Zum Genossenschaftstag in Bonn: Und jetzt alle!
Genossenschaften boomen: Die Zahl der Unternehmensgründungen, bei denen die Kunden zugleich mitbestimmende Eigentümer sind, haben sich seit 2006 nahezu vervierfacht. Am Samstag (01.09.2012) wird in Bonn der Genossenschaftstag gefeiert. Das Prinzip "Einer für alle, alle für einen" erlebt eine Renaissance.
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Knapp 30 genossenschaftlich organisierte Dorfläden wurden seit 2001 gegründet
"Was der Einzelne nicht vermag, das vermögen viele", lautete das Mantra des Sozialreformers und Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888). Raiffeisens alte Idee, Kunden zu mitbestimmenden Eigentümern zu machen, ist in den vergangenen Jahren wiederbelebt worden - immer mehr Menschen schließen sich zu Genossenschaften zusammen.
Zurzeit sind knapp drei Millionen Menschen Mitglied in einer der insgesamt knapp 700 Genossenschaften in NRW. 2011 wurden 39 neue Genossenschaften gegründet, in diesem Jahr sind es schon 22, zählt Christian Fähndrich vom Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband auf. 370 Neugründungen waren es 2011 in ganz Deutschland. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor, 2001, waren es noch 56 Neugründungen.
Meiste Neugründungen im Bereich "erneuerbare Energien"
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Neugründungen von Genossenschaften 2001 bis 2011 in Deutschland (Fotostrecke 1)
Zudem verbreitert sich das Angebot. Zu den bekannten großen Banken-, Wohnungs- und Lebensmittelgenossenschaften gesellen sich kleinere und neue Arten von Genossenschaften. Kreative, Architekten und Softwareentwickler haben Gefallen an der Idee gefunden und schließen sich zusammen, dazu kommen Dorfläden, Schwimmbäder und Golfclubs, die genossenschaftlich betrieben werden. "Das vermutet man nicht unbedingt, da viele Genossenschaften für altbacken halten. Dem ist jedoch schon lange nicht mehr so", erklärt Eric Christian Meyer, Geschäftsführer des Instituts für Genossenschaftswesen an der Uni Münster.
Die meisten Neugründungen verzeichnet der Bereich der erneuerbaren Energien. In den vergangenen fünf Jahren wurden in ganz Deutschland dafür etwa 500 Genossenschaften gegründet, darunter 13 Bioenergie-Dörfer und 61 Fotovoltaik-Genossenschaften.
Genossenschaften sind Selbsthilfeeinrichtungen
Wohnungsbaugenossenschaften
Klassische Gründe für Kooperationen seien Größen- und Kompetenzvorteile, so Wissenschaftler Meyer. "Genossenschaften bedeuten nicht etwa individuellen Einfluss, sondern eine Möglichkeit, zusätzliche Kontrolle auf Leistungen auszuüben." Wie etwa in Wohnungsgenossenschaften. "Ich entscheide zwar nicht über den Duschkopf, aber kann mit beeinflussen, dass das Quartier, in dem ich lebe, einigermaßen meinen Wünschen entspricht."
Das Tante Emma-Beispiel
Genossenschaften schließen Lücken. Sie bilden sich meist dort, wo sich der Staat zurückzieht und gewisse Leistungen nicht mehr vollbringen kann oder will. Schwimmbäder oder Wohnen im Alter sind hier Beispiele, ein anderes die Lebensmittelversorgung auf dem platten Land. "Auf dem Land werden Leistungen auch aufgrund des demografischen Wandels zurückgefahren, daraus ergibt sich der Handlungsbedarf für die Menschen, die Dinge selber in die Hand zu nehmen", erklärt Meyer.
Bei treuen Kunden könne es funktionieren, kleine Lebensmittelläden auf dem Dorf genossenschaftlich zu betreiben. 28 solcher Dorfläden wurden von 2001 bis 2010 in Deutschland gegründet. Beim Nachbarn Schweiz hat das Modell Tradition. Hier sichern über 500 sogenannte Volg-Läden die Nahversorgung in eher strukturschwachen ländlichen Gegenden.
Ban Ki-moon: Bodenständiges Wirtschaften zahlt sich aus
![Bildrechte: dpa/WDR[m] Herrmann Schulze-Delitzsch und Wilhelm Raiffeisen (r.)](/themen/wirtschaft/genossenschaften124_v-ARDAustauschformat.jpg)
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Sie hatten die Idee: Herrmann Schulze-Delitzsch und Wilhelm Raiffeisen (r.)
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2012 zum "Internationalen Jahr der Genossenschaften" ausgerufen. Damit soll deren weltweite Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft gewürdigt werden. 800 Millionen Menschen sind weltweit in Genossenschaften organisiert. Laut UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verbinden diese Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung - gerade in ökonomisch schwierigen Zeiten zahle sich das bodenständige Wirtschaften aus.
Am Samstag (01.09.2012) wird in Bonn auf dem Platz vor dem Alten Rathaus der Genossenschaftstag gefeiert. Organisiert wird das Ganze vom Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband. Gäste sind unter anderem der frühere Bundeswirtschaftsminister Peer Steinbrück (SPD). Der Genossenschaftstag für Rheinland und Westfalen findet zum zweiten Mal statt.
Stand: 01.09.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (3)
letzter Kommentar: 03.09.2012, 09:20 Uhr
- Piraten notwendiger denn je? schrieb am 03.09.2012, 09:20 Uhr:
- Regionalität ist unter den Menschen wieder aktuell, da angebliche Sozialparteien(allen voran SPD und Grüne9 sich nur noch um das soziale Wohl und Wehe unvorstellbar reicher Personen aus Griechenland und Italien kümmern. Die permanente Euro-Debatte und die Unzulänglichkeit der Parteifunktionäre auf die Basis zu achten(Steinmeier verhindert sogar eine Urwahl in SPD um Kandidaten zu bestimmen, wie demokratisch ist das denn noch?)lässt die Menschen wieder wach werden und den medialen Rummel um die Pseudodemokratie in den Parlamenten kaum noch Beachtung schenken. Die Menschen, siehe jetzt auch gekündigte Mitarbeiter von Schlecker, erkennen wieder die "Hilfe untereinander vor Ort" ohne den Staat zu sehr einzubinden! Wenn nun noch die Nachbarschaftshilfe die Steuern minimiert, sollten eigentlich Politiker wach werden und unnötiges Personal abbauen, aber der Staat baut vor und weitet die die Rechte der Bundeswehr im eigenen Lande neben Zahl der Polizisten aus?
- Anonym schrieb am 01.09.2012, 19:29 Uhr:
- Lieber WDR man kann zu den Berichten über die Piraten und zur Initiave zur Steuer-CD keine Kommentare absenden, da die Fragen fehlen.
- der Eulenspiegel schrieb am 01.09.2012, 18:56 Uhr:
- Genossenschaften sind anscheinend die Antwort auf die immer drängender werdenden Probleme die letztlich unser kapitalistisches Wirtschaftssystem geschaffen hat.
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