Adipositastag NRW in Bochum Ein Problem, das immer schwerer wird

Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Betroffene konferieren am Samstag (17.11.2012) in Bochum über die unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten bei Fettsucht. Was in besonders schweren Fällen hilft, erklärt Professor Manfred Büsing vom Knappschaftskrankenhaus in Recklinghausen im Gespräch mit WDR.de.


Etwa 16 Millionen Deutsche sind zu dick – wie sehr, zeigt der individuelle Body-Mass-Index (BMI). Ab einem BMI von 30 spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von krankhafter Fettleibigkeit, von Medizinern Adipositas genannt.

Vor dem Bochumer Adipositas-Kongress am Samstag (17.11.2012) sprach WDR.de mit Professor Dr. Martin Büsing, dem ärztlichen Direktor am Knappschaftskrankenhaus in Recklinghausen. Die Klinik zählt zu den bundesweit führenden Krankenhäusern bei der Behandlung fettleibiger Menschen.

WDR.de: Herr Professor Büsing, wer kommt zu Ihnen und warum?


Prof. Dr. Martin Büsing: In meiner Sprechstunde, einmal in der Woche, berate ich bis zu 40 Patienten mit schwerstem Übergewicht von bis zu 300 Kilogramm, das entspricht einem Body-Mass-Index von über 100. Diese Patienten haben so gut wie alle Diäten ausprobiert, ohne dauerhaften Erfolg. Sie kommen aus ihrem Teufelskreis allein nicht mehr raus, können am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen, weil sie kaum laufen können, kaum sitzen können, weil die Plätze in Bus, Bahn oder Theater zu klein sind. Da bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben und weiter zu essen - eine Abwärtsspirale, die bis zum Verlust des Arbeitsplatzes führt. Diese zumeist noch sehr jungen Menschen um die 40 müssen ihren Lebensstil ändern, und das geht bei schwerer Fettleibigkeit am effektivsten mit einer Magenverkleinerung.

WDR.de: Was bedeutet ein solcher Eingriff für die Patienten?

Büsing: Bis es soweit ist, dauert es mindestens ein halbes Jahr, denn eine Operation allein löst nicht das dicke Problem. Die Patienten müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen: Sie müssen beispielsweise ein aktives Bewegungstraining nachweisen sowie die Teilnahme an Verhaltenstherapien und  Ernährungskursen. Außerdem brauchen sie ein psychiatrisches Gutachten, das seelische Erkrankungen ausschließt, weil bei Psychosen nicht operiert werden darf. Außerdem empfehlen wir, mit Betroffenen in den Selbsthilfegruppen Erfahrungen auszutauschen, damit die Patienten wissen, was auf sie zukommt und worauf sie sich einstellen müssen. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann der Patient die Genehmigung für die Operation bei seiner Krankenkasse beantragen.  Denn erst wenn der medizinische Dienst die Operation befürwortet, erfolgt eine Kostenzusage.

WDR.de: Wie gefährlich ist eine solche Operation?


Büsing: Wir bevorzugen mittlerweile die Schlauchmagenoperation. Dabei wird ein Teil des Magens entfernt. Dieser minimal-invasive Eingriff wird endoskopisch durchgeführt,  dauert etwa eine Stunde und ist mit 0,5 Prozent Komplikationen die Methode mit dem geringsten Risiko. Nach dem Verfahren operieren wir fünf Patienten am Tag, die unmittelbar nach der Operation an Gewicht verlieren, weil sie schneller satt sind und nicht mehr so viel essen können. Mittlerweile haben 1.000 Patienten in Recklinghausen diese Operation erhalten und durchschnittlich nach drei Monaten 25 Kilo verloren und nach sechs Monaten bis zu 50 Kilo. Nach unseren Erfahrungen ist die Magenverkleinerung sehr viel effektiver als das Magenband, das wie eine Manschette um den oberen Magenbereich herumgelegt wird und häufig Komplikationen verursacht. Schwer verdauliche Nahrung und kohlensäurehaltige Getränke verursachen Blähungen, die zu Verletzungen führen können. Jeder zweite Patient, der ein Magenband erhalten hat, muss ein zweites Mal operiert werden, weil entweder der Gewichtsverlust ausbleibt oder die Speiseröhre entzündet ist. Probleme, die wir bisher bei einer Schlauchmagenoperation noch nicht erlebt haben.

WDR.de: Werden alle Patienten nach einer Magenverkleinerung als geheilt entlassen?

Büsing: Wenn der Patient nach vier Tagen das Krankenhaus verlässt, ist er noch nicht geheilt. Das Abnehmen beginnt im Kopf, die Operation ist dabei nur eine  Hilfe. Die Patienten spüren wieder ein Sättigungsgefühl, auf das sie ihr Essverhalten einstellen müssen. Und das erfordert einen starken Willen und viel Engagement gegen die Sucht. Der Gewichtsverlauf wird in unserer Klinik während der Nachsorge alle drei Monate kontrolliert. Die meisten Patienten bauen ihr Übergewicht in ein bis zwei Jahren ab. Fünf Prozent der Patienten erleben einen Rückfall. Sie nehmen sogar noch zu, indem sie hoch kalorische Flüssigkeiten trinken, wie beispielsweise Nutella heiß gemacht.  Denen ist dann wirklich nicht mehr zu helfen.

