Olympiapfarrer Thomas Weber: Glaube, Siege und Niederlagen
Bei den Olympischen Sommerspielen nach London begleiten zwei Geistliche aus NRW die Athleten: der katholische Pastor Hans-Gerd Schütt aus Sötenich und Thomas Weber, evangelischer Gemeindepfarrer in Gevelsberg.
- Olympiapfarrer Thomas Weber
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Thomas Weber ist Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Gevelsberg bei Wuppertal. Der 52-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Arbeitskreis "Kirche und Sport" und gehört seit 2001 auch zum Vorstand auf EKD-Ebene. Der gebürtige Siegerländer nimmt seine Arbeit als Olympiapfarrer seit 2006 zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer wahr.
Thomas Weber nahm als Sportpfarrer an fünf Sommeruniversiaden (= Weltspiele der Studierenden) und den Olympischen Spielen in Turin 2006, Peking 2008 sowie in Vancouver 2010 teil. Er begleitet das deutsche Team ab dem 27. Juli zu den Olympischen Spielen nach London.
WDR.de: Wie sieht Ihr Einsatz in London aus?
Weber: Man darf sich das nicht so vorstellen, dass wir in einen Raum mit bestimmten "Sprechzeiten" sind und abwarten, dass jemand kommt, sondern wir müssen schauen, dass sich Gelegenheiten ergeben, um mit den 389 Sportlern und Sportlerinnen und den übrigen Teammitgliedern in Kontakt zu kommen. Es wird einen Sonntags-Gottesdienst, wahrscheinlich am 5. August, geben. Außerdem wollen wir etwas zur Eröffnung anbieten. Es ist schwierig, in dem ganzen Trubel und in der Hektik wahrgenommen zu werden. Das kann man aber kaum im Vorhinein planen. Manchmal ergibt sich ein gutes, intensives Gespräch auch zufällig zwischen Tür und Angel. Ich verwende gerne das biblische Bild vom Sämann: Ich versuche Samen zu streuen und kann dann nur abwarten und hoffen, dass etwas wächst.
WDR.de: Wie sind Sie Olympiapfarrer geworden?
Thomas Weber: Vor acht Jahren wurde die Stelle des hauptamtlichen Sportpfarrers der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht wieder besetzt. Da ich zum Vorstand des EKD-Arbeitskreises "Kirche und Sport" gehöre, bin ich damals gebeten worden, erstmals 2006 das deutsche Team zu den Olympischen Winterspielen nach Turin zu begleiten. Ich treibe gerne Sport wie Handball, Tennis oder Ski und bin sportlich interessiert.
WDR.de: Seelsorge bei den Olympischen Spielen – gibt es das auch bei anderen Nationalmannschaften?
Weber: Es gibt auch andere Nationen mit geistlicher Unterstützung. Das sind aber nur wenige, wie etwa die polnische Olympia-Mannschaft. Ich habe auch eine finnische Pastorin kennengelernt.
WDR.de: Gibt es einen Unterschied zwischen den Spitzensportlern als Gläubige und den Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde?

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Fabian Hambüchen, Hans-Gerd Schütt, Britta Heinemann und Thomas Weber
Weber: Die Olympia-Mannschaft ist für mich eine Gemeinde auf Zeit. Der Spitzensportler lebt permanent auf ein Top-Ereignis hin und stellt dann oft fest, dass sein großes Engagement nicht genug wahrgenommen oder honoriert wird. Das höre ich immer wieder in den Gesprächen mit den Sportlern und Sportlerinnen, dass die Öffentlichkeit nur den Erfolg erwartet. Wer in Anführungsstrichen "nur" Platz fünf oder sieben erreicht, gilt als Versager. Das ist schon ein sehr extremer Druck, den die Sportler spüren. Die Enttäuschung ist meist groß. Und da ist es im Gespräch mit mir hilfreich, dass sie über ihre Gefühle sprechen können und auch über die schwierige Situation, ohne Familie, Freunde und Alltag.
WDR.de: Worüber sprechen die Athleten mit Ihnen als Seelsorger genau? Was bekommen Sie von den Höhen und Tiefen der Sportler mit?
