Umschulung von Langzeitarbeitslosen: Erzieher im Hauruck-Verfahren?
Langzeitarbeitslose zu Erziehern umschulen? Die Idee von Arbeitsministerin von der Leyen hat schnell für Aufregung gesorgt. WDR.de informiert über Hintergründe, Fakten und ungeklärte Fragen.

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Langzeitarbeitslose: Wer ist geeignet für den Erzieherberuf?
Den Stein ins Rollen brachte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit ihrem Vorschlag, man könne doch einen Teil der 25.000 "Schlecker-Frauen", die nach der Insolvenz des Unternehmens arbeitslos sind, zu Erzieherinnen umschulen. Wütende Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Sozialberufe dürften nicht zum "Auffangbecken" verkommen, kritisierte die Arbeiterwohlfahrt. Die Erziehung von kleinen Kindern eigne sich weder für "arbeitsmarktpolitische Zwangsmaßnahmen" noch dafür, "ungelernte Kräfte einzusetzen". Das Deutsche Kinderhilfswerk warnte die Bundesregierung vor "Affekthandlungen" und davor, dass Kindertageseinrichtungen zu reinen Verwahranstalten verkümmern würden, wenn man "halbgelernte Kräfte" in die Kitas schicken würde. Ungeachtet der Proteste gab die Bundesagentur für Arbeit Anfang Juli bekannt, 5.000 Langzeitarbeitslose zu Erziehern umschulen zu wollen. Umgesetzt werden soll diese "Initiative zusätzliche Qualifikation von Erzieherinnen und Erziehern" von den Arbeitsagenturen der einzelnen Länder.
Soll es eine Art Zwangsverpflichtung für Langzeitarbeitslose geben, sich für den Erzieherberuf umschulen zu lassen?
![Bildrechte: WDR/ddp [M], ak Eine Erzieherin spielt mit 6 kleinen Kindern](/themen/archiv/sp_jahresrueckblick/2011/betreuung112_v-ARDAustauschformat.jpg)
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Erzieherin: Wer sich berufen fühlt, kann umschulen
Nein, sagt Aneta Schikora vom Landesarbeitsamt NRW. "Wir schauen uns jeden einzelnen Kandidatan daraufhin an, ob er oder sie die soziale Eignung für diesen Beruf hätte." Wer überhaupt kein Interesse daran zeige oder sich diese Tätigkeit gar nicht vorstellen könne, käme nicht in Frage. "Bis zu 4.000 in Frage kommende Personen" hätte man unter den Langzeitarbeitslosen in NRW identifiziert, die zumindest die formalen Voraussetzungen für eine Umschulung erfüllen. Im Übrigen sei man in NRW schon seit 2009 dabei, Arbeitslose zu Erziehern umzuschulen: "150 Menschen nehmen bereits daran teil."
Welche Voraussetzungen gelten für eine solche Umschulung?
Dieselben, wie für eine "normale" Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher, sagt Aneta Schikora: Mindestens mittlere Reife, außerdem mindestens 2-jährige "einschlägige" Berufsausbildung im Bereich Erziehung oder fünf Jahre "einschlägige" berufliche Tätigkeit. Wer Abitur hat, braucht nur "einschlägige Erfahrung" in einer Kita, einer sozialpädagogischen Einrichtung oder ähnlichem mitzubringen.
Soll diese Umschulung tatsächlich, wie oft behauptet, im Schnelldurchgang absolviert werden?

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Erzieherin im Schnelldurchgang?
Definitiv nein, sagt die Landesarbeitsamt-Sprecherin. Jeder Kandidat durchlaufe die reguläre Ausbildungszeit. In NRW sind das zwei Jahre theoretischer Unterricht zum Beispiel an einer Berufsfachschule plus ein drittes Anerkennungsjahr in der Praxis. Das entspricht auch den Worten des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, der klargestellt hat, dass es sich bei der Umschulung Arbeitsloser nicht um eine "Schmalspurausbildung" handele: Es gebe keine Sonderprogramme oder verkürzte Ausbildung, sondern man wolle "hochmotivierte Menschen und gut geeignete Kandidaten, die die ganz normale Ausbildung machen und sich am Ende der staatlichen Prüfung unterziehen".
