In NRW werden Nazis in den Stadien wieder sichtbarer Renaissance von rechts

Von Christian Steigels

Zum Rückrundenstart der Bundesliga wird wieder über Rechtsextreme in den Stadien diskutiert. Fanforscher warnen vor einem Wiedererstarken der Rechten im Stadion.


Archivaufnahme vom Public Viewing der Uefa-Fußball-EM am 19.06.2008
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"Wir hatten zwei Jahre mit gewalttätigen Übergriffen rechtsextremer Fans zu tun, mit diskriminierenden Gesängen und üblen Beschimpfungen. Viele von uns sehen da keine Perspektive mehr", sagt Ralf Meier (Name geändert) von den "Aachen Ultras". Die antirassistische Gruppe will keine Spiele ihres Vereins mehr besuchen, die Partie im Mittelrheinpokal zwischen Viktoria Köln und Alemannia Aachen (12.01.2013) war ihr vorerst letzter Auftritt. Dieser in deutschen Fankurven bislang einmalige Rückzug fügt der Diskussion um rechte Präsenz in nordrhein-westfälischen Stadien ein neues Kapitel hinzu. Haben die Fankurven ein Naziproblem?

Rechte haben teilweise in Ultragruppen Anschluss gefunden

Gerd Dembowski war lange Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans (BAFF), seit 2012 arbeitet er in der neu gegründeten Kompetenzgruppe Fankulturen an der Universität Hannover. "Es gibt in allen Stadien 10 bis 100 Neonazis", erklärt er. "Die waren schon immer da, und auch nie richtig weg." Wieder zugenommen hat allerdings die Sichtbarkeit. "Die rechten Gruppen werden wieder aktiver und trauen sich mehr", sagt der jetzige BAFF-Sprecher Patrick Gorschlüter.


In Dortmund hielten am ersten Spieltag der Hinrunde Anhänger ein Banner "Solidarität mit dem NWDO" hoch, bereits im DFB-Pokal eine Woche zuvor gab es ein Banner für einen verstorbenen Neo-Nazi. Fans des Zweitligisten MSV Duisburg skandierten beim Pokalspiel in Halle rassistische Parolen, ein Fan reckte die Hand zum Hitlergruß. "Die Rechten haben in einigen Szenen Anschluss gefunden, teilweise auch in Ultragruppen", sagt Gorschlüter. Neben der Aachener "Karlsbande" sind hier vor allem die "Desperados 1999" aus Dortmund zu nennen, die Verbindungen zu den "Autonomen Nationalisten" und der Nazi-Hooligan-Gruppe "Northside" pflegen. Beim Dortmunder Fanprojekt möchte man sich dazu momentan nicht äußern, heißt es auf Nachfrage.

Sorgen auch bei Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln

Anderswo in NRW sind die Veränderungen weniger auffällig, aber dennoch zu beobachten. Nachdem es in den Nuller-Jahren durch die "Ultras Düsseldorf" eine klar linke Dominanz gegeben habe, "zeigen sich auch bei uns die Rechten wieder mehr", sagt Düsseldorfs Fanbeauftragter Dominik Hoffmeyer. Bei mindestens drei Spielen sei im Nachhinein von rechten Äußerungen von Fortuna-Anhängern berichtet worden. Bei einem Spiel zu Beginn der Saison wurde zudem versucht, rechte CDs und Flyer zu verteilen.

Auch beim 1. FC Köln sehen manche die Gefahr eines Rechtsrucks. Die "Boyz", eine von drei großen Ultragruppen, pflegen eine zunehmend enge Freundschaft mit den Dortmunder "Desperados". "Das ist eine große Gefahr für die Kurve", sagt Frank Werner (Name geändert), selbst lange in der Kölner Ultra-Szene aktiv. Schon jetzt würden offener rechte Symbole getragen. Bei einem Fußballturnier der "Boyz" kurz vor Weihnachten waren die "Desperados" mit dabei, inklusive Thor-Steinar-Shirts und "Juden Gelsenkirchen"-Gesängen bei der anschließenden Feier.

Repression gegen Ultras sorgt für zunehmende Entpolitisierung


Einen Grund für die Renaissance von rechts sehen Fanforscher auch in der zunehmenden Repression gegen die Ultra-Bewegung. In den 90ern spielten die Ultras im Verbund mit dem 1993 gegründeten BAFF eine wichtige Rolle bei der Zurückdrängung der zuvor sehr präsenten rechten Szene aus den Stadien. Noch immer positionieren sich manche Ultragruppen antirassistisch und bieten gemeinsam mit den Fanprojekten Workshops gegen rechts an, wie die "Coloniacs" in Köln oder "Kopfball" in Düsseldorf. In den vergangenen Jahren verschwand all dies jedoch hinter der Berichterstattung über Pyrotechnik und Gewalt und den Forderungen nach härteren Strafen.

Die Repression hat Folgen. "Wenn Gruppen sich so stark an den Rand gedrängt fühlen, haben sie nicht mehr diesen Freiraum, sich auch um Antirassismus zu kümmern", sagt Carsten Blecher vom Fanprojekt des 1. FC Köln. Die Marginalisierung verstärkt zudem den unbedingten Zusammenhalt innerhalb der Szene, unabhängig von der politischen Ausrichtung des Nebenmannes. "Der Fan- und Vereinszusammenhalt rangiert dann höher als das, was der Typ sonst noch treibt", sagt Gerd Dembowski.

So auch bei den Protesten gegen das DFL-Sicherheitskonzept im Dezember 2012. "Da setzt man vor allem auf Masse. Das Sicherheits-Thema hat viele entpolitisiert", sagt Ralf Meier von den "Aachen Ultras". Das kann ein Eintrittsticket für Rechte sein: "Mir haben Autonome Nationalisten off the record gesagt: Wenn Fanszenen sagen, wir sind unpolitisch, dann wissen wir: Wir können da hingehen", erklärt Dembowski. An die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Politik, wie den Kampf gegen Kommerzialisierung, Repression oder Polizeiwillkür, können auch Rechtsextreme problemlos andocken.

Vereine und Verbände reagieren häufig hilflos


Vereine und Verbände reagieren häufig hilflos. Der Deutsche Fußball Bund (DFB) setzt auf Aktionen wie die medienwirksame "Geh Deinen Weg"-Kampagne zu Saisonbeginn. Auf der anderen Seite sind die meisten Fanprojekte unterfinanziert, und Ultra-Gruppen, die sich gegen Rassismus positionieren, werden bestraft. Im vergangenen Jahr bekamen Mainzer Fans, die auf dem Weg zum Auswärtsspiel auf eine Gruppe Nazis getroffen waren und diese blockiert hatten, vom DFB langjährige Stadionverbote.

In Aachen brauchte der Verein ein Jahr, um Maßnahmen gegen - zudem pauschal alle - Ultra-Gruppen zu ergreifen. Die politische Dimension der Auseinandersetzungen wurde in offiziellen Stellungnahmen stets geleugnet. Ähnlich wie viele Fans sehen auch Vereine den Sport gerne als unpolitisch. Eine gefährliche Tendenz, findet Ralf Meier von den Aachen Ultras: "Wenn wir demnächst nicht mehr da sind, kennt man im Stadion in Aachen vermutlich auch das Problem mit den Rechten nicht mehr. Weil es niemanden mehr gibt, der es benennt."


Stand: 18.01.2013, 06.00 Uhr