Digitale Gegenöffentlichkeit im Fußball: Die Wahrheit der Fans
Während Polizei und Medien zunehmende Gewalt rund um Stadien beobachten, haben viele Fußballfans ihre eigene Wahrnehmung. In Onlineforen und sozialen Netzwerken äußern sie ihre Meinung zu Ausschreitungen und Polizeieinsätzen.

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Konfrontation zwischen Fans und Polizei beim Revierderby im Oktober 2012
Wenn an diesem Freitag (07.12.2012) der nächste Spieltag der Fußball-Bundesliga startet, wird es in Onlinemedien und Zeitungen womöglich wieder Negativschlagzeilen hageln. "Gewalteskalation beim Spiel XY" oder "Festnahmen am Rande ..." heißt es dann. Öffentlich, zumindest in vielen Medien, entsteht der Eindruck einer Eskalation von Ausschreitungen, Randalen und gefährlichen Vorkommnissen mit Pyrotechnik.
Gewalt aufgebauscht?
Aus der Sicht vieler Fußballfans sieht das völlig anders aus. "Viele Medien bauschen Einzelfälle in völlig unverantwortlicher Weise auf. Dass es beim Fußball zu Gewalt kommt, ist zu verurteilen", sagt Arne Steding vom Dortmunder Online-Fanzine "schwatzgelb.de". "Straftaten wie die Attacke von Kölnern auf einen Gladbach-Fanbus müssen verfolgt werden. Aber was wir in den letzten Monaten erleben, ist eine Stimmungsmache, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat", kritisiert Steding. "schwatzgelb.de" ist bundesweit eines der wichtigsten Internet-Portale von Fans für Fans. Nicht nur Anhänger von Borussia Dortmund nutzen die Website als Informationsquelle. "schwatzgelb.de" ist ein Forum der digitalen Gegenöffentlichkeit der bundesdeutschen Fanszene.
Drei Beispiele machen deutlich, wie weit die Wahrnehmung von Medien, Politikern und Polizei auf der einen Seite sowie im Netz aktiven Fans auf der anderen Seite auseinandergeht:
Beispiel 1: "Sicheres Stadionerlebnis"
- Das DFL-Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" [pdf] Link öffnet in neuem Fenster.
- Interview zur Sicherheit beim Fußball: "Pyrotechnik kann man nicht verhindern"
- Gewaltdebatte im Fußball: Müssen Fans bald durch Kontroll-Container?
- Kampagne "Ich fühl' mich sicher!"
- Protest gegen das Sicherheitskonzept von DFL und DFB: Das Schweigen der Fans [sportschau.de]
Ende September legte die Deutsche Fußball Liga (DFL) als Dachverband der Bundesliga-Vereine ein Positionspapier mit dem Titel "Sicheres Stadionerlebnis" vor. DFL und DFB waren im Sommer 2012 auf einem sogenannten Sicherheitsgipfel von Politikern aufgefordert worden, die angeblich steigende Fangewalt sowie Probleme mit Pyrotechnik in den Griff zu bekommen. Im November sollte eine neue Statistik die angeblich steigende Fangewalt belegen. Am 12. Dezember 2012 will die DFL das Papier mit verschärften Sicherheitsbestimmungen beschließen. In der Fanszene löste das Papier einen Aufschrei aus. Protestaktionen wurden gestartet. Für diesen Samstag (08.12.2012) haben Fanorganisationen Demonstrationen in Dortmund, Köln und München gegen Nacktkontrollen und längere Stadionverbote angekündigt. Im Kern bezweifeln viele Anhänger die These von der angeblich wachsenden Gewalt. "schwatzgelb.de" startete unter dem Motto "Ich fühl' mich sicher!" eine Aktion gegen das DFL-Papier. In Onlineforen kursieren zahlreiche Texte, mit denen die Behauptung vom unsicheren Stadionerlebnis entkräftet werden soll.
