Zehn Jahre gegen Doping "Ein Feigenblatt des Sports"

Vor zehn Jahren wurde die Nationale Anti Doping-Agentur (Nada) ins Leben gerufen. Am Mittwoch (21.11.2012) wird in Bonn gefeiert. Dabei gibt es dafür eigentlich keinen Grund, meint ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt.


Im Jahr 2002 wurde die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) gegründet. Ihr Ziel: Ein einheitliches Anti-Doping-Kontrollsystem in Deutschland umzusetzen. Dies ist bisher noch nicht gelungen. Seit 2008 übernimmt die Nada auf Basis von Einzelvereinbarungen mit Verbänden, Ligen und Projektpartnern Dopingtests im Wettkampf. Aktuell sind dies etwa 1.000 Proben, ein Fünftel aller veranlassten Wettkampfkontrollen. Seit 2003 organisierte die Nada zudem 7.500 bis 8.000 Trainingsproben. Dafür steht der Agentur, die im ehemaligen Bonner Regierungsviertel beheimatet ist, ein Budget von jährlich 4,6 Millionen Euro zur Verfügung.

WDR.de sprach mit dem ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt über die vergangenen zehn Jahre Dopingbekämpfung in Deutschland.

WDR.de: Ist das zehnjährige Bestehen der Nada eigentlich ein Grund zum Feiern?

Hajo Seppelt: Es ist ein Anlass zum Innehalten. Nach zehn Jahren ist jetzt Zeit, Bilanz zu ziehen und Fragen zu stellen. Brauchen wir ein anderes Modell als das Stiftungsmodell zur Finanzierung der Dopingbekämpfung? Wir müssen uns fragen, ob wir ein Antidopinggesetz brauchen, das den Athleten als zentrale Figur des Dopings stärker in den Fokus rückt.

WDR.de: Ihre Bilanz fällt also nicht positiv aus.

Seppelt: Die Bilanz ist äußerst durchwachsen. Als vor ein paar Jahren davon gesprochen wurde, dass die Dopingbekämpfung in Deutschland zu den besten weltweit gehöre, konnte man damals schon trefflich darüber streiten. Aber jetzt ist man davon sicherlich sehr weit entfernt. In den letzten zehn Jahren hat sich gezeigt, dass die traditionelle Dopingbekämpfung durch Dopingkontrollen nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Der Fall Lance Amstrong und andere haben belegt, dass man unzählige Tests als Athlet hinter sich bringen kann, ohne dass man erwischt wird. Darauf hat zwar die internationale Dopingbekämpfung in Teilen eine Antwort gefunden, indem man versucht hat, den Schwerpunkt auf Recherche, Ermittlungstätigkeit und die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden zu setzen. Mein Eindruck ist aber, dass die Nada in der Entwicklung noch nicht soweit ist.

WDR.de: Woran krankt es denn besonders?

Seppelt: Zum einen kann man bei der Nada kaum von einer Personalkontinuität sprechen. Zum anderen ist die finanzielle Ausstattung ein Problem. Weder die Bundesländer noch die Wirtschaft stellen sich ihrer Verantwortung. Die Athleten aus den einzelnen Bundesländern werden immer gefeiert, wenn sie Medaillen bei Olympia gewinnen. Aber wenn es um die Dopingbekämpfung geht, dann verweisen die Länder auf den Bund als denjenigen, der für die Sportförderung zuständig ist. Ähnlich ist es bei der Wirtschaft. Da wird erheblich in Sportmarketing investiert, aber wenig in die Dopingbekämpfung. Man will vom Sport profitieren, ist aber an einem sauberen Sport offensichtlich nicht interessiert.

WDR.de: Wie könnte die Arbeit der Nada denn besser werden?

Seppelt: Man sollte in jedem Fall das Stiftungsmodell beenden, das meiner Ansicht nach kläglich gescheitert ist. Ich würde mir wünschen, dass ein breiter Konsens bei den "Playern" im Sport darüber vorhanden wäre, dass sie einen gewissen Prozentsatz dessen, was sie in den Sport investieren, in die Dopingbekämpfung stecken müssen. Nur ein bis drei Prozent - das würde der Dopingbekämpfung schon sehr nutzen. Zudem muss sich der Staat seiner Verantwortung für den Spitzensport stärker bewusst werden als bisher. Parlamentarier sollten auch ihrer Kontrollfunktion gerecht werden, wenn über 200 Millionen Euro jedes Jahr aus dem Innen- und Verteidigungsministerium in den Sport investiert werden. Da reicht es nicht, sich am Ende nur als Medaillenzähler zu gerieren. Die Nada braucht viel mehr Unterstützung und die Nada braucht Personal an der Spitze, das entschlussfreudig und mutig gegen die Lobbyisten im Sport Position bezieht.

