Modellprojekt gegen Energiearmut Mit mehr Beratung aus den Stromschulden

Von Markus Rinke

"NRW bekämpft die Energiearmut" heißt ein Projekt, bei dem acht Stadtwerke mit der Verbraucherzentrale NRW zusammen arbeiten. Die Absicht: Mit mehr Beratung säumige Kunden vor der Stromsperre bewahren. Wie es funktioniert, wurde am Donnerstag (18.10.12) in Bielefeld vorgestellt.


Frau vor Plakat
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Kathrin Rietbrock berät säumige Stromkunden

"Es geht erst einmal um die Existenzsicherung, und dazu gehören Strom und Wärme", sagt Kathrin Rietbrock, die als "Fachberaterin Energiearmut" für die Verbraucherzentrale NRW arbeitet. Denn sind Miete und Strom nicht beglichen, droht die Obdachlosigkeit. Deshalb müssten diese Rechnungen auch zuerst bezahlt werden. Und damit das funktioniert, berät Kathrin Rietbrock immer montags und dienstags Menschen in Bielefeld. Neben den Bielefelder Stadtwerken nehmen an dem Projekt "NRW bekämpft die Energiearmut" die Stadtwerke aus Aachen, Bochum, Dortmund, Köln, Krefeld, Mönchengladbach und Wuppertal teil. Sie bezuschussen das Projekt im ersten Jahr zu 25 Prozent, im zweiten zur Hälfte und im dritten Jahr zu 75 Prozent. Den Rest, immerhin 1,5 Millionen Euro, trägt das Umwelt- und Verbraucherschutzministerium NRW. In fünf Städten ist das Projekt bereits Anfang Oktober (01.10.12) gestartet, die restlichen drei folgen zum Jahreswechsel (02.01.13).

Rechts-, Budget- und Energieberatung


Neu an dem Projekt ist, dass die Rechts- und Finanzberatung mit Tipps zum Energiesparen verknüpft wird. Wenn Menschen zum Beispiel hohe Stromnachzahlungen erhalten, sei es nicht damit getan, eine Ratenzahlung zu vereinbaren. Damit würde das Problem nicht gelöst, so Rietbrock, zumal dann nicht einmal sicher sei, ob die Raten auch gezahlt werden könnten. Denn mit der Nachzahlung werden auch die Abschlagszahlungen angehoben. Die Belastung für die Menschen wird größer. Es droht die Schuldenfalle. Deshalb geht das Angebot der Verbraucherzentrale weiter und schließt auch eine Energieberatung mit ein. Denn nur wenn der Energieverbrauch sinkt, bleiben die Kosten stabil, so der Grundgedanke. In fünf der acht Städte arbeitet die Verbraucherzentrale mit Energieberatern der Caritas zusammen. Ein weiterer Punkt ist die Budgetberatung: "Man muss die Menschen dann auch so ein bisschen zur Disziplin zwingen, ihnen zum Beispiel sagen: 'Führe ein Haushaltsbuch'", so Kathrin Rietbrock. Denn damit werde den Menschen klar, wo sie weiter sparen können.

An anderer Stelle sparen


Stromzähler mit Geld
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Schuldenfalle durch steigende Stromkosten

Das, was Kathrin Rietbrock beschreibt, ist das tägliche Geschäft der Schuldnerberatungen. "Man muss sich die Gesamtsituation anschauen und dann ein Entschuldungskonzept entwickeln", sagt Gisela Deller von der Wuppertaler Schuldnerberatung. Nur so sei das Problem nachhaltig zu lösen, ist sie überzeugt. Aus ihrer Erfahrung weiß sie aber auch, dass Menschen, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen können, meist auch andere Schulden haben. Allerdings ist Gisela Deller auch davon überzeugt, dass es wichtig ist, zuerst die Miete und die Energiekosten zu bezahlen. Und das muss sie ihren Kunden deutlich machen. Normalerweise sei es so, dass die Menschen zuerst die Rechnungen bezahlen, die mit größten Nachdruck eingetrieben werden. Dass es da schwierig ist, sich richtig zu verhalten, kann Gisela Deller gut nachvollziehen. Franziska Matschke von der Schuldnerberatung in Köln begrüßt das Projekt ebenfalls. Aber auch sie stellt klar, dass es nicht das Grundproblem der hohen Strompreise lösen kann. Und Energieberatung sei ja gut, aber gerade die, die kein Geld haben, könnten sich neue, teure, energieeffiziente Haushaltsgeräte nicht leisten.

