Biathlon-Zwillinge aus Winterberg Auf den Spuren Magdalena Neuners

Von Olaf Jansen

Biathlon-Wochenende in der Schalker Arena: Magdalena Neuner wird am Samstag (29.12.2012) zum letzten Mal als Aktive zu sehen sein. Derweil sucht der Deutsche Skiverband fieberhaft nach einer Nachfolgerin der Biathlon-Königin. Die Zwillinge Janin und Maren Hammerschmidt aus Winterberg sind bereit.


Janin und Maren Hammerschmidt kommen mit einem Lächeln im Gesicht zum Gesprächstermin. An den Feiertagen haben die beiden es mal so richtig "laufen lassen". Heißt: Die Biathlon-Zwillinge aus Winterberg haben sich daheim ausgeruht, von Muttern durchfüttern lassen und "mal ein paar Tage gar nicht an Sport gedacht", wie Janin sagt. Die Pause kam gerade recht. Die beiden 23-Jährigen waren zuletzt ohne Unterbrechung zehn Wochen im internationalen Skizirkus unterwegs, sind von Wettkampf zu Wettkampf gereist und "haben den Akku leergefegt", wie Maren sagt.

Maren und Janin Hammerschmidt gehören zu der Handvoll junger Biathletinnen Deutschlands, denen zugetraut wird, vielleicht einmal die Nachfolge Magdalena Neuners antreten zu können. Das ist allein schon deshalb ungewöhnlich, weil die beiden aus Winterberg, aus Nordrhein-Westfalen kommen. Und damit sozusagen aus der "Wintersport-Provinz". Deutsche Skistars stammen für gewöhnlich aus Bayern oder aus Thüringen. Aber die beiden Hammerschmidts haben sich dennoch durchgesetzt. Das haben sie wohl einer ungewöhnlichen Portion Ehrgeiz zu verdanken.

Mit drei Jahren auf Skiern

Dass die beiden einmal im Wintersport landen würden, war früh klar. "Wir haben schon mit drei Jahren auf Abfahrtsskiern gestanden", erzählt Janin. Als aber in der 1. Klasse der Grundschule ein Schnupperkurs Biathlon angeboten wurde, waren die beiden gleich Feuer und Flamme. Diese Mischung aus Langlauf und Schießen hatte es den damals Siebenjährigen gleich angetan. Beim örtlichen Skiklub Winterberg wurde fortan dreimal wöchentlich nachmittags trainiert. Je eine Stunde Laufen und eine Stunde Schießen. Anfangs mit einem leichten Luftgewehr. Später mit einer Kleinkaliberwaffe. Anfangs waren auch noch viele Klassenkameraden und Freunde dabei. Je älter die beiden Hammerschmidt-Mädchen wurden, desto einsamer wurden sie aber auf dem Trainingsgelände. "Die anderen haben alle irgendwann aufgehört, hatten nach der Pubertät wohl andere Interessen", sagt Maren.

"In den Leistungssport - unbedingt"


Die Hammerschmidt-Zwillinge legten da erst so richtig los. Als sie 14 wurden, standen sechs Trainingseinheiten pro Woche auf dem Programm, die Leistungen wurden immer besser, drei Jahre später stand der Sprung in den professionellen Sport bevor. "Uns war mit 17 schon lange klar, dass wir unbedingt in den Leistungssport wollten", sagt Janin. Die beiden beschlossen, die Schulausbildung nach dem 10. Schuljahr mit der Mittleren Reife zu beenden. Sie wollten in eine Sportfördergruppe. "Weil wir nicht so auf Bundeswehr oder Bundespolizei stehen, blieb für uns der Zoll", sagt Janin. Beide wurden Zollbeamte, vom normalen Dienst kann man dort im Sinne der Sportlerkarriere freigestellt werden. Alles also rein pragmatische Gründe: "So können wir uns Vollzeit mit Sport beschäftigen, haben aber eine berufliche Absicherung, wenn die Karriere einmal zu Ende ist", erklärt Maren.

Stress beim gemeinsamen Training

Allerdings gingen mit der Entscheidung für den Zoll weitere einschneidende Veränderungen einher: Die beiden mussten ihr Elternhaus verlassen. Und sie beschlossen, sich zu trennen. Beim gemeinsamen Training hatten sich die beiden zunehmend in die Haare gekriegt. "Wir waren wohl beide zu ehrgeizig. Haben der anderen keinerlei Vorteile gegönnt. Das passte dann nicht mehr", sagt Janin. Maren heuerte im Leistungszentrum Ruhpolding an, Janin ging nach Mittenwald. "Wir hatten bis dahin immer alles zu zweit gemacht. Und für viele waren immer nur die zwei Hammerschmidts. Wir hatten beide auch das Gefühl, unbedingt mal als Einzelpersonen wahrgenommen werden zu müssen“, erzählt Janin.

Eine nach Ruhpolding, die andere nach Mittenwald


Während Maren seither in Ruhpolding von Ex-Titelsammler Ricco Groß trainiert wird, genießt Janin in Mittenwald die Betreuung von Bernhard Kröll. Der hatte einst auch Magdalena Neuner geformt. "Ich habe schon gemerkt, dass ich in dem neuen Umfeld noch mal einen richtigen Leistungssprung gemacht habe", sagt Maren. Die Erfolge kamen schnell: Sie wurde Junioren-Weltmeisterin 2009, gewann 2012 die Gesamtwertung im IBU-Cup, so etwas wie der "Zweiten Liga" der weltbesten Biathleten.

Während Janin nahezu die gesamte Saison 2011 wegen einer hartnäckigen Knieverletzung verlor, und erst jetzt ihr einstiges Niveau zurückzugewinnt, startete Maren richtig durch. Belohnung: Im Frühjahr 2012 wurde sie erstmals für ein Weltcuprennen nominiert, im russischen Chanty Mansisk war sie bei den sechs besten deutschen Athletinnen dabei.

Leistungskrise nach Saisonbeginn

Wie schwer es aber ist, sich dauerhaft bei den Weltbesten zu etablieren, merkt Maren in diesen Wochen. In dieser Saison gleich beim ersten Weltcup in Östersund wieder mit dabei, fiel sie ausgerechnet zum Start der Wettkämpfe in ein Leistungsloch. "Ich denke, dass ich aus lauter Ehrgeiz in der unmittelbaren Saisonvorbereitung zu viel gemacht habe", sagt sie heute. "Übertrainiert", nennt man so etwas. "Schrecklich für mich", sagt Maren, "ich war schlapp, mein Blutwerte waren schlecht, ich bin einfach nicht mal mehr ansatzweise an meine einstigen Laufleistungen herangekommen."

Die Quittung: Nach Östersund musste auch Maren erst einmal wieder ins zweite Glied zurück. Muss jetzt Rennen im Deutschland-Pokal laufen, um sich neu für die absolute Elite zu qualifizieren. "Das ist nicht schön für mich. Aber vielleicht kommt man aus einer solchen Phase ja besonders gestärkt hervor." Ein erster Schritt wurde jetzt mit den Feiertagen daheim getan. "Nach vier Tagen Erholung sind wir das erste Mal wieder gemeinsam etwas trainieren gegangen. Das hat sich schon wieder wunderbar angefühlt", sagt Janin mit strahlenden Augen. Und auch Maren lächelt zustimmend.


Stand: 29.12.2012, 06.00 Uhr