Fußball-Wettskandal geht viel tiefer Angst vor der Mafiastruktur

Von Matthias Goergens

Die jüngsten Europol-Enthüllungen vom Montag (04.02.2013) haben den Fußball-Wettskandal wieder auf die Tagesordnung gebracht. Aktuelle und ehemalige Profifußballer befürchten, dass der Sumpf nie trockenzulegen ist. Die Fans scheint das allerdings nicht zu kümmern.


Wettbüro
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Jörg Albertz spürte es. Da lief etwas schief auf dem Fußballplatz. "Ich hatte immer den Verdacht, dass manipuliert wurde, aber ich hatte nie irgendwelche Beweise", sagt der heute 42-jährige Ex-Fußballprofi über seine Zeit in China. Vor rund zehn Jahren war er dort, wurde mit Schanghai Shenhua im ersten Jahr Meister, im zweiten Jahr dümpelte das Team trotz hochkarätiger Verstärkungen im unteren Mittelfeld herum. Ganz plötzlich. Als wenn sich Bayern München nach dem gewonnen Meistertitel mit den BVB-Stars Marcos Reus und Mario Götze verstärken und kurz darauf abstürzen würde."Da war ein ganz fader Beigeschmack, weil man nur eins und eins zusammenzählen musste", sagt Albertz, der heute in Mönchengladbach lebt.

Kein Gedanke an mögliche Manipulation


Damals zog "Ali" Albertz die Konsequenzen und kehrte nach Deutschland zurück. "Damit wollte ich nichts zu tun haben." Aber seine Erinnerungen kommen zurück, wenn er von den neuen Ermittlungen der europäischen Polizeibehörde Europol im Wettskandal hört und ein "asiatisches Verbrechersyndikat" hinter weltweit beeinflussten Spielen vermutet wird. Er selbst sei in China nie angesprochen worden, da war die Sprachbarriere sein Schutz – zugleich aber auch sein Problem. "Als ausländischer Spieler erfährt man da nichts, man kriegt auch nichts raus." Gedanken um manipulierte Spiele habe er sich zuvor in seiner Bundesligakarriere unter anderem bei Borussia Mönchengladbach und Fortuna Düsseldorf ohnehin nie gemacht. "Das kam mir nicht in den Sinn. Vielleicht war ich da auch ein bisschen naiv."

Hoyzer-Skandal erschütterte die Bundesliga


Ehemalige Schiedsrichter Robert Hoyzer
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Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer wurde rechtskräftig verurteilt

Kurz nach seiner Rückkehr kochte im Januar 2005 in Deutschland der Wettskandal um den deutschen Schiedsrichter Robert Hoyzer hoch, der nach seinem Geständnis wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt wurde. Der Skandal von 2005 gilt als die größte Affäre seit dem Bundesliga-Skandal 1970/71, bei dem ganze Mannschaften, Trainer und Funktionäre an Spielverschiebungen beteiligt gewesen waren. Hoyzers Hintermann Ante Sapina erhielt damals zwei Jahre und elf Monate. Nach seiner Haftentlassung manipulierte der Wettpate weiter Spiele im unterklassigen Fußball und wurde deshalb vor dem Landgericht Bochum zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Dieses Strafmaß muss nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs derzeit neu verhandelt werden, an der Masche der Wettbetrüger gibt es aber keine Zweifel.

"Auf dem Feld denke ich an das Gute im Menschen"  


Aber lässt sich die Einflussnahme während eines Spiels überhaupt feststellen? "Nein", sagt Ex-Profi Marcus Feinbier, "auf dem Platz denke ich an das Gute im Menschen und nicht daran, dass ein Schiedsrichter oder Mannschaftskollege bewusst Fehler macht." Der 43-Jährige war selbst als Profi bei einem der manipulierten Hoyzer-Spiele dabei – am 26. September 2004 verlor er mit Zweitligist Greuther Fürth 0:1 beim MSV Duisburg. "Es ist ein grausames Gefühl, dass man spielen kann wie man will und es nützt nichts", sagt Marcus Feinbier. Während der 90 Minuten habe er an einen schlechten Tag des Unparteiischen geglaubt, im Nachhinein sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Die Zuschauer strömen trotzdem in die Stadien


Fussball Stadion
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Fans strömen weiter in die Stadien

Trotz allem strömen die Besucher munter in die Fußballstadien. Der Name "Hoyzer" hat längst das herkömmliche "Schieber" abgelöst, mit dem sich die Fan-Wut über rätselhafte Pfiffe entlädt. Mehr ist aber offenbar nicht geblieben. Christian Ellmann, Fanbeauftragter beim Zweitligisten MSV Duisburg, stellt eine gewisse Gleichgültigkeit unter den Fans fest: "Das wird zur Kenntnis genommen, ist aber nicht oberstes Tagesthema." Das gelte vor allem, wenn andere Themen wichtiger sind wie die gerade sportlich und finanziell wacklige Lage der Duisburger. Der heutige Viertligist Wuppertaler SV war 2004 auch mit einem manipulierten Spiel betroffen, die Fans haben das aber angeblich längst vergessen. "Das interessiert die gemeine Fanszene nicht", sagt ein langjähriger WSV-Begleiter.

