Bürgergenossenschaften im Trend Damit im letzten Dorfsaal bald wieder getanzt wird

Von Marion Feldkamp

Die einzige Gaststätte im Ort mit Saal ist zu - was nun? Im münsterländischen Brochterbeck wollen die Einwohner eine Bürgergenossenschaft gründen, um den letzten Dorftreffpunkt zu erhalten. Vorbild ist ein Lebensmittelladen - auch von Bürgern selbst organisiert.


Fachwerkhaus an einer Straße

Die einzige Traditionsgaststätte mit großem Veranstaltungssaal im münsterländischen Tecklenburg-Brochterbeck hat vor drei Jahren dichtgemacht. Es ist ein großes Fachwerkhaus im Ortskern des Stadtteils Brochterbeck. Rund 2.800 Einwohner leben hier. Seit es den Saal nicht mehr gibt, feiern viele Brochterbecker ihre Hochzeiten oder Geburtstage in den Nachbarorten. Jetzt wollen die Bürger das Lokal wiederbeleben. Initiator Christian Leugers und seine acht Mitstreiter sind fest entschlossen: Sie wollen, dass hier spätestens ab Frühjahr 2013 wieder der Zapfhahn aufgedreht und getanzt wird. "Das schaffen wir", meint Bürgermeister Stefan Streit bei der letzten Versammlung der "Genossen". Der Bürgermeister gehört ebenfalls zum Initiativkreis.

So genannte Bürger-Genossenschaften boomen in NRW. Rund 70 Neugründungen im Bereich der Windkraft- oder Solaranlagen gab es in den vergangenen vier Jahren. Doch auch in anderen Bereichen packen es die Bürger immer häufiger selbst an. Nach Einschätzung von Christoph Gottwald vom Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband werden solche Gründungen künftig weiter zunehmen. Mit einer genossenschaftlich geführten Gaststätte wären die Bürger in Tecklenburg-Brochterbeck in NRW die zweite "Kneipen-Genossenschaft".

200.000 Euro Investitionskapital brauchen die "Genossen"

Bei der Versammlung der Brochtenbecker "Genossen" gibt es viel zu besprechen. Als Ort haben sie sich den Versammlungssaal der hoffentlich bald neu eröffneten Gaststätte ausgesucht. Um sie wieder herzurichten, haben sich Initiator Leugers und seine Mitstreiter einiges vorgenommen: Die Sanitäranlagen müssen aufgefrischt, Malerarbeiten vorgenommen oder neue Fenster müssen eingebaut werden. Nach der letzten Versammlung stand im Protokoll: Etwa 200.000 Euro müssen für Kauf und Renovierung des Gebäudes mit Genossenschaftsanteilen zusammenkommen. Betrieben werden soll die Kneipe nicht selbst. Eine Wirtin ist schon gefunden: Johanna Klein stammt aus Brochterbeck. Die 30-Jährige bringt als gelernte Hotelfachfrau Erfahrung mit. Johanna Klein sitzt bei der Versammlung mit am Tisch und serviert auch - allerdings noch Bier aus der Flasche. "Ich habe im Köln in einem Hotel meine Ausbildung gemacht und anschließend noch eine Weiterbildung zum Sommelier. Ich würde mich riesig freuen, wenn ich im meinem Heimatort meine eigene Gaststätte aufbauen könnte", sagt die 30-Jährige.

Genossenschafts-Laden ist erfolgreich


Verkäuferin in einem Supermarkt im Gespräch mit einer Mutter mit Kind auf dem Arm

Ortswechsel: Was bei einer Genossenschaftsgründung wichtig ist, darüber haben sind die Brochterbecker im rund 50 Kilometer entfernten Ochtruper Ortsteil Welbergen informiert. Als dort 2010 der einzige Lebensmittelladen vor dem Aus stand, hat der Ochtruper Bürger Josef Fislage nach Mitstreitern gesucht, um das Geschäft zu erhalten. Die Zeit war knapp, es mussten innerhalb einer Woche rund 120.000 Euro über Genossenschaftsanteile zusammenkommen, um das Gebäude des Ladens zu kaufen. Es dauerte schließlich nur vier Tage. Seit Ende 2010 steht an der Tür: "Unser Laden". Es war der erste Genossenschafts-Laden in NRW.

