Regeln für Organvergabe: "Patienten haben faktisch keinen Rechtsschutz"
Transplantationszentren haben seit 2002 Organe vermehrt, an Warteliste-Patienten vorbei, im beschleunigten Verfahren vergeben. Medizinrechtler Professor Thomas Gutmann von der Uni Münster im Interview über mögliche Manipulationen, rechtliche Graubereiche und wehrlose Patienten.
-
Video:
Organspende unter Manipulationsverdacht
(02:12 Min.)
WDR aktuell vom 08.08.2012
-
Organspende unter Manipulationsverdacht
Das Transplantationsgesetz schreibt vor, dass Organe an die Patienten verteilt werden, die auf einer Warteliste stehen. Spenderorgange werden aber vermehrt im sogenannten beschleunigten Verfahren vermittelt. Das ergab die Anfrage des Bundestagsabgeordneten Harald Terpe (Grüne) an die Bundesregierung. Das beschleunigte Verfahren wird angewendet, wenn es sich um Organspender handelt, die alt waren und/oder an Vorerkrankungen litten. Lehnt eine bestimmte Anzahl von Kliniken das Organ deshalb ab, kann es von der Transplantationsklinik des Spenders selbst zugeteilt werden. So können Organe an Patienten verteilt werden, ohne dass sie auf den vorderen Plätzen der Warteliste eingestuft werden. Und die oft nur wenige Stunden transplantierbaren Spendeorgane können so trotzdem noch verwendet werden.
Der Anteil der beschleunigten Vermittlung stieg von 2002 bis 2012 unter anderem bei Lebern (von 9,1 auf 37,1 Prozent), Herzen (8,4 auf 25,8 Prozent), Lungen (10,6 auf 30,3 Prozent) und Bauchspeicheldrüsen (von 6,3 auf 43,7 Prozent). Die Bundesregierung erklärt in ihrer Stellungnahme dazu, dass die höhere Anzahl der beschleunigten Vermittlungsverfahren zunimmt, weil der durchschnittliche Spender immer älter wird.
- Professor Thomas Gutmann
-
Professor Thomas Gutmann ist Medizinrechtler an der Universität Münster. Der 48-jährige Jurist und Philosoph hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zum Transplantationsgesetz verfasst. Gutmann gehört zur Forschergruppe "Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik" der Universität Münster.
WDR.de: Viele Krankenhäuser entscheiden immer öfter im beschleunigten Verfahren darüber, wer Organempfänger für Herz, Leber, Lunge oder Bauchspeicheldrüse wird. Wie ist das möglich?
Thomas Gutmann: Die Zahlen sind für mich überraschend und kommen mir sehr hoch vor. Es handelt sich um Organe, die von mehreren Kliniken abgelehnt wurden, weil der Spender beispielsweise eine Vorerkrankung hatte. Wenn man sie nicht verwendet, werden die Organe unbrauchbar. Es ist deshalb ein vernünftiger Gedanke, sie schnell zu verteilen. Die hohen Zahlen könnten damit zusammenhängen, dass wir wegen des Organmangels gezwungen sind, viele Spender zu akzeptieren, die Vorerkrankungen haben. Einen Skandal würde ich hinter diesen Zahlen nicht vermuten. Aufklärung tut aber Not.
WDR.de: Läuft die Organverteilung gerecht ab?
Gutmann: Technisch funktioniert sie. Die Vergabe hat zwar, gerade bei Lebern, ein gewisses Missbrauchspotenzial, schon weil hier die ärztliche Einschätzung nicht ganz verzichtbar ist. Spielräume werden dabei unterschiedlich genutzt. Ein systematischer Missbrauch wird aber nicht betrieben. Der derzeitige Skandal von Regensburg und Göttingen gibt ein falsches Bild ab. Es handelt sich wohl um mutmaßliches Fehlverhalten Einzelner.
Die wirklichen Probleme sind struktureller Natur und liegen im rechtlichen Bereich. Das Transplantationsgesetz trifft zu den Kriterien und zum Verfahren der Organverteilung kaum Regelungen. Es gibt in Deutschland keine angemessene Diskussion über die moralische und rechtliche - und nicht medizinische - Frage, wer leben darf und wer sterben soll, wenn nicht alle gerettet werden können. Die Verteilung läuft in einem Geflecht ab, an dem unter anderem die Bundesärztekammer, Krankenkassenfunktionäre und eine privatrechtliche Stiftung in Holland beteiligt sind. Dieses Geflecht wurde bisher nicht von außen beaufsichtigt, es gibt keine effektiven Kontrollinstanzen und faktisch keinen Rechtsschutz für die Patienten. Das ist der eigentliche Skandal und nicht der Missstand in Göttingen und Regensburg, wenngleich dieser nicht beschönigt werden soll.
WDR.de: Können sich Patienten also nicht wehren?
Gutmann: Ich könnte als Jurist keinen rechtlich fundierten Ratschlag geben. Es ist unklar, wer nach dem Transplantationsgesetz die Verantwortung für die Verteilung trägt.
WDR.de: Was wäre die Lösung?
