Handballer aus Lippe vor schweren Zeiten: Die Misere des TBV Lemgo
Der TBV Lemgo zählte einst zu den Vorzeige-Klubs in der Handball-Bundesliga. Jetzt ist nichts mehr so, wie es war. Gegen die beiden ehemaligen Geschäftsführer, darunter Klub-Idol Volker Zerbe, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Sportlich ist das frühere Spitzenteam in den Tabellenkeller gerutscht.

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Schwierige Zeiten für die Spieler des TBV Lemgo
Wenn sich Michael Kempkes mit Freunden und Bekannten über den TBV Lemgo unterhält, dann schaut er zumeist in fragende Gesichter. Niemand will so recht glauben, was sich in den vergangenen Wochen rund um den Klub im Lipperland abgespielt hat. "Die Irritation ist groß", sagt Michael Kempkes zu WDR.de. Kempkes ist Oberstaatsanwalt und spricht für die Justizbehörde in Detmold, die gegen zwei ehemalige Geschäftsführer des Vereins ermittelt.
Der eine ist Volker Zerbe. Der frühere Handballer mit dem Gardemaß von 2,11 Metern gehörte in seiner aktiven Zeit zu den besten Abwehrspielern der Welt. "Zebu", so sein Spitzname, feierte mit dem TBV 1997 und 2003 die deutsche Meisterschaft und lief 286 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf. Nach dem Ende seiner Karriere stieg er ins Management des Klubs ein.
Fehlbetrag in sechsstelliger Höhe
Jetzt wird ihm angelastet, den TBV in den Geschäftsjahren 2009/10 und 2010/11 um einen Betrag in sechsstelliger Höhe betrogen zu haben. Es geht um eine geleaste Telefonanlage, die vom Klub zwar bezahlt, aber gar nicht angeschafft worden ist, sowie eine Italienreise, die mit 71.000 Euro verbucht, aber niemals angetreten worden ist. Außerdem soll Zerbe dubiose Sponsorenverträge abgeschlossen haben, die nicht zugunsten des Vereins gingen. Der Vorwurf lautet Untreue.

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Lemgos Idol Volker Zerbe
Dass ausgerechnet Volker Zerbe, nach dem sogar eine Sporthalle in Lemgo benannt worden ist, den Klub betrogen haben soll, will in Lemgo so recht niemand glauben - selbst die Mitglieder des Aufsichtsrats nicht, die ihn letztendlich anzeigten. "Ich traue es Zerbe nicht zu, dass er sich selbst bereichert hat. Aber die Faktenlage ist derart klar, dass wir keine Rücksicht mehr auf Personen nehmen konnten", sagte Aufsichtsratsmitglied Siegfried Haverkamp bei einem Treffen von Vereinssponsoren in der vergangenen Woche.
Jeder, aber doch nicht der
Nun ist das Entsetzen in Stadt und Verein groß. Die Klub-Ikone Zerbe, Vater zweier Töchter, gilt als bodenständig und grundsolide. Parallel zu seiner Handball-Karriere arbeitete Zerbe bei der Sparkasse in Lemgo. Aus seiner Heimatstadt wollte er niemals weg. Selbst ein lukratives Angebot aus Madrid schlug Zerbe während der Hochzeit seiner sportlichen Laufbahn aus. "Zerbe genießt hier einen ungeheuren Vertrauensbonus. Jedem anderen werden solche Machenschaften zugetraut, aber nicht Volker Zerbe", sagt Staatsanwalt Kempkes. Früher besuchte der Jurist noch regelmäßig die Heimspiele des Klubs, das sportliche Aushängeschild schlechthin im Lipperland. Mitte der 90er Jahre kündigte Kempkes jedoch sein Dauerkarten-Abo. Der Handballsport war ihm zu kommerziell geworden.
"Nicht bereichert"
Jetzt liegt der Fall im Wirtschaftsdezernat der Justizbehörde. Bis Ergebnisse vorliegen, könne es noch Wochen dauern, sagt Kempkes. Volker Zerbe droht laut Kempkes eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren beziehungsweise eine Geldstrafe. Der 44-jährige frühere Geschäftsführer Sport hat sich seit Ende August aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nur sein Anwalt Peter Windmann aus Herford äußert sich. In einer Erklärung sagte Windmann kürzlich: "Insbesondere hat sich Zerbe nicht bereichert. Um es ganz klar zu sagen: Er hat sich keinen Cent in die eigene Tasche gesteckt!" Zerbe werde demontiert und könne sich nicht wehren, so Windmann.
Merkwürdige Scheck-Kopie