"Für Sozialleben im Ort wichtig"

In "Unser Laden" sitzt Geschäftsführerin Rosi Sandmann regelmäßig an der Kasse oder hilft, wenn die Kunden etwas nicht sofort finden. "Wo habt Ihr denn die Hefe versteckt?", ruft Kunde Peter Scherer und schon eilt Sandmann, um ihm das entsprechende Kühlregal zu zeigen. Jeden Morgen radelt Scherer zum Dorfladen - die Zeitung und Frühstücksbrötchen holen, das ist sein tägliches Fitnessprogramm. Er, wie auch viele andere Kunden, sehen den Laden auch als Umschlagplatz für die neuesten Informationen im Ort. "Für das Sozialleben ist der Laden sehr wichtig", meint auch Kundin Claudia Grünewald.

Der Erfolg drückt sich auch in Zahlen aus. Im ersten Geschäftsjahr hat "Unser Laden" sogar ein kleines Plus erwirtschaftet. "Das ging nur, weil die Welberger das Angebot regelmäßig nutzen", weiß Vorstandsmitglied Josef Fislage. Inzwischen kommen auch immer mal wieder Leute aus anderen Orten, um sich über das Modell zu informieren. In Nordrhein-Westfalen gibt es bislang drei Nachahmer: Zwei Dorfläden sind im Sauerland entstanden und ein weiterer in Kevelaer. Und auch die Traditionsgaststätte in Tecklenburg-Brochterbeck wird sich hoffentlich bald in der immer längeren Liste der NRW-Bürgergenossenschaften finden lassen.


Stand: 21.07.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 25.07.2012, 17:29 Uhr

Piraten geben Grund für Einkommen schrieb am 25.07.2012, 17:29 Uhr:
In der Schweiz gibts die "WIR Bank" seit 1934 eine echte Genossenschaft auf Landesebene. Ja wir kommen nicht zuletzt durch die Eurokrise und unverantwortliche Politiker wieder zurück aufs wichtige im Leben, die Gemeinschaft und das Gefühl davon!
der Eulenspiegel schrieb am 23.07.2012, 15:04 Uhr:
So wohl das Genossenschaft-Konzept als auch die Eigenleistung fördert das Wir-Gefühl was den Zusammenhalt fördert. Außerdem ist es ein ganz anderes Konzept wenn der Kunde nicht nur Kunde sondern auch noch zusätzlich noch zu einem kleinem Stück Mitinhaber ist.
Mehr (er)halten ist seliger denn (weg)geben schrieb am 23.07.2012, 14:09 Uhr:
Ja, viel Eigenleistung erbringen, dann klammert man den Staat (und Steuern) aus und kann das Übermaß an Bürokratie und deren Nutznießern außer DBB und ver.di -Sonderabteilen des Nobelzuges deutscher Altparteien austrocknen. Weiter so! Hoffentlich macht das bald in den Städten Schule und wetzt die PISA-Scharte in Bürokratenbildung endlich aus! Wir arbeiten schon mehr als die Jahreshälfte fürs Wohlergehen unserer Bürokraten (damit sind nicht die notwendigen Tätigkeiten der Polizei, Feuerwehr, Steuer etc gemeint!)
Leopard schrieb am 23.07.2012, 09:01 Uhr:
Was hier als große Leistung dargestellt wird, hat doch folgende Vorgeschichte. Jahrelang kauft mann, Geiz ist Geil, nicht im Dorfladen sondern im Billigdiscounter in der nahegelegen Stadt. Auch ist es schicker, beim Italiner oder Chinesen eesen zu gehen. Und plötzlich stellt man fest, dass alle Läden und Kneipen im Dorf schließen. Mehr die Eintsellung haben - Leben und Leben lassen. Dann klappt es auch mit dem Dorfladen und der Dorfkneipe.
Guido schrieb am 23.07.2012, 06:46 Uhr:
Die Dorfkneipen schließen doch, weil zuwenig Gäste kommen, und es sich dadurch nicht mehr lohnt. Und das soll bei einer Genossenschaft anders werden? Unter noch mehr verschärften Bedingungen durch das SPD-Rauchverbot? Wohl kaum.

Alle Kommentare anzeigen