Zwischen Schule und Beruf: "Ausbildung ist das Nonplusultra"
Das NRW-Werkstattjahr soll Jugendliche auffangen, die auf dem Arbeitsmarkt noch keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben. Doch in den vergangenen Jahren gab es mehr Abbrecher als Absolventen. In dieser Woche startet ein neuer Jahrgang - unter besseren Bedingungen.

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Das Werkstattjahr vermittelt praktische Erfahrungen
An einen Fall erinnert sich Sozialpädagoge Hossam Ali besonders gerne: "Ein Jugendlicher, den ich im vergangenen Werkstattjahr betreut habe, hat mich besucht. Er erzählte mir, dass er jetzt neben der Berufsschule bei einem Einzelhändler jobbt, bei dem er auch schon während des Werkstattjahres ein Praktikum gemacht hatte. Im nächsten Jahr kann er dort sogar mit einem Ausbildungsplatz rechnen." Es sind solche Fälle, die Hossam Ali ganz besonders freuen, denn das Werkstattjahr ist für die Jugendlichen, die zu ihm in die Ruhrwerkstatt nach Oberhausen kommen, oft die letzte Chance auf eine Zukunftsperspektive.
Die Gründe, warum die Jugendlichen durchs Raster fallen, sind sehr verschieden: Schulische Defizite gehören ebenso dazu wie Motivationsschwierigkeiten, Kriminalität, Schulden oder Suchtprobleme. "Man kriegt mit der Zeit einen Riecher dafür, wie man mit den Jugendlichen am besten umgeht", sagt Ali. Bei manchen helfe am Ende nur noch Direktheit: "Dann spiele ich ganz offen mit dem Jugendlichen durch, was passiert, wenn er sich nicht für, sondern gegen das Werkstattjahr entscheidet. Ich erkläre, du kannst das schaffen, aber du musst dafür auch so und so viel absolvieren."
Zu hohe Abbrecherquoten
Das 12-monatige Programm soll Jugendliche in NRW, die nicht ausbildungsfähig sind und auch nicht in eine berufsvorbereitende Maßnahme der Arbeitsagentur aufgenommen werden können, eine neue Perspektive ermöglichen. 26,5 Millionen Euro stehen dafür im Werkstattjahr 2011/2012 zur Verfügung. Doch in den vergangenen Jahren gab es viel Kritik: Die Abbrecherquote betrug zum Teil mehr als 50 Prozent. Nur rund ein Drittel der Teilnehmer hatte positive Aussichten wie den Übergang in eine Ausbildung oder zumindest eine berufsvorbereitende Maßnahme angeben können. Rund 12 Prozent der Jugendlichen gaben nach dem Werkstattjahr jedoch an, nichts zu tun oder Gelegenheitsjobs auszuüben. "Dies kann bei jährlichen Kosten von rund 25 Millionen Euro nicht wirklich überzeugen", sagte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD).
Das neue Werkstattjahr startet unter anderen Bedingungen - der Betreuungsschlüssel, also die Zahl der Sozialpädagogen pro Teilnehmer, wurde von 1:30 auf 1:15 verbessert. Vielfach war der Mangel an Pädagogen schuld an der Misere: "Sogar externe Experten haben festgestellt, dass für diese Zielgruppe mit umfangreichem Förderbedarf der bisherige Betreuungsschlüssel nicht angemessen war", sagt Albert Schepers, fachlicher Begleiter des Werkstattjahres bei der landeseigenen Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (GIB). Der Nachteil der neuen Regelung: Waren es in früheren Jahren mehr als 6.000 Teilnehmer, können jetzt nur noch etwa 3.500 Jugendliche das Werkstattjahr durchlaufen.