Weber: Siege und Niederlagen, Höhen und Tiefen, Glücksmomente – diese Begriffe verbinde ich sehr mit dem Sport. Aber auch die Gesundheit ist ein wichtiges Thema. Gerade bei den Sportlerinnen und Sportlern, bei denen eine Verletzung plötzlich das Aus des Olympia-Traums bedeuten kann. Ich habe durch viele Gespräche festgestellt, dass für die persönliche Entwicklung vor allem Niederlagen prägend waren. Man ist ganz schnell vergessen, wenn die Leistung nicht abgerufen werden kann. Wer es dann doch schafft, wieder Erfolg zu haben, oder wer sich mit der Niederlage ernsthaft auseinandersetzt, der entwickelt sich dadurch weiter.
Bei vielen Olympia-Teilnehmern reicht es oft, dass wir da sind und uns mit ihnen unterhalten. Egal, ob sie Gold gewonnen haben oder einfach nur dabei waren, es gilt für alle: Sie wissen, dass wir keine persönlichen Informationen weitergeben und dieses Vertrauen ist sehr wichtig. Daher nenne ich auch ungern in Interviews Namen von vielleicht prominenten Sportlern, die sich mit mir getroffen haben. Gerade das ist ja eine unserer Hauptaufgaben: da zu sein und Halt zu geben.
Das Interview führte Marion Linnenbrink.
Stand: 22.07.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (6)
letzter Kommentar: 23.07.2012, 10:27 Uhr
- Müde :-) heute freundlich schrieb am 23.07.2012, 10:27 Uhr:
- Die Evangelen nicht. Luther ist mit Hilfe eines Weltlichen noch einmal davongekommen. Ich sehe nicht, wie viele Atheisten auch, dass im kapitalistischen System noch etwas Anständigkeit und Menschlichkeit ohne unsere evangelischen Kirchen bewahrt werden könnten. In der Deutschen Demokratischen Republik hatten wir beides, Kirchen und ein System, das Christentum und Atheismus zwar zu versöhnen verstand, wie es zwischen Kirche und Staat sich gehörte, aber um solchen Frieden dauerhaft bewahren zu können, fehlte bekanntlich der gute Wille einer Seite dazu. Die Kultur im Kapitalismus ist, zumindest in der Form, wie sie sich öffentlich darbietet, ganz auffällig und für jedermann erkennbar, auf der Talfahrt nach unten. Wie dagegen anzusteuern ist, ist eine Frage der Demut, nicht des Krawalls, also es muss wieder der Zug eines humanen, menschlichen Gängelbandes den Übermut bremsen, der selten gut endet. Warum ich an die ,,Neue Weltordnung'' denke, weiß ich jetzt am Schluss auch nicht.
- Kleiderständer schrieb am 23.07.2012, 10:05 Uhr:
- Wieviel Seelsorge bekommt dieser Mensch? 5000 Euro monatlich? Warum muss ich in der ARD erfahren, dass Italien kein Land für junge Menschen sein soll aber hier stattdessen etwas über einen Pfarrer erfahre. An sich will ich das, was der Herr macht, nicht kritisieren. Falls der WDR einmal herausbekommen sollte, dass an einem Sonntag ein Gottesdienst im Rundfunk übertragen werden soll, der außer alten Kamellen ein sozialkritisches Wort enthält, etwa in der Art, wie sie in alten italienischen Filmen thematisiert werden, sei es im Deutschlandfunk oder auf einem anderen Kanal, dann möchte ich höflichst um eine Mitteilung bitten.
- Heinz Faßbender schrieb am 23.07.2012, 08:21 Uhr:
- Warum können sich diese Kirchenmänner nicht endlich mal zurückziehen. Ein soziales Miteinander klappt viel besser ohne das ständige Glockengeläute und den Hinweis auf Jesus – den – würde er heute noch leben – dieser Menschenschlag von Heuchlern und Pharisäern doch schon längst wieder ans Kreuz genagelt hätten – weil er diese Art Amtskirchen nicht abnicken würde.
- Ayryn schrieb am 22.07.2012, 17:46 Uhr:
- „Wenn Gott lange schweigt, dann will er reden.“ Gertrud von Le Fort (1876-1971), dt. Dichterin
- Reiner F. schrieb am 22.07.2012, 14:16 Uhr:
- Dies ist eine gute Sache. Der Pastor muss die Begabung haben, auf Menschen zugehen zu können. Die Gelegenheiten der Gespräche zu sehen. Die Sportler zu begleiten, da zusein. Mir ist Herr Weber bekannt, er ist der richtige dafür. Wichtig ist, den Menschen zu begegnen in ihren Situationen. Gottes Liebe begleitend leben.
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