Interview mit einer Geburtshelferin "Hebamme ist ein teures Hobby"

Im Honorarstreit der Krankenkassen mit den freiberuflichen Hebammen gibt es ein erstes Ergebnis: Für die Mehrkosten durch die Berufshaftpflicht kommen künftig die Kassen auf. Für die Bielefelder Hebamme Barbara Blomeier sind noch Fragen offen.


eine freiberufliche Hebamme hört mit einem Hörrohr die Herztöne des Babys einer werdenen Mutter ab.
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Niedriglohn für viel Verantwortung?

WDR.de: Frau Blomeier, bei der Berufshaftpflicht haben Sie sich durchgesetzt. Sind Sie zufrieden?

Barbara Blomeier: Nein, überhaupt nicht. Zum 1. Juli steigen die Prämien für die Berufshaftpflicht um 15 Prozent und die Kassen haben jetzt angekündigt, dies mit einer Steigerung der Honorare für die Geburtshilfe auszugleichen. Das heißt: Vom Niveau ändert sich überhaupt nichts, wir haben keinen Euro mehr auf dem Konto. Deshalb müssen wir weiter kämpfen.

WDR.de: Nach wie vor hält ihr Verband an einer 30-prozentigen Erhöhung der Honorare fest. Das klingt nach sehr viel.

Blomeier: Das klingt zunächst einmal bombastisch: Aber nach einer aktuellen Studie liegt der durchschnittliche Stundenlohn einer freiberuflichen Hebamme bei rund 7,50 Euro. Also bedeuten 30 Prozent nichts weiter als eine Erhöhung auf knapp zehn Euro. Das ist immer noch eine Lächerlichkeit, verglichen mit dem, was ein Handwerker verdient.

WDR.de: Wie viel verdienen Sie denn?


Barbara Blomeier
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Barbara Blomeier

Blomeier: Oh, das habe ich mich noch gar nicht getraut, genau auszurechnen. Bis vor einem Jahr habe ich alles komplett angeboten, also auch Hausgeburten, Einsatz in der Klinik und so weiter. Damals lag mein durchschnittlicher Stundenlohn für diesen Bereich bei etwa 7,40 Euro. Inzwischen bin ich ja hauptsächlich für den Verband und entsprechend weniger freiberuflich tätig. Meine Einkünfte dürften sich dadurch allerdings nicht großartig erhöht haben.

WDR.de: Wurden Hebammen denn früher besser bezahlt?

Blomeier: Nein.

WDR.de: Sie haben immer in prekären Verhältnissen gearbeitet? Warum wählt man dann überhaupt diesen Beruf?

Blomeier: Viele freiberuflich tätige Kolleginnen haben sich erst im Zuge der aktuellen Diskussion hingesetzt und nüchtern ihren Stundenlohn ausgerechnet - mit den bekannten Ergebnissen. Viele haben nach dieser Rechnung die freiberufliche Tätigkeit eingeschränkt oder ihren Beruf aufgegeben, den sie einmal aus idealistischen Gründen gewählt haben.

WDR.de: Was bedeutet das für die werdenden Mütter?

Blomeier: Im schlimmsten Fall werden sie keine Hebamme finden. Und zwar nicht nur für Geburtshilfe, sondern auch für die Betreuung nach der Geburt zuhause.

WDR.de: Ist das denn so schlimm? Werden die Frauen in den Kliniken denn nicht ordentlich versorgt?

Blomeier: Frauen müssen frei entscheiden können, wo sie ihr Kind zu Welt bringen. Und zwar mit professioneller Hilfe. Das ist ein Grundrecht, das der Bundestag gerade aktuell mit der Festschreibung der Hebammenleistung im Sozialgesetzbuch verabschiedet hat. Das klappt natürlich nicht, wenn immer mehr Hebammen aufhören, weil sie sich ihr teures Hobby nicht mehr leisten können.

WDR.de: Wenn jetzt eine junge Frau zu ihnen kommt und sagt, sie möchte gerne Hebamme werden. Was raten Sie ihr?

