Welt-Polio-Tag am Sonntag Ausgerottet und doch gefährlich

Von Lisa von Prondzinski

Auch wenn die Kinderlähmung in Deutschland als ausgerottet gilt, schlägt sie noch immer zu: Denn Menschen, die unter Polio litten, können Jahrzehnte später an dem Post-Polio-Syndrom erkranken. Ernst Schmuderer etwa: Lange kam er gut zurecht, jetzt verliert er seine Kraft.


Irene und Ernst Schmuderer
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Irene und Ernst Schmuderer

Ernst Schmuderer ist 1960 ein Jahr alt, als er Kinderlähmung bekommt. Ein halbes Jahr liegt er in einem Gipsbett im Krankenhaus. Als er älter wird, wächst sein rechtes Bein nicht so wie das linke. Es bleibt kürzer, und der Fuß ist drei Schuhnummern kleiner als der andere. Damit kommt der 53-Jährige aus Mechernich aber ganz gut zurecht. Jedenfalls bis die Kinderlähmung ihn Jahrzehnte später wieder einholt: Das kürzere Bein verliert an Kraft, erschlafft, den Fuß kann er mittlerweile gar nicht mehr anheben. Weil ihm die Kraft fehlt, kann er nur wenige Schritte mit Stützen gehen. Alle Gelenke und Knochen schmerzen. Ohne Rollstuhl kommt er nicht zurecht.

"Manchmal stehe ich morgens auf, trinke einen Kaffee und muss mich wieder hinlegen, weil ich so erschöpft bin." Vor drei Jahren, nach einer jahrelangen Odyssee bei Orthopäden und Neurologen, wurde bei dem Frührentner das Post-Polio-Syndrom (PPS) diagnostiziert. "Bis dahin konnte keiner mir sagen, was ich habe. Trotzdem habe ich Tabletten bekommen, die ich zum Teil gar nicht vertragen habe."

Nervenzellen sind irgendwann total überlastet


Ernst Schmuderer im Rollstuhl
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Ernst Schmuderer

PPS kann im Laufe des Lebens nach einer akuten Polio-Infektion auftreten: Wenn die Viren die Nervenzellen des Rückenmarks schädigen, die für die Muskelsteuerung zuständig sind, übernehmen benachbarte Nervenzellen deren Aufgabe mit. Irgendwann sind die eingesprungenen Zellen so überlastet und erschöpft, dass sie ihre Arbeit einschränken. Dann können Spätfolgen wie Lähmungen in Beinen und Armen, dauerhafte Schmerzen in Gelenken und Muskeln, Schluck- und Atembeschwerden auftreten. Wie bei Ernst Schmuderer. Er wird auch in Zukunft rund um die Uhr auf die Hilfe seiner Frau Irene angewiesen bleiben, weil PPS nicht geheilt werden kann. Es lässt sich nur hinauszögern durch Bewegungstherapie, Massagen und Orthoprothesen, die die Gelenke von außen stützen. "Meine schlimmste Angst ist, dass ich irgendwann nur noch liegen kann", sagt der 53-Jährige, der vor zwei Jahren eine Selbsthilfegruppe in Bonn gegründet hat.

Diagnose nur schwer zu stellen

Nach Berechnungen des Bundesverbandes Polio Selbsthilfe e.V. mit Sitz in Bielefeld leiden in Deutschland rund 100.000 Menschen unter PPS. Doch diese Zahl ist nicht gesichert, heißt es anderenorts, zum Beispiel beim Robert-Koch-Institut. Fakt ist aber, dass die Diagnose PPS für Mediziner nur schwer zu stellen ist. Ihre Symptome ähneln nämlich anderen Erkrankungen - etwa der multiplen Sklerose. 

"Teilweise hunderte Kilometer zum Arzt"


Ein Kind bekommt eine Schluckimpfung gegen Polio (Kinderlähmung) verabreicht
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Hat funktioniert: Der Kampf gegen Polio mit Schluckimpfung

Nach Angaben der Ärztekammer Nordrhein (AEKNo) wird Polio im Medizinstudium am Rande angeschnitten. Die mögliche Folgeerkrankung PPS sei jedoch nicht dezidiert in der Ausbildung vorgesehen. Auch während der Weiterbildung zum Facharzt gehöre PPS nicht ausdrücklich zu den abgefragten Inhalten. Es gebe so viele Krankheiten, dass nicht alle ausführlich behandelt werden könnten. Die Ärztekammer geht davon aus, dass die zuständigen Fachmediziner, Neurologen und Orthopäden, sich aus eigener Initiative damit beschäftigen. Die Betroffenen sind da anderer Meinung: "Viele Kranke fahren teilweise hunderte von Kilometern, um einen Arzt zu finden, der sich auskennt", sagt Karola Rengis, Vorsitzende des Bundesverbandes Polio Selbsthilfe. Deshalb hat der Selbsthilfeverband schon Fortbildungen für Ärzte auf eigene Faust organisiert.

Kinderlähmung ist grausam – Schluckimpfung ist süß


Ein Junge trägt Beinschienen zur Unterstützung
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Vor allem Kinder erkrankten an Polio

Die letzte schwere Poliomyelitis-Epidemie war in der Bundesrepublik im Jahr 1961. Damals erkrankten rund 4.600 Menschen. Mit dem Virus infiziert waren aber noch mehr, denn über 90 Prozent der Infizierten erkranken nicht. Die übrigen behalten bleibende Lähmungen zurück, im schlimmsten Fall verläuft die Krankheit tödlich. Als Infektionsquelle kommt unter anderem verschmutztes Trinkwasser in Frage. Menschen stecken sich rasch gegenseitig an. Mit einer breit angelegten Kampagne für die Schluckimpfung wurde die Krankheit bekämpft. Den Slogan aus den 60er Jahren "Kinderlähmung ist grausam – Schluckimpfung ist süß" kennen viele bis heute. Den letzten Polio-Fall gab es in Deutschland vor 20 Jahren. Trotzdem besteht eine Gefahr für Neu-Infektionen, gibt das Robert-Koch-Institut zu bedenken. Reisende könnten den Virus aus Nigeria, Afghanistan oder Pakistan einschleppen. Erst vor zwei Jahren traten Polio-Fälle in Tadschikistan auf, die Viren wurden auch nach Moskau eingeschleppt.

Heute wird die Polio-Impfung in Deutschland vom Säuglingsalter an empfohlen. Die Durchimpfungsrate bei Schulanfängern, die ein Impfbuch vorlegen, liegt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bei 95 Prozent. Geringer sollte die Quote auch nicht sein, heißt es dort. Allerdings legen acht Prozent kein Impfbuch vor. Bei ihnen kann man nicht davon ausgehen, dass sie geimpft sind.

Am Rande erwähnt
Lisa von Prondzinski

Bewundernswert findet die Autorin Lisa von Prondzinski, wie Irene Schmuderer ihrem kranken Mann zur Seite steht. Sie begleitet ihn überallhin, auch in der Selbsthilfegruppe sind die beiden gemeinsam. "In guten wie in schlechten Zeiten" - und das ein Leben lang. 30 Jahre sind die beiden schon zusammen.


Stand: 28.10.2012, 12.15 Uhr




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