Fall Kevin Pezzoni "Attacken auf Fußballer werden Schule machen"

Experten sehen in der der Bedrohung von Kevin Pezzoni durch "Fans" des 1. FC Köln keinen tragischen Einzelfall. Sie beobachten, dass Einschüchterungen gegenüber Fußballspielern zunehmen. Die Staatsanwaltschaft überprüft Äußerungen von Anti-Pezzoni-Gruppen bei Facebook.


Kevin Pezzoni / 1. FC Köln
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Aus Köln zur Familie nach Frankfurt geflüchtet: Kevin Pezzoni

Der Fall Pezzoni und seine Folgen: Jetzt schlägt auch die Gewerkschaft der Profifußballer (VDV) in Duisburg Alarm. "Die Einschüchterungen von Fußballprofis durch Hooligans nehmen generell zu. Das habe ich selbst aus Spielerkreisen erfahren. Die Grenzen sind in jedem Fall überschritten. Es kann nicht sein, dass Gewalttäter die Mannschaftsaufstellungen bestimmen. Dann können wir den Laden gleich dichtmachen", sagte VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky am Dienstag (04.09.2012) WDR.de.

Todesfälle "nicht mehr völlig aus der Luft gegriffen"

Die Causa Pezzoni hat die Diskussion um Gewalt im deutschen Fußball extrem angeheizt. Hooligans hatten ihm vor seiner Privatwohnung aufgelauert, ihn angepöbelt und massiv bedroht. Im Internet bildete sich bei Facebook eine Gruppe, die "Pezzoni & Co. aufmischen" wollte. Kevin Pezzoni ist inzwischen aus Köln zu seiner Familie nach Frankfurt geflüchtet. Vor dem Hintergrund dieses Falles mag VDV-Geschäftsführer Baranowsky auch nicht ausschließen, dass es zu Todesfällen kommen könnte: "Wenn ein Spieler angegriffen und richtig brutal verprügelt wird, dabei unglücklich fällt, oder wenn ein Profi von Gewalttätern im Auto verfolgt wird, dann sind solche Schreckensszenarien, wie es sie zum Beispiel in Mexiko längst gibt, nicht mehr völlig aus der Luft gegriffen."

Elf Gräber ausgehoben

Als besonders drastisches Beispiel für die zunehmende Bedrohung von Spielern durch "Fans" führt Baranowsky einen Fall an, der sich 2008 in Dresden ereignete. Nach einer 0:3-Heimniederlage gegen den SC Paderborn hoben sogenannte Anhänger von Dynamo Dresden auf dem Trainingsplatz elf Gräber aus und stellten dazu Holzkreuze auf. Dies sei kein Einzelfall: "Autos werden zerkratzt, einem Spieler wurde das Wadenbein gebrochen, einem anderen nach einem Discobesuch die Nase. Es darf nicht so weit kommen, dass sich Profis vor lauter Angst nicht mehr auf die Straße trauen", warnt der VDV-Geschäftsführer.

Harald Lange, Professor des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg, geht davon aus, dass der Attacke auf Kevin Pezzoni weitere Angriffe auf Spieler folgen werden: "Das wird Schule machen. Seit zwei, drei Jahren gibt es immer mehr solche sonderbaren Fälle." Die klassische Blockade der Anhänger nach schlechten Spielen vor dem Stadiontor verlagere sich immer mehr in den privaten Bereich der Spieler.

FC: Chaoten haben keinen Einfluss

Am Dienstag reagierte der 1. FC Köln auf Kritik wegen der Vertragsauflösung mit Pezzoni: Die Annahme, der FC kapituliere "vor aggressivem Verhalten einzelner Störer" bezeichnete der Verein als absurd. "Diese Chaoten haben keinerlei Einfluss auf Vertragsentscheidungen von Vorstand und Geschäftsführung", sagte der Bundesliga-Absteiger. Bereits am Mittwoch vergangener Woche (29.08.2012) sei Pezzoni auf Trainer Holger Stanislawski und die sportliche Führung zugegangen, um das Gespräch über seine persönliche Situation zu suchen. Die einvernehmliche Vertragsauflösung sei schließlich der auch von Pezzoni und seinem Berater gewünschte Weg gewesen. Unterdessen hat der 1. FC Köln Pezzoni geraten, Anzeige zu erstatten. "Über Kevin und seine Familie ist so viel hereingebrochen. Unser Anwalt und der Anwalt der Familie Pezzoni sind in Kontakt. Sie stimmen die Themen ab. Natürlich können wir eine Anzeige nur empfehlen", sagte Claus Horstmann, Vorsitzender der FC-Geschäftsführung.

Noch keine Anzeige gegen die aggressiven Störer


Das ist bislang nicht geschehen. "Herr Pezzoni hat noch keine Strafanzeige gestellt, wir haben auch noch keinen Kontakt zu dem Spieler aufnehmen können", sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn WDR.de. Strafanzeige gegen Unbekannt hat hingegen der 1. FC Köln gestellt - und zwar gegen Betreiber von Facebook-Gruppen im Internet. "Die eine stand unter der Überschrift 'Pezzoni & Co. aufmischen', die andere nannte sich 'Pezzoni in die Wüste'. Wir prüfen, ob dort strafrechtlich relevante Inhalte verbreitet wurden", sagte Oberstaatsanwalt Willuhn.


Stand: 04.09.2012, 16.21 Uhr


Kommentare zum Thema (18)

letzter Kommentar: 08.09.2012, 17:21 Uhr

Gerald K schrieb am 08.09.2012, 17:21 Uhr:
Wer profitiert hier am meisten? Kurzfristig der 1. FC Koeln. Es kommt doch sehr gelegen wenn man einen Spieler den man sowieso loswerden will, mal so eischuechtert, dass er freiwillig auf seinen Vertrag verzichtet.
Urgestein schrieb am 05.09.2012, 14:00 Uhr:
...wenn die Profi-Vereine und der DFB glauben es handelt sich bei diesen Leuten nur um Chaoten, bekommen sie dieses Problem nie in den Griff. Den Verantwortlichen beim FC kann man nur wünschen endlich die Arroganz-Kappe abzunehmen und offen, ungeschönt die Probleme mit professioneller Hilfe angehen. Sonst kommt zum sportlichen auch noch das finanzielle Desaster. Welcher Sponsor möchte im Moment oder in naher Zukunft mit dem einst großem FC Köln in Verbindung gebracht werden? "Et hät noch emmer joot jejange" ist vorbei. Dieser Spruch passt eh besser zum HSV als zum Rekordabsteiger vom Rhein.
Anonym schrieb am 05.09.2012, 12:14 Uhr:
Jetzt buhlt der FC auch noch um die Zuneigung der Chaoten. Laut Horstmann ist der FC den Chaoten ja zuvor gekommen und hat dessen Halluzinationen in vorauseilendem Gehorsam aufgenommen.
Kölsche schrieb am 05.09.2012, 11:34 Uhr:
Diese sog. Fans des 1 FC Köln sind eine Schande für jeden Fußballverein und jeden echten Fan des Sports! Kein Wunder das der FC nur noch 2. Liga Niveau hat, haben diese Fans der FC Köln doch scheinbar sogar ein unterirdisches Niveau. Das färbt auch auf den besten Verein ab!
spacedrummer schrieb am 05.09.2012, 08:05 Uhr:
Ich gebe da Hans völlig recht - Fussball ist Packsport. Aber Behörden, Politik und Medien behandeln diese Probleme bewußt und vorsätzlich leger. weil sie so wunderbar von den eigenen Dreckigkeiten ablenken können.

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