Wie NRW seine Athleten fördert Vom Glücksspiel zur Medaille

Von Volker Schulte

Sportler aus NRW haben bei Olympia in London gut abgeräumt, sie waren an fast jeder dritten deutschen Medaille beteiligt. Grund genug, einen Blick auf die Sportförderung im Land zu werfen  - und eine Besonderheit vorzustellen.


Der Deutschlandachter feiert Gold
Bild 1 vergrößern +

Trainiert in Dortmund: der Deutschlandachter.

Die Olympischen Spiele 2012 sind vorbei, nun ziehen Verbände, Experten und Politik Bilanz. Zündstoff haben vor allem das Bundesinnenministerium und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit ihren internen Zielvorgaben geliefert. 86 Medaillen sollten die deutschen Athleten in London holen, 44 sind es geworden. Das klingt nach einem Debakel. Im Vergleich zu den vergangenen Spielen in Peking haben die Deutschen ihre Ausbeute jedoch sogar um drei Medaillen gesteigert.

An fast jeder dritten Medaille beteiligt

Auf Landesebene gab es, wie das Sportministerium NRW gegenüber WDR.de versichert, zwar keine konkreten Medaillenziele für London 2012. Generell gilt aber der Bevölkerungsanteil als Gradmesser. Weil NRW gut 20 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung stellt, fordern Ministerium und Verbände bei sportlichen Großereignissen einen ähnlich großen Medaillenanteil.

Die Bilanz aus London kann sich sehen lassen: Sportler aus NRW haben dort sogar mehr als 30 Prozent der deutschen Medaillen gewonnen und damit "im Vergleich zu den Olympischen Spielen 2008 noch einmal zugelegt", wie Sportministerin Ute Schäfer (SPD) sagt. Unter "Sportler aus NRW" verstehen die Statistiker in diesem Fall Athleten, die einem Verein aus Nordrhein-Westfalen angehören oder hier leben und trainieren. Dadurch zählen beispielsweise auch die Goldmedaillen der Hockey-Herren sowie des Ruder-Achters mit.

Sportstiftung entscheidet unabhängig


Björn Otto in London
Bild 2 vergrößern +

Auch aus NRW: Björn Otto

Die Gründe für den Erfolg lassen sich natürlich nur schwer feststellen. Aber bei einem Blick auf die Sportförderung im Land fällt eine Besonderheit auf: die Sportstiftung NRW. Sie fördert gezielt den Nachwuchs im Leistungssport und darf im Gegensatz zum Landessportbund relativ frei entscheiden, in welche olympische Sportarten sie investiert. "Das ist wohl der entscheidende Vorteil dieser Art von Förderung", sagt Sportstiftungs-Geschäftsführer Jürgen Brüggemann.

Landessportbünde gibt es in allen 16 Bundesländern. Sie sind dem Dachverband DOSB untergeordnet - und damit auch weitgehend von dessen Vorgaben abhängig. Der DOSB erstellt anhand von Erfolgen ein Punktesystem, das vorgibt, wie die Fördermittel auf die einzelnen Sportarten verteilt werden sollen. Disziplinen wie Schwimmen, in denen deutsche Athleten in London keine oder kaum Medaillen gewonnen haben, müssen also tatsächlich mit einer Kürzung der Fördergelder rechnen. Hinzu kommt, dass dem Landessportbund NRW nie genügend Mittel zur Verfügung stehen, um die Vorgaben des DOSB komplett umzusetzen. "Wir können in der Regel nur 18 bis 19 Prozent finanzieren",  sagt Frank Richter, Referent im Referat Leistungssport des Landessportbunds.

Zusagen für vier Jahre

Um solche Förderlücken zu schließen, hat das Land NRW im Jahr 2001 die Sportstiftung mit Sitz in Köln gegründet. "Der DOSB hat uns damals vorgerechnet, dass  es besonders viele NRW-Sportler nicht vom Landes- in den Bundeskader schaffen", sagt Geschäftsführer Brüggemann. "Diese Schnittstelle ist unser Schwerpunkt." Eine starre Altersgrenze gibt es nicht, aber die geförderten Sportler sind meist zwischen 16 und 23 Jahren alt. Die Sportstiftung kümmert sich auch um talentierte Athleten, die beispielsweise verletzungsbedingt aus der üblichen Förderung herausgefallen sind.