Hintermänner finden leicht neue Opfer


Olivier Caillas (Erfurt) gegen Felice Vecchione (Stuttgart II)
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Olivier Caillas kennt sich in der dritten Liga aus

"Trockenlegen kann man den Sumpf wohl kaum", meint Olivier Caillas, der einige Stationen von der zweiten bis zur vierten Liga hinter sich hat. Denn Opfer fänden die Wettpaten immer – meist jene Profis, die finanzielle Schwierigkeiten haben, vielleicht ihr Geld beim Glücksspiel verzocken. Der heute noch aktive Caillas (Schalke II/Regionalliga) vermutet, dass "viele den Hals nicht vollkriegen". Selbst angesprochen worden sei er nicht, weiß aber von "vielen jungen Kerlen", die sicher anfällig seien. Beim ersten Ja sei es dann zu spät. "Da kommst du nicht mehr raus, dann haben sie dich in der Hand."

Ex-Profi Fenbier hat selbst erlebt, wie sich ein Mannschaftskollege zu seiner Zeit beim SV Elversberg betont freundlich mit einigen Kollegen unterhielt und anfreundete. "Ausgespäht" sagt Feinbier heute dazu, nachdem das Gesicht des festgenommenen Kollegen plötzlich in den Nachrichten im Zusammenhang mit dem Wettskandal auftauchte. "Daran sieht man, wie gut die informiert sind und wie groß das aufgezogen wird." Es mache schon Angst, welche Mafia- und Kartellstrukturen dahinter stecken, ergänzt Marcus Feinbier. "Heutzutage kannst du für niemanden mehr die Hand ins Feuer legen. Ich hoffe, dass es nicht wieder so einen großen Knall gibt."


Stand: 05.02.2013, 16.40 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 07.02.2013, 09:51 Uhr

peer schrieb am 07.02.2013, 09:51 Uhr:
Gauner und Betrüger sitzen überall, nichts und niemanden kann man mehr trauen. In was für einer bekloppten Welt leben wir. Wenn jetzt auch noch der Sport von Kriminellen benutzt wird um ihre Gaunereien zu machen, dann ist für mich eine Grenze überschritten.
Lynard schrieb am 06.02.2013, 18:55 Uhr:
Für solch ein brisantes Thema sind hier nur auffallend wenig Beiträge. Da scheint schon Angst im Spiel zu sein. Die Mafia hat also gewonnen.
@fußballer schrieb am 06.02.2013, 12:33 Uhr:
Genau! Was ist denn so schlimm daran, wenn dir eben mal 200 Milliarden Euro aus dem Hintern gezogen werden? Was ist so schlimm daran, wenn deine Kinder von einem dieser Mafiakiller über den Haufen gefahren werden?Dein Gebrüll möchte ich hören, wenn du am Grab deiner Kinder stehst. Dann wirst du brüllen: Warum hat keiner etwas gegen die Mafia getan! Dann wirst du brüllen, und es ist deine Schuld, dass deine Kinder tot sind.
Anna Lyse schrieb am 06.02.2013, 10:25 Uhr:
Ob Guttenberg, Schavan, Hoyzer, Sapina oder andere: ""Trockenlegen kann man den Sumpf wohl kaum". Mir drängt sich der Eindruck auf, dass eine Aufarbeitung von vielen Menschen in diesem Land auch gar nicht wirklich gewollt wird. Vielleicht, weil man selbst im "Sumpf" steckt, vielleicht, weil sonst der Blick durch die rosa-rote Brille getrübt würde. Die beiden Polizisten, die ihren eigenen Überfall gestellt hatten, befinden sich nicht mehr im Dienst. Man sollte sich in anderen Bereichen ein Beispiel daran nehmen.
fußballer schrieb am 06.02.2013, 07:30 Uhr:
Da finde ich einen ärztlichen Kunstfehler nun wirklich schlimmer... Wo wird denn heute nicht mehr betrogen? Ich verstehe die Aufregung um ein für mich völlig unwichtiges Thema nicht.

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