Junge Menschen ohne Ausbildung: Die abgehängte Generation
2,2 Millionen junge Menschen haben in Deutschland keine Berufsausbildung - das sind über 17 Prozent. Besonders schlecht ist die Lage in NRW. Hier liegt die Quote beim bundesweiten Tiefstwert von 22,2 Prozent. Der DGB fordert Politik und Wirtschaft zu Gegenmaßnahmen auf.
Ingrid Sehrbrock ist stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und dort unter anderem für Bildung und Forschung verantwortlich. Ende August veröffentlichte der DGB die Studie "Generation abgehängt", in der Bildungsbiografien und die prekären Perspektiven von jungen Menschen ohne Ausbildung untersucht werden.
WDR.de: In Nordrhein-Westfalen haben 22,2 Prozent aller jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren keine Berufsausbildung. Damit ist das Land Schlusslicht unter den Bundesländern. Warum?

-
Bild 1 vergrößern
+
DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock
Ingrid Sehrbrock: Eine Erklärung mit Bezug auf die Situation in den einzelnen Bundesländer ist schwierig, in diesem Bereich haben wir noch Forschungsbedarf. Was allerdings auffällt, wenn man die Zahlen betrachtet: Es gibt insgesamt ein Gefälle zwischen Ost und West. Die Länder, die besonders schlecht dastehen, sind NRW, Bremen und Berlin, während Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern am besten abschneiden. Da kann man vermuten, dass das etwas mit der Abwanderung von jungen Menschen von Ost nach West zu tun hat.
WDR.de: Sie meinen, dass Menschen ohne Ausbildung aus dem Osten ihr Glück auf den Märkten im Westen versuchen und dort in die Statistiken miteinfließen?
Sehrbrock: Das könnte eine Erklärung, allerdings geht das nicht aus den Daten hervor, die uns im Moment vorliegen. Wir könnten natürlich im Kaffeesatz lesen, aber das wollen wir nicht.
WDR.de: Die Zahlen in NRW wie auch bundesweit stagnieren seit Jahren, und das, obwohl Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder beim Bildungsgipfel 2008 angekündigt hatten, die Quote bis 2015 zu halbieren. Dieses Ziel wird offenbar verfehlt werden, oder?
Sehrbrock: Davon gehen wir aus. Das Problem ist schon lange bekannt, aber es wurde nicht angegangen. Es wurden Versprechen abgegeben, aber es wurde nicht systematisch daran gearbeitet, um diese Versprechen zu halten.
WDR.de: Die Bilanzen, die vom Ausbildungspakt der Bundesagentur für Arbeit vorgelegt werden, sehen doch gar nicht so schlecht aus. 2011 wurde dort eine Trendwende gemeldet, die Zahl der Ausbildungsplätze soll die der Bewerber deutlich überstiegen haben.
Sehrbrock: Die Zahlen, die dort genannt werden, kann man durchaus in Frage stellen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung, dessen Daten wir für unsere Studie verwendet haben, kommt da zu ganz anderen Ergebnissen. Im Ausbildungspakt gelten etwa auch junge Menschen als "versorgt", die sich in Übergangssystemen befinden. Manche von ihnen machen berufsvorbereitende Maßnahmen, manche sind in Trainingsprogrammen. Die fallen alle nicht in die Statistik, obwohl ein Großteil von ihnen ein Ausbildungsplatz sucht.
WDR.de: Wie könnte man die Lage verbessern?

-
Bild 2 vergrößern
+
Betriebe sollen auch schlechteren Bewerbern eine Chance geben
Sehrbrock: Das Übergangssystem muss verbessert werden. Junge Menschen müssen schneller einen Ausbildungsplatz finden können, anstatt in den Warteschleifen aus Maßnahmen zu hängen. Die Möglichkeit zur Nachqualifikation muss geschaffen werden für junge Menschen, die sich bereits in einem Job befinden. Dazu kommt: Viele Betriebe picken sich bei den Ausbildungsbewerbern sozusagen die Rosinen heraus. Es wäre wichtig, dass man verstärkt den jungen Menschen eine Chance gibt, die von den Schulen kommen und keine Spitzenzeugnisse haben. Betriebe, die sich darauf einlassen, sollten ausbildungsbegleitende Hilfen bekommen. um die Auszubildenden fachlich, aber auch sozialpädagogisch zu unterstützen.
WDR.de: Betriebe, die die Wahl zwischen zwei Bewerbern haben, sollen sich also für den mit den schlechteren Noten entscheiden? Das klingt unrealistisch, wenn nicht sogar blauäugig.
Sehrbrock: Das war auch nicht mein Vorschlag. Worauf ich hinauswollte: Es gibt schon heute Betriebe, die sich gute Bewerber aussuchen, aber auch ein gewisses Kontingent, etwa zehn bis zwanzig Prozent der Ausbildungsplätze, an schlechtere Bewerber vergibt - die dann entsprechend begleitet werden. Daran sollten sich viel mehr Betriebe ein Beispiel nehmen.
WDR.de: Keine Ausbildung zu haben, bedeutet ja nicht automatisch, dass man keinen Job bekommt. Wie sieht die typische Erwerbsbiografie aus bei Menschen ohne Ausbildung?
