Schuldenfalle Weihnachten "Sparen hat am Fest der Familie keinen Platz"

Die Suche nach Geschenken macht den Advent, der eigentlich besinnlich sein soll, oft zu einer besinnungslosen Zeit. Viele Menschen geraten in einen Konsumrausch – auch die, die es sich finanziell eigentlich gar nicht erlauben können. Das kann gefährlich werden.


Schild mit der Aufschrift "Top X-Mas Angebot"
Bild 1 vergrößern +

In der Vorweihnachtszeit kann man sich vor Sonderangeboten kaum retten

Wenn es auf Weihnachten zugeht, verlieren viele Menschen die wirtschaftliche Vernunft. Aber warum? WDR.de hat mit einem Verbraucherschützer, einer Schuldnerberaterin und einem Wirtschaftsexperten gesprochen.

"Der soziale Druck ist riesig"
Frank Lackmann, VRZ NRW

Frank Lackmann, Experte für Schulden und Insolvenzrecht bei der Verbraucherzentrale NRW, weiß, dass Menschen oft dem Wunsch nachgeben, wenigstens an Weihnachten eine "heile Welt" zu präsentieren.

Weihnachten, ein bedeutendes religiöses Fest, sei mittlerweile häufig zur reinen Geschenke-Veranstaltung geworden, sagt Frank Lackmann. "Die Menschen signalisieren, dass sie teure Geschenke kaufen können und wollen. Das ist ein sozialer Marker: Wir gehören dazu!"

Gerade bei Leuten mit geringem Einkommen sei das zu beobachten. "Die Menschen stehen unter einem immensen Druck, sich selbst, der Familie und dem sozialen Umfeld etwas bieten zu müssen. Sparzwänge haben da keinen Platz."

"Das Prestige ist wichtiger als die wirtschaftliche Vernunft"
Anne Schneider, Schuldnerberaterin bei der Diakonie Düsseldorf

Anna Schneider, Diplom-Sozialpädagogin und Schuldnerberaterin bei der Diakonie in Düsseldorf, fragt sich, ob eine Zwölfjährige wirklich das neuste Smartphone haben muss.

Die Menschen wollen sich nicht bloßstellen, weiß Anne Schneider. "Man will ja mithalten können. Mit dem alten Handy ist man halt einfach nicht mehr up to date – also bestellt man das neuste. Wie lange der Handyvertrag läuft, ist gerade vielen jungen Käufern in dem Moment völlig egal. Die Realität wird verdrängt, erst recht an Weihnachten."

Viele ihrer Kunden leben am Existenzminimum, tragen aber teure Markenkleidung, so Schneider. "Die Fassade muss stimmen, Kleider machen Leute." Ein Kunde habe ihr mal gesagt: "Wenn man mir schon auf 100 Meter ansieht, dass ich von Hartz IV lebe, dann ist mein Stolz gebrochen." Ein besonderer Fall seien frisch getrennte Paare. "Unser Kind hat ja schon die Trennung aushalten müssen, denken sie. Da wollen sie ihm wenigstens seine materiellen Wünsche erfüllen."

"Die Werbung wird immer aggressiver"
Markus Raueiser, Cologne Business School

Markus Raueiser, Professor für International Business an der Cologne Business School, beobachtet, dass die Kaufanreize für Produkte immer vielfältiger – und die Strategien der Kundengewinnung immer aufdringlicher werden.

Finanziell gefährlich, warnt Markus Raueiser, sei zum Beispiel der Ratenkauf mit einer Null-Prozent-Finanzierung: "Der Käufer wird gelockt. Ihm wird suggeriert, dass er ein Produkt sehr günstig bekommt. Häufig gibt es aber eine Schlussrate. Ein Preisvergleich im Internet zeigt, dass das Produkt oft anderswo billiger ist."

Das Internet könne aber auch zur Gefahr werden, sagt der Ökonom. "Das Weihnachtsgeschäft im Netz brummt. Fast 45 Prozent der unter 29-Jährigen kaufen übers Netz ein, hier sind es nur zwei, drei Klicks und schon hat man viel Geld ausgegeben. Beim Online-Shopping ist die Hemmschwelle geringer, außerdem ist es natürlich komfortabler als sich ins Weihnachtsgetümmel in der überfüllten Innenstadt zu stürzen."

