Interview mit Fanforscher Martin Thein "Welche Fankultur wollen wir?"

Wenn am Mittwoch (30.05.2012) in Mecklenburg-Vorpommern die Innenministerkonferenz beginnt, steht das Thema "Sicherheit im Fußballstadion" ganz oben auf der Tagesordnung. Doch sind verschärfte Gesetze wirklich der richtige Ansatzpunkt? Fanforscher Martin Thein sieht die Vereine in der Pflicht.


Der Politikwissenschaftler und Psychologe Martin Thein leitet das Kölner Institut für Fankultur. Er ist unter anderem Mitinitiator der Forschungsplattform fankultur.com und hat mehrere Publikationen über Fanphänomene veröffentlicht, zuletzt im April 2012 "Ultras im Abseits?".

WDR.de: Wenn die Innenminister der Länder zum Thema "Sicherheit beim Fußball" konferieren, kann man das Ergebnis schon fast vorhersehen. Es werden härtere Strafen, schärfere Kontrollen und eine strengere Auslegung der Gesetze gefordert. Wird das helfen, das Problem in den Griff zu bekommen?


Martin Thein: Nein, das glaube ich nicht. Wenn ich etwa höre, dass überlegt wird, in den Stadien Körperscanner einzuführen, halte ich das für populistisch und wenig zielführend. Fußballstadien werden niemals zu Hochsicherheitstrakten werden. Das kann und will keiner der Beteiligten. Repression führt hier nicht weiter. Mit repressiven Maßnahmen kann es zwar gelingen, erkannte Gewalttäter aus den Stadien fernzuhalten. Aber damit ist es ja nicht getan. Man braucht einen Methodenmix aus Repression, Prävention und Kommunikation. Von daher halte ich die Forderung der Politik an die Vereine, sich mehr zu engagieren, was ihre Fans angeht, für völlig legitim.

WDR.de: Inwiefern?


Thein: Die Vereine müssen sich mehr ihrer Verantwortung stellen. Es geht nicht, dass man einerseits am Zuschauerboom partizipiert, Mehreinnahmen und Neumitglieder generiert, andererseits die Fans aber links liegen lässt. Die meisten deutschen Vereine wissen gar nicht, was das für Fans sind, die ihnen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zugeströmt sind. Man bräuchte eine Kartografie der Fanszenen, um negativen Entwicklung rechtzeitig vorbeugen zu können. Aber die gibt es nicht. Manche Vereine haben immer noch nur einen einzigen Fanbeauftragten, und das, obwohl sich die Mitgliederzahlen teilweise versiebenfacht haben. Die Vereine müssten sich professionalisieren und viel mehr auf ihre Fans zugehen, anstatt zu versuchen, die Verantwortung an die Politik oder an die Polizei abzuwälzen. Die Fankultur hat ja durchaus auch positive Seiten und gibt vielen Jugendlichen eine Identität und eine Möglichkeit, sich auszudrücken und ihrer Abenteuerlust und ihrem Rebellentum zu frönen. Damit hier ein gesundes Maß gewahrt bleibt, müssen die Vereine sich aber mehr engagieren.

WDR.de: Wie soll das geschehen?

Thein: In den Vereinen müssen Netzwerke gebildet werden. Es braucht professionelle Pädagogen, die den Draht, das Feeling für Subkulturen haben. Die Fanprojekte müssen mehr eingebunden werden, aber auch Konfliktmanager und Wissenschaftler können helfen, beide Seiten zu beleuchten und Mechanismen auszuarbeiten, um zu einem Dialog zu kommen. Das kann ein Fanbeauftragter, der vom Verein angestellt und ihm gegenüber entsprechend loyal ist, natürlich nicht leisten.

WDR.de: Das klingt theoretisch ganz gut. Andererseits geben sich viele Fan-Gruppierungen ja sehr elitär und autonom. Ein Dialog mit Ultras scheint schwer vorstellbar.