Sehrbrock: In bestimmten Branchen kommt man auch ohne Ausbildung unter, etwa im Gastgewerbe, im Gesundheitsbereich oder im Handel und Einzelhandel. Allerdings sind das häufig keine festen Anstellungen, sondern Mini-Jobs oder ähnliches. Und die, die nicht in diesen Branchen unterkommen, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch oder werden arbeitslos.
Das Interview führte Ingo Neumayer.
Stand: 31.08.2012, 12.47 Uhr
Kommentare zum Thema (35)
letzter Kommentar: 04.09.2012, 13:46 Uhr
- Günter schrieb am 04.09.2012, 13:46 Uhr:
- "Manfred Bauer " Haben sie zumindest kapiert das für die jetzigen Bildungsdefizite nicht die jetzige Landesregierung verantwortlich ist sondern in erster Linie Rüttgers und und Co. In fünf Jahren sieht es da natürlich anders aus. Wie ein Betrieb seine AZUBIS aussucht leibt natürlich dem Betrieb überlassen. Ob ihre Methode die optimalste ist da gibt es durchaus andere Ansichten.
- Manfred Bauer schrieb am 04.09.2012, 11:46 Uhr:
- @Günter: Falsch! Wie kommen Sie denn auf dieses schmale Brett? Als Ausbildungsbetrieb suche ich mir die Besten unter den Bewerbern und die müssen dann noch ein Praktikum absolvieren um aus dieser Auswahl noch einmal die Besten auszuwählen. Wer das nicht zur vollen Zufriedenheit besteht darf weiter suchen. So vermeidet man unnötigen Ärger wärend der Ausbildung! Hat ein Azubi erst mal einen Vertrag und entpuppt sich dann als Problemfall werden Sie den ohne große Schwierigkeiten nicht wieder los. Es ist doch nicht die Aufgabe der Betriebe Bildungsdefizite und magelnde Erziehung aufzuarbeiten! Dafür sind Eltern und Schule zuständig. Nein als Ausbildungsbetrieb kann ich erwarten das Bewerber um einen Ausbildungsplatz auch in vollem Umfang Ausbildungsfähig sind. Unternehmen sind keine sozialen Einrichtungen.
- Günter schrieb am 03.09.2012, 21:44 Uhr:
- Die Ausbildungsbetriebe haben keinen Grund sich zu beklagen schließlich haben sie alle sich 2004 massiv gegen eine Ausbildungsabgabe gewehrt. Und vor allem sollte man den Ausbildungsbetrieben eins ganz klar sagen. Etwas was vor 50 Jahren stimmte, vor 30 Jahren stimmte und Heute noch genauso stimmt : Man muß junge Menschen da abholen wo sie sind und den Weg weisen zu einer guten Ausbildung. Wenn man das beherzigt dann ist vielleicht manch ein Schulabgänger der nicht ganz so gute Noten hat besser, erfolgreicher und dankbarer wie jemand der nur Einser hat.
- Jan schrieb am 03.09.2012, 18:57 Uhr:
- "Doch warum erwarten einige immer, dass die Unternehmen für die Ausbildung zu zahlen haben ? " Ja Analytiker wer sonst? Die Unternehmen haben sich ja immer massiv gegen die Einmischung der Politik gewehrt, und das schon seit Jahrzehnten. Die Unternehmen profitieren davon auch am meisten. Zum Bildungsstand der Schulabgänger : Da kommt sicherlich die total falsche Schulpolitik der Rüttgers-Regierung voll zum tragen. Massiver Abbau von Lehrerstellen weil angeblich kein Geld da ist. Die Aussage" Wir können nicht alle mitnehmen weil nicht genug Geld da ist" ist nicht vergessen. Aber das wird sich bald ändern wenn erst die neue Schulpolitik richtig greift.
- Leugnen bis Lüge wahr wird? schrieb am 03.09.2012, 15:32 Uhr:
- " Da kann man vermuten, dass das etwas mit der Abwanderung von jungen Menschen von Ost nach West zu tun hat." Welch gewagte These, zumal Bremen und Berlin schon in den 60ern politische Inseln des Wegguckens und der Massivstsubventionen gewesen sind. NRW hat mit Wiedervereinigung tatsächlich den Boden unter den Füssen verloren und die Eltern mussten erst 2000 zu Märschen auf die Straße gehen, um Gelder für überfällige Schulsanierungen loseisen zu können. PISA gabs nicht im Osten, sondern wurde in West-Ländern zu heilsamen Schock der pädagogischen Hochschulen, die einfach ihre Lehren nicht kontrollierten sondern dogmatisch dozierten. Allerdings konnte man, was man hätte auch tun müssen, das Schulpersonal nicht dezimieren, um die unfähigsten "faulen" Äpfel zu entfernen. Also macht man mit unfähigem Personal auch weiter und muss sich ob nur langsam formierenden Besserung dann auch nicht in merkwürdige und absurde Analysen versteigen. Besseres Personal= besseres Ergebnis
Alle Kommentare zu "Junge Menschen ohne Ausbildung:Die abgehängte Generation" anzeigen
Seite teilen
Über Soziale Medien