Typisierungsaktionen für Leukämiekranke Kein Spender, nirgends

Von Martina Züger

Immer wieder organisieren Angehörige akut erkrankter Leukämiepatienten Typisierungsaktionen, wenn sich kein geeigneter Stammzellspender findet. In NRW geschieht das am Sonntag (01.07.2012) für die 44-jährige Corina Zufelde aus Stommeln. Die Spenderregister erhalten so viele neue Einträge und die Angehörigen fühlen sich weniger hilflos.


Corina Zufelde
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Corina Zufelde hat noch keinen passenden Spender gefunden.

Als Corina Zufelde in panischer Angst glaubt, sie könnte aus dem nächsten Schlaf nicht mehr erwachen, legt sich Seàn Meads zu ihr ins Krankenbett, legt den Arm um sie und lässt sie die ganze Nacht nicht los. In ihren Hals läuft ein Venenkatheder mit drei Schläuchen für Chemotherapie, Medikamente und künstliche Ernährung. Mit anderen schwerkranken Patienten bewohnt sie ein isoliertes Haus auf dem Gelände der Uniklinik Düsseldorf, das Besucher nur mit Mundschutz und desinfizierten Händen, Kinder unter 14 Jahren gar nicht betreten dürfen. Nach zwei Chemotherapien ist das Immunsystem der 44-Jährigen schwer angegriffen: Sie leidet an einer beidseitigen Lungenentzündung, einer Herzmuskelentzündung, dazu kommen Lähmungserscheinungen beim Sprechen und Greifen; aus Schwäche, vermuten die Ärzte.

Oft einzige Chance auf Heilung: gesunde Stammzellen

Vor fünf Wochen erhielten Corina Zufelde und ihr Lebensgefährte Seàn Meads die endgültige Diagnose: akute myeloische Leukämie, innerhalb weniger Wochen müsse sie gesunde Stammzellen erhalten. "Sonst wird die Leukämie ihren Körper überrennen", erklärt Dr. Johannes Fischer, Leiter der Knochenmarkspenderzentrale Düsseldorf (KMSZ). Doch bis jetzt gibt es keinen geeigneten Spender, nicht in der Familie, und nicht unter den 19,6 Millionen Einträgen der internationalen Spenderregister.

Typisierungsaktionen gegen die Hilflosigkeit


Tennislehrer Seàn Meads
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Seàn Meads sucht nach Corina Zufeldes genetischem Zwilling.

Eine Woche nach der Diagnose erwacht Seàn Meads, 50, aus der Schockstarre, stellt mit Freunden und Verwandten an einem verregneten Tag ein Wohnmobil auf den Marktplatz seines Wohnorts Stommeln. Unter den Passanten suchen sie Corina Zufeldes genetischen Zwilling: Mund auf, Wattestäbchen hinein, Abstrich von der Wangenschleimhaut machen, die Sets zur Düsseldorfer Knochenmarkspenderzentrale schicken. "Es ist nur sehr wenig, was man als Angehöriger in dieser Situation überhaupt tun kann", sagt er, der ruhig und gefasst auftritt. "Ich möchte mir später nicht vorwerfen, nicht genug versucht zu haben. Ich weiß, die Wahrscheinlichkeit, dass wir bei unseren Aktionen einen passenden Spender finden, geht gegen Null."

Jede Typisierung hilft Erkrankten auf der ganzen Welt

Trotzdem sind Typisierungen wichtig, wie sie in letzter Zeit unter anderem auch für die achtjährige Anika Köster aus Münster und den 54-jährigen Wuppertaler Fotografen Jörg Lange durchgeführt wurden. Anette Herda von der KMSZ betont: "Ich sage den Betroffenen deutlich, in ihrem konkreten Fall sind die Chancen, dabei einen Spender zu finden sehr, sehr gering. Aber jeder Eintrag in die Spenderregister hilft anderen Erkrankten auf der ganzen Welt."

Mund auf, Wattestäbchen hinein


Wattestäbchen
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Zunächst kommen Spender nur mit einem Wattestäbchen in Berührung.

Bei der Ersttypisierung wird lediglich ein Abstrich der Wangenschleimhaut gemacht. Die meisten so typisierten Menschen werden nie in ihrem Leben zu einer tatsächlichen Stammzellspende gebeten. "Von 100 registrierten Personen wird innerhalb der nächsten zehn Jahre nur einer als Spender in Frage kommen" erklärt Johannes Fischer von der KMSZ. Die Spende selbst sei unproblematisch, so Fischer. Niemals aus dem Rückenmark, sondern aus dem Beckenknochen oder in 80 Prozent der Fälle peripher aus dem Blutkreislauf - ähnlich wie bei einer Dialyse - entnehmen Ärzte Stammzellen. Jeder Gesunde zwischen 18 und 55 Jahren kommt als Spender in Frage.

