1983: Grüne werden in den Bundestag gewählt "Du bist jetzt offensichtlich im Bundestag!"

Vor 30 Jahren wurden die Grünen erstmals in den Bundestag gewählt und mit ihnen Antje Vollmer. Mit langen Haaren und Strickpullovern fallen die neuen Abgeordneten auf. Wie sich die Partei seitdem entwickelt hat, erklärt Vollmer im Morgenecho von WDR 5.

WDR 5: 1983 gelten die Grünen als Spinner oder Fundamentalisten. Heute sind sie eine etablierte Partei, der es gelang die FDP zu übertrumpfen und einen Ministerpräsidenten zu stellen. Hätten Sie das gedacht?


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Antje Vollmer: Niemand hat das damals gedacht, nach unserem kurzen Wahlkampf von sechs Wochen. Es galt als ausgeschlossen, dass eine junge Partei in den Klub der Etablierten vordringt. Doch an jenem Wahlabend vor 30 Jahren kletterten die Prozentzahlen höher und höher. Irgendwann riefen mich Freunde an – ich war nicht mal bei einem größeren Treffen – und sagten: Du bist jetzt offensichtlich im Bundestag!

Antje Vollmer

1983 zog Antje Vollmer für die Grünen in den Bundestag ein, obwohl sie selbst kein Mitglied war. Erst 1985 ist sie der Partei beigetreten. Fast zehn Jahre, von 1994 bis 2005, war sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Wiederholt kritisierte sie den Afghanistan-Einsatz und kandidierte nach 2005 nicht mehr für weitere politische Ämter. Auf sich aufmerksam machte sie erneut 2009, als sie den Runden Tisch zum Thema Heimerziehung in den 50er- und 60er-Jahren leitete.

WDR 5: Die Grünen waren von ihrem Erfolg überrascht. Wie erklären sie sich, dass er zustande kam?


Vollmer: Es gab damals eine unglaubliche Bewegung in der Bevölkerung und zwar für Themen, die bei den herrschenden Parteien nicht vertreten waren: Das war die Anti-Atompolitik, die Ökologie, die Friedensbewegung und die Agrar-Opposition – aus der kam ich. Es gab einen großen Willen, an den politischen Prozessen beteiligt zu sein. Diesen Frühling an außerparlamentarischen Bewegungen hat es bis 1989 nicht wieder gegeben.

WDR 5: Wenn man die Friedensbewegung außen vor lässt, sind die alten Themen von damals immer noch die Themen der Grünen heute. Sind sich die Grünen selbst treu geblieben?

Vollmer: Zum Teil ja, zum Teil nein. Insgesamt sind die Grünen eine der erfolgreichsten politischen Kräfte. Themen, die damals als lächerlich oder randständig galten, sind mittlerweile völlig anerkannt. Das sehen wir zum Beispiel an der Energiewende und den neuen emanzipatorischen Bewegungen. Das schwierigste Thema für die Grünen bleibt die Verpflichtung gegenüber der Friedensbewegung.

WDR 5: Ist das ein Thema, bei dem die Grünen sich untreu geworden sind?


Vollmer: Bei den Abstimmungen zu den Kriegen im Kosovo und in Afghanistan sind zwei unserer Prinzipien scharf miteinander in Konflikt geraten: die Verpflichtung zur Gewaltfreiheit und die Menschenrechtspolitik. Ich persönlich verfolge eine Tendenz mit großer Sorge, die ich Menschenrechtsbellizismus nenne: Nach einer schnellen, meist medial aufgeheizten moralischen Stimmungsmache, marschieren die Soldaten. Dabei sollten wir die Konflikte in der Welt im Voraus denken und sie präventiv und gewaltfrei lösen. Dieser Frage müssen sich die Grünen und auch andere Bewegungen neu stellen.

WDR 5: Hätten die Grünen eine Alternative zu diesem Kurs gehabt?

Vollmer: Über nichts denke ich mehr nach, als über die Zeit, in der die Grünen dem Einsatz im Kosovo und in Afghanistan zustimmten. Hätte es nicht doch einen anderen Weg gegeben? Immerhin haben unsere Diskussionen in den beiden Konflikten das Nein zum Irakkrieg vorbereitet.

WDR 5: Waren diese Auslandseinsätze der Grund, warum Sie den Grünen letztendlich den Rücken gekehrt haben?

Vollmer: Ich bin nicht den grünen Ideen ferngeblieben oder der Partei, sondern bestimmten Ämtern, die ich auch lange genug ausgeübt habe. Aber nach der erzwungenen Afghanistan-Entscheidung, die ja mit der Fortsetzung der rot-grünen Regierung verbunden war, brauchte ich wieder Freiheit, auch andere Dinge zu denken.

Parteien sind selten der Ort kreativen Denkens. Ich glaube, in den gesellschaftlichen Bewegungen ist eine Resignation eingetreten. Wir müssen neu nachdenken und vielleicht bald für neue Ziele auf die Straße gehen.

Das Interview führte Holger Beckmann im WDR 5 Morgenecho vom 06.03.2013.


Stand: 06.03.2013, 09.00 Uhr