Gutmann: Ich denke, wir brauchen, wie die Schweiz und Frankreich, eine zentrale Bundesbehörde zur Verteilung von Organen. Dann wäre klar, wer zuständig ist und Verantwortung trägt, wessen Entscheidung richterlich überprüft werden kann, und es gäbe eine Fach- und Rechtsaufsicht. Eine solche Behörde könnte die Mediziner in den Transplantationszentren auch stärker kontrollieren. Es gibt aber keinen Grund, die Transplantationszentren unter Generalverdacht zu stellen. Dort wird sehr gute Arbeit im Dienste schwerkranker Menschen geleistet. Was Ärzte und Patienten jedoch gleichermaßen benötigen, sind klare rechtsstaatliche Strukturen anstelle des heutigen Graubereichs. Mehr Leben retten könnten wir durch ein rechtlich transparenteres System aber nicht. Dazu bräuchten wir mehr Organe.
Das Interview führte Lars Hering
Stand: 07.08.2012, 13.14 Uhr
- Interview: Organe im Eilverfahren? [WDR 5]
- Organspende unter Manipulationsverdacht: "Staatliche Kontrolle nötig" (08.08.2012) [WDR 2]
- Interview zu Organhandel-Thriller: "Es ist nicht nur wilde Fiktion" (24.07.2012)
- 25. Juni 2007 - Vor 10 Jahren: Der Bundestag verabschiedet das Transplantationsgesetz : Die letzte gute Tat (25.06.2007)
- Interview zur Organspende-Reform: "Zu Lebzeiten entscheiden wäre eine Entlastung" (24.05.2012)
- Audios und Videos zum Thema [Mediathek]
- "Jeder Organverlust wäre eine Katastrophe" [tagesschau.de]
- An der Warteliste vorbei - Regel statt Ausnahme? [tagesschau.de]
-
Professor Thomas Gutmann
Homepage Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Kommentare zum Thema (45)
letzter Kommentar: 09.08.2012, 12:35 Uhr
- hotte13 schrieb am 09.08.2012, 12:35 Uhr:
- hoffentlich ist man auch wirklich hirntod , bevor man den Körper (verkauft) hat. ich traue keinem mehr. bestechung ist ja wohl nicht strafbar, in Deutschland!
- Wolfgang schrieb am 09.08.2012, 10:24 Uhr:
- Ja, jetzt reden manche hier wieder so einen Unfug wie "Wer nicht spendet soll auch nichts bekommen" usw. Liebe leute, es spenden immer weniger Menschen ihre Organe und das hat so glaube ich einen guten Grund! Wer sich mal genauer mit der Prozedur Organspende und der dazu nötigen Organentnahme beschäftigt wird das besser verstehen. Die Organe werden einem lebenden(!) Körper entnommen der lediglich als Hirntod bezeichent wird. Das kann man jedenfalls alles googeln, wer sich schlau machen möchte ran an die Tasten. Dazu kommt jetzt noch ein riesiges Missbrauchspotentioal und definitiver Missbrauch bei der Vergabe von Organen. Ich kann jeden verstehen des das nicht will. Außerdem ist eine Spende immer freiwillig und ein Geschenk. Auf freiwillige Geschenke gibt es keinen Anspruch! Und es gibt keine Gegenleistung! Wessen Uhr abgelaufen ist darf sich freuen wenn er ein solches Geschenk erhält, erwarten kann das niemand!
- Melli schrieb am 09.08.2012, 10:16 Uhr:
- Dass für Herrn von Thurn und Taxis innerhalb von Stunden zwei Spenderherzen zur Verfügung standen hat mich damals auch sehr gewundert - was mich auch gewundert hat, dass die Presse das nicht so breitgetreten hat... endlich mal einer dem das auch aufgefallen ist wundert mich, dass die Leute wirklich denken es läuft alles korrekt ist doch klar, dass manche daraus Profit schlagen ...
- Geli schrieb am 09.08.2012, 08:26 Uhr:
- Traurig, dass eine so gute Sache (wer selbst mal ein Organ braucht, wird das bestätigen) mal wieder tot geredet wird. Das es traurig ist, dass Menschen (Ärzte sind auch Menschen) mal wieder gegen Geld oder sonstigen Leistungen manipulieren, ist eine Schande und ein Skandal, ist aber mit Sicherheit nicht die Regel. Ich werde trotzdem weiter meinen Spenderausweis dabei haben. Aber für die, die einen Grund suchten, um ihre Nicht-Spende zu verteidigen, ist der jetzt gefunden. Aber ich bleibe einer der Blöden, die ein Menscheleben retten wollen, wenn ich mal nicht mehr bin. Auch ohne Geld dafür zu nehmen. Einfach nur aus Menschlichkeit.
- schwarzer Martin schrieb am 09.08.2012, 06:33 Uhr:
- @Heinz Faßbender, wir christlich demokratischen Münsterländer sind wieder mal einer Meinung !
Alle Kommentare zu "Regeln für Organvergabe:"Patienten haben faktisch keinen Rechtsschutz"" anzeigen
Seite teilen
Über Soziale Medien