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Auch gegen Fynn Holpert wird ermittelt.
Getrennt vom Fall Zerbe laufen bei der Staatsanwaltschaft Detmold Ermittlungen gegen Zerbes ehemaligen Kollegen Fynn Holpert, der als Geschäftsführer Finanzen tätig war. Holpert, dem im Gegensatz zu Zerbe ein zweifelhafter Ruf in der Handball-Szene vorauseilt, hatte versucht, dem klammen Klub mit dem Konzept eines Edelsportparks, der in Lemgo entstehen sollte, auf die Beine zu helfen. Zusammen mit einer Investorengruppe und der Sparkasse Lemgo wollte Holpert am großen Rad drehen, scheiterte aber schon beim ersten Gespräch mit der Bank. Die zur Sicherheit mitgebrachte Kopie eines Schecks der britischen Großbank HSBC in Höhe von 200 Millionen Euro hielt nicht den Sicherheitsstandards der Lemgoer Sparkasse stand. "Nun muss geklärt werden, ob der vorliegenden Scheck-Kopie eine Fälschung zugrunde liegt oder nicht", sagt Staatsanwalt Michael Kempkes. Derzeit liegt dieser Fall noch bei den britischen Justizbehörden, bei der die Detmolder Staatsanwaltschaft Rechtshilfe angefordert hat. Holpert droht wegen Urkundenfälschung ebenfalls eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.
Sportliche Talfahrt
Handball gespielt wird in Lemgo nach wie vor, doch derzeit nicht sonderlich erfolgreich. Das TBV-Team, das längst nicht mehr zur deutschen Spitze zählt, dümpelt mit 4:8 Punkten im unteren Tabellenmittelfeld der Bundesliga. Große Stars kann der Klub, der wegen seiner vielen Nationalspieler früher den Namen "TBV Deutschland" trug, schon lange nicht mehr verpflichten. Der Etat für das Bundesliga-Team musste im Sommer wegen der angespannten Finanzlage um mehr als eine Million Euro auf 4,2 Millionen Euro gesenkt werden. Damit es nicht zum völligen Kollaps kam, stimmten die Spieler sogar Gehälterkürzungen von bis zu 30 Prozent zu.

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Derzeit nicht einsatzfähig: Torwart Carsten Lichtlein
Zu allem Überfluss verletzte sich Anfang dieser Woche auch noch Torwart Carsten Lichtlein, Nationaltorhüter und einer der wenigen verbliebenen Leistungsträger im Klub. TBV-Trainer Dirk Beuchler bleibt in dieser Situation nicht anderes übrig, als Durchhalteparolen zu verkünden. "Das ist definitiv ein herber Schlag für uns. Aber alles Jammern hilft nicht weiter, wir müssen jetzt nach vorne schauen und versuchen, das Beste daraus zu machen", sagte Beuchler. Am Samstag (06.10.2012) tritt seine Mannschaft beim noch verlustpunktfreien Tabellenzweiten Rhein-Neckar Löwen an. Es droht die nächste Niederlage für den schwer angeschlagenen TBV Lemgo, wenn auch nur auf sportlichem Parkett.
Stand: 06.10.2012, 09.00 Uhr
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