Der Wandel des Schalker Trainers Huub Stevens reloaded

Von Jörg Strohschein

Der Trainer Huub Stevens galt vor seinem zweiten Engagement beim FC Schalke 04 im Spätsommer 2011 als wortkarg, knurrig und aus der Zeit gefallen. Doch der Holländer hat sich gewandelt: Er hat jetzt nicht nur sportlichen Erfolg, sondern besticht manchmal auch durch Charme.


Huub Stevens
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"Ich bin so, wie ich bin": Huub Stevens

Für einen kurzen Moment schimmerte es wieder durch: dieser böse Blick, die schmalen Lippen und das verständnislose Kopfschütteln. "Ich bin nicht angespannt. Ich bin so, wie ich bin", antwortete Huub Stevens einem Fragesteller, der ihm bei der Pressekonferenz in der Schalker Arena unterstellt hatte, gereizt zu sein. Wenn es um seine Mannschaft geht, dann versteht der Fußballtrainer noch immer keinen Spaß. Denn für das Bundesligaspiel am Samstag (28.01.2012) beim 1. FC Köln, wo er auch ein Jahr lang als Trainer gearbeitet hatte, plagen den Holländer außergewöhnliche Personalsorgen. Und das merkt man ihm dann auch an.

Der "Knurrer von Kerkrade"

Doch rasch besann sich Stevens darauf, die weiteren Fragen ausführlicher zu beantworten und dadurch eine entspanntere Atmosphäre herzustellen. Solch eine milde Reaktion hätte es noch in seiner ersten Amtszeit in Gelsenkirchen, in den Jahren zwischen 1996 und 2002, als er noch "Knurrer von Kerkrade" genannt wurde, nicht gegeben. Damals wurden unliebsame Fragesteller auch gerne mal vor Publikum runtergeputzt, Antworten fielen einsilbig aus oder wurden gänzlich verweigert. Doch diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Stevens versucht, sich besser zu verkaufen. Und häufiger auch mit Charme zu punkten. Eine Disziplin, die er sich selbst auferlegt hat.

Eleganz und Spektakel? - Nicht seine Sache


Horst Heldt (r.) und Huub Stevens
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Die Kritiker sind verstummt

"Ich glaube, der Trainer hat sich darüber geärgert, dass mehr Journalisten hier waren und ihm Fragen gestellt haben, als ihm derzeit Spieler zur Verfügung stehen", sagte Schalkes Manager Horst Heldt fast entschuldigend, als Stevens schon längst wieder bei seiner Mannschaft war. Heldt war es, der Stevens nach dem Burnout von Trainer Ralf Rangnick eine neue Chance gegeben hatte und dafür vielfach belächelt wurde. Jetzt, rund vier Monate nach dieser Entscheidung, sind die Kritiker weitestgehend verstummt.

Stevens pflegt einen anderen Stil als sein Vorgänger. Programmiertes Spektakel auf dem Fußballfeld und modische Eleganz abseits des Platzes sind seine Sache nicht. Häufig kommt der 58-Jährige mit Trainingsanzug und Badelatschen zu offiziellen Terminen. Der bei vielen seiner Kollegen in der Bundesliga obligatorische modische Anzug ist ihm eher unangenehm. "Warum soll ich mich umziehen?", fragt Stevens beinahe naiv und kein Argument würde ihn wohl vom Tragen anderer Kleidung überzeugen können.

"Die Null muss stehen"


Und diese spezielle Überzeugung hat Stevens auch bei der Arbeit mit seinen Spielern. "Ich bin auch ein moderner Trainer. Jeder Mensch verändert sich und entwickelt sich weiter. Auch bei mir ist das so", verteidigt er sich. Immer dann, wenn er wieder einmal mit diesem einen Satz konfrontiert wird, der ihn bis an das Lebensende verfolgen wird, der allerdings aus ganz anderen Zeiten stammt. "Die Null muss stehen", das war Stevens' regelmäßiger Ausspruch zu Zeiten des Europapokalsiegs 1997, als die dominierende defensive Ausrichtung seiner Mannschaft die gewinnbringende Taktik war - und die individuellen Schwächen seiner zumeist durchschnittlich begabten Spieler kompensierte.

Erst die Arbeit, dann die Kunst

Heute stehen ihm zwar Filigrantechniker wie der Peruaner Jefferson Farfan und Stars wie die Stürmer Raúl und Klaas-Jan Huntelaar zur Verfügung. Doch auch die müssen ihren Trainer zunächst mit Disziplin, physischer Präsenz und kollektiver Arbeit überzeugen. Erst die Arbeit, dann die Kunst, lautet nach wie vor Stevens' Motto. Unterhaltung ist kein hervorstechendes Merkmal seiner Vorstellung vom Fußball. Der Gegner darf auch ruhig häufiger den Ball haben, solange die Schalker am Ende den Platz als Sieger verlassen. Bloß dass der Trainer eben häufiger lächelt.


Huub Stevens und Raúl (r.)
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Disziplin und Arbeit fürs Kollektiv

Diese taktische Solidität, die konservativ erscheint, aber doch auf Höhe der Zeit ist, hindert die Spieler aber nicht daran, auch spektakuläre Tore zu erzielen. Der jüngste Treffer zum 3:0 gegen den VfB Stuttgart durch Julian Draxler, der nach mehreren Kombinationen mit nur einem Ballkontakt traf, steht exemplarisch dafür. "Wir haben jetzt mehr Stabilität in der Mannschaft", sagt Horst Heldt. Stevens vermittele den Spielern die Balance zwischen "langer Leine und der nötigen Disziplin. Die Spieler wissen genau, wie weit sie bei ihm gehen dürfen", so der Manager.

Er kann ihn noch, den bösen Blick

Die Schalker befinden sich derzeit punktgleich mit dem FC Bayern München und Platz drei in der Bundesliga auf Erfolgskurs. Und wieder einmal entstehen rund um den Schalker Markt Träume vom Gewinn der Deutschen Meisterschaft nach fast 54 Jahren des sehnsüchtigen Wartens. Mit einem Titelgewinn würde sich der Holländer, der ohnehin schon von den Schalker Anhängern zum Jahrhunderttrainer gewählt wurde, endgültig zur lebenden Legende machen. Wer Huub Stevens allerdings darauf anspricht, der bekommt einen wirklich bösen Blick zugeworfen und eine weniger charmante Antwort. "Träume sind schön", sagt er dann. "Aber ich bin Realist." Manchmal kann er einfach nicht anders.


Stand: 28.01.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 28.01.2012, 13:09 Uhr

Kai schrieb am 28.01.2012, 13:09 Uhr:
Seit über 35 Jahren nehme ich die Trainer des 1. FC Köln wahr. Stevens war auf dem Trainingsplatz in meinen Augen mit Abstand der Fähigste.
Nordkurve schrieb am 28.01.2012, 12:51 Uhr:
Menschen ändern sich, warum nicht auch Huub Stevens. Der "Knurrer von Kerkrade" hat es drauf, siehe aktuelle Tabelle.


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