Erster Welt-Sepsis-Tag Blutvergiftung  - unterschätzte Gefahr

Von Lisa von Prondzinski

Schon eine eitrige Wunde, ein kleiner Kratzer reichen aus, um Blutvergiftung auszulösen. Diese Erkrankung ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Trotzdem ist sie ziemlich unbekannt. Deshalb gab es am Donnerstag  (13.09.2012) den ersten Welt-Sepsis-Tag.


Mikroskopaufnahme von  Bakterium "Streptococcus pyogenes" , das sich in Ketten lagert
Bild 1 vergrößern +

Gelangen Bakterien in die Blutbahn, kann es gefährlich werden, wenn der Körper geschwächt ist oder die Erreger besonders aggressiv sind

Das Letzte, woran Hans-Reiner Kieker sich erinnert, bevor er ins künstliche Koma versetzt wurde, ist die Fahrt im Rettungswagen, der ihn ins Krankenhaus brachte. Als er nach dreieinhalb Wochen wieder zu sich kam, sagten ihm die Ärzte, er habe eine schwere Form der Sepsis. Im Volksmund als "Blutvergiftung" bekannt. "Ich bin ganz knapp am Tod vorbeigerauscht", sagt der 72-Jährige erleichtert. Das ist jetzt fast zwei Jahre her.

Viele Todesfälle könnten verhindert werden


Mehr zum Thema

Die Sepsis ist nach Herz-Kreislaufleiden und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Jedes Jahr sterben hier etwa 60.000 Menschen von insgesamt 150.000, die daran erkranken. Experten zufolge könnte das Risiko für eine Erkrankung durch bessere Hygiene in Krankenhäusern und Impfungen gegen Pneumokokken und Tetanus gesenkt werden. Und wenn die Blutvergiftung früher erkannt und behandelt würde, könnte jeder dritte Todesfall vermieden werden. Doch die Krankheitsfälle nehmen zu, sagen Experten. "Unter anderem, weil es immer mehr ältere Menschen gibt, die gesundheitlich labil sind", sagt die Intensivmedizinerin Dr. Rebecca Wiesner, die in der Helios-Klinik in Schwelm arbeitet.

Kettenreaktion führt zu Organversagen

Zuerst konnte Hans-Reiner Kieker nicht viel mit seiner Diagnose anfangen. So geht es vielen, wenn sie das Wort "Sepsis" hören. Und bei Blutvergiftung denkt man vielleicht – fälschlicherweise -  an einen roten Strich auf der Haut, der Richtung Herz führt. Tatsächlich ist dieser meist nur eine lokale Entzündung der Lymphgefäße oder einer Ader.

Für mehr Bewusstsein über die Gefahren der bedrohlichen Erkrankung soll der erste Welt-Sepsis-Tag am Donnerstag (13.09.2012) sorgen. Organisiert wurde er von der Global Sepsis Alliance. Dieser Vereinigung gehören weltweit rund 250.000 Intensivmediziner an. In vielen Ländern gibt es Informationsveranstaltungen.


Männerarm mit rotem Streifen
Bild 2 vergrößern +

Ein roter Streifen auf dem Arm ist meist nur eine lokale Entzündung

Eine Sepsis wird häufig durch Bakterien verursacht, die sich über die Blutbahn im ganzen Körper ausbreiten. Seltener durch Pilze oder Viren. Die Immunabwehr schafft es dann nicht mehr, die Erreger unter Kontrolle zu bringen. Es kommt zu einer Kettenreaktion, die lebenswichtige Funktionen beeinträchtigt: Das Herz rast, Sauerstoff fehlt, der Kreislauf bricht zusammen. Organe wie Leber und Lunge können nicht mehr richtig arbeiten. Am Ende versagen sie im Zuge eines septischen Schocks.  

Im Prinzip kann jede Infektion zu einer Sepsis ausarten: Schon über kleine verschmutzte Kratzer oder eitrige Wunden dringen Erreger in den Körper ein. Anfällig sind Menschen mit geschwächter Immunabwehr. Häufig kommt es zu Blutvergiftungen, wenn jemand schon eine Entzündung hat, sei es eine der Lunge, Mandeln oder Harnwege. Jüngere Menschen trifft es genauso wie ältere.

"Ich war nur noch ein Häufchen Elend"

Hans-Reiner Kieker vermutet, dass bei ihm alles mit zwei gezogenen Backenzähnen anfing. Denn danach ging es mit ihm über Wochen langsam bergab. Erst fühlte er sich schlapp, was er als allgemeine Ermüdung abtat. Dann spitzte sich sein schlechter Zustand innerhalb weniger Tage zu. "Ich wusste überhaupt nicht, was mit mir los war. Ich war nur noch ein Häufchen Elend." Er kam vor Erschöpfung kaum noch aus dem Bett, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Seine Partnerin rief den Hausarzt. "Der wusste zwar nicht, was ich hatte, aber mein fortschreitender Niedergang hat ihn alarmiert. Er wies mich in ein Krankenhaus ein." 

