Interview - Vollsperrung der A40: "Lieber kurz und heftig"
Einen solchen Eingriff in den NRW-Pendlerverkehr hat es noch nie gegeben: In der Nacht zum Samstag (07.07.2012) ist die A40 um Essen für drei Monate in beiden Richtungen gesperrt worden. Einen Verkehrskollaps erwartet Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen trotzdem nicht - zumindest nicht zum Ferienstart.
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In der Nacht zu Samstag (07.07.2012) ist die Autobahn 40 zwischen dem Autobahndreieck Essen-Ost und der Anschlussstelle Essen-Zentrum und in Richtung Dortmund zwischen den Anschlussstellen Essen-Zentrum und Essen-Huttrop voll gesperrt worden - und das bis zum 30. September. So sollen mehrere Baumaßnahmen gleichzeitig möglichst schnell durchgeführt werden. Nach Auskunft von Straßen.NRW spart diese Vorgehensweise bares Geld: Die Kosten von 18 Millionen Euro seien mindestens zwei Millionen Euro günstiger ausgefallen, als bei vergleichbaren Projekten. Michael Schreckenberg, Professor für Transportphysik, und seine Kollegen von der Uni Duisburg-Essen wollen dann beobachten, wie viel Verkehr auf die umliegenden Strecken fließt. Die Forscher verfügen über 4.500 Zählstellen an NRW-Autobahnen.
WDR.de: Wie viele Menschen sind von der Vollsperrung des Ruhrschnellwegs im Bereich Essen betroffen?
Michael Schreckenberg: Die Verkehrsbelastung auf der A40 zwischen Essen-Ost und Essen-Frillendorf liegt bei knapp 121.000 Fahrzeugen am Tag in beiden Richtungen, die meisten davon sind Pendler. Den Urlaubsverkehr wird es deshalb nicht direkt treffen, oder nur am Rande. Auf den Fernverkehrsautobahnen im Umfeld, A2 und A3, haben wir während der Ferien fünf Prozent mehr Verkehr. Gerade auf der A3 könnte der Verkehr zunehmen, wenn Menschen die gesperrte A40 umfahren müssen.
WDR.de: Wie viel bringen Berichterstattung und Vorwarnungen durch Städte und Medien?

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Michael Schreckenberg
Schreckenberg: Bei allen Vollsperrungen, die wir in NRW bisher hatten, hat es sich ausgezahlt, vorab zu warnen. Es war dann zum Start gar nichts mehr los auf den Straßen, weil die Leute so verschreckt waren. Es ist schwer nachzuvollziehen, wo der Verkehr dann versickert ist. Man wundert sich, wie viel Verkehr überflüssig ist. Zu Ostern gab es kaum Verkehr - weil damals Benzin und Diesel so teuer waren. Der erste interessante Zeitpunkt wird der Montag nach Beginn der Sperrung sein, allerdings sind dann auch schon Sommerferien. Kritischer wird es am 22. August, zum Schulbeginn, wenn es weniger Berichterstattung zu dem Thema gibt als jetzt. Viele Menschen werden dann vergessen haben, dass sie von ihrer Gewohnheit abweichen müssen.
WDR.de: Hat es eine ähnliche Maßnahme schon einmal gegeben?
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- Audio: Viel Stress für Autofahrer [WDR 2] Jörg Steinkamp, WDR 2 Morgenmagazin
Schreckenberg: Nein, einen solch massiven Eingriff hatten wir noch nicht. Die A40 war bereits für jeweils zwei Wochen in einer Richtung gesperrt. Auch auf der A2 gab es wegen Brückenbaumaßnahmen eine Sperrung, davor wurde ebenfalls massiv gewarnt. Beides war nicht so dramatisch. Die Dreimonatsmaßnahme jetzt ist ein Vorläuferprojekt, daraus will man etwa für spätere Brückenbaustellen lernen, bei denen man ebenfalls voll sperren muss. Viele Autobahnbrücken in Deutschland müssen dringend saniert werden.
WDR.de: Nun werden diverse Baustellenprojekte gebündelt. Die Alternative wäre eine Dauerbelastung von zwei Jahren gewesen, mit aufeinanderfolgenden Teilsperrungen. Die Planer von Straßen.NRW und der Stadt Essen haben sich dagegen entschieden, was halten Sie davon?
Schreckenberg: Ich finde diese Lösung besser als zwei Jahre lang einstreifige Verkehrsführung. Lieber kurz und heftig, weil sich die Leute kurzfristig umstellen können. Jetzt kann man nur hoffen, dass die angesetzten drei Monate ausreichen. Die Baustelle am Kreuz Breitscheid wird zum Beispiel einen Monat länger dauern als geplant. Dort hat man unterschätzt, wie viel Schutt man abtransportieren muss. Bei jeder Baustelle hat man außerdem Angst vor widrigen Wetterbedingungen.
WDR.de: Ist eine kurze Großmaßnahme auch logistisch einfacher zu organisieren als eine Langzeit-Baustelle?
Schreckenberg: Wir wollten das schon mehrfach untersuchen, aber das lässt man bisher nicht zu. Die Effizienz von Baustellen ist ein heißes Thema. Man könnte ja feststellen, dass alles viel schneller ginge. Das Land hat den Bauunternehmen bereits mit Geldstrafen von 10.000 Euro pro Tag gedroht, wenn die Maßnahme länger dauert als geplant. Beauftragt wird in der Regel das Unternehmen, welches das billigste Angebot macht. Bei der A1 wurde deshalb auch der billigste Split verarbeitet, der nun wieder weggeraspelt werden muss. Mit solchen Maßnahmen kann man das Ganze natürlich in die Länge ziehen. Ich bin gespannt, wie die Baustellenorganisation diesmal läuft.
WDR.de: Was raten Sie den Betroffenen?

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Die A40 wird bei Essen in den rot markierten Bereichen gesperrt.
Schreckenberg: Am sinnvollsten wäre es, die Sperrung weiträumig zu umfahren, etwa über die A42 im Norden. Auf den Umfahrungsstrecken wird es dadurch voller. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre aber, wenn nun viele in die Essener Innenstadt ausweichen würden. Ein innerstädtisches Straßennetz kann nur Bruchteile des Autobahnverkehrs aufnehmen ohne selbst zusammenzubrechen. Der Durchlass an den Kreuzungen ist zu gering. Ich gehe aber davon aus, dass zum Start nicht viel passiert, weil Menschen unnötige Touren ausfallen lassen. Nach etwa drei Tagen wird sich das eingespielt haben. Man kann noch gar nicht abschätzen, wie viele Menschen etwa auf den Zug umsteigen werden.
Das Interview führte Insa Moog.
Stand: 06.07.2012, 06.00 Uhr
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