Amputierten Fußball in Hennef Kicken auf Krücken

Von Jürgen Bröker

Deutschlandweit gibt es nur 22 Spieler, die Amputee-Soccer, also Fußball für Menschen mit Amputation, spielen. Am Wochenende haben sie sich in der Sportschule Hennef getroffen, um gemeinsam zu trainieren. Unter ihnen auch einige Spieler aus NRW.


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Frank Niechciol beim Schuss.

Marco Reinecke ist heiß. Der 35-jährige kann es kaum abwarten, dass der Ball endlich rollt. „Vier gegen vier? Na denn los. Feuer!“, ruft er in feinstem Berlinerisch über den Rasenplatz der Sportschule Hennef. Sein Team steckt in neongrünen Leibchen. Reinecke kickt den Spielball zur Feldmitte. Das Team in weiß darf anfangen. Anstoß – mit einem Bein. Amputee Soccer ist Kicken auf Krücken. Die acht Männer, die sich an diesem Nachmittag zum Trainingsspiel gegenüber stehen, haben alle eines gemeinsam: Ihnen fehlt ein Bein und sie lieben Fußball. Mit Krücken jagen sie deshalb dem Ball hinterher.

„Das geht ordentlich auf die Arme“, sagt Philipp Siewert. Er ist zum ersten Mal dabei. Im Internet hat er davon gelesen. Erst vor einem Jahr musste dem Schüler das linke Bein wegen eines Tumors im Knie amputiert werden. „Ich suche noch eine Sportart, in der ich mich wohl fühle“, sagt der 18-jährige. Der Schüler ist großer Schalkefan. Dennoch hat er das Derby gegen Dortmund Derby sein lassen. Statt vor dem Fernseher Fußball anzusehen, tritt er lieber selbst gegen die Kugel.

Weite Anreise


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Philipp Siewert (m.) beim Pass.

Siewert kommt aus Lüdenscheid und hatte damit die wohl kürzeste Anreise nach Hennef. Andere Teilnehmer kommen aus dem Raum Stuttgart, München oder Berlin. „Genau das ist unser Problem. Es gibt noch keine regionalen Gruppen. Nur uns“, sagt Lothar Schacke. Gemeint sind die gut 22 Aktiven, die sich bisher vier Mal im Jahr zu einem Wochenend-Lehrgang treffen, um gemeinsam zu trainieren. „Mehr geht leider nicht, das wäre einfach zu teuer“, sagt Schacke. Nach Hennef haben es dieses Mal nur zehn Spieler geschafft.

Schacke ist einer der Initiatoren für Amputee Soccer in Deutschland. Vor gut sechs Jahren ist die Idee entstanden. Aber erst zwei Jahre später hat sich eine kleine Truppe zum gemeinsamen Training getroffen. In diesem Jahr hat es dann die ersten Länderspiele gegeben. „Wir waren zu einem Turnier in Manchester. Haben gegen England, Irland und Polen gespielt“, sagt Marco Reinecke. Und auch wenn es dort nur auf die Nüsse gegeben habe, sei es eine Supererfahrung gewesen.

Anstrengend für die Arme

Amputee Soccer wird auf einem 51 mal 31 Meter großen Kleinfeld gespielt. Zu jeder Mannschaft gehören fünf Feldspieler und ein Torwart. Während den Feldspielern ein Bein fehlt, ist es bei den Torleuten ein Arm. Die Feldspieler spielen mit Krücken und versuchen den Ball weitestgehend nach den gleichen Regeln wie beim herkömmlichen Fußball in das zwei Mal drei Meter große Tor zu schießen. Der Ball darf nicht absichtlich mit der Krücke gespielt werden. „Das gilt als Handspiel“, sagt Reinecke.


