Prozess-Marathon nach Arcandor-Pleite Middelhoffs Millionen und kein Ende

Der Rechtsstreit zwischen dem insolventen Handelskonzern Arcandor und Ex-Vorstandschef Thomas Middelhoff geht mit Zeugenvernehmungen in eine neue Runde. Vor dem Landgericht Essen will der Arcandor-Insolvenzverwalter Schadenersatz in Millionenhöhe einklagen.


Der ehemalige Arcandor-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff im Januar 2011 im Landgericht Essen
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Ex-Arcandor-Chef Middelhoff ist seit Jahren Hauptfigur von Rechtsstreitigkeiten

Ab Montag (19.11.2012) wird der Prozess um die Schadensersatzklage des Insolvenzverwalters von Arcandor, Hans-Gerd Jauch, gegen Middelhoff vor dem Landgericht Essen fortgesetzt. "Das persönliche Erscheinen der Parteien ist nicht angeordnet", teilte das Gericht im Vorfeld mit. Middelhoff wird nach Angaben seiner Anwälte nicht anwesend sein. Zu erwarten ist ein zähes Ringen um Details, eine Befragung von etwa zwölf Zeugen, unter anderem Ex-Mitarbeitern der Arcandor-Rechtsabteilung.

Strittige Sonderzahlungen


Der Insolvenzverwalter fordert von den insgesamt acht Beklagten in diesem Verfahren Schadenersatz in Höhe von zusammen knapp 24 Millionen Euro. Der größte Batzen entfällt auf Middelhoff, der rund 16 Millionen Euro zahlen soll. Middelhoff sowie vier weitere beklagte frühere Arcandor-Vorstandsmitglieder hätten zwischen 2006 bis 2008 zu Unrecht Sonderboni erhalten. Middelhoff sollen zu Unrecht unter anderem die Kosten für Charterflugzeuge gezahlt worden sein. Auch Bewirtungsaufwendungen sind strittig.

"Die Beklagten gehen davon aus, dass die Auszahlungen der Beträge auf rechtswirksamen Beschlüssen beruhen und auch inhaltlich nicht zu beanstanden sind", teilte das Gericht mit. Die Sonderboni und Abfindungsbeiträge seien "nicht überhöht, sondern angemessen". Unter den Zeugen vor dem Landgericht sind mehrere Juristen, die nach der Angemessenheit befragt werden sollen. Auch ehemalige Aufsichtsratsmitglieder sollen in den Zeugenstand. Falls die drei angesetzten Termine bis Mittwoch (21.11.2012) nicht ausreichen, könnte sich die Befragung ins Jahr 2013 ziehen.

Folgen der Arcandor-Pleite von 2009

Vor dem Landgericht Essen steht damit die Fortsetzung der komplizierten Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit der Arcandor-Pleite von 2009 auf der Tagesordnung. Die Handels- und Touristik-Gruppe Arcandor war Mutterkonzern der ebenfalls insolventen Unternehmen Karstadt und Quelle.

Der Insolvenzverwalter verklagte den Ex-Arcandor-Chef nach der Firmenpleite wegen angeblicher Managementfehler und umstrittener Bonuszahlungen insgesamt sogar auf Schadenersatz in einer Höhe von 186 Millionen Euro. Ob der Insolvenzverwalter jemals Geld sehen wird, ist aber noch offen. Zwar sah das Essener Landgericht in einem ersten Urteil eine Pflichtverletzung des Managers beim Verkauf eines Karstadt-Warenhauses, ließ aber die Schadenshöhe offen. Und in mehreren anderen Punkten wies das Gericht die Klage ab. Der Streit dürfte die Gerichte noch Jahre beschäftigen. Das erste Essener Urteil steht im Juni 2013 noch vor dem Oberlandesgericht Hamm auf dem Prüfstand.

Middelhoff startete Gegenangriff

Middelhoff trägt nach eigener Einschätzung nicht die Schuld an der Pleite des Handelskonzerns und seiner Tochterunternehmen Karstadt und Quelle. "Ich hätte wirklich noch ein Jahr länger machen und unser Konzept umsetzen sollen", sagte der 59-Jährige im Sommer 2012 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Nach Middelhoffs Worten wäre Arcandor noch zu retten gewesen, als er den Konzern 2009 wenige Monate vor der Pleite verließ - wenn an seinen Plänen zum Konzernumbau festgehalten worden wäre.


Middelhoff hatte in dem Interview dem vorherigen Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg vorgeworfen, eine systematische Rufmordkampagne gegen ihn betrieben zu haben: "Aus diesem Grund werden meine Anwälte auch die lange vorbereitete Schadenersatzklage in Höhe von etwa 120 Millionen Euro gegen Herrn Görg und seine Sozietät einreichen." Der damals 71-jährige Görg hatte die Führung der Insolvenzverwaltung Ende 2011 an Hans-Gerd Jauch abgegeben. "Noch in diesem Jahr" werde die Gegen-Klage von Middelhoff eingereicht, sagte sein Anwalt Winfried Holtermüller zu WDR.de.

