Leichtathletin gibt Debüt bei Paralympics: Gold-Hoffnung aus Leverkusen
Die 22-jährige Vanessa Low ist seit einem Zugunglück oberhalb beider Knie amputiert. Bei den Paralympics in London zählt sie nun zu den deutschen Gold-Hoffnungen – und das liegt auch an einer ehemaligen Speerwurf-Weltmeisterin.

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Vanessa Low geht ihr Debüt bei den Paralympics ganz entspannt an
An den Tag, der ihr Leben für immer verändert hat, kann Vanessa Low sich nicht mehr erinnern. Gut sechs Jahre ist es nun her, dass die damals 15-Jährige im Juni 2006 mit dem Zug aus ihrer Heimatstadt Ratzeburg nach Lübeck fahren will. Freunde treffen, einfach ein bisschen Zeit miteinander verbringen. Also wartet Low auf dem Bahnsteig. Das Nächste, woran sie sich erinnert, ist, dass sie im Krankenhaus aufwacht – viele Wochen später.
Warum sie damals vor den einfahrenden Zug gefallen ist, hat Low bis heute nicht erfahren. Ist sie gestolpert oder wurde sie gerempelt? Low kennt die Antwort nicht. "Ich weiß eigentlich fast gar nichts mehr von dem Unfall. Mir fehlen fünf Monate in meinem Gedächtnis, auch aus der Zeit davor", sagt die 22-Jährige. Die Polizei hat den Vorfall nie aufklären können. Für Low spielt das keine Rolle, der Unfall liegt lange zurück. "Ich möchte mich auch gar nicht mehr daran erinnern", sagt sie.
Ärzte raten ihr zum Rollstuhl
Als sie damals im Krankenhaus aufwacht, ist sie oberhalb beider Knie amputiert. Das linke Bein hatte der Zug abgetrennt, das rechte nahmen ihr die Ärzte ab, um ihr Leben zu retten. Aber Vanessa Low, die vor dem Unfall Langstreckenläuferin war, zerbricht nicht an ihrem Schicksal. Die erste Frage an den Prothesentechniker im Krankenhaus, so erzählt sie, ist, welche Sportarten sie wieder ausüben könne. Ihre Ärzte sind da skeptischer, Low sagt: "Sie haben mir eigentlich nicht zugetraut, wieder gehen zu können. Mit einer solchen Behinderung sei es üblich, im Rollstuhl zu sitzen. Ich solle mich daran gewöhnen – aber das wollte ich nicht."

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Dank Prothesen kann Low wieder Sport betreiben
Mühsam erlernt sie das Gehen mit Prothesen, danach das Laufen. Und gut zwei Jahre später, im November 2008, reist sie zu einem Sichtungstraining für Behindertensportler, das Bayer 04 Leverkusen veranstaltet. Low spürt, dass sie mithalten kann, dass sie Spaß daran hat – und dass sie Leistungssportlerin werden möchte. Sie zieht nach Leverkusen und wird zukünftig von Ex-Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert, die in der Behindertensportabteilung bei Bayer 04 aktiv ist.
Selbstmitleid unerwünscht
Nerius sagt über ihre Zusammenarbeit: "Ich finde es schon wichtig zu wissen, welche Tragödie meine Sportler erlebt haben. Aber ich bin nicht der Typ, der zu sentimental an diese Tatsache herangeht. Schließlich wollen die Athleten bei mir trainieren und nicht bedauert werden." Low sieht das ähnlich: „Ich bin in Leverkusen, um zu trainieren und meine eigenen Grenzen zu verschieben. Da hat Selbstmitleid nichts verloren."
Nach und nach zahlt sich das Training mit Nerius aus, mittlerweile startet Low über die 100 Meter, 200 Meter und im Weitsprung. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Dubai holt sie Gold im Weitsprung, Silber über die 100 Meter und Bronze über die doppelte Distanz. Vanessa Low ist angekommen in der Weltspitze und qualifiziert sich in diesem Jahr über 100 Meter und im Weitsprung für die Paralympics in London. "Da ist natürlich ein Traum für mich in Erfüllung gegangen", sagt Low. Im Weitsprung zählt die angehende Mediengestalterin sogar zu den Sieg-Kandidaten.
Tag und Nacht vor dem Fernseher
Zuletzt bei den Olympischen Spielen hat Low "eigentlich Tag und Nacht vor dem Fernseher gesessen hat", wie sie erzählt. Besonders die Sprinter um Superstar Usain Bolt haben es ihr angetan. "In diese Sportler kann ich mich sehr gut hineinversetzen, weil das ja auch meine Disziplinen sind", sagt sie.
Ihre eigene Zielsetzung für ihre Paralympics-Premiere ist relativ bescheiden, sie geht ganz unverkrampft an ihre ersten Spiele heran: "Nervös bin ich nicht. Für mich ist es nur wichtig, mit meiner eigenen Leistung zufrieden zu sein. Wenn es dann für eine Medaille reicht, wäre das natürlich super." Es würde einen bemerkenswerten Weg zurück ins Leben krönen, der damals, vor sechs Jahren, seinen Ausgangspunkt in einem schlimmen Unfall hatte.
Stand: 27.08.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (4)
letzter Kommentar: 29.08.2012, 12:27 Uhr
- frau bratbecker schrieb am 29.08.2012, 12:27 Uhr:
- bei den paralympics starten eben die wahren heldinnen! tolle frau. ich wünsche ihr viel glück und spaß in london.
- WDR.de schrieb am 27.08.2012, 18:44 Uhr:
- Kommentar gesperrt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zur Diskussion bei.
- Ich schrieb am 27.08.2012, 14:59 Uhr:
- Da fällt mir nur "wow" ein. Was für eine Einstellung. Und süß ist sie auch noch :)
- Mir fehlen die Worte schrieb am 27.08.2012, 09:24 Uhr:
- Respekt vor solch einer positiven Lebenseinstellung.
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