Der Betreuer kommt auch zu Hause vorbei
Da die Teilnehmer im Durchschnitt 17 Jahre alt und damit berufsschulpflichtig sind, besteht das Werkstattjahr aus zwei Teilen: An drei Tagen in der Woche werden sie bei einem Bildungsträger wie etwa der Ruhrwerkstatt Oberhausen betreut. Dort können sie erste praktische Erfahrungen in verschiedenen Berufsfeldern sammeln und bekommen Stützunterricht, beispielsweise in Deutsch, oder absolvieren Bewerbertrainings. An den anderen beiden Tagen gehen sie zum Unterricht an ein Berufskolleg. Für die so wichtige Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen sind die Sozialpädagogen entscheidend: Sie werden aktiv, wenn Jugendliche morgens nicht erscheinen und holen auch mal den einen oder anderen persönlich aus dem Bett. Der regelmäßige persönliche Kontakt mit den Eltern gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie Hilfe bei familiären Schwierigkeiten, Sucht- oder Schuldenproblemen. "Wir sind zwar eine berufsvorbereitende Maßnahme, nicht die Jugendhilfe. Aber in den letzten Jahren hat sich das immer mehr verschoben", sagt Hossam Ali. Ihm ist es wichtig, seine Schützlinge auch nach dem Werkstattjahr im Blick zu behalten, Kontakt zu pflegen, so gut es geht. "Aber auch mein Tag hat nur acht bis zehn Stunden."
Keine Zeit, um Jugendliche zurückzuholen
Natürlich gebe es auch immer mal wieder Teilnehmer, die wirklich keine Motivation aufbrächten, sagt auch Kevin Ewe, Pädagoge bei Agricola e.V. "Die fehlen dann plötzlich, sind nicht zu Hause, man erreicht sie nicht mehr. Früher hatte ich dann oftmals auch nicht die Zeit, da hinterherzufahren und zu versuchen, den Jugendlichen wieder zu holen." Jetzt hat er nur noch 14 statt 25 Jugendliche - und viel mehr Zeit, sich um den Einzelnen zu kümmern. Der gemeinnützige Verein Agricola hat langjährige Erfahrung mit Jugendlichen aus Förderschulen und bietet ihnen im Werkstattjahr an, sich unter anderem mit "grünen Berufen" zu beschäftigen, etwa dem des Werkers der Fachrichtung Friedhofsgärtnerei oder Garten- und Landschaftsbau. Neben der Gärtnerei in Dortmund unterhält Agricola ein eigenes Berufskolleg: "Wir können die Jugendlichen so sehr viel engmaschiger betreuen als andere Bildungsträger, bei denen die Jugendlichen auf ein externes Berufskolleg gehen", sagt Ewe. Er sieht darin einen wesentlichen Grund dafür, dass es nur vereinzelt Abbrecher beim Agricola-Werkstattjahr gibt. Im vergangenen Jahr konnte er außerdem sechs von 25 Teilnehmern direkt in eine Ausbildung vermitteln, also rund 20 Prozent.
Erst Hauptschulabschluss, dann Ausbildungsplatz
Benjamin Plate ist einer davon. Er hat schon während seines Werkstattjahres ein dreimonatiges Betriebspraktikum absolviert und den Hauptschulabschluss der Klasse 9 nachgeholt. "Besonders gefallen hat mir der Zusammenhalt in der Gruppe, wir haben uns alle ziemlich gut verstanden", sagt er. Dass er gerne in den Landschaftsbau wollte, merkte er schnell: "Ich habe gerne an der frischen Luft gearbeitet. Die Arbeit mit den kleinen Pflanzen habe ich nicht so gemocht, aber das Bäume fällen und Bagger fahren hat mir viel Spaß gemacht." Ihm ist der Sprung geglückt: Im September beginnt er seine Ausbildung zum Werker. "Ich hoffe, dass ich danach eine feste Stelle kriege", sagt er. Die wichtigste Voraussetzung dafür hat er schon geschaffen - nämlich einen Ausbildungsplatz zu finden. Das hofft auch Hossam Ali für seine Schützlinge: "Ausbildung ist das Nonplusultra", sagt er.
Stand: 06.08.2011, 06.00 Uhr
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