Vor Beginn der Zeugenvernehmungen sagte der Sprecher von Insolvenzverwalter Jauch, Thomas Schulz, man würde sich einem "wirtschaftlich vernünftigen Vergleich" nicht verschließen. Im Rechtsstreit mit seinem früheren Vermögensverwalter Josef Esch hatte sich Middelhoff im August 2012 außergerichtlich geeinigt. Ein ähnlicher Deal ist aber im Streit um die Sonderzahlungen wohl eher unwahrscheinlich.

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Thomas Middelhoff

Thomas Middelhoff ist einer der bekanntesten deutschen Manager. Der heute 59-Jährige wurde in Düsseldorf geboren und entstammt einer Unternehmerfamilie. Als junger Manager machte er im Gütersloher Bertelsmann-Konzern Karriere. 1998 übernahm er dort die Führung. 2005 stieg Middelhoff als Karstadt-Chef ein. Wenige Monate vor der Insolvenz des mittlerweile in Arcandor umbenannten Konzerns wurde er 2009 als Vorstandsvorsitzender abgelöst. Der Familienvater ist seitdem selbstständig tätig mit einer Investmentgesellschaft.


Stand: 19.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 20.11.2012, 11.05 Uhr

Nackte Tatsachen? schrieb am 20.11.2012, 11.05 Uhr:
Für Aktionäre gilt das gleiche wie für die Ratsherren in Bochum, sie müssen sich auf Richtigkeit der ihnen übermittelten Auskünfte verlassen können. Da liegt die Crux wie auch ein Bochumer Stadtrat wohl bei Anfrage an Stadtwerke erfahren musste(Welt online: Honoraraffäre). Wenn Kontrollgremien wie Aufsichtsrat nur oberflächlich Einsicht haben( oder haben wollen?) kann ein Vorstand schalten und walten,ohne dass explizit formale Richter je diese Machenschaften richtig bewerten werden (können?), es sei denn sie verstehen genug von Buchführungen und deren Tricks. Aber selbst in BWL Lehre an staatl. Hochschulen hat sich die Leveraging-Lüge von reiner Cash Cow für Vorstandsprämien zur "seriösen" Gewinnoptimierung der Gesellschaften gewandelt. Derart sieht nun unsere Gesellschaft aus, Schuldenmacher sind die Könige und die Realwerte erwirtschaftenden arbeitenden Produzenten die Sklaven des Russisch Roulette-Casinos. Wer wird es denn nun nackt verlassen?
Anonym schrieb am 19.11.2012, 17.12 Uhr:
Ich habe für Herrn Middelhoff, genau wie für seinen Vorgänger, nur tiefste Verachtung übrig.
carmen u.daniela vosmerbaeumer schrieb am 19.11.2012, 16.16 Uhr:
ich denke da an die vielen betroffenen,von Quelle u.karstadt.es betrifft unter anderem einen cousin von mir,der seit dem schulabgang,bei Quelle gearbeitet hat.er wäre in hartz 4 gefallen,aber er hat bei conrad in frankfurt a.main einen neuen job gefunden.(er ist jahrgang 58)nur durch den stress hat er jetzt seiner gesundheit zollen müssen.(herzinfarkt z.glück nicht tötlich)das hat alles der herr M.mit verschuldet,dafür will er jetzt noch geld,von einem unternehmen,dass er in den ruin geführt hat.klar wenn es verträge gibt,aber wenn er ein bisschen stolz hätte,wäre ihm das egal.ich kann doch nicht, wenn ich jemandem geld geliehen habe,u.sehe er kann es nicht zurück zahlen ihn vor gericht zerren.(wenn ich es auch nicht brauche)hier läuft etwas schief,der vorgänger hat ja auch seinen dienstwagen mit chauffeur behalten dürfen.(ehrensold f.ch.wulff)den kleinen dückt man wie eine zitrone aus u.die grossen bekommen kaviar u.champagner,mit staatshilfe.unverständlich.mitfreundlichen grüssen !
nein 2 schrieb am 19.11.2012, 16.16 Uhr:
Ich weis aber auch, das diese Leute kein Gewissen haben,die Opfer bleiben übrig,dieses ganze Theater um Acandor, Karstadt usw. ist kein Ruhmewsblatt auch nicht für Hern Middelhoff.Es geht doch um Geld oder?,die Ehre ist vielen egal, hat man in unserem Staat den Verdacht.
Realist schrieb am 19.11.2012, 15.33 Uhr:
Überall wo Herr Middelhoff bisher in führender Position tätig war hat er immensen Schaden hinterlassen. Den größten wohl bei Bertelsmann, so dass man ihm dort für eine kleine Abfindung von 10 Mio. Euro fristlos auf Wiedersehen gesagt hat. Nun denke man nach: Wenn 10 Mio. Euro investiert werden um Schaden abzuwenden, dürfte die sonst zu erwartende Schadensumme wohl um ein vielfaches höher liegen.

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