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Artistisch: Marco Reinecke

Ein Spiel dauert zwei Mal 20 Minuten. Wer Amputierten-Fußball noch nie gesehen hat, mag sagen: eine überschaubare Zeit. Doch schon beim Training bekommt man einen Eindruck von der großen Anstrengung. Nicht nur das verbliebene Bein der Fußballbegeisterten muss einiges mitmachen. Vor allem die Arme sind gefordert. „Man merkt sofort, wer auch im Alltag mit Krücken geht und wer sonst eher mit einer Prothese unterwegs ist“, sagt Reinecke. Er selbst läuft nur mit Krücken. Für das Fußballspiel hat er spezielle, stabilere Gehhilfen. „Die herkömmlichen waren meist nach einem Spiel kaputt“, sagt er. Seine aktuellen Krücken sind ein Jahr alt, sehen aber auch schon wieder ordentlich ramponiert aus. Kein Wunder. Sie tragen den Spieler bei seinen Schüssen und Dribblings und krachen mehrmals während des Spiels mit anderen Krücken zusammen.

Blinden-Fußball als Vorbild

Reinecke wünscht sich, dass es mit seiner Sportart weiter vorangeht. Er ist fußballverrückt. Als er vier Jahre alt war, musste ihm das linke Bein amputiert werden. „Schon in der Reha haben mir die Therapeuten einen Schaumstoffball zugespielt und ich habe ihn zurück gekickt. Fußball gehört einfach zu meinem Leben“, sagt er. Der Berliner hofft darauf, dass Amputierten-Fußball in Deutschland eine ähnliche Entwicklung nehmen kann wie Blinden-Fußball. Dort gibt es inzwischen einen eigenen Ligabetrieb.


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Kicken auf Krücken.

Auf dem Weg dorthin haben die Kicker mit einem Bein den 1. Amputierten Fußball Club e. V. gegründet. Der Verein ist im Deutschen Fußball Bund (DFB) organisiert. Das erleichtert die Hallen- und Platzsuche für die Trainingswochenenden. Außerdem macht das bei potenziellen Sponsoren einen seriöseren Eindruck. Denn ohne Sponsoren geht es kaum. Die weiten Fahrten und die Unterbringung in den (Sport-)Hotels kosten Geld. Bei der Sepp Herberger Stiftung des DFB haben die Verantwortlichen das Problem erkannt. Erste Unterstützung hat es bereits gegeben. Die Stiftung spendierte Trikots und half den Spielern bei ihrer Englandreise. Dass es weitere Unterstützung gibt, signalisiert der Geschäftsführer Wolfgang Watzke bei seinem Besuch der Mannschaft in Hennef. 500 Euro hat er im Gepäck. „Geld, das uns wirklich weiter hilft“, sagt Frank Nichciol.

Professioneller Trainer


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Die deutsche Mannschaft der Amputierten Fußballer

Zurück auf den Platz. Marco Reineckes Team liegt 0:2 hinten. „Kommt Jungs, jetze aber“, ruft er und setzt zum Dribbling an. Reinecke ist technisch der stärkste Spieler. Die Krücken scheinen bei ihm zum Körper zu gehören. Er hat Finten und Übersteiger drauf, ist ein echter Artist auf einem Bein. In seiner Berliner Heimat kickt er sogar in einer Freizeitmannschaft gemeinsam mit Fußballern ohne Behinderung. Dort hat er auch den Kontakt zu Hans Jürgen Huth aufgebaut.

Huth ist professioneller Trainer bei Hertha BSC und kann sich ein Engagement für die Amputierten-Fußballer sehr gut vorstellen. „Ich würde die Mannschaft gerne zur Weltmeisterschaft nach Brasilien bringen“, sagt er. Die wird 2014 ausgetragen. Ob Philipp Siewert dann auch noch dabei ist, weiß er noch nicht. Sein erstes Training hat ihm jedenfalls großen Spaß gemacht. „Das ist eine coole Sache hier. Man kann sich richtig verausgaben. Das habe ich gesucht“, sagt er und wischt sich mit dem Trikot den Schweiß von der Stirn. Und dann hat Schalke auch noch das Revierderby gewonnen. Ein ziemlich perfekter Tag für Siewert.


Stand: 21.10.2012, 08.00 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 22.10.2012, 10:31 Uhr

Alfred Post schrieb am 22.10.2012, 10:31 Uhr:
Tolle Sache. Ich glaube grade für junge Leute, oder Menschen die noch nicht lange mit einer Behinderung leben ist es toll zu sehen, was trotzdem alles möglich ist, und wie die Spieler sich partout nicht unterkriegen lassen. Viel Glück für das Ligavorhaben und die Zukunft des Amputee Soccer!