Galatasaray Istanbul zu Gast auf Schalke Ein Königreich für ein Ticket

Von Jörg Strohschein

Wenn Galatasaray Istanbul am Dienstag (12.03.2013) zum Achtelfinal-Rückspiel der Champions League beim FC Schalke 04 antritt, müssen viele türkische Fans draußen bleiben. Die Nachfrage war riesig, erfüllt werden konnte davon lediglich ein ganz kleiner Anteil.


Es braucht schon eine große Portion Ignoranz, um das unendliche Klingeln des Telefons hinzunehmen. Serdar Coskunvardar erträgt diese permanente Beschallung nun schon seit dem 20. Dezember 2012. An diesem Tag wurde in Nyon das Achtelfinale der Champions League zwischen Galatasaray Istanbul und dem FC Schalke 04 ausgelost.

Erste Anrufe Sekunden nach der Auslosung


"Die ersten Galatasaray-Fans haben schon wenige Sekunden nachdem die Paarung bekannt war, versucht, über uns an Karten für das Spiel in Gelsenkirchen zu kommen", sagt Coskunvardar und zuckt mit den Schultern. Ein schier aussichtsloser Wunsch.

Coskunvardar ist der Geschäftsführer des einzig lizenzierten Galatasaray-Fanshops in Deutschland. Ein kleiner Laden, sehr unauffällig in einem Neusser Gewerbegebiet gelegen. Es wird vor allem über das Internet verkauft. "Die Leute geben die Hoffnung bis zuletzt einfach nicht auf, dass wir ihnen ihren Kartenwunsch doch noch irgendwie noch erfüllen können", sagt er.

Rund 2.700 Tickets für Galatasaray Istanbul


Rund 2.700 Tickets gehen beim Spiel in der Schalker Arena, die bei Europacuppartien rund 55.000 Zuschauer fasst, nach den Statuten der UEFA an den Gastverein Galatasaray. Anfragen gibt es bundesweit für die hundertfache Menge. "Wir haben gerade einmal 40 Tickets vom Verein erhalten. Und die waren innerhalb von zwei Minuten vergriffen", sagt Coskunvardar. Vor allem seine Stammkunden sind in den Genuss der Eintrittskarten gekommen. "So einen Ansturm haben wir noch nicht erlebt. Das ist für viele Galatasaray-Fans aus Deutschland das Spiel des Jahres."

Zwei Herzen in der Brust


Auch Akim Bay würde viel dafür tun, live dabei zu sein. Er gibt die Hoffnung bis zur letzten Minute nicht auf. Bay ist Taxiunternehmer aus Gelsenkirchen. Der 34-Jährige ist hier geboren und hofft darauf, über irgendwelche Kanäle aus seiner Heimatstadt oder der Türkei doch noch an Tickets zu kommen. Eigentlich ist er Fan des türkischen Klubs seit seiner Kindheit. Aber: In seiner Brust schlagen zwei Herzen. "Wenn man von hier kommt, dann ist man automatisch auch Schalker. Für diese zwei Partien wird meine Liebe zum S04 natürlich unterbrochen", sagt er. Für ihn darf es nur einen Sieger geben - Galatasaray Istanbul.

Er hat viele Bekannte und Freunde, die eine Dauerkarte für die Spiele des FC Schalke 04 haben. Aber nur die Wenigsten würden diese für diese eine Partie ausleihen oder verkaufen. Ein Königreich für ein Ticket. Er habe alles versucht. "Die Schalker gehen selbst viel zu gerne ins Stadion. Die einzige Möglichkeit könnte der Schwarzmarkt sein", sagt er sichtlich frustriert. Dort müsste man mindestens 1.000 Euro für ein Ticket aufbringen, Tendenz steigend. So wird er wohl, wie so viele seiner Leidensgenossen, gemeinsam in einem türkischen Café in Gelsenkirchen die Partie auf dem Fernseher verfolgen.

Sitz im Soccer-Center ist reserviert


Atadan Altay hat sich seinen Sitz bereits reserviert. In einem Soccer-Center in Köln wird der 63 Jahre alte Vorstandsvorsitzende des Fanklubs Galatasaray Köln e.V. das Spiel mit vielen Gleichgesinnten verfolgen. Rund 200 Mitglieder zählt der Verein. Und natürlich ist auch der Architekt, der im Jahr 1969 aus Anatolien nach Deutschland kam, glühender Anhänger von Galatasaray Istanbul.