Wie viele Erzieher(innen) fehlen in NRW, wenn bis August 2013 jedes Kind ab einem Jahr einen Betreuungplatz haben soll?
Um das gesetzte Ziel bis 2013 zu erreichen, fehlen bundesweit nach Schätzungen rund 750.000 Kita-Plätze. In NRW werden dafür 6.400 zusätzliche Fachkräfte gebraucht. Schon heute fehlen nach Angaben des Landesarbeitsamts in der Kinderbetreuung 3.400 Arbeitskräfte. Ziel bei der Umschulungs-Aktion sei es, 1.000 Langzeitarbeitslose für diese Ausbildung zu gewinnen. 11.000 ausgebildete Erzieherfachkräfte waren Anfang Juni 2012 bundesweit arbeitslos gemeldet.
Die Ausbildung zum Erzieher wird von staatlichen Berufsfachschulen angeboten, aber auch von privaten Institutionen. Einige davon gerieten durch Medienberichte bereits in Verruf. Welche Kriterien gelten für die Zulassung solcher Schulen?
Das, räumt Aneta Schikora vom Landesarbeitsamt NRW ein, sei bislang noch nicht ganz geklärt: Im Gegensatz zur Ausbildung an staatlichen Berufsschulen seien die gesetzlichen Rahmenbedingungen, nach der eine private Lehranstalt für die Ausbildung zum Erzieherberuf zugelassen ist, noch nicht festgezurrt. Das bestätigt auch Jörg Harm, Sprecher im NRW-Schulministerium: Umschüler, die die Bundesagentur für Arbeit an private Schulen schickt, kommen mit den staatlichen Qualitätsstandards erst ganz am Ende der Ausbildung in Kontakt: Dann nämlich, wenn sie sich zur staatlichen, sogenannten "Externen-Prüfung" anmelden müssen. "Für diese Prüfung reicht der Nachweis aus, dass man sich gut vorbereitet hat", sagt Harm. Was genau die angehenden Erzieher zuvor an der privaten Schule über den Umgang mit Kleinkindern gelernt haben, das liege allein in der Verantwortung der Bundesagentur für Arbeit.
Wer bezahlt die Umschulung der Langzeitarbeitslosen?
Auch das sei noch nicht ganz geklärt, sagt Aneta Schikora vom Landesarbeitsamt NRW. Die Bundesagentur für Arbeit bezahle nur die ersten beiden Jahre der Umschulung, für das dritte Jahr müsse das Land aufkommen. Daher müsse das Arbeitsamt eine Umschulung verweigern, wenn nicht klar sei, wer für das dritte Jahr aufkommt. Beim zuständigen Familienministerium NRW löst diese Erklärung allerdings Erstaunen aus: "Bis jetzt hat die Bundesagentur für Arbeit wegen der Finanzierung des dritten Umschulungsjahres noch keinen Kontakt mit dem Land NRW aufgenommen", sagt Sprecherin Stephanie Paeleke-Kuhlmann, man wisse von der Finanzierungslücke bislang nur aus dem Medien. Nichtdestotrotz sei ein Gespräch mit dem Landesarbeitsamt geplant.
Die einen suchen Arbeit, die anderen suchen händeringend nach Arbeitskräften. Was ist also so falsch daran, beide Seiten zusammenzuführen?
