Interview zur Sicherheit beim Fußball "Pyrotechnik kann man nicht verhindern"

Bis Donnerstag (22.11.2012) hatten die Vereine Zeit, eine Stellungnahme zum DFL-Papier "Sicheres Stadionerlebnis" einzureichen. Im WDR.de-Interview streiten der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt und der Fortuna-Fan Frédéric Broszat über Polizeieinsätze und Kommerzialisierung.


DPolG-Chef Rainer Wendt und Fortuna-Düsseldorf-Fan Frédéric Broszat am 19.11.2012 in Düsseldorf
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Polizist Wendt und Fan Broszat diskutierten in der Fortuna-Vereinskneipe

WDR.de: Herr Broszat, Herr Wendt, wenn Sie ein Fußballspiel in der Bundesliga besuchen, fühlen Sie sich dann sicher?

Rainer Wendt: Ja.

Frédéric Broszat: Ja, sicher, klar.

WDR.de: Also eigentlich gibt es überhaupt kein Problem? Warum ist es dann notwendig, dass der Bundesliga-Verband DFL ein verschärftes Sicherheitskonzept debattiert, zu dem die Vereine bis Donnerstag (22.11.2012) Stellung beziehen können?

Wendt: Das liegt daran, dass es sowohl im Stadion, aber vor allen Dingen um die Stadien herum, immer wieder zu Gewalt kommt. Dabei werden nicht nur Polizisten, sondern auch unschuldige Zuschauer hinein gezogen. Wir haben jetzt eine neue Dimension, wie die gerade veröffentlichte Polizeistatistik für die Saison 2011/2012 zeigt. Mehr Gewalt, mehr Strafanzeigen. Das heißt, es wird gefährlicher.

Frédéric Broszat
Fortuna Düsseldorf

Frédéric "Freddy" Broszat, 31, ist Fan von Fußball-Bundesligist Fortuna Düsseldorf. Er sei kein Mitglied der Ultras Düsseldorf, aber "ultraorientiert", sagt er über sich. Gemeinsam mit Mathias Brühl macht Broszat für das Portal fortuna-videos Filme und ist darin als "Fanreporter" zu sehen.

Rainer Wendt
Fortuna Düsseldorf

Rainer Wendt, 55, ist Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Im Streit um die Fußball-Sicherheit gilt der gebürtige Duisburger als "Hardliner". Wendt unterstützt die Linie von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), dass DFL und Vereine mehr für die Sicherheit tun müssen.

WDR.de: Sehen Sie auch eine "neue Dimension" der Gewalt, Herr Broszat?


Fortuna-Düsseldorf-Fan Frédéric Broszat
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Broszat lehnt verschärfte Kontrollen ab

Broszat: Nein, bei den Zahlen wurde verglichen mit dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Die Zuschauerzahlen sind aber auch hochgegangen. Es wurde wieder vergessen, zu unterscheiden, wodurch sind die Leute verletzt worden, sind Fans verantwortlich oder doch die Polizei? Wenn man das mit den Zuschauerzahlen vergleicht, ist es eigentlich ungefährlicher zum Fußball zu gehen als auf ein Volksfest, ein Schützenfest, in die Düsseldorfer Altstadt oder auf ein Konzert. Man muss das relativieren, was die Medien ja leider nicht immer machen.

Wendt: Also dieses Relativieren geht mir gehörig auf den Geist.

Broszat: Das glaube ich.

Wendt: Es wird hier Gewalt ausgeübt gegen Polizisten. Das sind keine Fans, sondern Krawallmacher, die den Fußball zum Anlass nehmen, sich auszutoben. Wir haben mittlerweile 1,9 Millionen Einsatzstunden an jedem Wochenende. Das heißt, mehr als zehn Polizei-Hundertschaften sind mit nichts anderem beschäftigt als mit Fußball. Dabei haben wir nicht genügend Personal, um die Leute vor Wohnungseinbrüchen zu schützen.

Broszat: Er ist ja Gewerkschafter. Das muss er ja sagen mit den Einsatzstunden. Es sollte vielleicht mehr Geld in die Fanprojekte fließen, was mehr Früchte trägt als noch mehr Wasserwerfer.