Mit TV- und Webspots wie "Weihnachten wird unterm Baum entschieden" trage die Werbung eine große Mitschuld am Konsumwahn, kritisiert Anne Schneider. "Das lässt die Schere zwischen vorhandenem Wissen über den Umgang mit Geld und Konsumentenverhalten noch weiter auseinander gehen."

Die Unfähigkeit, Geld zur Seite zu legen

Viele Menschen hätten verlernt zu sparen, stellt Schneider fest. "Ein Kunde hat mir mal fünf Ratenzahlungsvereinbarungen auf den Tisch gelegt, jede über 'nur' 20 Euro. Das sind 100 Euro im Monat. Wo sollen die herkommen, wenn das Geld gerade so für Miete, Strom und Lebensmittel reicht?" Den meisten ihrer Kunden fehle der finanzielle Puffer, sagt die Schuldnerberaterin, das "Geld für spontane Notfälle wie Reparaturen am Auto oder der Waschmaschine."


Vorweihnachtlicher Trubel im Einkaufscenter
Bild 2 vergrößern +

Oh du Hektische...

Außerdem vergessen viele Leute, dass im Januar die Jahresbeiträge für Vereine oder andere Mitgliedschaften fällig werden, sagt Frank Lackmann. Die müsse man bei Barzahlungen und Ratenkäufen vor Weihnachten aber berücksichtigen.

Erschwerend hinzu kommen die Folgen der Wirtschaftskrise: "Viele Firmen zahlen den Mitarbeitern kein Weihnachtsgeld mehr", weiß Markus Raueiser. "Aber genau davon haben die Leute früher ihre Geschenke gekauft."

Tipps für ein schuldenfreies Weihnachten

Raueiser rät von Einkäufen auf Pump ab. Stattdessen solle man "vorsparen, klare realistische Wünsche formulieren, ein festes Budget setzen und dieses nicht überschreiten." Die Experten empfehlen übereinstimmend, ein detailliertes Haushaltsbuch zu führen, in dem man die monatlichen Ein- und Ausgaben protokolliert. "Von dem Puffer, den man sich errechnet, sollte man dann mindestens die Hälfte zur Seite legen", schlägt Frank Lachmann vor. So vermeide man, in den teuren Dispokredit abzurutschen - denn der könne zum "Anfang eines Teufelskreises" werden, warnt Anne Schneider.

Wenn die finanziellen Probleme auch für die Kinder spürbar werden, sollte man das Problem offen ansprechen: "Statt 10 Geschenken sind es dann halt mal nur zwei", sagt Lachmann. Den Fokus zu verändern vom "Verwandte abklappern und Geschenke einsammeln hin zum Familienfest mit Spieleabend untern Weihnachtsbaum" sei schwer, aber möglich.

"Die Freude über ein Geschenk ist so schnell auch wieder verflogen", ergänzt Anne Schneider. "Und dann ist der nächste Wunsch da, den man unbedingt erfüllt sehen will. Die psychische Belastung durch Schulden ist größer als die kleine kurze Freude über ein tolles Geschenk. Liebe kann man sich sowieso nicht kaufen."

Stichworte

Stichwort Ratenkauf

Beim Ratenkauf oder Finanzkauf wird eine Summe getilgt, indem über einen vereinbarten Zeitraum Raten abbezahlt werden. Der Schuldner schuldet dem Gläubiger die Teilzahlungen in festgelegten Intervallen, die meist monatlich anfallen. In der Regel haben die Raten eine gleich bleibende Höhe. Zur eigentlichen Tilgungsrate können - je nach Absprache - auch noch Zinsen hinzukommen. Bei einer Finanzierung ist darauf zu achten, ob zusätzlich eine monatliche Kontoführungsgebühr anfällt. Für eine reine Null-Prozent-Finanzierung gilt außerdem das gesetzliche Widerrufsrecht von 14 Tagen nicht. Häufig wird in diesen Fällen aber ein freiwilliges Widerrufsrecht eingeräumt.