Dass im Erziehungsbereich seit Jahren Fachkräftemangel herrsche, sei nichts Neues, sagt Axel Langner, Vize-Präsident des Bundesverbands der Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland. "Wer arbeitslos ist und sich diesen Beruf wirklich vorstellen kann, wartet doch nicht auf die Kampagne der Bundesarbeitsagentur, sondern ist schon längst auf eigene Initiative in der Ausbildung", meint er. Jetzt in einer "Hauruck-Aktion" aufs Geratewohl Arbeitslose in diesen Beruf zu bringen, hält Langner für absurd - und für bedenklich im Hinblick auf die Qualifikation derer, die schließlich für den Umgang mit Kleinkindern fit sein sollen. Dafür sprächen die ohnehin hohen Durchfallquoten in der Ausbildung. "Da stellt sich doch die Frage: Wer veralbert hier wen?"
Stand: 18.07.2012, 13.42 Uhr
- Umschulung für Schlecker-Mitarbeiterinnen: Erziehen statt Verkaufen (08.06.2012)
- Audio: Schmalspurausbildung zum Erzieher - ist Kritik an Umschulungsmaßnahme berechtigt? (11.07.2012) Armin Himmelrath / Stefan Vogt, WDR 2 Mittagsmagazin
- Deutscher Bildungsserver: Infos zur ErzieherInnenausbildung
- Bundesagentur für Arbeit: Infos zur Beruf Erzieher/in
- Rahmenvereinbarung der Kulturministerkonferenz über Fachschulen (pdf)
- Koordinationsstelle "Männer in Kitas"
Kommentare zum Thema (37)
letzter Kommentar: 21.07.2012, 10:37 Uhr
- der Eulenspiegel schrieb am 21.07.2012, 10:37 Uhr:
- Das Problem ist nicht ganz neu. Da hätte schon die Rüttgers-Regierung Endscheidungen fällen müssen aber das hätte ja Geld gekostet. Das Geld was Rüttgers gespart hat muß Kraft nun doppelt- und drei-Fach aufbringen weil sich das Problem unnötig verschärft hat.
- Das Zentralorgan schrieb am 19.07.2012, 07:46 Uhr:
- Jetzt, wo Asylanten wie Scheinasylanten erst mal 1000 EQ "Nachzahlung" kriegen, lohnt es sich fast fuer den gemeinen "Hartzer", alle "Angebote" abzulehnen und auf das gerichtlich festgestellte "menschenwuerdige Existenzminimum" (auch fuer die indigene Bevoelkerung) zu bestehen.
- Ehemann schrieb am 19.07.2012, 07:22 Uhr:
- Es wurden doch in den letzten die sog. Kinderpflegerinnen aus den Kita´s rausgedrängt und es so gut wie unmöglich das Frauen mit diesem Abschluss einen Arbeitsplatz in den Kita´s finden. Ebenso ist es sehr schwer ebenso für diese Frauen eine Umschulung zu machen, da sie teilweise aus Gründen der Erziehung eine Zeit aus dem Beruf sind oder aber die Weiterbildungsmöglichkeiten zur Erzieherin nicht gegeben sind. Was ist den mit diesen Frauen? Egal. Hier kann man ja nicht auf Fang von Wählerstimmen gehen, deswegen wird dieses, wie so vieles, unter den Tisch gekehrt. Hier wird ein potenzial an Fachkräften fallengelassen, die sich schon vorher mit dem Beruf beschäftigt haben und es auch weiter gerne würden. Übrigens ist meine Frau Kinderpflegerin und würde gerne in einer Kita arbeiten gehen.
- Mülheimer schrieb am 18.07.2012, 17:51 Uhr:
- Ziel dieser Vorschläge und Diskussionen ist einzig und Allein der billige Versuch die Gehälter der Erzieherinnen und Erzieher zu senken und an schlecht ausgebildete, unterbezahlte Kräfte 2. Wahl anzugleichen. Wie bereits ein Kommentar hier andeutet. Deutsch nix guht! egal!
- Monika schrieb am 18.07.2012, 16:36 Uhr:
- ....dann klappt es auch wieder mit den Kosten!
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