Er reist häufiger in die Türkei zu den Spielen seines Lieblingsklubs oder besucht die Trainingslager der Mannschaft. Für die Partie in Gelsenkirchen ging aber auch er leer aus. "Man muss realistisch bleiben. Die Chance, in den Genuss einer Karte zu kommen, liegt doch fast bei Null", sagt auch er ein wenig ernüchtert.

Mehr als 540.000 Türken in NRW

Allein in Nordrhein-Westfalen leben mehr als 540.000 Türken, wie die Landesdatenbank NRW meldet. Hinzu kommen die vielen Menschen türkischer Abstammung und außerdem Anhänger des Clubs aus dem nahegelegenen Niederlanden oder auch Belgien.

Türkischer Tee, türkische Landesküche und ein gutes Fußballspiel mit Freunden "das ist doch auch eine reizvolle Aussicht", sagt Altay. Auch wenn er weiß, dass viele der Vereinsmitglieder, höflich ausgedrückt, nicht gerade erfreut darüber sind, dass sie nicht in Gelsenkirchen dabei sein können. Altay will das Beste daraus machen. "Wir lieben den Verein. Dann werden wir ihn auf diese Weise unterstützen", sagt er.

Beitrag zur Integration


Doch es ist nicht nur ein Spiel, das in Gelsenkirchen stattfindet. "Dieses Ereignis trägt auch zur besseren Integration bei", sagt Osman Durun. Der 35 Jahre alte, gebürtige Gelsenkirchener ist Vorsitzender des Integrationsrates in der Ruhrgebietsstadt und weiß um die engen Verbindungen der Fußballfans untereinander. Er selbst ist wie viele Mitbürger in seiner Stadt Anhänger von Schalke und Galatasaray. "Es ist doch gut, dass ich auf jeden Fall als Sieger die Arena verlassen kann", sagt Durun. Er ist einer der wenigen glücklichen Besitzer eines Tickets.

Serdar Coskunvardar dagegen ist bei aller Vorfreude froh, wenn alles vorbei und das Spiel abgepfiffen ist. Denn dann wird auch der Fanshop-Betreiber endlich wieder ohne das ständige Bimmeln des Telefons leben können.


Stand: 12.03.2013, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (19)

letzter Kommentar: 12.03.2013, 16.32 Uhr

@ Fußball und Realität schrieb am 12.03.2013, 16.32 Uhr:
Was für ein Ernstfall denn? Sie meinen doch wohl nicht, dass es bald zwischen Türkei und Deutschland Krieg ausbrechen wird?
Assimilation schrieb am 12.03.2013, 15.34 Uhr:
Ist ja wieder typisch für einige Mitbürger, dass sie gleich die völlige Assimilation der Türken fordern. Was ist daran verwerflich, wenn sie auch für einen Verein aus ihrer ehemaligen Heimat mitfiebern?? Wie wäre es, wenn ihr nach Spanien z.B. nach Barcelona auswandert, dort euch die Spiele eines tollen Clubs anschaut, mitfiebert und am Ende beim Spiel gegen Schalke nicht mal ein bisschen Mitgefühl für die Mannschaft aus eurer ehemalige Heimat zeigt?? Ich bin Türke und in Gelsenkirchen geboren. Ich gehe heute, egal wie das Spiel ausgeht, als Sieger vom Platz! Möge der bessere Gewinnen. Glück Auf!
Fußball und Realität schrieb am 12.03.2013, 15.04 Uhr:
Diese Fußball-Loyalitäten sind doch ein "wunderbares" Sinnbild für die Realität. "Wir sind Schalker, aber wenn es hart auf hart kommt, verraten wir sie, und sind natürlich Galastasaray." Oder eben in der Wirklichkeit: "Erkennt uns gefälligst als gleichberechtigte deutsche Bürger an, auch wenn wir im Ernstfall natürlich Türken sind."
Horst Baier schrieb am 12.03.2013, 14.51 Uhr:
Heee Leute, wir wollten mit dem Reisebus fahren, der jetzt aber defekt ist. So haben wir 40 Eintrittskarten, die wir jetzt nicht benützen können. Wie bekomme ich die jetzt auf die Schnelle noch an den Mann?
Anonym schrieb am 12.03.2013, 13.50 Uhr:
Weite Teile Gelsenkirchens gewinnen so oder so heute Abend, ist für die Stadt eine winwin Situation...

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