993 die Krupp Hoesch Stahl AG offiziell ihre Geschäftstätigkeit aufnahm, sind in Dortmund mehr als 20.000 Arbeitsplätze verschwunden, die direkt und indirekt von Hoesch abhingen. Krupp-Hoesch machte sich die Tatsache zunutze, dass beide Unternehmen zu 70 Prozent die gleichen Produkte herstellten, neben Stahl beispielsweise Autobleche, Bagger, Zementmischer. Entsprechend leicht war es, "Synergien" zu erzielen, also Werke zusammenzulegen, Arbeitsabläufe zu vereinheitlichen, Kosten zu sparen. Die Zeche zahlten die Stadt und das Umland. "Hoesch war seit 1871 im Dortmunder Raum der zunehmend größte Arbeitgeber", sagt Michael Dückershoff, Kurator des Hoesch-Museums, das im Portierhaus I der alten Hauptverwaltung an der Eberhardstraße untergebracht ist. "Insofern war die feindliche Übernahme durch Krupp ein herber Schlag."
Crommes Coup

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Gerhard Cromme: "Vater" von Krupp-Hoesch
Es war die erste feindliche Übernahme hierzulande. "Das Monopoly an der Ruhr markiert einen neuen Stil in der deutschen Industrie", schrieb damals der "Spiegel". Über mehrere Jahre hatte Krupp auf Crommes Initiative heimlich Hoesch-Aktien gekauft. Im Oktober 1991 erfuhr die erstaunte Börsenwelt, dass der Anteil auf 24,9 Prozent angewachsen war. Weitere 30 Prozent hielten die Hausbanken von Krupp, die WestLB in Düsseldorf und die Schweizerische Kreditanstalt. Damit war die Aktienmehrheit so gut wie gesichert und ein Unternehmen mit 28 Milliarden D-Mark Umsatz und 111.000 Beschäftigten entstanden. Krupp-Hoesch saß Branchenführer Thyssen, der 36 Milliarden Umsatz und 150.000 Beschäftigte hatte, im Nacken.
Der Coup konnte nur gelingen, weil Cromme und sein Mentor Berthold Beitz, der Chef der Krupp-Stiftung, auf absolute Geheimhaltung achteten. Selbst im Krupp-Vorstand wussten nicht alle Bescheid. Die IG Metall, die im Ruhrgebiet an vielen Türen ihr Ohr hat, war ahnungslos. Die Führungskrise bei Hoesch spielte Krupp in die Hände: Nachdem der erfolgreiche Vorstandsvorsitzende Detlev Karsten Rohwedder 1990 zur Treuhandanstalt gewechselt war, konnten sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat lange nicht auf einen Nachfolger einigen. Als Karl-Josef Neukirchen das Ruder übernahm, war es für eine Abwehrschlacht zu spät. Neukirchen hatte keinen Rückhalt in der Belegschaft, er verließ 1993 das Unternehmen wieder.
Relikt Westfalenhütte
Der drastische Stellenabbau, der bei Hoesch, aber auch bei Krupp folgte, verlief insofern glimpflich, als die Montan-Mitbestimmung die Stahlarbeiter vor Massenentlassungen schützte. Viele gingen in Vorruhestand oder nahmen andere Jobs im Konzern an. Mit den Menschen verschwanden die Maschinen. Hochöfen und Stahlwerke wurden in Dortmund demontiert und nach China verkauft. Dort ist auch noch die Kokerei Kaiserstuhl in Betrieb. Die Megafusion von Krupp-Hoesch mit Thyssen zu Thyssen-Krupp im Jahr 1999 beerdigte den Stahlstandort Dortmund endgültig.

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Drastischer Stellenabbau bei Krupp-Hoesch
2001 erfolgte der letzte Hochofenabstich auf der Westfalenhütte im Nordosten der Stadt. Sie ist das Wahrzeichen des Hoesch-Konzerns, 1871 errichtet von Leopold Hoesch und seinen Söhnen und Vettern. Auf dem vier mal fünf Kilometer großen Gelände waren in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts 25.000 von insgesamt knapp 50.000 „Hoeschianern“ beschäftigt. Heute gibt es hier noch 1.300 Mitarbeiter. Sie verarbeiten Warmbandstahl aus Duisburg zu Teilen für die Autoindustrie. Außerdem betreibt Thyssen-Krupp eine Feuerverzinkungsanlage und eine Forschungseinrichtung für die Oberflächenveredelung von Flachstahl. Auf einer Teilfläche der Westfalenhütte entsteht ein Zentrum für Logistik, Informations- und Mikrosystemtechnik.