Stichwort Dispokredite

Dispositionskredite sind auf Girokonten eingeräumte Überziehungsmöglichkeiten. Sie sind grundsätzlich auf bestimmte Geldbeträge begrenzt. Dispokredite erlauben dem Inhaber eines Kontos, auch ohne ausreichendes Guthaben auf dem Konto über Geld zu verfügen. Die Höhe der Kreditlinie beträgt zumeist einige hundert bis zu wenigen tausend Euro. Voraussetzung zur Einräumung eines Dispolimits durch die Bank ist häufig der regelmäßige Zahlungseingang etwa durch Gehalt oder Rente.


Stand: 13.12.2012, 15.52 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 18.12.2012, 17:08 Uhr

Lisa Marie schrieb am 18.12.2012, 17:08 Uhr:
Dieses Jahr habe ich nur 980,- Euro für Weihnachtsgeschenke ausgegeben, letztes Jahr waren es noch 1220,- Euro, ich habe also schon ordentlich gespart. Trotzdem musste ich auch diese Jahr dafür wieder einen Ratenkredit aufnehmen, den ich im Laufe des kommenden Jahres zurückzahlen werde, was bei 987,- Euro netto nicht einfach ist. Aber was will man machen, ich kann meine Kinder und Verwandten doch Weihnachten nicht ohne Geschenke lassen.
blah blah Kommentare schrieb am 17.12.2012, 14:40 Uhr:
Fuer Weihnachten braucht es kein Geld,dafuer ist nur Liebe noetig.Die aber sollte man das ganze Jahr ueber seiner Familie"schenken",daher brauche ich auch kein"Weihnachten"!
heinzb aus nrw schrieb am 16.12.2012, 21:47 Uhr:
Geld zu sparen, wovon, wenn am 20.des Monats nichts mehr davon vorhanden ist, dem deutschen Volk geht es immer schlechter, da gibts nichts mehr zu Weihnachten. Denn das Geld ist weg, die Preise explodieren und es reicht ein Einkommen im Monat nicht aus, um eine Familie über die Runden zu bekommen. Das ist Schaden am Volk, das die Parteien durch ihre Entscheidungen bewirken, das ist Grundlage für Parteiverbote, meine ich, denn eine anderswertige Abhilfe oder ein Umdenken durch die Regierenden ist nicht in Sicht.
Weihnachten mit Fr. Merkel schrieb am 14.12.2012, 07:31 Uhr:
Einerseits soll der Binnenkonsum angeregt werden, andererseits haben die Leute durch prekäre Arbeitsverhältnisse nicht mehr das Geld so locker sitzen. Zahlt den Leuten endlich vernünftige Löhne dann sinkt die Verschuldung. Dann will man aber vor seinen Lieben nicht mit nichts dastehen und verfrühstückt seine Altersvorsorge und plündert die Konten. Was Fr. Merkel und ihre Koalition in den letzten 3 Jahren an sozialem Frieden zerstört haben ist unglaublich. Lieber besäuft man sich mit Konsum auf Raten, während die Regierung munter unser Geld nach oben umverteilt (s. Kürzung der Lebensversicherungen für alle , mit dem Gesetz gestern von der Regierung verabschiedet).
Bertram in Mainz schrieb am 13.12.2012, 20:33 Uhr:
Problem: Den Unternehmen (auch Banken) ist es anscheinend ziemlich egal, ob der Kunde kreditwürdig ist, solange er nicht weglaufen kann. Wer nicht zahlen kann, muss Jahr für Jahr Zinsen zahlen. Da kann man eine Mischkalkulation machen. Kunde 1 zahlt, also Gewinn. Kunde 2 zahlt verspätet, durch Zinsen noch mehr Gewinn. Kunde 3 zahlt unvollständig, durch spottbillige Refinanzierung (etwa durch zinslose Girokonten) trotzdem noch Gewinn. Kunde 4 fällt aus, Teilverlust. Es wird immer wieder beklagt, dass Versandhäuser trotz bekannter Probleme dem Kunden kurz darauf wieder auf Kredit liefern. Sie würden das nicht tun, wenn es sich lohnen würde, eine Lieferung zu verweigern.