WDR.de: Die Debatte über Sicherheit beim Fußball läuft jetzt schon seit Jahren. Was waren für Sie die Auslöser dieser Diskussion?


DPolG-Chef Rainer Wendt und Fortuna-Düsseldorf-Fan Frédéric Broszat am 19.11.2012 in Düsseldorf
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Kein Konsens zwischen den Interviewpartnern

Broszat: Es gibt zwei Gründe. Zum einen: Seit Deutschland den Zuschlag für die Fußball-WM 2006 bekam, geht es um den Rubel, der rollen soll. Es wird aussortiert zwischen geldbringenden und nicht geldbringenden Teilen des Publikums. Auf einmal wurde Pyrotechnik, die zuvor geduldet worden war, immer stärker kriminalisiert. Es gab mehr Stadionverbote. Unschuldige landeten in der Datei "Gewalttäter Sport". Der zweite Grund ist das Medieninteresse. Die Pay-TV-Sender bezahlen immer mehr Geld für die Fernsehrechte. Die wollen verdienen mit einem Produkt, das sauber und klinisch rein sein soll. Das, was nicht chemisch rein ist, soll weg.

WDR.de: Herr Wendt, wird der Fußball gesäubert?

Wendt: Ich möchte keine klinisch reinen Spiele, wo kaum noch Stimmung im Stadion ist. In den letzten zehn Jahren haben sich aber die Verletztenzahlen rund um den Fußball fast verdreifacht. Die Polizei wird immer öfter in Einsätze geschickt quer durch die Republik. Wochenende für Wochenende.

Broszat: Da kann ich Sie beruhigen, ich habe die Hundertschaften nicht bestellt. Ich würde zu Auswärtsspielen mit meiner sechsjährigen Tochter im Zug lieber ohne Polizeibegleitung fahren. Es hört sich bei Ihnen stark danach an, als würden Polizisten zur Zielscheibe von Fans.

WDR.de: Die Polizisten stünden am Rande von Fußballspielen im "Steinhagel", haben Sie mal gesagt, Herr Wendt.

Wendt: Ja, sind wir auch häufig genug.

Broszat: Das habe ich noch nie erlebt.

Wendt: Sie sind ja auch hoffentlich bei den friedlichen Fans.

Broszat: Ja, selbstverständlich. Dafür habe ich aber erlebt, dass einzelne schwarze Schafe aus den Polizei-Hundertschaften ausrasten und mit Pfefferspray um sich sprühen. Das ist rücksichtslos, wenn man so was in einen vollbesetzten Fanblock sprüht. Damit trifft man immer Unschuldige. So entstehen auch Verletztenstatistiken, weil Pfefferspray nun mal viele Leute trifft, selbst Polizisten. Zudem decken sich Polizisten gegenseitig.


Die Fangruppen aus Dortmund und Schalke werden von der Polizei getrennt.
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Polizeieinsatz beim Revierderby

Wendt: Diese Vorwürfe hören wir immer wieder, dass die Polizei etwa bei Demonstrationen die Gewalt ausübt. Polizisten sind verpflichtet, Straftaten zu verfolgen. Polizisten werden sehr häufig zu Unrecht angezeigt, das zeigt die Statistik der staatsanwaltlichen Ermittlungen.

WDR.de: Bei den Polizeieinsätzen werden wir keinen Konsens finden. Kommen wir konkret zu dem DFL-Konzeptpapier "Sicheres Stadionerlebnis". Was sollte da drin stehen oder sollte man komplett auf so ein neues Sicherheitskonzept verzichten?

Broszat: Ich sehe da ganz im Ernst keine Notwendigkeit, etwas zu verschärfen. Wie Herr Wendt fühle ich mich im Stadion sicher. Was etwas bringen würde, sind präventive Maßnahmen durch Fanprojekte. Man kann alles immer verbessern.


