c/o Pop in Köln Pop ist Kunst, Kunst ist Pop

Die c/o Pop feiert ihr Zehnjähriges. Das Nachfolgefestival der Popkomm steht für einen erweiterten Popbegriff: Mobile Konzerte, Musik-Meditation im Tanzsaal und Design auf dem Plattencover - fünf Tage lang ab Mittwoch (19.06.2013).


Zur Sendung

Rochus Aust hat viele Adressen. Wenn er nicht gerade einen still gelegten Bahnhof in der Eifel renoviert, pendelt er zwischen seinen Ateliers in Köln hin und her. In seiner grünen Sportjacke und seinen Turnschuhen wirkt er nicht gerade wie ein typischer Vertreter der klassischen Musik – eher wie ein DJ, der abends im Club Platten auflegt.


Eigentlich wollte der 44-jährige Wahlkölner Bildende Kunst studieren. Doch dann wurde er Trompeter und ist wahrscheinlich einer der innovativsten auf seinem Gebiet: Rochus Aust veranstaltet Picknick- oder Drive-In–Konzerte auf Parkplätzen, scheucht Besucher durch stillgelegte Industrieanlangen, oder lädt zu Junggesellenessen mit musikalischer Untermalung. Auf der c/o Pop gibt er ein mobiles Konzert und fährt von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort, um Pophits seiner Jugend zu spielen.

Musik trifft Kunst

Aust scheint über den Disziplinen zu schweben. Einige nennen ihn Raumkomponisten, andere einen visuellen Trompeter. Seine Arbeit erinnert an Fluxus und den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys zugleich. Ein Kanon, der an die Zeit in den Achtzigern erinnert. Damals wehte ein Underground-Wind aus New York über den Atlantik ins Rheinland, eine lebhafte Kunstszene vermischte sich mit den Musikschaffenden, die Zeitschrift Spex sorgte für das nötige Diskursfutter.


Als die Popkomm nach Berlin abwanderte, schien der alte Pakt zwischen Kunst und Musik zunächst gebrochen, aber die Nachfolgeveranstaltung c/o Pop (Cologne on Pop) schaffte es, ihn wieder neu zu befeuern. Zum zehnjährigen Jubiläum scheinen die Grenzen zwischen Kunst und Musik erneut stark zu verwischen.

Von Köln in die Welt


Einer, der schon seit zwanzig Jahren die Grenzen ignoriert, ist Wolfgang Voigt. Der 53-Jährige ist Mitbegründer des Kölner Labels Kompakt. Er hat den Minimal-Techno erfunden, eine Musikrichtung, die Club- und Popmusik miteinander verbindet. Klänge, die offen sind für viele Einflüsse wie Klassik, Synthie oder Schlager. Der "Sound of Cologne" ist auf der ganzen Welt ein Begriff. Voigt sieht sich deshalb längst nicht mehr als Produzent, sondern als musikalischen Konzeptkünstler: "Seit ich Musiker bin, bin ich auch Künstler und übersetze Strukturen der Musik in Kunstwerke". In der fünfstöckigen Schaltzentrale des Kompakt-Labels im Belgischen Viertel in Köln ist deshalb auch ein Atelier untergebracht. Der Bau erscheint wie eine moderne Version der alten Andy Warhol Factory.

Factory auf Kölsch

Hier entstehen die Klanginstallationen von Ausstellungen für Künstler wie Cosima von Bonin. Den Ritterschlag erhielt Kompakt dieses Jahr zum 20. Firmenjubiläum. Das Label wurde zur Art Cologne eingeladen und stellte neben Musik auch Kunst aus. Auf der c/o Pop gestaltet Voigt eine Ambient-Nacht im Ballettsaal eines Tanzzentrums. "Ganz entspannt, ohne Licht, ohne alles. Eher Meditation für Ungläubige", sagt Voigt, der im schicken Anzug mit weißem Hemd eher einem Galeristen als einem Nachtarbeiter ähnelt.

Brückenschlag der Disziplinen

Die Szenen rücken immer enger zusammen. Kaum eine Ausstellungseröffnung, die ohne DJ auskommt. Kaum ein DJ, der nicht seine Fühler in Richtung Kunstszene ausstreckt. So wie die Musiker der Düsseldorfer Band Stabil Elite. 2011 war ihr Song "Gold" die Festivalhymne der c/o Pop.


Die drei Stabil Elite Mitglieder werden allerorten als die neuen Kraftwerk-Apologeten aus dem Umfeld der Kunsthochschule gefeiert. Die Musik von Stabil Elite verschweigt nicht ihre Referenzen, sondern stellt sie konzeptkunstmäßig zur Schau. Ihr Lied "Agent Orange" ist ein so eindeutiges Kraftwerk-Zitat, dass es fast wie ein freches Plagiat wirkt.

Auftritte im Museum

Während Kraftwerk längst als Gesamtkunstwerk gefeiert werden, reicht es bei Lucas Croon, Martin Sonnensberger und Nikolai Szymanski immerhin schon zum regelmäßigen Auftritt im Museum. "Wenn man sich einmal in diesem Umfeld bewegt, dauert es nicht lange, bis Kuratoren darauf aufmerksam werden und uns in ihr Haus einladen", sagt Szymanski, der als Designstudent auch maßgeblich für die Gestaltung der Plattencover zuständig ist.

Der Designer als DJ


Der Kölner Designer und DJ Hugo Hoppmann hat schon während des Studiums ein Nebeneinander von Kunst und Musik gelebt. Aufgewachsen als Kind eines Musiker-Vaters im Umfeld der Spex kam der heute 24-Jährige früh mit der Szene in Köln in Berührung. Grace Jones stand bei seinen Eltern im Plattenschrank und so lag es nahe, dass er sich mit der Kunstfigur im Studium beschäftigte und ihre Musik auch gerne auf den Plattenteller legt. Als Diplomarbeit entwarf er eine abstrakte Schrift, die er an der Kopfform der Sängerin aus Jamaika anlehnte.

Inzwischen hat Hugo Hoppmann für die deutsche Ausgabe von Andy Warhols "Interview Magazin" gearbeitet und eine Partyreihe namens Cologne Sessions mit ins Leben gerufen. Auf der c/o Pop tritt der Designer als DJ auf. "Als DJ kuratiert man für den Moment. Ich kann gut einschätzen, was nicht nur mir, sondern auch anderen gefallen könnte", sagt Hoppmann. Kunst und Musik – zwei Seiten einer Medaille. Wie man sie wendet, liegt letztlich im Auge des Betrachters. Die Akteure der c/o Pop begeistern sich häufig für beide Ansichten.


Stand: 18.06.2013, 00.05 Uhr