Alle Kommentare anzeigen



ratgeber.ARD.de

  • Energie im Essen: Die Kalorienlüge

    Wer auf sein Gewicht achtet, versucht Kalorienbomben wie Sahnetorte, Schokocreme oder Mandeln aus dem Weg zu gehen. Doch Lebensmittel enthalten oft weniger Energie als bisher angenommen. Denn die gängige Berechnung der Kalorien ist falsch.

  • Stöbern, schachern, feilschen

    Auf Flohmärkten wird mit Freude gefeilscht. Doch wie können Verkäufer ihr Gerümpel am besten zu Geld machen und wie ergattern Käufer günstig ungewöhnliche Stücke? Tipps für den Flohmarkthandel.

  • Edelschimmel und Scheibletten

    Wer viel Käse isst, tut etwas für seine Zähne. Und Analogkäse ist gar nicht so ungesund wie gedacht, kommt aber immer seltener vor. Stimmt nicht? "Quarks & Co" verrät, was Sie über Käse wissen müssen.

  • Leben ohne Brille

    Schnell, sicher und für immer ohne Brille: Das versprechen viele Augenkliniken. Denn Laserbehandlungen sind lukrativ. Auf Kosten vieler Patienten. "plusminus" über Risiken des Strahlenskalpells.

  • Sorgloser Sex mit fatalen Folgen

    Lange schienen Geschlechtskrankheiten in Deutschland unter Kontrolle zu sein, doch seit einigen Jahren steigt die Zahl der Infektionen wieder deutlich an. Vor allem Syphilis und Tripper sind auf dem Vormarsch.

  • Wenn Verbraucher herabgestuft werden

    Kein Vertrag ohne Bonitätsprüfung. Auskunfteien versuchen zu beurteilen, ob ein Kunde regelmäßig zahlt - manchmal ohne Erfolg. Können sich Kunden gegen falsche Urteile wehren?

  • Wenn Eltern Hilfe brauchen

    Welches Heim ist für die pflegebedürftigen Eltern das richtige? Welche Alternativen gibt es? Und wie läuft das mit den Pflegestufen? Die Reportage zeigt Wege durch den "Pflege-Dschungel".

  • Das süße Geschäft

    Sie lauern an Supermarktkassen und werden an Schulen beworben: Zuckerbomben, deklariert als Kinderlebensmittel, denen der hohe Zuckergehalt nicht anzusehen ist. "Marktcheck" über dreiste Werbemaschen.

  • Kampagne gegen Werbeblocker

    "Schalten Sie bitte den Werbeblocker ab!" - Immer mehr Webseiten wenden sich mit dieser Bitte an ihre Leser. Denn ausgeblendete Anzeigen bedeuten für die Portale ausbleibende Werbeeinnahmen.

  • Wege aus der Mobbing-Falle

    Gerüchte, Sticheleien, Ausgrenzung: Die Schikane kann so schlimm sein, dass die Opfer chronisch krank werden. Wie Betroffene dem Mobbing entgegen wirken können und wer ihnen dabei hilft.

  • Der Mythos vom ungesunden Salz

    Salz fehlt in keiner Küche. Dennoch denken viele Menschen, dass Salz schädlich ist - dabei ist es lebenswichtig. Der Verzicht auf Salz ist riskant - besonders für ältere Menschen.

  • Die ARD-Fernsehköche

    Ob Tarte au Citron, Gemüse-Polenta oder Sauerbraten - die ARD-Köche kennen die leckersten Rezepte und haben jede Menge praktische Tipps für die Küche. Dabei spüren sie auch immer aktuellen Trends in der Küche nach.

  • Kampf den Karaffen

    Die EU verbietet offene Olivenöl-Kännchen in Restaurants. Ab 2014 darf das Öl nur noch in der Original-Flasche auf den Tisch. Salz- und Pfeffer-Streuer bleiben aber erlaubt. Und auch Essig darf weiterhin in Nachfüllkännchen serviert werden.