WDR.de: Was kostet denn die Behandlung die Krankenkassen?

Die Behandlung von Übergewichtigen kostet das Gesundheitswesen mehrere Milliarden Euro im Jahr. Allein die Barmer Ersatzkasse verzeichnete im vergangenen Jahr über 100.000 Einweisungen Fettleibiger wegen Folgeerkrankungen von starkem Übergewicht. Operationen helfen Begleiterkrankungen zu vermeiden und reduzieren den Medikamentenbedarf um 80 Prozent. Bis zu 90 Prozent der Diabetiker sind nach einer Magenverkleinerung schon geheilt, sodass man von einem Benefit für die Volkswirtschaft sprechen kann. Für die Behandlung eines Übergewichten überweisen die Kassen 8.000 Euro an das Krankenhaus. Für die Hautstraffungen, die nach dem Gewichtsverlust nötig sind, berechnet die Klinik je nach Körperregion bis zu 5.000 Euro. Also rechnet sich die Adipositas-Chirugie für die Klinik. Jährlich werden bundesweit 7.000 Operationen gegen Fettleibigkeit vorgenommen, und ich gehe davon aus, dass sich die Zahl vervielfachen wird, wenn der Kampf gegen die Kilos nicht rechtzeitig mit Vorsorgeprogrammen begonnen wird.

Das Gespräch führte Almut Horstmann.

Stichworte

Body Mass Index

Der Body Mass Index (BMI, engl. für Körpermasseindex) ist der heute gebräuchlichste Orientierungswert zur Beurteilung des Körpergewichts. Der BMI errechnet sich durch Teilung des Körpergewichts (in kg) durch das Quadrat der Körpergröße (in Meter).

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Erwachsene mit einem Body-Mass-Index über 25 als übergewichtig ein, mit einem Wert über 30 als stark übergewichtig. Der BMI ist ein grober Richtwert, da er weder Statur und Geschlecht noch die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe berücksichtigt.


Stand: 17.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (16)

letzter Kommentar: 20.11.2012, 07.09 Uhr

Dr. Krawieczek schrieb am 20.11.2012, 07.09 Uhr:
Das mit dem Body Mass Index ist Schwachsinn. Demnach hätten die Klitschko Brüder einen BMI von ca. 29 und wären somit hart an der Grenze zur Fettleibigkeit. Alternative seriöse Studien belegen, dass Menschen mit Übergewicht sogar weniger anfällig für Herzinfarkte und Schlaganfälle sind als Menschen mit Normal- oder Idealgewicht. Hier wird mal wieder grundlos Panikmache auf Kosten der Versicherten betrieben, um das Gesundheitswesen finanziell zu unterstützen.
OWL schrieb am 18.11.2012, 10.10 Uhr:
Ich fühle mich mit meinen 138 kg sauwohl, bin relativ gesund und denke nicht an eine Magenverkleinerung. Achso, die Körpergröße ist immer mitentscheidend, bei mir verteilen sich die Kilos auf 202 cm. Bei den meisten stimmt die Energiebilanz nicht mehr. Oben wird mehr reingesteckt, als der gesamte Körper verbraucht, so entstehen die Depots am Körper. Weniger verzehren als verbrannt wird, das bringts'
@@Arzt schrieb am 18.11.2012, 06.10 Uhr:
Sie wirken etwas paranoid? Wo sehen sie hier denn ne Verschwörung oder was auch immer, nur weil sie den gleichen Beitrag im ARD entdeckt haben? Zu den von Ihnen angesprochenen Kosten: Warum sollte diesen Patienten nicht geholfen werden? Wollen Sie bei jedem Patienten, warum auch immer er zum Arzt geht, ersteinmal die Schuldfrage stellen und damit auch wer behandelt wird oder auch nicht?
Ruhri schrieb am 18.11.2012, 00.31 Uhr:
@Gerd: warum soll ich als Raucher und Biertrinker höhere Beiträge zahlen? Gesetz der Serie werde ich mit knapp 70 oder früher den Löffel abgeben nach einem Herzinfarkt. Und was für Kosten verursachen ihresgleichen und andere Gesundheitsapostel, die womöglich 90 werden und jahrelang teuer wegen Herz, Kreislauf und sonstigen Krankheiten behandelt werden? Und was ist eigentlich mit den Hartzern: freie Heilfürsorge, die zahlen nämlich gar nichts, egal wie selbstzerstörerisch sie leben. Im Übrigen danke ich dem lieben Gott, dass es dicke Frauen gibt
Christrose schrieb am 17.11.2012, 17.44 Uhr:
Ne, was ein Schlaumeier! Aber Besserwisser gibt es ja überall, sie den ganzen Tag im Internet surfen und alles irgendwie kennen. Ich find kurze Fragen super und wenn dann noch die Antworten entsprechen verständlich ausfallen wie hier, dann ist doch alles prima. Fand das sehr informativ und gut zu verstehen.

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