Interview zu Rheumakongress in Bochum: Rückenschmerzen können Rheuma bedeuten
Rheuma kann jeden treffen: Kinder, junge und alte Menschen. Am Mittwoch (19.09.2012) hat in Bochum der 40. Jahres-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie begonnen. Der Kongresspräsident, Prof. Dr. Jürgen Braun, erklärt im Interview, wie wichtig eine frühe Behandlung ist.

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Chronische Rückenschmerzen bei jungen Menschen dürfen nicht unterschätzt werden
Unter dem Oberbegriff "Rheuma" werden mehr als 100 verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst. Es sind meist chronische Erkrankungen der Gelenke, Knochen und der umliegenden Muskeln und Sehnen. Bei einigen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen können Organe wie Herz und Lunge beteiligt sein. Eine der häufigsten Varianten ist die sogenannte rheumatoide Arthritis, also die chronische Gelenkentzündung: Finger, Handgelenke, Zehen und Knie schmerzen, schwellen ohne erkennbaren Grund an. Die Patienten fühlen sich morgens steif, zum Teil über Stunden. Unbehandelt zerstört diese Autoimmunerkrankung Knorpel und Knochen. Unter den verschiedenen Formen von rheumatoider Arthritis leiden in Deutschland rund 1,5 Millionen Erwachsene. Auch entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule, die sogenannte axiale Spondyloarthritis, fällt darunter. Bei dieser speziellen Form, unter der oft schon junge Erwachsene leiden, bildet sich in der Wirbelsäule neuer Knochen.
- Jürgen Braun
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Der Rheumatologe Professor Jürgen Braun (59) leitet seit zwölf Jahren das Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ist er auch Tagungspräsident des 40. Jahreskongresses, der dieses Mal in Bochum stattfindet. Sein Spezialgebiet sind entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule.
WDR.de: Herr Braun, der Begriff "Rheuma" ist bekannt. Aber viele denken dabei immer noch an eine Alte-Leute-Krankheit.
Jürgen Braun: Eine absolut falsche Annahme. Rheuma trifft zwar vor allem ältere Menschen, aber schon Kinder leiden darunter. In Deutschland etwa 15.000. Und junge Erwachsene ebenso. Letztere leiden häufiger an rheumatischen Beschwerden als allgemein angenommen. Sie haben besonders mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung der Wirbelsäule zu kämpfen. Man spricht von der sogenannten ankylosierenden Spondylitis. Im Durchschnitt beginnt diese Erkrankung mit 26 Jahren. Die Patienten leiden an einem entzündlichen Typ von Rückenschmerzen.
WDR.de: Wie macht sich so eine Entzündung der Wirbelsäulengelenke bemerkbar?
Braun: Die Betroffenen wachen zum Teil nachts wegen ihrer starken Rückenschmerzen auf. Sie müssen aufstehen, sich bewegen, damit es besser wird. Am Anfang ist der Schmerz in der Gesäßregion spürbar, später kann er auf weitere Teile der Wirbelsäule übergehen. Ein Teil dieser Patienten entwickelt im Laufe der Zeit das, was im Volksmund als Morbus Bechterew bekannt ist: Die Wirbelsäule versteift, weil sich neuer Knochen zwischen den Wirbelgelenken bildet - bei manchen leicht, bei anderen komplett. Man kann den Kopf nicht mehr drehen, sondern nur noch den ganzen Rumpf. Insgesamt gibt es in Deutschland über 300.000 Menschen, die an Morbus Bechterew leiden.
WDR.de: Rückenschmerzen sind weit verbreitet und viele Betroffene zögern einen Arztbesuch hinaus. Wann ist dafür höchste Zeit?
Braun: In rund 90 Prozent der Fälle verschwinden Rückenschmerzen innerhalb von vier bis sechs Wochen von allein. Grundsätzlich gilt: Alle Schmerzen, die nach sechs Wochen nicht verschwunden sind, haben ein deutliches Chronifizierungspotenzial. Spätestens dann sollte man einen Hausarzt oder Orthopäden aufsuchen, der im Verdachtsfall hoffentlich einen Rheumatologen einschaltet. Insgesamt werden junge Menschen aber bei Rückenschmerzen immer noch zu selten auf eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung hin untersucht.
WDR.de: Kann ein junger Mensch vorbeugend etwas tun?

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Alarmzeichen - wenn Gelenke ohne erkennbaren Grund anschwellen
Braun: Wirklich vorbeugen kann man nicht. Die Forschung geht davon aus, dass diese rheumatoide Wirbelsäulenerkrankung weitgehend genetisch bedingt ist – der wesentliche Faktor ist das HLA B27, ein Zelloberflächenmarker, der bei acht Prozent der deutschen Bevölkerung vorkommt. Aber bei über 90 Prozent dieser Menschen wird die Krankheit nie ausbrechen. Es gibt Anzeichen dafür, dass körperlich schwer arbeitende Menschen häufiger symptomatisch erkranken. Wichtig ist auf jeden Fall eine frühe Diagnose, die eine frühe Behandlung mit Medikamenten und mit Krankengymnastik ermöglicht. Dadurch kann der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden. Das gilt auch für viele andere Rheuma-Formen wie etwa die weitverbreitete rheumatoide Arthritis, die im Durchschnitt im Alter von 55 Jahren häufiger bei Frauen als bei Männern beginnt. Bei dieser nicht vererbbaren Variante sind erste Anzeichen auf beiden Seiten geschwollene Finger und Handgelenke. Auf Dauer kann die rheumatische Entzündung Knorpelgewerbe und Knochen zerstören.
WDR.de: Den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen - bedeutet das: Rheuma lässt sich aufhalten oder sogar heilen?
Braun: Eine wirkliche Heilung rheumatischer Krankheitsbilder gibt es nur, wenn sie wie im Fall der Lyme-Arthritis durch Borrelien (eine Bakterien-Art) ausgelöst werden. Und das ist eher selten der Fall. Entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen können nicht geheilt werden - genauso wenig wie die rheumatoide Arthritis. Aber eine frühe Diagnose und richtige medikamentöse Behandlung können Schmerzen lindern und unter Umständen den Krankheitsverlauf im Gelenk hinauszögern oder stoppen, zum Teil werden die Patienten durch die Therapie auch ganz beschwerdefrei. Das ist für die Lebensqualität mit entscheidend. Speziell bei den entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen liefert die Forschung Hinweise darauf, dass eine konstante und hohe Dosis bestimmter Präparate dazu führt, dass sich innerhalb von zwei Jahren weniger Knochen neu bildet.
WDR.de: Wie hat sich die medikamentöse Behandlung in den vergangenen Jahren verändert?
Braun: Die medikamentöse Behandlung von rheumatischen Erkrankungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich und nachweisbar verbessert. In der Rheumatologie sind so viele gut wirksame Medikamente wie sonst in keinem anderen Fach hinzugekommen. Trotzdem gibt es aber bei der Ursachenforschung noch sehr viel zu tun. Man weiß einfach noch zu wenig über die letzten Ursachen und Grundlagen dieser komplexen Krankheitsbilder.
Die Fragen stellte Lisa von Prondzinski.
Stand: 19.09.2012, 06.00 Uhr
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