3.000 Stammzelltransplantationen im Jahr

In Deutschland werden nach Prognosen des Robert-Koch-Instituts 2012 etwa 480.000 Menschen an Krebs erkranken, davon 11.400 an einer akuten oder chronischen Leukämie. Dabei vermehren sich bösartige Zellen des blutbildenden Systems unkontrolliert: Es kommt zu einem Mangel an roten Blutkörperchen und Blutplättchen. Während Patienten einer chronischen Leukämie, die schleichend verläuft, oft noch viele Jahre leben, können die akuten Formen innerhalb weniger Wochen zum Tod führen. Wenn Chemotherapie und Bestrahlung für eine Heilung nicht ausreichen, was bei der Hälfte der Leukämiekranken der Fall ist, wird eine Stammzelltransplantation notwendig; 3.000 wurden im Jahr 2011 durchgeführt.

Spender-Immunsystem tötet Leukämiezellen beim Empfänger ab


Dr. Christof Scheid von der Uniklinik Köln
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Christof Scheid führt regelmäßig Stammzelltransplantationen durch

Für Dr. Christof Scheid, Oberarzt und Leiter des Stammzelltransplantationsprogramms an der Uniklinik Köln, ist die Übertragung von fremden Stammzellen Routine. "Zunächst setzen wir eine hochdosierte Chemotherapie ein, die das Knochenmark des Empfängers zerstört und damit sein Immunsystem quasi ausschaltet" erklärt er. Erst nach dieser sogenannten Konditionierung nimmt der Empfänger die fremden Stammzellen, die intravenös verabreicht werden, überhaupt an. Innerhalb von zwei bis drei Wochen wachsen die Spenderzellen von selbst in den Knochen an und produzieren neue Blutzellen. In der Hälfe aller Fälle kommt es zu einer Abstoßungsreaktion, der Graft-versus-Host-Reaktion, bei der vor allem Haut, Leber und Darmschleimhäute angegriffen werden. "Das ist aber bis zu einem gewissen Grad sogar erwünscht", erklärt Scheid. Das neue Spender-Immunsystem greife dann besonders gut die Reste des alten, kranken Knochenmarks und verbliebene Leukämiezellen im Empfänger an. "Das ist unser Therapieprinzip: Der Patient erhält ein neues Immunsystem, das im Idealfall lebenslang Leukämiezellen abtötet", so Scheid.

Neun von zehn Patienten finden Spender

"Zählt man die Familienspenden mit, wird in Deutschland innerhalb weniger Monate für neun von zehn Patienten ein geeigneter Spender gefunden", erklärt Sonja Schlegel vom Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland. Hier laufen die Daten aller deutschen Spenderregister zusammen, zum Beispiel auch der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, die über eine der größten Datenbanken verfügt. Wichtig für eine erfolgreiche Transplantation ist die Übereinstimmung von hauptsächlich zehn Gewebemerkmalen auf den Stammzellen, den sogenannten HL-Antigenen. "Für manche Patienten mit gängigen Gewebemerkmalen finden wir hundert passende Spender in den Registern, für andere auch nach umfangreicher Suche nie jemanden", sagt Schlegel. Seàn Meads und seine Helfer typisieren am Sonntag (01.07.2012) weiter – bei großen Aktionen in Stommeln und Grevenbroich. Wird weiterhin kein Spender gefunden, sieht es nicht gut aus für Corina Zufelde. Nach ihren Überlebenschancen habe Seàn Meads die Ärzte nicht gefragt, aus Selbstschutz. Er sagt: "Auf manche Fragen möchte man keine Antwort wissen."

Typisierungsaktionen für Corina Zufelde finden statt am Sonntag, 01.07.2012, 11 bis 16 Uhr, in der Christinahalle Stommeln und in der Turnhalle am Schloßstadion Grevenbroich.

Corina Zufelde Video Mann organisiert Typisierungen für leukämiekranke Frau (02:01 Min.) WDR aktuell vom 29.06.2012

Mann organisiert Typisierungen für leukämiekranke Frau


Stand: 28.06.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 28.06.2012, 14:45 Uhr

C. schrieb am 28.06.2012, 14:45 Uhr:
Ich wünsch ihr alles Gute und das sie einen Spender findet. Ich denke, dass ich völlig ungeeingnet bin, da chronisch krank: Hashimoto, chronische Darmentzündung, Endometriose und multiple Medikamenten-, Lebensmittel und Pollenallergien.
C. Rosenthal schrieb am 28.06.2012, 11:33 Uhr:
Aus eigener Erfahrung anl. der Erkrankung meines Ehemannes weiß ich, wie wichtig jede einzelne Typisierung ist. Man kann das Thema nicht oft genug ansprechen und jeden auffordern, sich typisieren zu lassen. Für den Spender ist es eine Kleinigkeit, für den Empfänger bedeutet es Leben oder Tod. Frau Zufelde und ihrer Familie wünsche ich von ganzem Herzen, dass sich doch noch rechtzeitig ein passender Spender findet.


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