Blomeier: Schwierig. Vor ein paar Jahren hätte ich mich noch gefreut und gesagt: Mach die Ausbildung, dann wirst Du sehen, ob es was für dich ist. Das ist weit mehr als ein Job, das ist eine Lebensaufgabe, eine Berufung. Inzwischen muss ich schweren Herzens sagen: Überlege dir gut, ob du dir das finanziell leisten kannst.

Das Interview führte Andreas Poulakos.


Stand: 10.07.2012, 13.50 Uhr


Kommentare zum Thema (22)

letzter Kommentar: 14.07.2012, 10:25 Uhr

Selbstständiger schrieb am 14.07.2012, 10:25 Uhr:
Ich und meine freiberuflichen Kollegen müssen für die Beruftshaftpflicht auch selbst und alleine aufkommen. Diese Kosten können wir auch nicht an unsere Kunden weitergeben. Gejammert wird aber trotzdem nicht.
Westfälin schrieb am 12.07.2012, 19:05 Uhr:
Also, so einfach ist es ja mal nicht. Die Hebammen in Kliniken haben ja offenbar die gleichen Probleme, zumal das zum Teil auch Freiberuflerinnen sind. Offenbar wird da wie dort nach Fallpauschale bezahlt. Und die Haftpflicht brauchen Angestellte auch. Auf der Verbandsseite gibt es Zahlen. Au weiha! Ich bin keine Hebamme, aber selbstständig. Als Freiberuflerin 23.300 € Jahresumsatz, das heißt vor allen Abzügen und Kosten (Auto, Telefon...) , davon allein mehr als 10 % für die Haftpflicht. Und als Hebamme ist frau ja wohl ständig "stand by". Babys haben ja keine Verträge mit irgendwelchen Dienstzeiten...Na, danke. Im übrigen heißt es ja nicht, dass Mutti nach der Hausgeburt "extra" zahlt. Geburtskosten übernimmt die Krankenkasse. Ich denke, jemand der sich um die Gesundheit von Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt kümmert, sollte doch genauso viel verdienen, wie ein anständiger Klempner.
JaneDoe schrieb am 12.07.2012, 14:32 Uhr:
Kinder nur noch in Kliniken zur Welt bringen, dort ist die Hebamme inbegriffen und muß nicht von der Mutter extra bezahlt werden. Sicherer ist es auch noch. Wenn die freien Hebammen meinen sie müssten gleich 30% mehr verdienen dann verdienen sie eben gar nichts mehr :-)) 30 % sind nicht einzusehen, da könne die Hebammen noch so ihre Leistungen in den Vordergrund schieben. Das beste ist wirklich zur Geburt in die Klinik.
IQ schrieb am 11.07.2012, 14:29 Uhr:
@ Polly , ich gebe Ihnen ja soo recht! Die Vorstände der Krankenkassen und der KV genehmigen sich horrende Gehälter und an der Basis ,dort wo das Geld am dringendsten benötigt wird, sparen diese "Herren" auf Teufel komm raus. Und diese Dummschwätzer, die überall ihren Schwachsinn kund tun müssen, sind schon erschreckend.
Westfälin schrieb am 11.07.2012, 12:53 Uhr:
Wie man bei 7,40 € Stundenlohn von Gier sprechen kann, verschließt sich mir. Darüber hinaus scheint mir totale Unkenntnis über den Beruf der Hebamme zu herrschen. Bei der Geburt als solcher macht die Hebamme - von der Gebärenden abgesehen - den Hauptteil der Arbeit. Selbst Ärzte im Krankenhaus sind da eher die "Techniker". Die Frage, ob angestellte Hebamme oder freiberuflich entscheidet sich für die Hebamme oft ja auch erst nach der Ausbildung. Gibt es überhaupt freie Stellen in einem Krankenhaus? - Das hat mit dem Bedarf nach der "Facharbeit" ja oft gar nichts zu tun. Die Vor- und Nachsorge-Hilfe der Hebamme ist von unschätzbarem Wert. Bei den 1000 Fragen und Schwierigkeiten, die nicht nur jungen Mütter vor- und nach der Geburt haben, kann die Hebamme zu Hause - ganz wichtig - Hilfe leisten, bei Problemen, die der Arzt nie sieht, bei Fragen, die er nicht beantworten kann oder will. (O-Ton: "Das ist nicht meine Baustelle"!!).

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