Wendt: Ich finde es vernünftig, dass die DFL ein solches Papier vorgelegt hat. Was öffentlich kritisiert wurde, stand teilweise in dem Papier so gar nicht drin. Es ist doch blanker Unfug zu behaupten, dass die DFL von den Vereinen verlangt, ihre Stadionbesucher alle nackt zu kontrollieren. Da stand drin, dass man in Teilbereichen der Tribünen, da wo es Anlass gibt, weil es eben zum Zünden von Pyrotechnik gekommen ist, intensiver durchsuchen sollte. Schon um die Persönlichkeitsrechte derjenigen, bei denen unterhalb der Kleidung nachgesehen wird, zu wahren, muss man dafür Container schaffen. Das heißt aber nicht, dass sich 80.000 Leute vor dem Dortmunder Stadion ausziehen müssen. Sinnvoll finde ich etwa die Professionalisierung von Ordnerdiensten und längere Stadionverbote.

Broszat: Pyrotechnik kann man nicht verhindern. Man fühlt sich kriminalisiert durch solche Kontrollen, allein durch das Ausziehen.

WDR.de: Am 12. Dezember 2012 will die DFL ihr neues Sicherheitskonzept verabschieden und möglicherweise etwas entschärfen. Die Beratungen nach Ende der Eingabefrist an diesem Donnerstag sollen intern ablaufen. Blicken wir mal in die Zukunft. Wie wird es aus Ihrer Sicht in fünf Jahren rund um und in den Stadien aussehen?

Wendt: Ich habe die große Hoffnung, dass der Druck der Politik auf die Vereine fruchten wird und wir gleichmäßig hohe Standards bei Sicherheitskontrollen vor den Stadien bekommen. Ich habe allerdings wenig Hoffnung, dass die Einsatzzahlen sinken werden.

Broszat: Die Repression wird noch stärker werden. Wo ich gar nicht dran denken mag, sind Stadien ohne Stehplätze.

Das Interview führte Martin Teigeler.

Bei der Arbeit
Martin Teigeler

Höflich begegneten sich die beiden Diskutanten in der Vereinskneipe von Fortuna Düsseldorf am traditionsreichen Flinger Broich. Doch im knapp einstündigen Doppel-Interview gab es kaum Punkte, an denen sich Polizist und Fan inhaltlich näher kamen. Während des Gesprächs schauten sich Wendt und Broszat selten an. Teils sprachen sie in der dritten Person übereinander. Die Distanz bleibt.

Stichworte

Gewalttäter Sport

Die Datei "Gewalttäter Sport" besteht seit 1994. Von der nordrhein-westfälischen Polizei gegründet, werden in dieser Datei alle bundesweit durch Gewalt und andere Verstöße aufgefallenen Fußballfans erfasst. Neben Straftätern werden teils auch Fans gespeichert, von denen einmal die Personalien aufgenommen wurden. Fanorganisationen halten dies für eine unzulässige Kriminalisierung. Nach Angaben des NRW-Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) sind laut letzter Zählung aus dem Dezember 2011 insgesamt etwa 13.000 Personen in der Datei gespeichert.


Stand: 22.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (45)