Beispiel 2: Randale beim Revierderby
Rund ums Revierderby zwischen dem BVB und Schalke 04 kam es am 20. Oktober 2012 zu Ausschreitungen. Die Polizei berichtete von 180 Festnahmen und elf Verletzten. "Die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren in Dortmund", berichtete "Der Spiegel". "Schlimmste Krawalle im Pott seit Jahren: Chaoten verletzen Polizisten", schrieb "Bild.de". Die Macher von "schwatzgelb.de" zeichneten in einem Offenen Brief ein anderes Bild - und griffen damit auch die Polizei an. "Die Darstellung, wonach die Randale am Rande des Revierderbys die schlimmsten seit Jahren waren, ist einfach nur lächerlich", sagt Arne Steding. "Ich bin selbst zu jung, um eigene Erinnerungen daran zu haben, aber aus Erzählungen von älteren BVB-Fans weiß ich, dass es in den 80er Jahren lebensgefährlich war, zum Derby nach Gelsenkirchen zu fahren. Da wurde man mit Pflastersteinen und Bierflaschen beworfen."

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Fangruppen aus Dortmund und Schalke werden von der Polizei getrennt
Beim aktuellen Derby habe "die Polizei die Medien teilweise falsch informiert". Nach dem Spiel habe es zum Beispiel geheißen, Schalker Fans seien "konspirativ" nach Dortmund angereist, um Randale zu suchen. In Wahrheit seien diese etwa 600 Schalke-Fans mit ihrem Fanbetreuer ganz normal in öffentlichen Verkehrsmitteln angereist. Tatsächlich habe die Polizei beim Derby Fehler gemacht, indem sie Fangruppen "fahrlässigerweise in Straßen gelenkt habe, wo sie auf gegnerische Anhänger treffen", rügt Steding. Die Polizei bleibt bei ihrer Darstellung. "Wir haben in diesem Zusammenhang keine Fehler einzuräumen", sagt ein Dortmunder Polizeisprecher. Vielmehr hätten YouTube-Videos die Version der Polizei zu wichtigen Sachverhalten bestätigt. Der Polizeisprecher fordert die Macher von "schwatzgelb.de" auf, "nicht über, sondern mit der Polizei zu reden".
Beispiel 3: Düsseldorf gegen Frankfurt
Vor und nach dem Bundesliga-Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Eintracht Frankfurt wurden am 30. November 2012 knapp 100 Personen festgenommen. "Randale in der Altstadt", titelte eine Lokalzeitung. Viele Medien berichteten fast gleichlautend über gewalttätige Anhänger vom Main und vom Rhein. Ein Leser kommentierte indes einen Bericht zu den Ausschreitungen auf WDR.de: "Als 'normaler' Eintracht Fan wurde man wie ein Schwerverbrecher behandelt." Im Onlineforum der Eintracht beschwerten sich Fans über die Bundespolizei in Düsseldorf. Am Hauptbahnhof seien Hunderte friedliche Eintracht-Anhänger "eingekesselt" und einzeln abfotografiert worden, ohne dass zuvor von der Gruppe Straftaten ausgegangen seien. Die Polizei verteidigte ihr Vorgehen. Rund 100 Frankfurter "Problemfans" seien einer "Identitätsüberprüfung" unterzogen worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei zu WDR.de. Diese Personen seien an einen "gesonderten Eingang am Bahnhof" geführt worden. Dort sollten sie einzeln "ihren Personalausweis in die Höhe halten, und es wurde ein Lichtbild gemacht". Die "rein präventive Maßnahme" der "Ent-Anonymisierung" sei erfolgt, um Straftaten zu verhindern.

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Ultras von Eintracht Frankfurt zünden Bengalos
Unzufriedenheit über Medienberichte
Es steht oft Aussage gegen Aussage, was die Berichterstattung auch für die Medien schwierig macht. Formen der Gegenöffentlichkeit wie Fan-Internetseiten fänden "immer dann großen Zuspruch, wenn Bürger den professionellen Journalismus in Teilen als defizitär empfanden, zum Beispiel weil er über bestimmte Themen, Akteure oder Meinungen aus ihrer Sicht nicht ausreichend berichtet", analysiert Annika Sehl, Crossmedia-Forscherin am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Genau das sei nun zum Beispiel rund um das Revierderby passiert. "Einige Ultras und Fußballfans haben eine andere Darstellung und vor allem Interpretation der Ereignisse in Foren und Blogs veröffentlicht", sagt Sehl.
Die Medienforscherin rät Journalisten, die zum Beispiel über Ausschreitungen berichten, das Social Web könne "eine Chance für den professionellen Journalismus sein, weitere Informationen und Sichtweisen zu erfahren, gerade auch von Bürgern und nicht nur von Funktionsträgern".