Thein: Das kommt auf die Ansprache an. Außerdem gibt es ja nicht nur Ultras und Ultra-nahe Gruppierungen in den Stadien. Die machen ja höchstens zwei Prozent der Besucher aus. Ein überwiegender Teil der Stadienbesucher sind Supporter, die meist in Fanclubs organisiert sind, zu allen Spielen fahren und nicht gewaltaffin sind. Das erinnert manchmal an Brieftaubenzüchtervereine, bei denen der Vorstand die Kasse hütet. Andererseits findet man auch alte Haudegen, die schon seit 40 Jahren kommen. Eine andere wichtige Gruppe sind Frauen; inzwischen sind 20 bis 25 Prozent der Besucher weiblich. Und dann wären da noch die VIPs und die klassischen Männerbünde: Kumpels, die seit 20 Jahren Dauerkarten haben und immer zusammen ins Stadion gehen. All diese Fangruppen existieren nebeneinander, wissen aber wenig übereinander und haben teilweise große Vorbehalte gegenüber den anderen. Auch hier sollte ein Verein für mehr Kommunikation sorgen.

WDR.de: Das Relegationsspiel in Düsseldorf gilt vielen als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat und nun auch die Politik auf den Plan ruft. Waren die Vorkommnisse wirklich so skandalös?

Thein: Zumindest taugt dieses Spiel nicht als Beweis für die Eskalation der Gewalt in den deutschen Stadien. Denn letztendlich ist ja nichts passiert, niemand wurde verletzt. Ein Platzsturm ist doch etwas völlig Normales. Dass feiernde Fans auf den Platz rennen, sieht man ständig bei Meisterfeiern und Aufstiegen, das hätte man in Düsseldorf erahnen können. Das hat meiner Meinung nach nichts mit Gewalt zu tun. Außerdem muss man sich auch mal fragen: Was wäre gewesen, wenn die Ordner die Zäune nicht geöffnet und tausende Menschen nach unten gedrückt hätten? Da kann es schnell zu Situationen wie bei der Loveparade in Duisburg kommen.

WDR.de: Neben dem Platzsturm wurde aber auch massiv Pyrotechnik gezündet.

Thein: Das stimmt. Aber ist der Einsatz von Bengalos ein Akt von Gewalt? Darüber streiten die Beteiligten ja immer. Außerdem sollte man sich hier auch mal genauer die Zahlen ansehen. In Relation zu den gestiegenen Zuschauerzahlen ist die Anzahl der Gewalttaten in den letzten Jahren gleich geblieben, und zwar auf sehr niedrigem Niveau. Die deutschen Stadien zählen trotz der Vorkommnisse in jüngster Zeit zu den sichersten weltweit. Fakt ist, dass in Düsseldorf niemand verletzt wurde, und auch sonst weiß ich von keinem Fall, in dem Unbeteiligte mit Pyros beworfen wurden oder Ähnliches geschah. Ich will das nicht verharmlosen oder gutheißen, aber es ist nun mal so, dass das Abbrennen von Pyros ein rein ultra-spezifisches Phänomen ist. Wenn es zu Verletzten kommt wie vor zwei Jahren in Bochum, als im Block der Nürnberger gezündelt wurde, dann sind davon lediglich die Ultras selbst betroffen. Das hat übrigens dazu geführt, dass sich die Nürnberg Ultras entschlossen haben, auf Pyrotechnik zu verzichten.

WDR.de: Sie meinen, manche Probleme sollte man den Selbstreinigungskräften im Fanblock überlassen?


Thein: Von Fanseite würde es jetzt heißen: "Wir sind nicht schmutzig, also muss man uns auch nicht reinigen." Ich würde also eher von Selbstregulation sprechen, die in manchen Fällen durchaus funktioniert. Ich glaube, manche Ultra-Gruppe hat sich mit ihrem Verhalten selbst vor die Wand gefahren. Man spürt in den Stadien auch innerhalb der eigenen Fans eine Gegenbewegung. Das war zum Beispiel zu sehen, als der 1. FC Köln abgestiegen ist. Da standen die aktiven Fans, die Supporter, auf und haben alle zusammen "Nie mehr 'Wilde Horde'!" gesungen, um sich gegen diese berüchtigte Ultra-Gruppierung zu positionieren. Das fand ich schon bemerkenswert, und wenn es den Vereinen gelingen könnte, solche Kräfte zu stärken, wären die radikalen Gruppierungen im Stadion schnell marginalisiert.

WDR.de: Die gemeinsame Liebe zum selben Verein führt also nicht automatisch zu einem gesteigerten Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Fans?