letzter Kommentar: 25.11.2012, 12:46 Uhr

Kalle schrieb am 25.11.2012, 12:46 Uhr:
Natürlich kann man Pyrotechnik verhindern! Das ist nur eine Frage des politischen Willens und der Bereitschaft DAS auch durchzusetzen. Wenn ich Menschen die Pyrotechnik im Stadion zünden mit der notwenigen und gebotenen Härte verfolge und sanktioniere hat sich das mit der Pyrotechnik im Stadion bald erledigt. Solche angeblichen Fans, die Pyrotechnik in Stadion bringen und zünden, sollten vom Grundsatz her behandelt und verfolgt werden wie Terroristen die eine Bombe zünden wollen. Pyrotechnik ist für Alle Menschen in einem Stadion eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit, alleine schon wegen dem giftigen Rauch den, gerade Bengalos, freisetzen! Die Polizei muss halt endlich mit der geboten Härte gegen die ULTRAS vorgehen. Das sind keine Fans, das sind kriminelle Störenfriede mit erheblichem Gefährdungspotential die in Stadien nichts zu suchen haben.
Kopfkratz schrieb am 24.11.2012, 03:02 Uhr:
@Anton: echt süß ihr Nostalgiedenken über die 80er. Aber waren Sie da mal im Stadion? Ich war ab Ende 80 regelmäßig beim Fußball und dagegen ist die heutige und aufgeblasene Situation ein Kindergarten. Da gab es an jedem WE Ausschreitungen. Da waren die Gelsenszene, Borussenfront, Herthafrösche, Hamburger Löwen, First Class aus Lautern etc etc höchstaktiv. Da wurde sogar mal ein Polizeipferd abgestochen und, soweit ich das noch weiß, auf "Hooligans" von Lautern scharf geschossen. Schwerste Randale bei der EM 88 in Düsseldorf....und heute wird so ein Popanz wegen der paar Bengalos gemacht oder weil friedliche Fans in D´dorf zu früh den Platz gestürmt haben vor Freude? Man sollte eigentlich merken, dass diese Diskussion ausschließlich der Polizei nutzt, die mehr Personal wollen. Vielleicht um Autofahrer abzuzocken, aber sicherlich nicht zum Schutz des Bürgers. Also wünschen Sie sich nicht unbedingt die 80er zurück.
Rechtsstaat schrieb am 24.11.2012, 02:18 Uhr:
@Ich: warum gibt es wohl Hundertschaften, die ständig durch übertriebene Gewalt auffallen? Wer wird da eingesetzt? Jemand der viel fragt oder zimperlich ist? Da sind überwiegend Leute drin, die nicht fragen und mit denen man auch nicht reden kann. Chorgeist ist gefragt, nicht Rechtstaatlichkeit. Das sind die gleichen, die hinterher nach einem Einsatz beim SEK, MEK usw lechzen und mal eben falsche Wohnungen stürmen, schlafende Leute - selbst Frauen - schwer verletzen und sich als Held sehen. Und wie viele dokumentierte Übergriffe gibt es und wie viele verfolgt die StA bis zum Ende? Tritt jemand mit Turnschuhen gegen die gepanzerten Schienbeine eines Polizisten, wird ihm der Prozess gemacht, tritt ein Polizist mit seinen Einsatzstiefeln ins Gesicht eines am Boden liegenden, ist das in Ordnung? Hoffentlich geraten sie auch mal in eine Situation, wo sie ungerechtfertigt Opfer der Polizei werden und hoffentlich wird ihre Beschwerde dann auch abgebügelt und sie bekommen obendrauf noch e ...
anton schrieb am 23.11.2012, 15:21 Uhr:
Pyrotechnik kann man nicht verhindern, Gewalt auch nicht. Das Problem ist doch ganz einfach. Eine Minderheit schafft es immer wieder den Fußball mit diesen Attacken in Verruf zu bringen. (gibt’s bei keiner anderen Sportart, noch nicht mal bei Eishockey). Geht die Polizei dazwischen, wird es entweder als zu lasch oder als völlig überzogen bewertet, je nachdem auf welcher Seite der Betrachter steht. Den Beamten hier eine Mitschuld zu geben ist völliger Schwachsinn, ich könnte mir vorstellen dass auch Polizei-Beamte das Wochenende lieber im Kreis ihrer Familien verbringen würden als sich mit irgendwelchen Idioten zu prügeln. Ich weiß, diese Sichtweise ist unpopulär. Wäre das schön, man geht mit Freunden oder der Familie zum Fußball, ein paar Polizisten regeln den Verkehr oder ziehen ein paar Trunkenbolde aus der Menge, nach dem Spiel noch ein paar Bier und dann ab nach Hause. „Träumer“, werden jetzt die Meisten sagen, so war es aber noch Anfang der 80 ger.
Über-Ich schrieb am 23.11.2012, 13:42 Uhr:
Perfide ist, dass Politiker alles in einen Topf werfen: Fans sind gewalttätig, zündeln und sind jetzt angeblich auch noch Neonazis. Unsinn! Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Sicherheitsbehörden, Innenpolitiker und Polizisten mit den künstlich hochgezogenen Thema "Fußballgewalt" von ihrem skandalösen Versagen beim Komplex NSU ablenken wollen. Und die verantwortungslose Springer-Hetzpresse macht natürlich mit... In Deutschland wurden über zehn Jahre Unschuldige von unbehelltigten Neonazi-Terroristen geradezu abgeschossen. Das sind Probleme. Ich zweifle an diesem Rechtsstaat. Rechts ist er, mehr nicht.

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