Erfahrungen aus Wuppertal

Das weiß auch Kathrin Rietbrock und trotzdem ist sie vom Erfolg des Projekts überzeugt. Erfahrungen hat sie bereits in Wuppertal gesammelt. Dort hat sie in den vergangenen Jahren über 200 säumige Stromkunden beraten. "Über die Hälfte der Menschen, die zu uns gekommen sind, sorgen selber für ihr Einkommen, liegen aber haarscharf über der Grenze, um staatliche Hilfen zu bekommen", so Rietbrock. Eine weitere große Gruppe waren Rentner. Unterm Strich seien das Menschen, denen erst durch die steigenden Energiekosten oder eine hohe Nachzahlung die Schuldenfalle droht. In mehr als zwei Dritteln der Fälle habe Kathrin Rietbrock den Menschen helfen können. Aber es gibt auch die Fälle, bei denen die Arbeit für sie sehr schwer ist: "Es gibt auch Härtefälle, wo man kurzfristig nichts machen kann. Sie werden noch weiter ohne Strom sein - und das ist dann auch sehr frustrierend, es ihnen klar zu machen."

Über den Autoren
Markus Rinke

Ist Strom schon ein Luxusgut? Auf dem Weg ins Büro hat Autor Markus Rinke über die volle Steckerleiste im Büro nachgedacht: Computer, die Festplatten, die Schreibtischleuchte, Ladegeräte für Handy und Kameras. Mit schlechtem Gewissen hat er gleich das Laptop an das Ladekabel angeschlossen.


Stand: 18.10.2012, 17.52 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 19.10.2012, 22:53 Uhr

Gestiegene Energiekosten schrieb am 19.10.2012, 22:53 Uhr:
Ich weiß nicht wo das Problem bei der Energiepreiserhöhung ist. Ich finde, dass Sprit zum Beispiel nicht teurer geworden ist: Seit zehn Jahren tanke ich immer für 20 Euro!
Nils schrieb am 19.10.2012, 11:43 Uhr:
Ich denke der wahre Schwerpunkt der Arbeit wird die Budgetberatung sein. Überschuldung beginnt häufig nicht bei der Stromrechnung, sondern bei Konsumgütern. Allerdings sehe ich auch, dass Geringverdiener im Kontrast zu Leistungsempfängern deutlich mehr Belastungen (Miete, Heizung) selber tragen müssen und dadurch sehr schnell unter Kostendruck geraten. Hinzu kommt, dass mit fortlaufender Zwangssanisierung von Wohneigentum diese Kosten auf die Mieter umgelegt wird. Dieses trifft vor allem viele Mieter in günstigeren Nachkriegsmehrfamilienhäusern mit schlechten Dämmungen. Hier sollte man sich echt mal überlegen, ob wir für das gute Gewissen einer bestimmten Wahlklientel (grün?) viele Menschen in die unnötige Armut abschieben. Ich bin übrigens Maschinenbauingenieur der Fachrichtung Energie- und Verfahrenstechnik und halte die aktuellen politischen Entscheidungen aller Parteien für absolut untragbar. Viele Grüße
Verbraucherin schrieb am 19.10.2012, 11:03 Uhr:
Die Tipps von Herrn Altmeyer waren ja wohl lächerlich: "Dann nehme ich eine alte Kühltruhe vom Netz". Grandios dieser Vorschlag. Die Energiespartipps sind doch bereits bis zum Überdruss vorgebetet worden. Mit dem einsparen kommt man nicht weiter. Der staatliche Anteil liegt bereits bei fast über 50 %. Die Politik hat das gewollt und produziert und will es natürlich den Energieversorgern in die Schuhe schieben. Was hat uns die Liberalisierung eigentlich gebracht? Auf jeden Fall immer höhere Kosten. Da wir ja angeblich alle die Energiewende wollen, müssen wir auch zahlen. AUSNAHME: Großunternehmen, deren Gewinne dann eben auch in die Höhe schnellen, zahlen wir doch gerne mit. Als gut bezahler Politiker ist es doch ega wieviel eine kWh-Strom kostet? Nicht war Herr Altmeyer, Herr Rössler, Frau Merkel, Herr Tretin und alle anderen. Der Bürger wird wie immer für doof verkauft.
Eigentlich ganz einfach! schrieb am 19.10.2012, 10:07 Uhr:
Statt die Industrie mit billiger Energie, auf Kosten der Bürger, zu subventionieren sollten die Armen im Land den Strom subventioniert bekommen. Dann haben wir auch keine "Energiearmut" Hier in Deutschland läuft mittlerweile wirklich vieles völlig falsch.
Iris schrieb am 18.10.2012, 23:55 Uhr:
Strom sparen bringt nichts. Habt ihr euch mal überlegt, warum Energieversorger so bereitwillig Tipps geben, wie man Strom spart? Weil denen egal ist, wieviel sie verkaufen! Kaufen wir weniger Srom, wird der Rest eben teurer gemacht, damit der Gewinn gleich bleibt.

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