Blindenfußball in Gelsenkirchen Kicken nach Gehör

Von Jürgen Bröker

An diesem Wochenende fallen die letzten Entscheidungen bei den Paralympics in London, auch die im Blindenfußball. Beim VfB Gelsenkirchen spielen ebenfalls Blinde Fußball: Dort sind sie in der Fußballabteilung des A-Ligisten integriert.


Blindenfußball, Bayram Dogan, Özer Kaleoglu
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Zweikampf beim Blindenfußball

Bayram Dogan ist der Erste am Platz. Wie so oft. Trainingsdress und Fußballschuhe hat der 38-Jährige schon an. An diesem Abend leuchtet sein Trikot rot. Aber Dogan kann es nicht sehen. Auch den Ball, den er gleich zwischen seinen Füßen spürt, sieht er nicht. Denn Dogan ist blind. Trotzdem spielt er Fußball.

"Menschen, die uns noch nie haben spielen sehen, meinen immer, wir brauchen sehr viel Hilfe auf dem Platz. Vielleicht auch technische Mittel", sagt Dogan. Aber das stimme nicht. "Wir können uns ganz gut orientieren, haben einen inneren Kompass", erklärt er weiter. Und um das zu demonstrieren, geht er auf den nagelneuen Blindenfußballplatz auf der Anlage des VfB Gelsenkirchen. Rechts und links sind Banden als Begrenzung des etwa 20 mal 40 Meter großen Spielfeldes. Hinter den Toren ist der Auslauf frei.

Akustische Orientierung


Blindenfußball, Bayram Dogan
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Bayram Dogan

Dogan geht zur linken Bande. "Wenn ich hier stehe, weiß ich, dass links unser Tor ist und rechts das der Gegner", sagt er. Der eigene Torwart, der übrigens als einziger Spieler auf dem Platz sehen kann, gibt regelmäßig Anweisungen. Außerdem steht der Trainer an der Mittellinie und versucht den Spielern Orientierung zu geben. Ebenso wie ein Helfer hinter dem Tor der Gegner. Und dann ist da natürlich noch der Ball. Der ist gefüllt mit kleinen Rasseln, damit die Blinden ihn hören.

Bei regulären Spielen stehen sich jeweils vier Feldspieler und ein Torwart, der den nur zwei Meter großen Torraum nicht verlassen darf gegenüber. Gespielt wird zwei Mal 25 Minuten. An diesem Abend bekommen die Gelsenkirchener Blindenfußballer keine zwei kompletten Mannschaften zusammen. Insgesamt sind nur fünf Spieler da. Einer von ihnen ist Cengiz Karakas. Der 16-Jährige hat noch etwa 10 Prozent Sehkraft. Damit alle unter gleichen Bedingungen auf dem Platz spielen, werden vor dem Spiel so genannte Eyepads auf die Augen der Fußballer geklebt. Anschließend kommt noch eine Augenmaske darüber.

Stirnpolster zum Schutz


Blindenfußball, Bayram Dogan
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Bayram Dogan trifft ins Netz

Außerdem tragen die Spieler ein etwas seltsam aussehendes weißes Kissen auf der Stirn. "Das ist zu unserem Schutz, falls wir mal mit einem anderen Spieler zusammenprallen", sagt Dogan. Denn obwohl die Spieler, die nicht am Ball sind, ständig "Voy" (spanisch für "ich komme") rufen müssen, rennen die blinden Kicker immer wieder ineinander. Das ist das vielleicht Erstaunlichste an diesem Spiel. Die blinden Fußballer bewegen sich in ihrer Dunkelheit in hohem Tempo. Dabei spielen sie den Ball bei jedem Schritt vom rechten in den linken Fuß und wieder zurück. Dieses Dribbling ist das entscheidende Element im Blindenfußball. "Wir nennen das die Pinguinstellung", sagt Dogan und lacht. Passspiele sind selten. Kopfballtore fallen so gut wie nie. Es sind meist Einzelaktionen, die zum Erfolg führen.


Blindenfußball, Bayram Dogan
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Cengiz Karakas zieht ab

Seit vier Jahren kickt Dogan mit seinem Team beim VfB Gelsenkirchen. Einem ganz normalen A-Ligisten. Damals löste sich die Essener Mannschaft, für die Dogan bis dahin gespielt hatte, auf. "Ich wollte aber weiterspielen. Am liebsten in Gelsenkirchen", erinnert er sich. Also hat er sich auf die Suche nach einem Verein gemacht und den VfB gefunden.

Gelebte Integration


"Natürlich gab es zunächst auch Berührungsängste zwischen Sehenden und Sehbehinderten", sagt Holger Stäbel. Er war von Anfang an dabei. Bis zum vergangenen Jahr war er sogar Trainer der Blindenfußballer. Doch diese Ängste wurden schnell abgebaut. Heute ist es völlig normal, dass Spieler der ersten Mannschaft schon mal gemeinsame Aufwärmrunden mit ihren sehbehinderten Kollegen laufen. Dogan und seine Abteilung sind wie selbstverständlich auf der Weihnachtsfeier dabei. Auch die Räumlichkeiten stehen Sehenden und Sehbehinderten gleichermaßen zur Verfügung. Das Miteinander funktioniert so gut, dass der Verein 2010 mit dem Integrationspreis ausgezeichnet wurde.

Respekt vor der Leistung


Blindenfußball, Bayram Dogan
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Einige der Blindenfußballer des VfB Gelsenkirchen

Bayram Dogan ist nicht nur Spieler. Er ist auch Abteilungsleiter der Blindenfußballer. Er träumt davon, die Jugendarbeit auszubauen, den Nachwuchs zu fördern. Und eines Tages einen Gelsenkirchener Jungen in die Nationalmannschaft und vielleicht zu den Paralympics zu bringen. Dabei soll ihm seine Erfahrung helfen. Schließlich hat er selbst einmal für Deutschland gespielt. "Mir hat der Blindenfußball immer viel bedeutet und eine Menge Spaß gemacht. Das möchte ich auch anderen vermitteln", sagt er und geht wieder auf den Platz. Dort geht es zur Sache. Intensive Zweikämpfe beim Trainingsspiel. Dogan setzt sich gegen Özer Kaleoglu durch. Er läuft allein aufs Tor zu. "Noch acht Meter, noch sechs", ruft der Aushilfstorwart. Dann zieht Dogan ab und trifft. Am Rand hinter der Bande stehen einige Jugendliche aus dem Viertel, die vor den Blinden auf dem Platz gekickt haben. Sie nicken anerkennend. "Respekt. Der hat echt was drauf", sagt einer. Dann packen sie ihre Sachen und verschwinden.


Stand: 08.09.2012, 06.00 Uhr