Erdwärme aus der Ex-Zeche: Grubenwasser heizt Klassenzimmer auf
Mit einem Geothermie-Projekt wollen RAG und Stadtwerke Bochum umweltfreundliche Energie erzeugen. Am Montag (08.10.2012) ging eine Pilot-Anlage zur Wärmenutzung von Grubenwasser aus einer stillgelegten Zeche offiziell in Betrieb. Umweltschützer loben das Projekt.

-
Bild 1 vergrößern
+
Grubenwasser wird zur Nutzung als Heizmaterial die Wärme entzogen
Die Zeche "Robert Müser" in Bochum wurde schon 1968 stillgelegt. Allein am Schacht Arnold des alten Steinkohle-Bergwerks muss die RAG (einstige Ruhrkohle AG) aber noch immer rund zehn Millionen Kubikmeter Grubenwasser pro Jahr abpumpen. Bisher wurde das Wasser aus knapp 600 Meter Tiefe in Teiche eingeleitet, um das Volllaufen von Bergstollen in der Region zu verhindern. Nun wird das etwa 20 Grad warme Grubenwasser zuvor als Energiequelle für Heizungen und sanitäre Anlagen in Schulen zwischengenutzt.
35 Prozent weniger Energie?
Der Probebetrieb läuft schon seit Juni 2012. Offiziell wurde das Geothermie-Projekt der Stadtwerke Bochum und der RAG Aktiengesellschaft am Montag (08.10.2012) gestartet. 1,2 Millionen Euro investierten die Stadtwerke Bochum. 500.000 Euro davon kamen als Fördersumme vom Bund. Nach Angaben einer Stadtwerke-Sprecherin will Bochum mit der Grubenwasser-Heizung 35 Prozent des zuvor in zwei nahen Schulen und einer Feuerwehr-Wache eingesetzten Erdgases einsparen. Mindestens 245 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr sollen so weniger verfeuert werden.
Das Projekt sei "in dieser Art einmalig in Deutschland", sagte Dietmar Spohn, Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum. Durch die Erfahrungen mit diesem Pilotmodell könne man "das gewonnene Know-how vielleicht auch auf andere stillgelegte Zechen übertragen". Jürgen Eikhoff, Technikvorstand der RAG Aktiengesellschaft, betonte, die Planungen habe man bereits "vor der Energiewende begonnen". Das alte Kohleunternehmen will grüner werden. Händeringend sucht die RAG nach Wegen, das noch auf unabsehbare Zeit abzupumpende Grubenwasser kreativ zu nutzen.
Bis zu 50 Grad Heizwärme

-
Bild 2 vergrößern
+
Ein Wärmetauscher an der alten Schachtanlage überträgt die Wärme des Grubenwassers
Das Verfahren funktioniert nach Angaben der Bochumer Stadtwerke so: Ein Wärmetauscher an der Schachtanlage überträgt die Wärme des aus 570 Metern Tiefe geförderten Grubenwassers an einen mit Wasser betriebenen Zwischenkreis. Da das Grubenwasser einen erhöhten Salzgehalt aufweist, hilft der Zwischenkreis nur die Wärme aus dem Wasser zu übertragen. Wärmepumpen und ein Blockheizkraftwerk sollen die neue Technik unterstützen, "so dass je nach Bedarf das Temperaturniveau für Schwimmbecken und Duschen auf bis zu 50 Grad angehoben werden kann".
Umweltschützer begrüßten das Bochumer Erdwärme-Modell. "Das ist eine saubere Sache. Das Projekt ist beispielhaft dafür, wie man in der durch den Kohlebergbau arg gebeutelten Region zukunftsfähige Energie nutzen kann", sagte Dirk Jansen, NRW-Geschäftsleiter und Kohleexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), zu WDR.de. "Die Nutzung temperierter Tiefenwässer zur Energiegewinnung bietet sich im Ruhrkarbon ja geradezu an, auch wenn nicht klar ist, wie sich Menge und Qualität des Grubenwassers nach Bergbauende weiterentwickeln werden." Umweltrisiken seien durch die Methode "kaum zu erwarten".
Zukunftspläne mit Grubenwasser
Die RAG erhält von den Stadtwerken keine finanzielle Gegenleistung, da der Kohlekonzern das Grubenwasser ohnehin abpumpen muss, um beispielsweise ein Abrutschen des Erdreichs und andere Umweltschäden zu verhindern. Diese und weitere sogenannten Ewigkeitskosten des 2018 auslaufenden subventionierten Steinkohle-Bergbaus muss die RAG tragen.