Symptome sind diffus

"Bei der Sepsis kommt es auf  jede Stunde an", sagt die Intensivmedizinerin Wiesner. "Manchmal geht es rasend schnell, innerhalb von 24 Stunden, dass jemand zusammenbricht." Was die Sepsis besonders problematisch macht, ist die Tatsache, dass es für Ärzte oft schwer ist, die richtige Diagnose zu stellen und zügig einzugreifen. Denn die Symptome sind zunächst nicht eindeutig. Es können unter anderem Schlappheit, Kopf-, Unterleibschmerzen und Schüttelfrost auftreten. "Alarmzeichen für den Arzt sind zum Beispiel Fieber, schneller Puls und schnelle Atmung." Und wenn Angehörige plötzlich ganz verwirrt seien, sei auch das ein Zeichen, erklärt Wiesner weiter.

Spätfolgen nach der Sepsis

Hans Kieker hat bisher nicht in sein altes Leben zurückfinden können. Denn nach insgesamt zehn Wochen Krankenhaus und acht Wochen Reha "ging es wieder tief in den Keller". Der Rentner hat jetzt mit Spätfolgen seiner Sepsis zu kämpfen. In Schüben kamen Taubheitsgefühle in Armen, Händen, Beinen und Füßen. "Besonders schlimm ist es unter den Fußsohlen. Der Bodenkontakt geht verloren. Das Gleichgewicht zu halten, um nicht zu stürzen, ist schwer." Ob er jemals wieder sein Hobby, das Segeln, aufnehmen kann? "Vielleicht." Aber er hat immerhin überlebt, sagt er.


Stand: 13.09.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (4)

letzter Kommentar: 18.09.2012, 23:13 Uhr

Karin Esser schrieb am 18.09.2012, 23:13 Uhr:
Mein Mann war Bauchfelldialysepatient. Am 27.3.2012 wurde der notfallmässig in die Klinik gebracht, da er starke Schmerzen im Bauchbereich hatte und leicht verwirrt schien. Nach meiner Auffassung war gegen 23 Uhr eine Perforation des Darmes eingetreten, da er große Schwierigkeiten beim Stuhlgang hatte und anschließend bis 4 Uhr morgens an Durchfall litt. Seine Hausärztin gab ihm morgens eine Tramal-Spritze gegen die Schmerzen, als er gegen Mittag leicht verwirrt schien, rief ich den Notdienst, der ihn ins Krankenhaus brachte. Dort stellte man eine Bauchfellentzündung fest anhand des Dialysates. Bereits bei der Abnahme des Dialysates kam sehr viel Blut aus dem Bauchraum. Trotzdem wurde er nur mit Antibiotika behandelt. Meinem Hinweis, dass im Bauchraum eine Verletzung vorliegen müsste, ging man nicht nach. Durch die Verunreinigung und die Bauchfellentzündung hatte sich eine Sepsis gebildet, trotz hoher Antibiotikagaben verstarb mein Mann am 28.3.2012 um 6.30 Uhr.
Udo Karow schrieb am 14.09.2012, 08:13 Uhr:
Ja das Thema Abzess am Gesäss kenne ich all zu gut. Zwischen Juni und August diesen Jahres traten insgesammt 9 Stück auf. Einer musste sofort entfernt werden. Hier drohte eine Sepsis. Meine Tochter hatte mit 2 Jahren einen Multiresistenten Keim. Gleichzeitig entwickelte sich eine Sepsis. Sie hat es glücklicherweise geschafft. Ich hätte aber nie gedacht, das die Sepsis die dritt häufigste Todesursache ist.
simone kind schrieb am 13.09.2012, 21:42 Uhr:
Unsere damals 3 jährige Tochter hatte vor ca 1,5 Jahren eine Urosepsis. Ihr ging es ganz schnell sehr schlecht angefangen hatte es mit hohem Fieber und Beschwerden im Bauch. Unsere Kinderärztin schickte uns umgehend ins Krankenhaus wo erst verdacht auf Blinddarm bestand. Es war bis zum 2. Tag im Krankenhaus eigentlich nicht genau klar was sie hat und dann die Diagnose Ursepsis. Es wurde auf gut glück direkt mit einer Antibiotikumgabe begonnen..ihr ging es sehr schlecht und wir musten profilaktich noch ein halbes Jahr Antibiotikum nehmen...Heute geht es Ihr gut ! Aber bei uns schrillen sofort die Alarmglocken..
Thomas Berscheid schrieb am 13.09.2012, 20:42 Uhr:
Tolles Thema. Es ist jetzt fast auf den Tag genau drei Jahr her, dass ich von einem Urlaub aus Georgien wiederkam und nicht mehr sitzen konnte. Zudem hatte ich Fieberschübe. Drei Tage später wurde mir ein Abzess im Gesäß operiert. Auch heute noch, beim Schreiben dieser Zeilen, merke ich diese Wunde deutlich. Seinerzeit waren die Bakterien aus dem Abzess in die Blutbahn eingedrungen. Am Tag nach der Operation sagte man mir im Krankenhaus, dass mein Blutbild sehr schlecht aussehe und die Antibiose nicht wirke. Erst das zweite Antibiotikum schlug an. Wäre ich 70 Jahre zuvor geboren, ich wäre nicht mehr am Leben. Mit einer Sepsis ist wirklich nicht zu spaßen! Das Leben sieht anders aus, wenn man dem Tod ins Auge gesehen hat. Wie im hier geschilderten Fall: Mit den Folgen hat man lange zu tun.