Thein: Nein. In den deutschen Stadien ist die Fanszene entzweit. Ein Teil ist subkulturell geprägt und sieht sich als die wahren Fans, die weg vom Kommerz im Fußball wollen. Der weitaus größere Teil, nämlich 80 bis 90 Prozent, ist eher erlebnisorientiert und sieht im Stadion eine Bühne, die auch einen gewissen Komfort bieten soll. Diese beiden Teile driften immer weiter auseinander, und die Vereine stehen dazwischen, ohne zu wissen, was zu tun ist. Denn klar ist auch: Für manche Zuschauer sind die Ultras durchaus ein Bespaßungsfaktor, das wissen die Ultras auch selbst. Und ohne die Ultras ist die Stimmung nicht dieselbe, das haben Boykotts immer wieder gezeigt.

WDR.de: Ein Punkt, der in dieser Diskussion immer wieder aufkommt, ist die Abschaffung der Stehplätze.

Thein: Dadurch würde man den kleineren Teil der Fans, die ich gerade skizziert habe, domestizieren oder sogar aussperren. Man hätte Verhältnisse wie in England, wo sich nur noch die Mittel- und Oberschicht Eintrittskarten leisten kann. Und das will keiner der Beteiligten. Ich glaube, das Problem im deutschen Fußball ist nicht die Pyro und auch nicht die Gewalt. Es geht hier viel mehr um eine gesellschaftliche Diskussion, die in der Frage gipfelt: Welche Fankultur wollen wir eigentlich?

Das Interview führte Ingo Neumayer.


Stand: 30.05.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (35)

letzter Kommentar: 02.06.2012, 03.28 Uhr

Ruhrpott schrieb am 02.06.2012, 03.28 Uhr:
Was interessiert eigentlich den "Edelfan", wenn in der Kurve was abgebrannt wird? Und welche Gewalt wird diskutiert? Düsseldorfer im Aufstiegstaumel? Es wird Zeit, dass die Verletzten diverser "Ausschreitungen" konsequent Strafanzeigen gegen die Polizei stellen, die mit ihren eigens für derartige Einsätze abgestellten Schlägertrupps für die Eskalationen sorgen und nachweislich gegen alles und jeden vorgehen. Da werden Fans provoziert, geschuppt und geschlagen. Wer sich wehrt, wird zusammengehauen und bekommt obendrein eine Anzeige.
Toll schrieb am 01.06.2012, 19.20 Uhr:
Das die Vereine genug Steuern zahlen mag sein, aber diese direkt dafür wieder zu verschleudern kann nicht sein. Andere Firmen zahlen auch viele Steuern und benötigen nicht so einen Polizei Aufwand. Fußball ist und bleibt die "Sport" Art mit den meisten Gewalttaten unter den "Fans". Ginge doch ganz einfach: Abschaffung des Schwachsinns und jedes Spiel nur noch auf einem eigenen TV-Kanal übertragen und Ruhe ist. Die Politik lügt sich selbst einen zusammen! Würden solche Einsätze bei anderen Sportarten nötig sein, würden schon längst Live spiele abgeschafft worden sein. Vor der Abschaffung aber letzte Möglichkeit: Keine Stehplätze mehr und die Preise für die Sitze um 200% erhöhen.
Anonym schrieb am 01.06.2012, 06.49 Uhr:
@ Fan... ich glaube wirklich, dass Sie bei 1954 stehengeblieben sind, der Fussball u. die Fans haben sich nun mal gewandelt. Aber wo ist eigentlich ihr Problem? auf der Haupttribüne finden die Pyros doch eh nicht statt, u. keiner zwingt Sie doch in den Ultrafanblock zu gehen. Wenn die Stehplätze deswegen abgeschafft werden, hoffe ich das es auf den Sitzplätzen erst Recht weitergeht, dann müssten ja diese auch abgeschafft werden, und dann?
Volkmann schrieb am 31.05.2012, 17.56 Uhr:
bis irgendwann die Herde durchdreht und durchgeht in Panik und Chaos.
Fan schrieb am 31.05.2012, 16.04 Uhr:
Hallo August, was haben Pyros und das Gemotze in den Kurven mit Stimmung zu tun. Wohl ebenso wenig, wie der tote Hummer auf der Haupttribüne. Das sind nur die beiden Enden der gleichen Wurst. Unter Stimmung verstehe ich etwas, das Freude macht. Pyros bergen aber die Gefahr, dass ich mich im Krankenhaus wiederfinde. Dieser Gedanke macht alles andere, als Freude.

Alle Kommentare anzeigen