Förderzusagen der Sportstiftung gelten für vier Jahre, also für eine Olympiade. Anders als der DOSB diktiert die Stiftung dabei keine Zielvorgaben in Sachen Medaillen. "Die Verbände entwickeln selbst Pläne und Ziele. Und wir versuchen, sie bei der Umsetzung zu unterstützen", sagt Brüggemann.

Jahresetat von 3,5 Millionen Euro

Der Sportstiftung steht ein Jahresetat von 3,5 Millionen Euro zur Verfügung, hauptsächlich finanziert aus den staatlichen Glücksspieleinnahmen. Dieses Geld fließt unter anderem in 150 hauptberufliche Trainerstellen. "Wir fördern die Professionalisierung", betont Brüggemann. Mit einzelnen Medaillen aus London will er die Sportstiftung nicht schmücken, aber "abgesehen vielleicht von den Reitern könnte ich bei jedem NRW-Olympioniken Details finden, bei denen wir beteiligt sind oder waren."

Auch die Sportstiftung wird in Kürze ausgiebig die Ereignisse aus London analysieren, sich gemeinsam mit dem Ministerium, dem Landessportbund und den Olympiastützpunkten an einen Tisch setzen. Bislang ist die Sportstiftung NRW in ihrer Größe und ihrem Aufgabengebiet einmalig in Deutschland. Vielleicht ändert sich das ja, wenn auch die anderen Bundesländer Bilanz gezogen haben.


Stand: 13.08.2012, 19.56 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 14.08.2012, 10:54 Uhr

Helmut G. schrieb am 14.08.2012, 10:54 Uhr:
Dem Kommentar von Günna ist nur wenig hinzuzufügen. Die Sportstiftung macht ihre Sache schon recht gut. Was aber ein Problem ist und bleibt, ist die klamme Finanzlage der Kommunen. Denn die sind meist für Bau und Unterhalt der Sportstätten verantwortlich und da hapert es gewaltig: Schwimmbäder werden geschlossen, Sportplätze in Bauland umgewandelt, Hallenzeiten gekürzt oder die Vereine müssen sich an den Betriebskosten der Hallen beteiligen usw.. In der Millionenstadt Köln z.B. gibt es kein Hallenbad mit einem 50m-Becken, von der Anlage der Sporthochschule abgesehen. Ein weiteres Problem ist die Konzentration des Sports auf den Fußball, nicht nur in den Medien. Alle in den letzten Jahren neu- oder umgebauten großen Stadien sind reine Fußballarenen - eine Leichtathletik-WM oder EM wäre in NRW mangels Stadion nicht mehr möglich. Und das, wo viele dieser Stadien nicht den Fußballklubs, sondern den Kommunen gehören!
Günna schrieb am 14.08.2012, 07:06 Uhr:
Das ist schon eine beachtliche Leistung, was die Sportler aus NRW geschafft haben. Dennoch gehört die Sportförderung in diesem Lande anders organisiert. Die Briten haben doch den Weg gezeigt. 400 Millionen € aus Lottogeldern über einen Zeitraum von 12 Jahren. Bei dieser Summe lächelt eine Uli Hoeness nur, aber für all die olympischen Sportler würde eine solche Förderung eine wirtschaftliche Basis ergeben. Trainer, Physios, Sport-Wissenschaftler etc. könnten über viele Jahre gut arbeiten. Ein Volk von immer träger werdenden jungen Menschen in Bewegung bringen und verteilt über ganz Deutshcland, Sportstützpunkte gründen oder ausbauen. Die Medien dürfen nicht nur dem Fussball huldigen, ins TV gehören alle Sportarten, auch Radball. Wie sollen junge Menschen neugierig auf Sport werden, wenn ihnen nur Fussball serviert wird und jeder dort Millionen scheffeln möchte, den Blick aber für andere Sportarten, die weniger gewinnträchtig sind, verliert. Typen wie Harting sind gefragt, machen Mut.