Ganz neu ist die Idee in Bochum nicht. 2008 startete die niederländische Stadt Heerlen bei Aachen ein ähnliches Projekt zur Nutzung von heißem Grubenwasser. Mehrere hundert Wohnungen in einer Neubausiedlung erhielten so eine neue Heizungsversorgung. Falls sich das Projekt in Bochum rechnet, soll es nach Angaben der Stadtwerke ausgeweitet werden.
Stichworte
- Erdwärme
-
Erdwärme (Geothermie) ist eine der erneuerbaren Energien. Über Wärmepumpen kann Erdwärme für die Heizung oder Warmwasserbereitung in Gebäuden verwendet werden. Die Potenziale für die Stromerzeugung gelten als sehr groß bei allerdings hohen Investitionskosten. Mit zunehmender Tiefe steigt die Temperatur - in Mitteleuropa um durchschnittlich drei Grad Celsius pro 100 Meter. Das direkte Anzapfen heißer Quellen oder das Auspressen von Wasser aus dem Gestein sind jedoch nicht die einzigen Möglichkeiten. In vielen Geothermie-Anlagen wird kaltes Wasser nach unten geleitet, wo es sich erhitzt und dann als Wasserdampf an die Erdoberfläche zurückkehrt. Anfang 2012 waren in der Bundesrepublik rund 250.000 Erdwärme-Heizungen in Betrieb.
Stand: 08.10.2012, 16.00 Uhr
Kommentare zum Thema (5)
letzter Kommentar: 08.10.2012, 22:52 Uhr
- Stephan schrieb am 08.10.2012, 22:52 Uhr:
- Interessante Idee, das Wasser muss ja sowieso abgepumpt werden. Warum es dann nicht auch nutzen ? Aber, lieber Autor: "Mindestens 245 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr sollen so weniger verfeuert werden" Kohlendioxid ist garantiert unbrennbar, das kann man nicht verfeuern. Bitte mal drüber nachdenken.
- Klaus Lohmann schrieb am 08.10.2012, 22:31 Uhr:
- @"und danach ...": Die Emschergenossenschaft rechnet in den nächsten Jahren mit Mehrausgaben von ca. 800 Mio. Euro durch den stetig steigenden Grundwasserpegel fast im gesamten Ruhrgebiet, somit wäre ein Rückpumpen kontraproduktiv und eine "Zweitnutzung" unsinnig, da genügend salzärmeres und damit korrosions-verhinderndes Oberflächenwasser vorhanden ist. Das Wasser muss möglichst zügig über Emscher/Ruhr und Rhein in die Nordsee, sonst saufen wir hier ab.
- und danach ... schrieb am 08.10.2012, 22:02 Uhr:
- Ein dickes Lob an diejenigen, die diese Technik soweit konstruiert und entwickelt haben. Jetzt kommt die große Frage auf: wohin mit dem geförderten Wasser? Jetzt müsste man ein "künstliches" Pumpspeicherkraftwerk aufbauen, indem das Wasser zur Stromerzeugung genutzt werden könnte. Daraus ergäbe sich ein doppelter (mehrfacher) Nutzen. Oder kann man es wieder in den Schacht zurücklaufen lassen, dadurch könnte sich das erkaltete Wasser erneut aufwärmen und wieder gefördert werden ?
- Warum Zweifel schrieb am 08.10.2012, 19:41 Uhr:
- wäre nur vielleicht per Folgebericht zu klären weshalb hier eine Kosten-Nutzen-Rechnung vorgenommen werden muss, da sowieso das Wasser abgepumt wird. Wo genau fallen die Kosten an, die es teurer als eineGasheizung werden lassen können? Wärmetauscher werden ja auch für Haussiedlungen per Geothermie eingesetzt oder Wärmetauschanlagen für Häuser mit Garten und Nutzung der Bodenwärme. Warum also sollten Zweifel für wirtschaftlichen neben dem klimatischen Vorteil bestehen?
- RuhrRocker schrieb am 08.10.2012, 17:26 Uhr:
- Ein Lob mal an wdr.de: Eure Autoren bringen manchmal Themen an die Oberfläche, von denen ich sonst noch nichts gehört habe. Dies hier ist wieder so eins. Also: Lob genießen und weitermachen.... :-)
Seite teilen
Über Soziale Medien