Konzern hofft auf fünf Milliarden Euro Evonik spielt beim Börsengang auf Zeit

Von Christoph Stehr

Die Eigentümer von Evonik wollen das Unternehmen noch vor der Sommerpause an die Börse bringen. Die Eurokrise könnte ihren Plan aber noch durchkreuzen – zum dritten Mal.


Das Logo von Evonik leuchtet an der Zentrale in Essen
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Börsengang am 25. Juni oder doch erst später?

Freitagmorgen (25.05.2012) teilten die RAG-Stiftung und CVC Capital Partners mit, dass sie am Börsengang des Essener Chemieunternehmens Evonik festhielten. Das Unternehmen sei hervorragend vorbereitet, sagte Aufsichtsratschef Wilhelm Bonse-Geuking, der den Hauptanteilseigner RAG-Stiftung vertritt. Steve Koltes, Geschäftsführer des britischen Finanzinvestors CVC, bezeichnete den Börsengang als "nächsten logischen Schritt" nach der "großartigen Arbeit" von Evonik in den vergangenen Jahren. Was den Termin betrifft, wollte sich der Aufsichtsrat nicht festlegen. "Vor der Sommerpause" könnte heißen, dass der in Medienberichten immer wieder genannte 25. Juni angepeilt wird.

"Streng genommen ist die vorbereitete Erklärung ein Rückschritt hinter das, was wir seit langem wissen", sagt ein Analyst. Eigentlich hatte die Finanzwelt von diesem Freitag mehr erwartet: In einer Aufsichtsratssitzung sollte das entscheidende Signal für den Börsengang gegeben werden, die gesetzlich vorgeschriebene offizielle Absichtserklärung ("Intention to Float"). Ob die Sitzung dennoch stattfindet, ist nicht bekannt – man äußere sich grundsätzlich nicht zu Angelegenheiten des Aufsichtsrats, sagt ein Evonik-Sprecher. "Möglicherweise spielen die Eigentümer auf Zeit", so der Analyst. "Wenn sie wirklich einen ersten Handelstag vor der Sommerpause wollen, können sie aber nicht mehr warten." Ungefähr einen Monat Vorlauf braucht die Börsenmaschinerie – der 25. Juni wäre kaum zu schaffen, wenn der Startschuss nicht an diesem Freitag fällt.

IPO des Jahres

Der Evonik-Börsengang gilt als "IPO" des Jahres. "Initial Public Offering" (IPO) bedeutet Einstieg in den öffentlichen Aktienhandel. Bis zu fünf Milliarden Euro soll der Verkauf von rund 30 Prozent der Evonik-Anteile einbringen. Das wäre der viertgrößte Börsengang in Deutschland und der größte seit den Debüts von Infineon und Deutsche Post im Boomjahr 2000. Die zwölf wichtigsten Börsengänge des Jahres 2011 hatten zusammen nur ein Volumen von 1,5 Milliarden Euro.

Am Montag (21.05.2012) war Evonik auf dem Weg an den Aktienmarkt einen großen Schritt vorangekommen. Die RAG-Stiftung, die knapp 75 Prozent der Anteile hält, genehmigte die für den Börsengang erforderlichen Finanzmittel. "Allerdings müssen wir die nicht unerheblichen und zunehmenden Risiken genauestens im Auge behalten", hatte Bonse-Geuking bei dieser Gelegenheit gesagt. "Wir werden den Zeitplan des Börsengangs gegebenenfalls überprüfen müssen." In der Erklärung von Freitagmorgen wiederholte er seine Bedenken nicht. Dafür sprach Evonik-Chef Klaus Engel von "herausfordernden Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten."

Das Problem ist, dass die Stimmung auf dem Parkett derzeit zwischen Panik und Resignation schwankt. Die Nervosität führt zu starken Kursausschlägen. Wegen der Eurokrise wissen die Investoren nicht wohin mit ihrem Geld. Der verpatzte IPO von Facebook hat mit Evonik nichts zu tun, nährt aber die Skepsis vor allem der Kleinanleger. In diesem Umfeld dürfte es den Banken schwer fallen, die Investoren für die bei jedem Börsengang so wichtige "Story" des Debütanten zu begeistern. Das drückt den Preis der Aktie.

Schweres Erbe des Bergbaus


Luftbild der Evonik-Konzernzentrale in Essen
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RAG-Stiftung braucht Geld aus dem Börsengang

Die RAG-Stiftung braucht als Rechtsnachfolgerin des RAG-Konzerns das Geld aus dem Börsengang, um ab 2019 die Ewigkeitslasten zu finanzieren. Dies ist in der Satzung der Stiftung festgeschrieben. Nach Expertenschätzungen müsste Evonik zum Zeitpunkt des IPO mindestens 14,4 Milliarden Euro wert sein, damit die Stiftung den nötigen Kapitalstock zusammenbekommt. Danach sieht es nicht aus, auch weil Evonik nach dem Rekordjahr 2011 im ersten Quartal dieses Jahres einen Gewinneinbruch verzeichnete. Zu einem späteren IPO-Termin könnte sich die Stimmung an der Börse aufhellen, was einen höheren Ausgabekurs der Evonik-Aktie rechtfertigen würde – deshalb überlegt die Stiftung, mit dem Börsengang zu warten.

Der andere Eigentümer, der britische Finanzinvestor CVC Capital Partners, will auch einen guten Preis erzielen, drängt aber auf eine schnellere Gangart. CVC plane, so heißt es, bis spätestens 2013 seinen 25-Prozent-Anteil zu versilbern. 2008 hatten die Briten 2,5 Milliarden Euro dafür bezahlt. Für eine marktübliche Rendite auf diese Investition würde es reichen, wenn Evonik an der Börse weniger als die fünf Milliarden Euro einsammelt, mit denen die Stiftung rechnet.

Turbulenzen an der Börse durch Neuwahlen in Griechenland?

Möglich ist, dass Evonik nicht das ganze 30-Prozent-Paket an die Börse bringt, wie die Süddeutsche Zeitung am Donnerstag (24.05.2012) unter Berufung auf Finanzkreise schrieb. Das wäre ein Kompromiss zwischen Tempo und Preismaximierung. Möglich ist aber auch, dass der Aufsichtsrat am Freitag erneut den Börsengang verschiebt – zum dritten Mal. Zuletzt hatte der Mut die Eigentümer im Herbst 2011 verlassen. Ziehen sie jetzt wieder die Notbremse, drohe die Börsen-Story zu einer "unendlichen Geschichte" zu werden, sagt ein Analyst.


Ein griechischer Demonstrant während eines Protests in Athen
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Neuwahlen in Griechenland könnten Börsen auf Talfahrt schicken

Der Termin 25. Juni steht jedenfalls unter keinem guten Stern: Eine Woche vorher, am 17. Juni, finden in Griechenland Neuwahlen statt. Gelingt es wieder nicht, eine Regierung zu bilden, oder setzen sich diesmal die Euro-Gegner durch, dürfte sich die Krise in Europa dramatisch zuspitzen. Rückblende: Nach den letzten Wahlen in Griechenland am 6. Mai dauerte es ziemlich genau eine Woche, bis das Scheitern einer Regierungsbildung weltweit die Börsen auf Talfahrt schickte. Ein Börsengang in solchen Turbulenzen könnte zum Desaster werden.


Stand: 25.05.2012, 10.04 Uhr