Badewannen und Stahl
"Heute lassen sich nur noch vereinzelt Hoesch-Relikte finden: unser Museum, Hoesch Hohenlimburg – eine Thyssen-Krupp-Gesellschaft – und einige Patentierungen", sagt Museumskurator Michael Dückershoff. "Natürlich erinnern auch die Hinterlassenschaften an Hoesch: die großen Gelände, Phoenix-West mit der Hochofenanlage, die Westfalenhütte und auch der Phoenix-See." Die Internet-Domain www.hoesch.de gibt es auch noch. Sie gehört der Hoesch Design GmbH, einem Hersteller von Badewannen, Whirlpools und Duschkabinen in Kreuzau in der Eifel.
Die Namensverwandtschaft ist kein Zufall. Die Wiege des Stahlkonzerns steht nämlich nirgendwo anders als hier: 1742 baute Leonhard Hoesch in Kreuzau-Schneidhausen eine Eisenschneidmühle. Ein Zweig der Unternehmerfamilie gründete die Firma Eberhard Hoesch & Söhne, aus der der Dortmunder Stahlkonzern entstand. Beide Hoesch-Dynastien teilen das gleiche Schicksal: 2005 wurde der Badewannenzweig von einem polnischen Sanitärhersteller gekauft.
Stand: 01.01.2013, 00.00 Uhr
Kommentare zum Thema (12)
letzter Kommentar: 02.01.2013, 18:38 Uhr
- Richtig verstanden schrieb am 02.01.2013, 18:38 Uhr:
- @Politiker leben in BRD-Scheinwelt schrieb heute, 18:11 Uhr: Verstehe ich das richtig sie fordern Subventionen für die Industrie? Was ist denn die Abwrackprämie gewesen? Hätte man dieses mit Anschub eines neuen Antriebssystem verbunden, dann wäre aus einem gesättigtem Ersatzmarkt in Europa ein hungriger Neumarkt entstanden, der in der Lage wäre die Kapazitäten auszulasten und Arbeitsplätze sowie damit verbundenen Wohlstand zu garantieren. So aber subverntioniert man nur die wolstandsvernichtenden Bürokratiearbeitsplätze einer Dienstleistungsgesellschaft aus Staatsdienern, deren Einkommen nur aus Schulden generiert werden und daher um ein Vielfaches zu hoch ausfallen.
- @Politiker leben in BRD-Scheinwelt schrieb am 02.01.2013, 18:11 Uhr:
- Verstehe ich das richtig sie fordern Subventionen für die Industrie?
- Politiker leben in BRD-Scheinwelt schrieb am 02.01.2013, 11:46 Uhr:
- China baut seit diesem Jahr mehr Autos als BRD. Weil in BRD kein Förderungsprogramm für neu ausgerichtete PKW mit Elektroantrieb oder Brennstoffzelle statt Abwrackprämie angelegt wurde, fehlen nun die nachhaltigen Anschlussperspektiven in BRD die PKW-Kapazitäten der Bänder auszulasten. Konkret werden die Arbeitsplätze in BRD-Automobilbranche wegbrechen wie vorher bei Kohle und Stahl, Thyssen ist ein guter Indikator dafür. Wenngleich Cromme sicherlich mehr der finanziellen Desasters im Management eigentlich und in Person auf sich nehmen müsste so kann er für diesen Trend nun wirklich nichts.
- Stürmer schrieb am 02.01.2013, 00:43 Uhr:
- Die deutsche Industrie kommt relativ gut aus dem Ars.. und ist in der Lage Kriesen zu überwinden, weil ihr der Ars.. nicht mehr über Jahrzehnte mit Steuergeldern für Verluste vergoldet wird. Das kam eh den Baronen zugute. Gut das der elende Bergbau, so sehr ich ihn auch mochte, nun überteuerte Geschichte ist. Wenn Opel über GM Müll baut muss Opel nun mal dafür gerade stehen. Nicht die deutsche Nation sollte über Opel die US Firma GM refinanzieren, auch wenn Opel tolle Autos baut. Keine Industrie lebt ewig, es kommen immer wieder neue. Dranbleiben muss man, und nicht sein Geld nur in alte Zöpfe stecken. HKM ist ein Beispiel in Sachen Stahl.
- Manni Hoesch schrieb am 01.01.2013, 20:47 Uhr:
- @ Hoeschianer, das kommt davon, wenn man nur die Kirchturmspitzen des Kölner Doms kennt. Knapp hinter LEV fängt für manchen Rheinländer schon Sibirien an. Gut das Schalke 04 und Borussia Dortmund in der 1. Buli spielen, ansonsten käme Westfalen auf der Landkarte des WDR nicht mehr vor oder wäre schon längst Niedersachsen oder Hessen zugeschlagen worden.
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