ratgeber.ARD.de

  • Aspirin aus dem Wasserhahn

    Ob Schmerzmittel oder Antibiotika: Bis zu 70 Prozent eines Arzneimittels scheiden wir wieder aus. Über die Kanalisation gelangen Reste davon auch in unser Trinkwasser. Wie gefährlich die Rückstände sind.

  • Gestärkt durch den (Büro-)Alltag

    Kraft und Ausdauer trainieren: Was wie ein Widerspruch klingt, fördert sanft den Aufbau von Muskeln, die gerade Schreibtischtäter brauchen. Das "ARD Morgenmagazin" zeigt, wie's geht.

  • Wenn die Seele aufs Rückgrat drückt

    Drei Viertel der Deutschen klagen über gelegentliche Rückenschmerzen. Doch nicht immer gibt es körperliche Ursachen für das Leiden. Auch psychische Belastungen drücken aufs Kreuz. Ein Psychologe klärt auf.

  • Zeit zum Abkühlen

    Warum Sie bei Temperaturen über 30 Grad unbedingt eine Wärmflasche parat haben sollten und bei großer Hitze besser auf Knoblauch verzichten: ein kleines ABC der schnellen Abkühlungen.

  • Wer ohne Helm stürzt, hat Mitschuld

    Nur jeder zehnte Deutsche radelt mit Helm. Eine Entscheidung, die rechtliche Folgen haben kann. Wie ein Gericht nun urteilte, tragen Radler ohne Helm eine Mitschuld bei möglichen Kopfverletzungen.

  • Schädliches Obst und Gemüse

    Laut Recherchen von "Markt" sind Obst und Gemüse hierzulande häufig mit Perchlorat belastet. Mit der Substanz behandeln Mediziner eigentlich Schilddrüsenprobleme. Welche Sorten betroffen sind.

  • "Mama, kannst du das Grüne wegmachen?"

    Eltern wollen ihre Kinder gesund ernähren. Doch müssen Dreijährige unbedingt Brokkoli essen, oder dürfen auch mal Fischstäbchen auf den Tisch? Einfache Regeln für das richtige Maß.

  • Preisexplosion bei Obst und Früchten?

    Trotz diverser Maßnahmen hält das Bienensterben in Europa weiter an. Mit weitreichenden Folgen: Uns droht ein Drama bei Obst und Früchten: geringere Ernten, aber hohe Preise.

  • Die ARD-Fernsehköche

    Ob Tarte au Citron, Gemüse-Polenta oder Sauerbraten - die ARD-Köche kennen die leckersten Rezepte und haben jede Menge praktische Tipps für die Küche. Dabei spüren sie auch immer aktuellen Trends in der Küche nach.

  • Salate satt!

    In der Kochkunst dreht sich heute alles um den Salatgenuss. Salat ist nicht nur grün und knackig, sondern bunt und vielseitig. Vom leichten Blattsalat bis zum deftigen Wurstsalat gibt es jede Menge Zubereitungsvarianten.

  • Stimmt es, dass Cola Fleisch auflöst?

    Die einen lieben sie, die anderen verteufeln sie: die Cola. Dass sie süß ist und wach macht, ist relativ unstrittig. Aber ansonsten ranken sich allerhand Mythen um das dunkle Brausegetränk.

  • Unser täglich Brot - verheizt und weggeworfen

    Brot wird hierzulande nur gewertschätzt solange es frisch ist. Viele Backwaren gelangen gar nicht erst zum Kunden, sondern landen gleich im Müll - oder im Heizofen.