- Bei der Arbeit
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Bei der Recherche fällt auf, dass Fans und Polizei kaum noch einen kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Auch als Stadiongänger merkt man in den letzten Jahren, dass die Abneigung auf beiden Seiten zugenommen hat. Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass einige Polizisten Fans teils herablassend und aggressiv behandeln. Und bei vielen Fans ist die Staatsmacht ebenfalls so unbeliebt wie vielleicht noch nie.
Stichworte
- Pyrotechnik
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Pyrotechnik, Bengalos, Fackeln, Böller und sonstige Knallkörper werden schon seit Jahrzehnten in deutschen Fußballstadien gezündet. Obwohl dies laut Sprengstoffgesetz nicht erlaubt war und ist, duldeten Polizei und Vereine diese oftmals auch in alten Fußballreportagen von Berichterstattern als stimmungsvoll gelobten bengalischen Feuer. Seit rund fünf Jahren gehen DFB und Ordnungshüter verstärkt gegen das Zünden von Feuerwerkskörpern vor. Als ein Wendepunkt in der Pyro-Debatte gilt ein Bundesliga-Spiel in NRW. Im Februar 2010 wurden bei der Heimpartie des damaligen Erstligisten VfL Bochum gegen den 1. FC Nürnberg acht Zuschauer durch bengalische Feuer verletzt. Sechs Nürnberger Fans erlitten so schwere Brandverletzungen, dass sie in Krankenhäusern behandelt werden mussten.
- Ultras
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Sogenannte Ultras dominieren seit rund zehn Jahren die Fankurven in den deutschen Stadien. Die Ursprünge der Bewegung liegen in Italien. Hier hatten sich bereits vor Jahrzehnten besonders fanatische Anhänger organisiert, um ihre Klubs zu unterstützen. Ultra-Gruppierungen wollen sich von den normalen Fans bewusst abheben. Oft sind sie politisch eher links ausgerichtet. Einige Gruppen organisieren beispielsweise Aktionen gegen Homophobie. Ultras fallen durch teils uniforme Kleidung, Choreographien und Dauergesänge auf. Sie lehnen die Kommerzialisierung des modernen Fußballs ab. In der Regel tragen sie zum Beispiel keine offiziellen Merchandise-Produkte ihrer Vereine, sondern selbst gewählte Outfits. Über die Haltung von Ultras zur Gewalt gibt es bei Soziologen unterschiedliche Meinungen. Einige Forscher sehen bei dieser männlich dominierten Jugend-Subkultur keine Gewaltneigung. Andere Beobachter der Szene sowie die Polizei gehen von einer steigenden Gewaltbereitschaft bei Ultras aus.
Stand: 07.12.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (98)
letzter Kommentar: 12.12.2012, 16:24 Uhr
- Fan schrieb am 12.12.2012, 16:24 Uhr:
- Hurra! Das Sicherheitskonzept ist beschlossen und wird umgesetzt. Eine wirklich gute Nachricht für echte Fans und den Sport! Wer sich nicht benehmen kann sollte besser zu Hause beliben und die Spiele in der Glotze gucken. Im Stadion wollen wir euch nicht mehr!!!!!!!!!!!
- WDR.de schrieb am 12.12.2012, 16:06 Uhr:
- Posting wurde entfernt. Beleidigungen werden nicht veröffentlicht.
- WDR.de schrieb am 12.12.2012, 16:07 Uhr:
- Beitrag gesperrt. Bitte argumentieren Sie sachlich.
- Medienhetze schrieb am 12.12.2012, 13:54 Uhr:
- @Echter Fußballfan, wie kann man nur so einen Schwachsinn schreiben? Von wegen "bald Tote"... Mit Sicherheit, Sie scheinen gar keine Ahnung zu haben. Sorry, aber so einen Quatsch kann man nicht ernst nehmen.
- You'll never walk alone schrieb am 11.12.2012, 18:19 Uhr:
- @Medienhetze - Sowas ist in englischen Stadien aber eine Ausnahme. Da haben wohn die Ordner mal nicht aufgepasst. Nur Sitzplätze und Verzicht auf Zäune hat sich insgesamt bewährt. Ich schrieb es schon: mein Liverpool-Besuch (Anfield Road) war das beste Stadionerlebnis, das ich je hatte - und das sowohl im Stadion, als auch um das Stadion herum.
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