WDR.de: Aber es gab doch sicherlich auch Erfolge in der zehnjährigen Arbeit?

Seppelt: Ich sehe die Dopingbekämpfung in Deutschland als Feigenblatt des Sports. Es gab durchaus Kräfte in der Nada, die wirklich etwas bewegen wollten. Die sind aber immer wieder daran gescheitert, dass der Einfluss des organisierten Sports in der Dopingbekämpfung noch viel zu stark ist. Sicherlich hat die Nada in der Präventionsarbeit den ein oder anderen Akzent setzen können. Zudem ist die Verwaltung der Dopingkontrollen professionalisiert worden. Auch die Dopingkontrolllabore in Deutschland leisten gute Arbeit und haben Weltstandard. Das kann man aber von der Nada nicht behaupten. Unter dem Strich ist das alles viel zu wenig. Man muss aufpassen, dass Dopingbekämpfung nicht verwaltet sondern gestaltet wird - und da sehe ich erhebliche Defizite in Deutschland.

Das Interview führte Peter Schneider.

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Hajo Seppelt

Hajo Seppelt wurde 1963 in Berlin geboren, wo er später Sport und Politik studierte. Seit 1985 arbeitet er als Reporter und Redakteur, seit 2006 auch als Autor, Reporter und Kommentator beim WDR. Regelmäßig ist Hajo Seppelt als Dopingexperte in der "ARD-Sportschau", der "Tagesschau", den "Tagesthemen" und in ARD-Politmagazinen zu sehen. Besonders bemerkenswert sind seine Hintergrund-Reportagen zum Thema Doping.


Stand: 21.11.2012, 06.17 Uhr


Kommentare zum Thema (7)

letzter Kommentar: 22.11.2012, 18.02 Uhr

politiker schrieb am 22.11.2012, 18.02 Uhr:
Politiker becheißen die Bürger doch auch,sind sie besser als die Rennfahrer,nein dann muß man auch die Drahtzieher des Dopingskandal bestrafen,zum feiern ist das nicht,einer der keine Lobby hat,kommt nie wieder hoch,die anderen Schmierfinken sind noch fest im Sattel.Feiern ist ja auch schöner!
Bürger schrieb am 21.11.2012, 16.58 Uhr:
Es wird doch von Staat seiten alles getan, um die Wahrheit zu vertuschen und es geht sogar soweit, dass sie verboten wird. Da faseln die Politiker und Sportfunktionäre von Freiheit und Demokratie. Wenn es um andere geht, dann wollen wir alles aufdecken, wie z. B. Doping in der ehemaligen DDR. Da kann das Geschrei gar nicht groß genug sein. Altbewährt hat es sich, immer ablenken vom eigenen Mist. Das in der BRD von Anfang an mit Wissen dieser Leute gedopt wurde, das sollte aufgearbeitet werden. Mit allen Mitteln hat man versucht das zu verhindern. Unterlagen wurden gesperrt und nicht herausgegeben. Komische Freiheit und Demokratie die wir haben. Das Volk soll verdummt werden mit Lügenmärchen und man berauscht sich mit Erfolgen, die keine sind.
Vollgepumpter wieder mal Schnellster schrieb am 21.11.2012, 11.12 Uhr:
Nachdem Lance Armstrong und Jan Ullrich nun doch einen gemeinsamen Trikotsponsor gefunden haben, werden sie an der TdF 2013 teilnehmen. Die Brustbeschriftung steht noch nicht fest, der Rücken wird geziert durch "Vorsicht - Eilige Arzneimittel!".
vierteldöner schrieb am 21.11.2012, 10.57 Uhr:
nada (spanisch) = nichts (deutsch) Das Doping freigeben? Wo soll das enden? Wo soll die Grenze sein? Den Wettbewerb gewinnen und anschließend ins Pflegeheim oder tot umfallen?
Das Leihschwein schrieb am 21.11.2012, 10.36 Uhr:
NADA die volle Lachnummer. Spitzensportler dopen ohne Ausnahme und das seit Jahren, weiß doch jeder, Ziel der Sportler ist es nicht erwischt zu werden und sich der Kontrolle zu entziehen entweder durch Bestechung, Unauffindbarkeit oder durch Dopingmittel, die man nicht nachweisen kann. Jan Ullrich sagte einmal, er hätte nichts getan was andere nicht täten oder nicht wussten. Sponsoren sollten nicht so tun als wüssten sie davon nichts. Als Jan Ullrich gewann interessierte es keinen wie der Erfolg zustande kam. Lance Armstrong wurde in Frankreich schon immer beschuldigt zu Dopen. Schafft diese verlogenen, ungerechten und sinnlosen Dopingkontrollen ab, dann herrscht echte Chancengleichheit jeder kann dann dopen wie er will. Es gibt keine internationalen Sportveranstaltung bei der nicht gedopt und bestochen wird.

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